Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 4 (17.2.1930)
- Date
- 1930-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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uaw*"- Der jodische rr Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Ost Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II., Blumauergasse 1/111 - Postseheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig S 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 4. Wien, 17. Februar 1930. 7. Jahrgang. Vergesset nicht! Die furchtbare Erfahrung der Nachkriegszeit, wie spurlos im letzten Grunde der Weltkrieg an den Menschen vorbeigegangen ist, wie unermeßlich die Vergeßlichkeit selbst jener Menschen ist, die unmittelbar die Krie^snot in ihrer schärfsten Form erfahren haben, sie scheint sich im engen Bereiche der zionistischen Geschichte wiederholen zu wollen. Sechs Monate sind seit den Augustereignissen in Palästina vergangen; wieviel auch in dieser Zeit geschehen sein mag, um die Folgen der Ueberfälle zu mildern, wieviel man auch getan haben mag, um den Selbstschutz auszubauen, die Grundfrage aller Fragen, ,,was ist geschehen, um die Wiederholung der Augustgeschehnisse unmöglich zu machen", muß . negativ beantwortet werden. Gewiß: Beratungen fanden allerorten statt, man verstärkt die Aufklärungsarbeit, man gründet arabische Zeitungen, alles Maßnahmen, die vor den Geschehnissen als außerordentlich wertvoll hätten bezeichnet werden müssen; Itetjje, da wir uns einer Situation gegenüber befinden, die gekennzeichnet ist durch das Bestehen der gegen uns gerichteten arabischen Einheitsfront, müssen sie als ungenügend bezeichnet werden. Der zionistische Alltag aber geht seinen Weg: Gäbe es keine Untersuchungskommissionen, so wäre Flebron und Safe'd im Bewußtsein der Zionisten liquidiert. Es ist charakteristisch, wie sich die zionistische OeffentUchJceit zu der Gruppe von Menschen verhält, die die-Dringlichkeit der Verständigung am intensivsten erkannt haben:'Zürn Brith- Schälom. Man bauscht Aeußerungen einzelner seiner Mitglieder auf, man diffamiert sie als Volksverräter und Liquidatoren - - man erinnere sich nur an die Aeußerung Avigdors in der „Stimme" - - wenn win einen Staat hätten, müßte Hugo Bergmann verhaftet werden! Das ist ein Wort, das eines Kriegshetzers' von. 1914 würdig gewesen wäre. Ze lo ha derech, nicht das kann unser Weg sein. Eine Politik auf lange Sicht kann uns nicht genügen: soll den jüdischen Massen heute und jetzt Palästina als wahrhaftes Einwanderungsland erscheinen, in' dem sie Heilung ihrer Nöte finden werden, dann müssen sichtbare Garantien ihrer Sicherheit in Form von Vereinbarungen mit der gegebenen Organisation! der arabischen Massen bestehen - wie reaktionär die Führung derselben auch sein mag; wir können nicht warten, bis die Demokratisierung des arabischen Lebens zu Ende geführt ist. Es ist menschlich verständlich, daß das Blut, das im Lande geflossen ist, eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden Völkern hat entstehen lassen; es ist zu hoffen, daß die englische Arbeiterregierung ihre Aufgabe erkennen wird, Mittlerin zwischen'den feindlichen Brüdern zu werden. Die in allernächster Zeit zu erwartende Veröffentlichung des Berichtes der parlamentarischen Untersuchungskommission wird die Frage der Verständigung aktuell machen, und es jst'unsere Aufgabe, dafür einzutreten, daß auf-jüdischer Seite alles geschieht, damit diese Gelegenheit nicht unausgenützt vorübergehe. Auf die arabische Politik haben wir keinen. Einfluß: um so größere Verantwortung haben wir den jüdischen, nach Palästina strebenden Massen gegenüber zu tragen, denen*wir nur dann ruhigen' Gewissens gegen übertreten können,- wenn wir bei unserer Verständigungspolitik uns von keinen Prestigemotiven;, keinen Schlagworten und Problemstellungen, die nicht zu dem Aufgabenkreis, wie er uns hier und1 heute gestellt ist, eine Beziehung, haben, sondern unter diesem Gesichtspunkt rein ideologischer Natur sind, leiten