Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- Heft 3 (1.2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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(Mit 2 Der jüdische Arbeiter NbelöYtntth,,ÜmstänÄ$i'dfi«' dem KrortzeugenKEder und StfSrnufrgeny die Versammlungen von Beimwehrstitöenten^. uhd Plakaten zu ihnen: drangen,, ihr Ohr lieh««, als daß sie dem jüdischen Studenten;, aus Riga : Gläiiben schenkten,'' bewies Mangel an Könsequenz, zeigfo^daß. bewußt oder unbewußt die jüdische Ab stämmting* Hsüsmanns aucli auf die obersten Richter einwirkte. Bei der Verhandlung über die zweite Nichtigkeitsbeschwerde stand die Frage wiederum so, ob man im Falle der neuerlichen Aufhebung des Ur teiles, Haismarin den Innsbrucker Geschworenen zur dritten gewissen Verurteilung ausliefern soll, oder durch die Delegierung eines anderen Gerichtes die allgemeine Meinung bestätigen, dal) nicht die Schuld Halsmanns zu seiner Verurteilung führte,' sondern daß ihm ,sein Judentum zum Verhängnis wurde. In diesem Dilemma entdeckte der Oberste Gerichtshof, daß die strengen Paragraphen der Strafprozeßordnung \ ihm keine Möglichkeit boten, das Urteil aufzuheben. Daß dadurch, ein Menschenleben zugrunde geht, daß ein furchtbares Unglück eine Familie unschuldig heimsucht, daß eine Demoralisierung der Gesellschaft, wie bei jedem. Justizirrtum platzgreift, daß ein Gefühl cjer Unsicherheit sich verbreitet, weil jeder von uns auf diese Weise unschuldig in die Maschen des Gesetzes sich verstricken kann, daß das Ansehen' der österreichischen Justiz in Verruf, kommt usw., --- das alles wog leichter, als das Anzweifeln der Objektivität der Innsbrücker Geschworenen. Es ist eine — begreiflicherweise nicht nachweisbare — Vermutung, die ich hiemit ausspreche, eine Vermutung jedoch, die sich zwingend aufdrängt, da sonst keine Erklärung dafür vorhanden wäre, warum der Oberste Gerichtshof bei der Berufung der ersten Nichtigkeitsbeschwerde gegen seine Gepflogenheit Einsicht gegen Formalität gelten ließ, trotzdem aber nicht wagte, durch Delegierung eines anderen Gerichtes das.wahre Gesicht der Sache der Welt zu offenbaren, Ist, aber diese Vermutung richtig, so wird es offenkundig, daß es in einem -mitteleuropäischen Kulturstaate möglich ist. verurteilt zu werden, nicht weil man ejne Mordtat begangen hat, sondern' weil man. das Ünglück .hatte, als Jude von verhetzten Geschworenen gerichtet, zu werden. Wie lachte man über den Affenprozeß in Amerika, wie tröstete man sich im Falle Sacco-Vanzetti, daß ein solcher. Justizmord in Europa nicht möglich sei? Nun, es zeigt sich, daß auch in Europa, in1 dem vornehmen Kulturzentrum Wien, sich1 ereignen kann, daß für die Verurteilung andere-als rein sachliche Momente ausschlaggebend sein-.können. . , -Aber vielleicht ist obige Vermutung doch nicht ric^itig^ vielleicht ist 'der"'Oberste -Gerichtshof - streng, objektiv zu seinem-- Spruche gelangt. .Vorn Stand-, punkte der Menschlichkeit wäre es noch schrecklicher, die Verzweiflung noch größer. Wie dann? Ein Mensch wird als Vatermörder verurteilt,-der es mit-erschütternder Sündhaftigkeit bestreitet, die Indizien sind zumindest nicht ausreichend, die Herren vom Obersten Gerichtshofe, die ja klug und erfahren genug.sind, um dies zu verstehen, sehen es und sie verschanzen sich hinter die Formalitäten, trotzdem sie die Möglichkeit hatten und sie schon einmal ausnützten, der Wahrheit zum Siege zu verhelfen. Also nur Trockenheit, nur Mangel an Verantwortungsgefühl, das ein Oberstes Gericht zu erfüllen hat, nur Weltfremdheit, und Gefühllosigkeit?! Wenn das Bewußtsein im' Volke lebendig wird, daß an der Spitze der Justiz anstatt Menschen eine juristische Maschine, funktioniert, dann wankt jedes Rechtsgefühl, jede Sicherheit und die Folgen sind unabsehbar. Was aber nun? Dre PflicMt füit'utiSt fürdie.