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Der Jüdische Arbeiter · 1930-01-17 · Heft 2 (17.1.1930) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
7 (1930)
Issue
Heft 2 (17.1.1930)
Date
1930-01-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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$dte 2 gleichbedeutend1 mit der Frage nach1 der Stellung des „Revisionismus" — der von Bernstein herbeigeführten neuen Phase der Entwicklung der sozialistischen: Theorie — in der ♦ Geschichte der Arbeiterbewegung: denn wie alle sozialistische Theorie ist auch der Revisionismus Ausdruck objektiver, im ProJetariat selbst lebendiger Tendenzen. Man hat Eduard Bernsteins Parole, die negative Einstellung zum Staate, die mehr als skeptische Einstellung zur Sozialpolitik durch Staatspositivismus, durch uneingeschränkte. Mitwirkung an der letzteren zu ersetzen, ökonomisch durch' die in der Zeit der wirtschaftlichen Prosperität auch im( Kapitalismus mögliche — vorübergehende — Erhöhung des Lebensstandards des Proletariats zu erklären versucht. Gewiß nicht mit Unrecht — aber doch nicht erschöpfend: uns erscheint der Revisionismus als Ausdruck einer allgemeinen für den Verlaut aller sozialen Bewegungen typischen Gesetzmäßigkeit. Im Anfang einer jeden sozialen Bewegung ist das Nein: man1 lehnt die Gegenwart in ihrer Totalität ab, alles Tun in ihr ist nur als Vorbereitung zu ihrer endgültigen Zerstörung und zum Neuaufbau von Grund auf sinnvoll. Doch auf die Dauer ist dem einzelnen und der Masse diese Einstellung unerträglich': man will nicht nur Wegbereiter eines glücklicheren Geschlechtes sein, nicht' nur mittelbare Verwirklich'ungsarbeit leisten, man will das angestrebte Werk unmittelbar, selbst wachsen sehen, sich1 schon als Glied der neuen Gesellschaft fühlen. Diese innere geistige Wandlung h'at im Zionismus den wirklichkeitsfernen Chärterismus durch den praktischen' Zionismus ablösen lassen; in der sozialistischen Bewegung ist der Revisionism us Bernsteins ihr Ergebnis, seine Lehre, wonach1 die täglichen Kämpfe des Proletariats nicht wie der orthodoxe Revolutionarismus wollte, eigentlich bloße Sisiph'usarbeit sind, und lunter dem Gesichtspunkt der kommenden sozialistischen Gesellschaft von geringem Wert. Bernstein hat uns als erster gelehrt, im gewerkschaftlichen Kampfe und in der genossenschaftlichen Arbeit Wege der Verwirklichung des Sozialismus zu sehen, die Gewerkschaften und Genossenschäften als Zellen der werdenden Gesellschaft. Ais Fünfzigjähriger hat Eduard Bernstein1 seine „Voraussetzungen des Sozialismus" geschrieben. In einem Alter, da andere Theoretiker sich1 bereits auf einen bestimmten Standpunkt innerhalb ihres Wissenschaftsgebietes festgelegt haben, war Eduard Bernstein noch:.jun'g genug — Jugend ist eben nicht nur physische, sondern auch geistige Eigenschaft —, der theoretische Vertreter einer den Sozialismus erneuernden Bewegung zu werden1, hätte er Mut genug, der Arbeiterbewegung, zuzurufen, sie möge endlich auch als das erscheinen wollen, Was sie tatsächlich sei: als Partei der sozialen Reform! Un'd mehr als ein Jahrzehnt später hat unser Jubilar seinen Jugendgeist wieder bewährt, diesmal dem Judentum gegenüber. Das Urteil über die Bedeutung des Weltkrieges für die Geschichte, des Judentums ist von den berufenen Männern der Wissenschäft noch' nicht endgültig festgelegt: und doch1 wird man wohl sagen1 'dürfen, daßi er auf das Westjudentum eine volkerhältende und erneuernde Wirkung ausgeübt hat, sei es durch immanente Wirkung, indem hier die Sehnsucht nach einer lebendigen Volksgemeinschaft erwacht ist, sei es durch1 Wirkung von außen1, durch den nun entstandenen engeren Kontakt mit dem Ostjudentum. Und diesem geschichtlichen Erlebnis hat sich auch der mehr als sechzigjäh'rige Bernstein nicht verschlossen. In einem durchi: seine Schlichtheit iundj Wahrhaftigkeit ergreifenden persönlichen Bekenntnis im „Juden" (1917) zeigt Bernstein, wie er durchi Milieu und1 Erziehung dem Judentum un'd seinen Problemen Zeit seines Lebens fremd