Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 14 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ödta 2 Der* jüdische Arbeiter rfbWI der gerne wissen möchte, was mit seiner Spende geschehen Söll. Im großen und ganzen gab' es drei diskutable Vorschlage über die Verwendung der gesammelten Summet!': 1* Entschädigung an die Menschen', die unmittelbaren Schaden erlitten'. 2» Wiederaufbau der vernichteten! Ortschaften, 3. Stärkung, Befestigung und Erweiterung des Jischuw auch am den Stellen, die während der Unruhen nicht gelitten haben. Es ist selbstverständlich und liegt im Sinne der Spender, zunächst die Not der .Opfer zu lindern. Es ist schon hierfür Geld ausgegeben worden und wird noch immer ausgegeben, es bleiben aber hoch genug große Summen übrig. Mit den momentanen Unterstützungen ist aber für die Dauer weder dem Lande, noch den Menschen geholfen. Man will ja keinen neuen Stand von Chalukkaempfängern schaffen, jede Unterstützung in: direkter] Form, demoralisiert, insbesondere in Palästina, das in dieser Beziehung Tradition und Vergangenheit hat. Andererseits will die zionistische Exekutive mit Recht nicht Pflichten der Regierung auf ihre Schwachen; Schultern' 'faden. Entschädigungen hat die Palästinaregierung, die niöht zuletzt die Schuld an diesen Ereignissen trifft, zu zahlen. > Soweit waren' sich ja alle Mitglieder der Leitung einig. .Die 'große Diskussion entstand erst bei den nächsten zwei Anträgen. Welchem von beiden ist der Vorzugzu gewähren? Zur Durchführung beider reicht das Geld nicht aus. Für den zweiten Vorschlag — also den Wiederaufbau des Zerstörten' — sprachen-viele Gründe, vor allem gefühlsbetonter Natur. Wir dürfen, sagten die Verfechter dieser Gedanken, den Arabern nicht zeigen, daß sie uns durch Ueberfälle zum Verlassen irgendeiner Position zwingen können; Wir müssen zu allererst die zerstörten Orte aufnchten' 'und damit unsere Pflicht den gefallenen Helden gegenüber erfüllen und zeigen, daß; sie nicht umsonst in der Verteidigung der Kolomen verbluteten. Wir "dürfen! überhaupt keine Stelle aufgeben1, in die jüdische Arbeit und jüdisches Kapital gesteckt wurde. Es ist allbekannt, daß. bloß die schwachen, ungesunden: Punkte des Jischuw gelitten haben. Die . einsam im Südenr gelegene Kolonie Beer-Tuwio, die kleinen Siedlungen wie Chulda, Artub, Moza usw. Das sind-Dörfer,- die planlos noch v or dem Weltkriege; angelegt wurden1, bevor es eine systematische Kolonisation-.gab. Um> sie zu'erhälteiT, . genügt es . nicht, sie ins der alten Form und : Ausdehnung wieder aufzurichten, in' ihrer auffallenden Schwäche-würden! sie bei der.: heutigen politischen Lage Angriffe direkt provozieren'. Man muß sie also ausbauen,: erweitern, befestigen. Das kostet aber Geld1," viel mehr Geld als der. Ausbau oder die Neugründung von - Siedlungen in anderen Gegenden des Landes kosten würde, die außerdem für' die Kolonisation viel, geeigneter 9ind lund bessere wirtschaftliche Aussichten' haben.. . Hier beginnt die Argumentation der Verfechter des dritten Standpunktes. Sie sind1 Rechner. Für sie ist;nicht Beer-Tuwio, nicht Ataroth usw. heilig, sondern Palästina-Erez-Israel. Sie wollen es. so* schnell als möglich aufbauen; hat man eine Summe zur Verfügung, so muß man also genau untersuchen, an welcher Stelle sie am zweckmäßigsten investiert werden kann, wo mau also bei gegebenem Siedlungskapital die . größte Zahl von Menschen anzusiedeln Ljuba Borochiow: , ■; Dein Abschied, In dieser schrecklichen Zeit, was bedeutet einem da der Tod, riefst du in stürmischer Begeisterung aus, als dich die Nachrichten über die russische Märzrevolution erreichten. Deine mutige Stärke dem Tode gegenüber erschreckte mich' tief,, wenn du auch sonst niemals Furcht irgend' einer Art kanntest. Nach. Rußland zog's dich'. Aber nur noch einige Monate und unser zweites Kind sollte geboren werden. Da hast du dein stürmisches Verlangen bezwungen1, deine Reise nach Rußland verschoben