Öete fentlichkejt liegt klar, zu-'Tage. Es heißt: nicht' vergessen!v foer Fall Halsmann, darfv so lange nicht ver* scheinckfty bis die Gerechtigkeit triumphiert. Dem Menschen* Halsmanu, der, im Gefängnis bereits tuber-, kulos geworden ist, mag und sdlf durch einen Gnaden? akt geholfen werden. Die Befriedigung!des verletzter* Rechtsgefühls wird erst dann eintreten, wenn durch Wiederaufnahme des Prozesses der Makel eines Mörders oder Totschlägers voii Hatsmarin' weggewischt wird. Erst dann wird auch die Empfindung" weichen, daß das Judentum in der Kette eines Indizienbeweises eine Rolle spielen kann. Bis dahin dürfen wir nicht vergessen und nicht ruhen. . .Dr. B Zur Frage der „Ichud". Auf der letzten Weidah des Hechaluz wurden sowohl im schriftlichen Bericht als auch mündlich von offizieller. Seite Angriffe gegen unsere Organisa tion gerichtet. Es wird die Aufgabe näherer Untersuchung sein müssen,.: klarzustellen, ob hier nicht der Hechaluz von einigen seiner poalezionistischen Mitglieder dazu mißbraucht wurde, um ihre Opposition, deren Ursachen und Absicht sie vor dem rechtmäßigen Forum scheinbar nicht vorzubringen wagen, von jener verborgenen Warte aus zu führen. Denn jedem P. Z. und jedem Zionisten überhaupt wird es klar sein, daß die Stellung unserer Organisation zum Hechaluz keine andere als positive sein kann und daß daher das Auftreten gewisser Fehler oder Unstimmigkeiten nicht zu einer Polemik auf einer öffentlichen Tagung ausgeschrotet werden dürfen. ■ . Aus einigen ganz mißverstandenen Erfolgen bei sozialdemokratischen Institutionen maßen sich ein paar Leitungsmitglieder des Chaluz das Recht an, so zu tun, als ob alles, was auf dem Gebiete zionistischer Arbeit und . Aufklärung in Wien geschieht, auf ihre Initiative zurückzuführen sei. Eine Ueberheblichkeit, die deswegen schon kritisiert werden muß, weil sie auf Unwahrheit beruht, und dem Hechaluz nur schaden kann.! Aus der Fülle dieser Selbstüberhebungen möchte ich' nur' eine herausgreifen, weil ich glaube, daß wir sowohl dem '.Hechaluz als auch der übrigen linksorientierten zionistischen Oeffentlichkeit darüber Aufklärung schuldig sind. Es handelt sich lim den Punkt im schriftlichen Bericht des Hechaluz, wo zu den Parteien (P. Z. und Flitachduth) Stellung genommen wird. Sehr gewichtig wird hier erzählt, daß.^tler,Hechaluz die Absicht hatte, mit Rücksicht auf den Ichüd in Palästina auch hier diese beiden^ Gruppennäher zu bringen, daß aber die große Arbeit ihm daran gehindert habe. Nun, ich glaube es sagen zu dürfen, daß sich die. P. Z. ihrer politischen und sonstigen Aufgaben zur Genüge be- „' ':■> ■ . ■> , 1* I . r ,2. Die Gründung einer gemeinsamen Kommission :z\v<?cks Ausarbeitung eihes einheitlichen Progrlimmes in äHen Fragen für Palästina und zwecks einheithehetr Vorgehensin allen für; Palästina wirkenden Körper- Schatten.. ' " t . . :t; •* Die Vertreter dervFlitadhduth verlangten öftie, Bedenkzeit^ vum,- wie sie sagten, in ihrer -Letiifrn* 'alles zu besprechen. Sie versprachen uns in einer Woche Bescheid .zukommen zu lassen. Es sind schon Monate her und wir warten noch immer aut ihre Antwort. Es hat auch an Mahnungen um ihre Antwort unsererseits nicht gefehlt. Aber die Flitachduth als Arbeitergruppe scheint derart im Banne des Gezänkes der bürgerljcheu Zionismus zu stehen, daß sie solchen, für sie scheinbar bäiialeii Dingen keine Zeit widmen kann. Wir wissen genau, daß es auch in der. Hitachduth Chawerim gibt, welche die FVage einer 'Zusammenarbeit der Arbeitergruppen für' Palästina für wichtiger und nützlicher halten, als an der Polemik der bürgerlichen Zionisten so regen Anteil zu nehmen. Diese Chawerim.. müssen unterstützt werden, und zwar von der öffentlichen Meinung aller linksgerichteten zionistischen Gruppen in Wien. Sowohl das Kartell der zion. sozial. Jugend als auch der Chaluz müßten hier einheitlich vorgehen und uns in unserer Bemühung, die