geblieben! ist, und wie er nunmehr von der jüdischen Problematik erfaßt wurde. Mit ihr hat er sich' nun vielfach literarisch auseinandergesetzt, in der Zeitschrift der amerikanischen Zionisten „Der Jüdische Kämpfer", in den „Blättern1 für zwischenstaatliche . Organisation" und schließlich in seinem Buche „Von den Aufgaben1 der Juden im Weltkriege". Nicht mit fliegenden Fahnen ist Eduard Bernstein in die jüdische Bewegung gekommen: zögernd1, stets Vorbehalte äußernd, aber dennoch1 immer wieder schöne Worte innerer Zustimmung zu den Grundlagen unseres Wollens findend. Ist es nicht eine herzerfrischende Ablehnung des, Mauscheltums, wenn Bernstein gesteht, „stets hat mich der in so vielen Fällen mit d'eri Assimilation verbundene Zug zu jener Anpassung an die Umgebung abgestoßen, der mit dem Ausdruck Ree Urnings trägerei am zutreffendsten, bezeichnet würde"? - t Aber nicht nur aus ethisefren Gründen steht Bernstein zur Assimilation negativ: „So lange nicht das Judentum durch Verallgemeinerung der Mischehen aufgelöst ist, was eine Sache sehr vieler Generationen sein wird, wird es auf lange hinaus immer nur . eine kleine Minderheit von Juden sein, in1 denen das schon jetzt in der Masse so starke Gefühl der Solidarität mit Wohl und Wehe ihres Wirtsvolkes und die Aufnahme von: dessen Kultur zum völligen Erlöschen des Bewußtseins der besonderen Herkunft führt, wie umgekehrt es Selbsttäuschung wäre, zu erwarten, daß mehrmals eine Minderheit von1 Angehörigen des Wirtsvolkes Juden' gegenüber die Unterschiede der Herkunft in absehbarer Zeit ganz aus dem Auge setzen werden." Dem moralischen Argib __Der jüdigehe Ai-bdtef__ t>;; *. ' "' ment, der th'eoretiichpl Erkenntnis schließt sich die kulturpolitisch foflftulfee Negation des Assimilation an: „Dieses vollständig^ Vergessen der Tatsache, daß man einem in der ^elt als" Gast vieler Völker lebenden Volke angehört, ist ein' großer Nachteil für die Sache der europäischen Kultur. Ich bin nicht Zionist . . . bin aber auch nicht blind dagegen, daß das idealistische Element im Zionismus einen Wert für das kulturelle Leben darstellen kann."; Ich bin nicht Zionist . . . Auch dieser Vorbehalt sollte in seiner Absolutheit nicht von Dauer sein. Er konnte der Realität des bürgerlichen Zionismus in Deutschland standhalten. Als aber durch die denkwürdige Tat Martin Bubers, die deutsche Herausgabe des „Jiskor" — des Gedenkbuches der toten Helden Helden des arbeitenden Palästina — einerseits, andererseits durch das stete Wachsen der Poale Zion, der proletarische Zionismus als soziale Realität auch' im Westen zur historisdi^ wirksamen Macht wurde, da konnte sich auch Eduard Bernstein nicht länger absentieren. Bei der Gründung der Liga für das arbeitende Palästina steht er in der vordersten Reihe. Als Karl Kautsky vor einigen Wochen seinen Angriff auf den Zionismus auch im Vorwärts veröffentlichte, sprang Bernstein in die Bresche. Und einige Tage vor seinem achtzigsten Geburtstage hat er bei der Eröffnungskundgebung aus Anlaß der Konferenz unserer deutschen Bruderorganisationi in, feierlicher Weise sein Bekenntnis zum PoalezionSsmus abgelegt! So haben wir Poale-Zionisten ein besonderes Recht, Eduard Bernstein zu beglückwünschen: möge es ihm vergönnt sein, noch' viele, viele Jahre für unsere gemeinsame Sache zu wirken, für die Sache des proletarischen Zionismus, für die Sache des internationalen Sozialismus. Palästinabrief. (Von unserem palästinensischen Berichterstatter —risch.) Zwei Ereignisse ragen aus der Alltäglichkeit des palästinensischen Lebens heraus: Die Beendigung der Tätigkeit der Untersuchüngskömmission1 in Palästina und die bevorstehende Einigungskonferenz der beiden Arbeiterparteien. Die Untersuchüngskömmission ist bereits abgereist, das Material wird sie in London1 verarbeiten; dort ihre Schlüsse ziehen und der englischen Regierung Vorschläge machen. In ihrer Tätigkeit im Lande hat sie weder überrascht noch enttäuscht; .der Jischuw hat nicht viel erwartet. Ihre Sitzungen konnten ihm nicht viel Neues sagen,..für