lassen. Wir wissen, man hat sich1 selbst in Kreisen, von welchen uns das schmerzlich berührt, daran gewöhnt, von einem hysterischen Friedensgeschrei zu sprechen und davor zu warnen, nunmehr das Araberproblem statt Alijah und Wirtschaftsarbeit ins Zentrum der zionistischen Diskussion zu stellen. Ihr irrt, Freunde: die tatsächliche Schaffung der politischen Voraussetzung für den Frieden im Lande ist gleichzeitig die unerläßliche Voraussetzung der zionistisch-sozialistischen: Arbeit im . Galut. Die Besten unserer Bewegung sind in ihrer Arbeit gehemmt, solange nicht Menschenmöglichstes geschieht, um die politischen Voraussetzungen' für die friedliche Entwicklung unserer. Kolonisation zu schaffen.. Noch ist man auch im 'jüdischen Lager'nicht bereit, die( Möglichkeit und Notwendigkeit einer politischen Verständigung in diesem Augenblick zuzugestehen. Was ihre Unmöglichkeit anbelangt, so werden wir erst nach ihrem Scheitern an sie glauben, und von unserer Meinung, daß politische Verständigung gegenwärtig notwendig ist, wird uns keine Autorität abbringen — um so mehr, als, wie die Augustereignissei zeigten! der „arabischen Frage" gegenüber a 11 e „Autoritäten'' in ihrem Mangel an Voraussicht versagt haben. Wir österreichischen Paole-Zionisten haben insbesondere die Pflicht, die Dringlichkeit einer politischen' Verständigung zu betonen. Wir leben und wirken auf einem Boden, auf dem die Unfähigkeit, die Nationalitätenfrage politisch zu lösen, zum Zusammenbruch eines Gemeinwesens geführt hat, dessen Existenz sozial und wirtschaftlich durchaus begründet war. Wir haben aus der Geschichte Oesterreichs zu lernen: der Bestand auch eines noch so in.'UebereinSstimmung mit der Oekonomie stehenden Sozialgebildes kann durch falsche nationalpplitische Zielsetzung in Frage gestellt werden. Wir sind zutiefst überzeugt, daß der Zionismus eine sozialökonomische Notwendigkeit ist; die Augustereignisse gaben uns das Zeichen, wie politische Unzulänglichkeit unser Werk erschüttern kann. Nur wenn wir dieses Zeichen nicht vergessen werden, sind die Opfer im Lande nicht umsonst gebracht worden. Joachim Cypkin { Uhrmacher } Wien, IV., Karollnengaate Nr. 15 j Unter Garantie u. gewissenhafte Ausführung j Palästinabrief. (Von unserem Berichterstatter.) Die großen politischen Ereignisse sind vorüber. Palästina wartet auf Entscheidungen, die von gestaltendem Einfluß auf kommende Vorgänge sein werden. Vorläufig weiß noch niemand, was die nächste Zukunft bringen wird. Man lebt in einer Uebergangszeit, das drückt sich auch in der nervösen1 und etwas gedrückten Stimmung des Jischuw aus. In den letzten Tagen hatte die jüdische Bevölkerung wieder einmal Anlaß zur Empörung. Sämtliche Angeklagten im Prozeß Makleft sind freigesprochen worden. Das Gerechtigkeitsgefühl des (ischuw mußte sich gegen diesen auffälligen Fehl- >pruch auflehnen. Man munkelt hier verschiedenes aber die Hinter- und' Nebengründ'e dieses Richten ipruchs, Erzählungen wurden um die befreiten nörder gesponnen, vielsagende Worte ihnen in den Hund gelegt. Da jedoch der Staatsanwalt inzwischen Anspruch gegen dieses Urteil erhoben hat und die freigelassenen wieder in Haft gesetzt worden sind, ist das letzte Wort zu diesem Richterspruch noch nicht gesprochen. Der Jischuw versucht die Zwischenzeit, so gut es nur geht, durch produktive Aufbauarbeit oder Projektemachen für solche, auszufüllen'. Es gibt Praktiker, die überhaupt an keine politische Lösung der schwebenden Fragen mehr glauben, die da meinen1, praktische Arbeit werde sie bringen. In diesem Augenblickv begann die Kommission, die über die Verwendung des Hilfsfonds ihr letztes Wörtchen zu sagen hat, ihre Arbeit. Sie beschloß Verleihung langfristiger Kredite an Baulustige in verschiedenen Schechunöt der Städte. Das ist. ein Beschluß von großer Tragweite, der nicht bloß neue •Arbeitsplätze schaffen wird, sondern auch geeignet ist, die palästinensische Wohnungsfrage, die nur ein wirtschaftliches und ein eminent nationales