Flitachduth auf den richtigen Weg einer zionistischen Arbeiterpolitik zu 'bringen, unterstützen. Die Vereinigung der „Achduth Awoda" und „Hapoel Hazair" hat den Weg hierzu geebnet, und, wenn die Verhältnisse in Wien auch" anders als in Palästina sind, so bestehen auch hier große Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit, zumindest auf der von uns beantragten Grundlage. I. S. Nationalistischer oder zeitgemäßer Zionismus. wüßt ist und nicht gerade darauf warten muß,, bis der Hechaluz. mal Zeit haben wird, sich' ihrer anzunehmen. Und so mögen nun sowohl die Verfasser des! Berichtes als auch alle anderen, die diese Frage interessiert, folgendes erfahren: Schon, vor Monaten hat sich die P. Z. mit dem Problem des Ichud beschäftigt und -beschlossen, mit der Hitachduth wegen-dieser Frage in Unterhandlung zu treten. Ein Genosse von uns hat in einer Jangen Unterredung mit denr Obmann und einem zweiten führenden Chawer der Hitachduth den Fragenkomplex von der prinzipiellen und praktischen Seite her untersucht und zum Teile geklärt. Wir beantragten: 1. Die Schaffung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe, die sich mit den prinzipiellen und aktuellen Palästinaproblemen beschäftigen soll. Die stärkste politische Leidenschaft ist der Hang zur Vogel-Strauß-Politik. Die heute noch herrschende individualistische' Erziehung kann sich mitunter so stark auswirken,, daß der Mensch die Tatsache unserer leutigen Klassenverhältnisse einfach nicht sieht, weil er sie nicht sehen will. Der Alltag der Wirtschaft bringt täglich neue Truste und Weltkonzerne. Das Kapital aller Nationen fusioniert lUnd konzentriert sich, ganz unbekümmert um die patriotischen Bedenken, die es in der Praxis ja nur dazu braucht, um die Solidarität seiner Arbeitssklaven zu unterbinden. Regierungskrisen; in Deutschland beleuchten blitzartig die diktatorische Herrschaft der Finanz, neben welcher der Staat bald nur eine symbolische Rolle spielen wird. Aber blind und unbekümmert geht der romantische Nationalist durch diese Welt der fortschreiten-; den Verwirtschaftlichuiig, pfeift begeistert seinen ver-' alteten, aber effektvollen Militärmarsch und glaubt, kein Klassenbewußtsein zu haben, um schon von; dem eisernen Zwang der Klassenverhältnisse frei zu sein'. Dieser wirklichkeitsfremde Intellektuelle, welcher zwar tatsächlich nicht zwischen den Klassen steht (in unserer Zeit kann man kein Drittes sein, als Unternehmer oder, eben Proletarier), aber sich einbildet, es zu tun, wäre eine äußerst harmlose Erscheinung, wenn er nicht auf einem sehr wichtigen Gebiete schädigend wirken könnte: auf dem Gebiete des internationalen Prestiges. Es gibt wenige Erscheinungen in unserer Zeit, die von Außenstehenden so oft und so gründlich mißverstanden werden, wie der Zionismus. Die Outsiderslellung der ostjüdischen Massen im Produktionsprozeß, diese Quelle ihrer unaufhörlichen Leiden, hat zwangsläufig die Schaffung einer Bewegung zur Abhilfe und Territorialisierung ergeben, jeder Emsich- Hochzeit bei Abu Kischek, Aus einem Brief. Etwa 12 Kilometer östlich von Tel-Aviv liegt, wie Du weißt, Petach-Tikwah, unsere älteste, reichste Kolonie, im Tale des Jarkon. Aber nicht immer war dort im Jarkon-Tal dieses blühende Paradies. Vor 40 Jahren, als die ersten Juden nach „Lebes", so hieß der Ort arabisch, kamen, fanden sie eine versumpfte, Fieber und Tod atmende Oede. 