ihn sind die Dinge, die hier untersucht wurden, klar, und tiefer-als sein Blick schön früher gedrungen"war, konnte oder wollte die Kommission nicht hineinleuchten. Durch ihr langsames Tempo , ermüdete sie den Zuhörer und begann den Durchschnittsmenschen zu langweilen; sie beraubte ihn außerdem des größten Teiles seiner Zeitungslektüre. Alle Blätter erschienen in erweitertem Umfang jund-waren mit Sitzungsprotokollen ausgefüllt. Wochenlang konnte man' die gleichen, oft nebensächlichen Fragen, an verschiedene Personen gerichtet, hören, wochenlang für den Jischuw, klare und eindeutige Ereignisse bis zum Ueb'erdruß durchgeleiert, vernehmen. Nur ab und zu gab es „Sensationen", wie die Einvernahme eines außergewöhnlichen Zeugen, der besondere Schächzug eines Anwalts u. ,ä. Der „gewöhnliche Mann" (d. h. der politisch nicht ganz besonders Interessierte) begnügte sich mit einem flüchtigen Durchblicken' der Ueberschriften der Sitzungsberichte. Tagesgespräch' bildeten sie nur selten. Das gilt in weit höherem Maße für den Kleinbürger als für den, allgemein und politisch gebildeten Arbeiter. Dieser war erstaunt, daß kein Vertreter seiner Klasse als Zeuge geladen: wurde — Sacher und MerriJmon haben Arbeitervertreter auf der Zeugenbank nicht gewünscht, die Arbeiterorganisation mußte sich mit dem Einreichen eines Memorandums begnügen, in dem sie ihre Stellungnahme zu den Ereignissen zum Ausdruck brachte* Einiges konnte man doch aus den Verhandlungen lernen. Sie lieferten dem' Jischuw neue Argumente für die Berechtigung seiner bekannten Stellungnahme zur palästinensischen Regierung und ihrer Beamtenschaft. Dazu trug nicht bloß die Enthüllung einiger Geschehnisse, sondern auch das Gehaben des Regierungsvertreters bei der Untersudh'umgskommission, Preedy, bei. Der, in dieser Beziehung abgehärtete Palästinenser, mußte sich zuweilen1 fragen: spricht hier der Vertreter der Araber oder der Regierung? Die Fragen an die. Zeugen und' insbesondere die Schlußr rede dieses Herren, hätten immer eine Spitze gegen die Juden; Preedy. bemühte sich' nachzuweisen, daß die Araber unschuldig seien', da sie von den Zionisten provoziert wurden, da aber an eine Schuld der Regierung gar nicht zu denken sei, ist die Verantwortung an den Ereignissen an die Juden abzuwälzen. Das Vorgehen dieses Herren ist leicht verständlich, es beweist, daß die Regierung sich' schuldig fühlt, und auf diese bequeme Weise sich' reinzuwaschen versucht. Der jüdische Anwalt, Sir Boyd Merrimen, der übrigens in1 ausgezeichneter Weise das schwierige Material beherrschte, was man nicht ohneweiteres vom arabischen Vertreter, Herrn Stocker, behaupten kann, sagte den Herren von der Regierung $L ,. - gerade heraus, daß sie. die Verantwortung, an1 den Geschehnissen tragen. Stocker verwandte viel Energie, um zu „beweisen", daß der erste Tote ein Araber gewesen sei* Ganz abgesehen davon, daß es zweifellos ist, daß ein Jude das erste Todesopfer war, kann auch ein getöteter Araber die darauf verübten Greueltaten we^ der erklären, noch entschuldigen. Man müßte bloß eine der zerstörten Siedlungen gesehen haben, um sich' über Roheit und Unmenschlichkeit einen Begriff machen zu können. Es war mir erst vor einigen Tagen „gegönnt", eine „Ruine" zu besuchen, die Zeugnis der möglichen Vertierung des Menschen gab. Die früheren Einwohner erzählten mir, die Araber hätten, nachdem sie alles kurz und klein geschlagen haben, ein Lagerfeuer angezündet und herumgetanzt. Aber auch sonst ist es oberflächlich gedacht, anzunehmen, daß ein Toter genügt hätte, all die Araber aufzustacheln und gegen die Juden in Bewegung zu setzen. Die Fellachen und Beduinen sind lange Zeit vorher bearbeitet worden, nicht in den Augustwochen allein, sie waren seelisch zu den Ausschreitungen reif, lange ehe der 'Jischuw an eine Demonstration dachte. Wie die Schlüsse der Untersuchüngskömmission auch fallen mögen, eines ist klar, jede Deklaration bleibt ein Fetzen Papier, so lange es nicht zu einer radikalen Aenderung des gesamten Verwaltungsapparates kommt. Das