Problem ist, zu lösen. Die Mieten sind hier sehr hoch und' belasten das Einkommen des Arbeiters und Beamten bedeutend; ca. 20 bis 35 Prozent des Lohnes; bezw. .Gehaltes muß für eine bescheidene, modernen Anforderungen entsprechende Wohnung bezahlt werden. Das Entscheidende für die nationale Wirtschaft ist jedoch, daß die Miete fast zur Gänze inj die Taschen reicher arabischer Hausbesitzer fließt, die mit diesem Gclde oft neue Häuser bauen und auf diese Weise den Wohnungsmarkt in einigen Städten, fast monopolisieren. Es handelt sich dabei um gewaltige-Summen, die jährlich von Juden an Araber alsi Mietzinse abgeführt, werden. Für Jerusalem schätzt man sie auf 100.000 Pfund. (Bei dieser Gelegenheit sei der Unverfrorenheit, ja Rohheit der Hebron er arabischen Hausbesitzer gedacht, die von den Erben ihrer massakrierten Mieter den Zins bis Mietjahresschluß (April 1930) eingeklagt haben; sie wurden selbstverständlich' mit der Klage .abgewiesen.) * Langfristige Kredite ermöglichen den Bau kleiner •Eigenheime, nicht bloß den Mittelständlern, sondern1 auch den Arbeitern mit festen, Arbeitsstellen: Es haben sich auch' in den Städten Arbeiter zu Siedlungsgenossenschaften zusammengeschlossen, um mit Hilfe nationaler Institutionen Arbeitervorstädte aufzubauen' und statt Mietzinse zu zahlen, in monatlichen 'Raten! die Bausch'ütd' zu tilgen. In; Jerusalem, wo: der Wöhnzins der höchste im Lande 'ist,, wurden Anleihen', aus dem Hilfsfonds der hiesigen' Siedlungsgenössens^haft verweigert. Dieser völlig unverständliche, Beschluß sind doch' Kredite an Baulustige in Mittelstands1- Siedlungen in genügend großer Zahl gewährt worden; -- wird die Hoffnung vieler Arbeiterfamilien atil ein Eigenheim zunichte macheu, wenn nicht andere Institutionen billige Kredite gewähren werden'. Der Zusammenschluß der zwei ArbeiterparteieiT hat Schule gemacht. Vor kurzem fand eine Einiguiigskonfereuz zweier bestehenden Bauernorganisationem statt. Es wurde die Vereinigung der liberalen „Organisation nationaler Landwirte" (die unter dem Einfluß des bekannten Landwirtes und Novellisten M. Smilensky, des Verfechters des Prinzips jüdischer Arbeit in den Plantagen, steht) und dem reaktionären „Verband der Bauern" beschlossen. Aus den Resolutionen der Konferenz wäre hervorzuheben, daß lOOprozentige jüdische Arbeit als Ziel des Verbandes gesetzt 'worden! ist. Es ist kaum anzunehmen, daß ein solches Prinzip, das im übrigen nicht durchführbar ist und in' diesem Maße und diesem Augenblick gar nicht wünschenswert wäre, von allen Teilnehmern', ernst genommen' wurde. Waren doch' viele unter ihnen', die in ihren1 Wirtschaften fast lOOprozentig arabische Arbeiter beschäftigen. Bemerkenswert ist es, daß die neue Organisation sämtliche Bauern und Pflanzer umfassen möchte, auch solche, die keine Lohnarbeiter beschäftigen und das Prinzip der Selbstarbeit wahren1. Mit anderen Worten, es ist hier der Versuch gemacht worden, Genossen der Moschäwei-Owdim in< diese! mehr oder minder reaktionäre Organisation hineinzulock'en, ein Versuch, der -zweifelsohne' mißlingen wird.; < Ein besonderes, nicht ruhmvolles Kapitel der palästinensischen Politik bildet die Sicherheitsexekutive. Lange vor den Unruhen verlangte der Jiscn'uw eine Reorganisation der Polizei und eine weitgehendere Berücksichtigung der Juden bei Maunschäftswerbuugen. Nicht bloß die Augustereignisse, sondern auclr die häufigen unaufgeklärten Ueberfälle und Attentate in den folgenden Monaten zeigten1 die Parteilichkeit und Unfähigkeit der palästinensischen Polizei. In: der letzten Zeit häuften sich räuberische Ueberfälle, besonders im Norden des Landes, in erschrecklicher Weise, wobei - selbstverständlich', möchte man'sagen - kein einziger Fall aufgeklärt wurde. Nuir scheint die Polizeifrage doch einer'Lösung entgegenzugehen. Infolge drucktechnischer Schwierigkeiten: konnte unsere Zeitung am Freitag nicht erscheinen. Wir bitten, dies zu entschuldigen. Die nächste Nummer erscheint am Freitag den 28. Februar,