'Eine Nacht in Lebes verbringen, hieß, Leben und Gesundheit aufs Spiel setzen und deshalb ließen sich' unsere Kolonisten vorläufig in einem Nachbardorfe nieder. Täglich' mußten sie viele Kilometer weit an ihre Arbeitsplätze gehen. Sie entsurapften das Jarkontal, pflanzten Eukalyptusbäume, gruben Brunnen und nach einigen Jahren erst, als die ersten Orangen und Mandeln zu blühen begannen, bauten sie Häuser auf den von ihnen entsumpften Boden. So entstand unser Schmuck, die Pforteder Hoffnung, Petach-Tikwah. Nicht weit von Petach-Tikwa, jenseits des Jarkon befinden sich1 die großen Güter des berühmten arabischen Scheichs, Abu Kischek. Scheich, das ist der Aelteste des Dorfes, der Vorsteher und Anführer. Ihm sind alle Araber des betreffenden Bezirkes Untertan, ihm folgen sie bis in den Tod. Seine Araber belästigten damals un--. sere. Kolonisten auf Schritt und Tritt, Es verging kein Tag ohne Diebstähle und Ueberfälle. Aber Petach- Tikwah war auf der Hut. Es schützten die Siedlung junge, tapfere Burschen, Schomrim, und unter ihnen der-verwegenste Reiter, der tollkühnste -Schütze, Abraham Schapira, der Held Petach-Tikwahs. Nicht einmal ritt er allein in ein arabisches Räuberdorf und brachte gestohlene Pferde zurück, nicht einmal stellte er allein eine ganze Bande und: trieb sie in die Flucht. Abu Kischek und seine Araber haßten und fürchteten ihn, aber als kriegerisches Volk bewunderten sie seinen Mut und mit unbegrenzter Flochachtung sprechen sie den Namen „Chaw'adja Ibrahim" aus. Es kam das Jahr 1021. Die Hetze gegen den Zionismus erreichte ihren Höhepunkt. An der Spitze von 20.000 Arabern überfiel Abu-Kischek Petach-Tikwah. Ein kleines Häuflein bloß verteidigte die Siedlung. Aber Abraham Schapira stand an der Spitze und kein Araber drang in die Kolonie. Abu-Kischek wurde in die Flucht geschlagen, dann verhaftet und zu 15 Jahren Kerker verurteilt. Auf Bitten der Juden wurde ihm aber die Strafe unter der Bedingung erlassen, daß er schwöre, nie mehr Juden anzugreifen. Abu Kischek schwur einen heiligen Eid und kehrte auf seine Besitzungen zurück. - Jähre friedlicher Arbeit kamen. Petach Tikwah wuchs und wurde zu einem herrlichen, riesigen Orangengarten, in dem 10.000 Menschen Platz und Auskommen finden. Als nun nach Petach Tikwah die Kunde vom Aufruhr in Jerusalem kam, verließ der greise Abraham Schapira sein Haus, in dem er zurückgezogen lebt, und nahm wieder die Verteidir gnug in die Han'd. Tag und Nachtstanden unsere Wächter an den Grenzen'der Kolonie und erwarteten den^Fei^d, erwarteten Abu Kischek und seine Araber. Denn.'die-moslemitischen Geistlichen haben ihn seines Eides' enthöben. Aber .'Abu Kischek kam nicht. Das heißt er kam, aber allein, hoch zu Roß, um. Chawadia Ibrahim* zu< besuchen. „Macht keine unnützen Vor* bereitungen", sagte er, „es fällt uns gar nicht ein, Euch zu überfallen, denn wir haben uns überzeugt, gut ist es, mit Euch in Frieden zu leben und gefährlich, Euch anzugreifen." Noch trauten wir dem Frieden nicht. Aber - Abu Kischek kam nicht. Nur einige seiner Araber kamen mit Grünzeug und Gemüse, denn sie hatten gehört, daß in Petach Tikwah Mangel an Eßwaren herrsche. ......- Der Sturm verging, ohne daß in Petach Tikwa und Umgebung ein Schuß fiel. Und dann, als es im ganzen Lande ruhig wurde, da erschien Abu Kischek wieder in Petach Tikwa und lud die.Juden zur Hochzeit seines jüngsten Bruders ein. Letzten Montag war das große Fest bei Abu Kischek. Viele wertvolle Hochzeitsgeschenke schickten Petach Tikwa und die anderen jungen Kolonien der Umgebung dem jungen Paare. Und am Vorabend erschienen 200 berittene jüdische Hochzeitsgäste am Gut Abu Kischeks. Mit großen Ehren empfing mau sie und am meisten wurde Abraham Schapira geehrt. Wettkämpfe zu Pferd leiteten das Fest ein und dann wurde zu Tisch geladen. Ja wirklich, zu einem europäisch gedeckten Tisch, auf dem von Juden auf jüdische Art zubereitete Speisen aufgetragen wurden. Abu . Kischek und' seine Brüder bedienten selbst die Gäste. Und nach dem Mahl, Gesang und Tanz.. Zum erstenmal nach den blutigen Ereignissen hörte man hebräische nationale Lieder und sie vermischten sich mit arabischen Gesängen. Arm in Arm tanzten Juden und Araber unsere .Hora und die arabische- Depka. Da geschah-es auch, daß im Rausche des Tanzes so mancher Revolver aus dem Gürtel zu in M li a< Ich 'e lei trk \m lic