zweite Ereignis ist die Einigungskonferenz der beiden Arbeiterparteien, die endgültig für die erste Januarwoche angesetzt wurde. Bekanntlich'wurde die Vereinigung noch vor einem halben Jahre beschlossen; einige Wochen später hat sich in einem Referendum der überwiegende Teil der Mitglieder beider Parteien für den Ichud ausgesprochen (ca. 85 Prozent). Die Gründe der Einigung waren mehr taktischer, denn ideologischer Natur. Ihr Zweck war die Schaffung einer starken Arbeiterpartei, die mein* Mitglieder umfassen soll, als bisnun beide Parteien zusammengenommen. In Palästina ist bloß ein Bruchteil der Arbeiter politisch organisiert. Kaum ein Fünftel der in der „Histädruth" gewerkschaftlich Organisierten ist von den verschiedenen Parteien erfaßt. Die große Masse der Arbeiter ist „unparteiisch". Bisnun hatten viele die billige Ausrede, sie wüßten nicht, für weiche Partei sich zu entscheiden, den Indolenten sollte durch die Vereinigung dieser. Vorwand genommen werden. Die „Unparteiischen" (vor dem Kriege sprach man von der „Partei der Unparteiischen") haben in Palästina Tradition; sie haben einmal eine wichtige Mission erfüllt, die Gründung gar mancher Arbeiter- Institution ist ihnen zu verdanken. Sie konnten zur Zeit des größten, politischen Haders zwischenden zwei Arbeiterparteien eine Vermittlerrolle spielen und Initiative zur Schaffung überparteiischer gewerkschaftlicher Institutionen ergreifen. Diese Rolle haben sie jedoch schon längst ausgespielt. Heute sind hier die Unparteiischen, -die „Unparteiischen" von: anderswo — Nörgler und Krittler^ Besserwisser und solche, die sich einer Parteidisziplin nicht unterwerfen wollen, oder 'denen es um den Parteibeitrag leid tut, der größte Teil — denkfaule proletarische Spießer. Diese „Unparteiischen" für die neue Partei zu gewinnen, ist heute ihre dringendste Lebensäufgabe. Bekanntlich entsenden nur soIche/L an'de s p a r t e i e ni ihre Vertreter in die Exekutive der Internationale, die mehr als 8000 Mitglieder zählen. Die palästinensische Partei hat zwar dieses Minimum nicht erreicht, hat aber ihre Vertreter in der Exekutive, da ihr ausnahmsweise die Chäwerim der Poale-Zion-Organisationeh in den Galuthländern zugerechnet werden. Es liegt nun ein Antrag bei der Internationale vor, ihr diese Ausnahme nicht mehr zuzubilligen (uns ist davon nichts bekannt; die Red.), so daß sie ihre Vertretung bei der Exekutive verlieren würde. Dieser Antrag wird zwar bekämpft werden, man muß aber für alle Fälle gewappnet sein, zumal es nicht schwer ffallen dürfte, bei den ca. 30.000 gewerkschaftlich Organisierten, bei einer entsprechenden Werbe- und Schulungsarbeit das geforderte Minimum nicht bloß zu erreichen, sondern sogar zu überschreiten. Man versucht die Unparteiischen: auf verschiedene Weise für die Konterenz zu interessieren; man veranstaltet Aussprachen und räumt ihnen selbst das Recht ein, schon zu dieser Tagung Delegierte zu wählen, voruasgesetzt, daß sie beabsichtigen, sich der neuen Partei anzuschließen. Früher dachte man, um der Werbetätigkeit Schwung zu verleihen, den! Ichud durch eine feierliche, mani^estative Konferenz zu beschließen. Inzwlisehen kamen' die Augustereignisse. Das gesamte Interesse war durch die politischen Vorgänge absorbiert, an eine derartige feierliche; Demonstation konnte selbstverständlich nicht mehr gedacht .werden. Die praktische Folge der beschlossenen Einigung bestand vorläufig in der Einsetzung gemeinsamer Sekretariate ir den Städten und einigen größeren Dörfern, die, stat wie bisher im Namen der einen oder anderen Parte jetzt im Namen beider! die Versammlungen) einberiefen Es war aber nirgends möglich', über andere als aktuell« politische Fragen zu sprechen; eine Erörterung det Ichud mit dessen theoretischen und praktischen Aus Wirkungen, konnte fast nirgends Zustandekommen. Icl selbst war in zwei Ortsgruppen länge das Scheiten zweier Versammlungen, die vom gemeinsamen Se kretariate einberufen wurden, um über Ichu'dproblem<

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