und dich ganz deiner wissenschaftlichen Arbeit gewidmet. . Da begannen deine Freunde nach dir zu rufen. Jeden Tag kamen Telegramme. Einmal um 3 Uhr nachts, als du gerade von einer Versammlung nach Hause kamst.und ich dir die zwei.letzten Telegramme zeigte — natürlich wieder ein Ruf nach dir —, da sagtest du: „Das halte ich' nicht mehr aus, ich1 muß hin," Wochenlang unaufhörlich' weinte ich1. Was sollte ich tun. Mit dir fahren, hier bleiben?; Du schlugst vor, ich1 möchte bleiben. Was soll dann hier aus mir . und den Kindern werden? Wie kann ich so verlassen,, mit unsern Kindern ohne dich bleiben, wie könnte ich auch nur einmal lächeln, die ganze lange Zeit, während du ferne von mir in Rußland weilst! Wie sehr irrte ich' doch', ach! Wie naiv war ich! Wußte ich' doch nicht, was meiner harrte. Auch wenn einer Frau ihr Teuerstes stirbt, der einzige Mensch, der sie gleichsam' ans Leben bindet — die Jahre vergehen — und allmählich kommt ihr das Lächeln doch wieder — gewiß, es sieht sich anders an — und doch ist es ein Lächeln —• ein vermag. Das soll dieser Meinung nach auch mit den Geldern des Hilfsfondes geschehen; sogar auf die Gefahr hin die eine oder die andere zerstörte Siedlung auflassen zu müssen, wenn der Wiederaufbau zu teuer oder wenn die wirtschaftlichen Aussichten ungünstig sind. Möglichkeiten zu billigeren Erweiterungs- und Aufbauarbeiten gibt es überall mehr als im Gebiet der zerstörten Kolonien. Die palästinensische zionistische Exekutive faßte einen vermittelnden Beschluß. Sie läßt wohl Gelder für die Wiederaufrichtung des Zerstörten frei, aber bloß eine beschränkte Summe. Außerdem will sie helfen, jüdische Viertel in den|vier Städten, im denen beide Nationen wohnen (Jerusalem, Hebron, Sofed, Haifa) zu errichten. Der Rest soll zur Sicherung und Erweiterung der Positionen in anderen Gebieten dienen. Es soll auch ein Institut gegründet werden, das den mittelbar Getroffenen, also den Industriellem und Kaufleuten, die durch den Boykott leiden, billige Kredite gewähren soll. Die Anhänger des unbedingten Aufbaues sind mit dieser Lösung unzufrieden, da das für den Wiederaufbau des Zerstörten bestimmte Geld nicht genüge, tatsächlich bedeutet sie Auflassung zweier kleiner Siedlungen. Die ganze Diskussion spielte sich, wie gesagt, hinter verschlossenen Türen ab. Erst nach der Beschlußfassung trat UssischIrin mit seinem erwähnten „Mahnruf" auf. Er klagt die palästinensische Exekutive an und fordert von der Londoner Exekutive, in deren Händen die letzte Entscheidung liegt, in temperamentvoller Weise eine Aenderung des Beschlusses durchzuführen. Auf alle Fälle, ohne Rechnung und Berechnung, soll das Zerstörte wieder aufgerichtet werden. Wie die Entscheidung, deren Tragweite unabsehbar ist, fallen wird, ist ungewiß: der Jischuw erwartet sie mit Spannung. Vorläufig beunruhigen ihn Sensationsberichte eines Teiles der Presse, die auf diese billige Weise wahrscheinlich neue Leser werben will. Jerusalem, Anfang Dezember 1929. Die Weltkonferenz des Jüdischen Wissenschaftlichen Institutes. In den Sukkothtagen trat in Wilna die Weltkonferenz des Instituts zusammen. Geschichte und Wachstum dieser die ganze jüdische Welt .umspannenden Institution ist eigenartig genug, um im jüdischen Leben eine Ausnahmestellung zu beanspruchen. Die jüdische Gesellschaft unserer Tage hat nicht viel Einrichtungen hervorgebracht,. die in ihrem meteörhaften Aufstieg, ihrer Ausbreitung über die Gebiete der jüdischen Siedlung sich mit dieser wahren Volksinstitution vergleichen lassen. In ihr paaren sich wertvollste Tradition der jüdischen Wissenschaft mit modernster Organisation derselben. Aus den Schichten des berufstätigen geistigen jüdischen; Arbeiters wie aus der Volksmasse selbst, soweit sie geistig belebt 'ist, aus der jüdischen Jugend in der jüdischen Schule, stammt der Beitrag wissenschaftlichen Schaffens, den das Institut als überpersönliches Kollektiv aufsammelt und weiterprodukti viert. Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß diese Leistung eines Volksganzen eben nur dort möglich ist, wo die jüdische Volksintelligenz fruchtbar wird. Aus den kleinsten Anfängen, Verbindung gezählter wissenschaftlicher Arbeiter und. Praktiker des Sichfreuen an der Sonne, an der Blume, am sanften Fächeln des Windes. Und wenn dir ein Unglück zustößt! riet ich weinend aus! Das Unglück kann einem überall begegnen, auch auf der friedlichsten Straße. Und fest entschlossen fügtest du hinzu: „Ich bin Soldat, man ruft, ich' muß gehorchen." Da gingen wir alle, du, ich' und unser geliebtes Mäderl, das kaum fünf Jahre alt war und sich so schrecklich vor Rußland1 fürchtete, wo geschossen und gemordet wird. Ich sah auf unser Kind und mein Herz krampfte sich zusammen. Daß; es mir nur nicht irgendwo verloren geht, auf der weiten: Fahrt. Mein Herz erbebte. Liebes Kind, säg, soll Vater allein nach Rußland fahren und wir hier bleiben, oder sollen wir mit Papa mit? „Ich will, daß wir alle hier bleiben, hier. Wenn Vater allein fährt, dann sehnt er sich nach uns, und wenn wir alle fahren, dann werden wir ertrinken." Ja du mein liebes Kind, wäre Vater damals nicht nach Rußland, hätte er uns wohl nicht so bald allein lassen müssen, Das Schiff bringt uns nach Nordeuropa und von dort werden wir einen Weg nach Rußland finden1, aber meine Entbindung naht und ich habe nur noch' einige Wochen vor mir. Wie unglücklich ich bin. Jahrelang wußten wir nicht, was das heißt, in Sicherheit den kommenden Tag erwarten, und jetzt, kaum, daß. wir uns etwas eingelebt hatten, gilt's wieder alles zurücklassen, und fort, weit, weit in Kampf, Revolution, Pein und. Schrecken. jüdischen Kulturlebens ist der erste Arbeitskreis, der Kern des Instituts entstanden, einq lebendige Peripherie bewußter Einzelzellen wurde zum Träger des jüdischen wissenschaftlichen Gedankens in der Welt, "es gliederten sich die Sektionen, Publikation auf Public kation folgte, jeder Band ein Zeugnis dafür, daß er nur kollektiv geschaffen werden konnte und "daß das Institut von Aufgabe zu Aufgabe wuchs. Bibliographische Zentrale, Archiv, Bibliothek, Theatermuseum, alles reihte sich organisch an und wuchs organisch'. Und während die jüdische Welt verwundert ein Wachstum vor sich sah, das leicht wieder hätte ein-, schrumpfen können, sorgten die Männer der Wissenschaftsorganisation, die Leiter der Wilnaer Institutszentrale dafür, daß mit den Gedanken, Plänen, Arbeiten und Möglichkeiten zur Arbeit auch die Organisation des Ganzen wuchs. Kenntnis und Anerkennung) Unterstützung und Förderung in allen Ländern war das Resultat unentwegter Aufklärungsarbeit/ Heute ist nicht leicht mehr, eine wichtige Körperschaft, eine große jüdische Gemeinde da, zu der der Gedanke und die Kenntnis des Instituts nicht gedrungen wäre. In den Ländern der jüdischen Massensiedlung wird das Institut immer mehr zum offiziellen Repräsentanten der jüdischen Wissenschaft gegenüber den Regierungen und den wissenschaftlichen Kreisen anderer Nationen. So konnte, von der Achtung der gesamten jüdischen Bevölkerung getragen, die Weltkbnferenz den Grundstein für das neue Institutsgebäude legen. In zukunftswichtigen Beratungen und Beschlüssen wurde die kommende Arbeit auf allen Gebieten der Institutstätigkeit festgelegt und sichergestellt. Die Landesorganisationeii der Freunde des Instituts empfangen von dieser Tagung neuen Inhalt für ihre Aufklärungs- und Werbearbeit. Die zahlreichen Arbeitskreise der wissenschaftlichen Arbeiter und Sammler erweitern ihre Tätigkeit auf Grund der ihnen nähergekommenen~ Institutswirklichkeit. Und das ganze jüdische Volk, ohne Unterschied der Parteirichtungen und Bekenntnisse, sieht auf das Institut wie ein wichtiges geistiges Eigentum, auf eine Errungenschaft der jüdischen Gesamtheit, die zu wahrem geistigen Volksleben hinführt. : T . G-z. . BÜCHERSTUBE M. RATH ] Buchhandlung, Antiquariat, Leihbibliothek Wien, II. Taborstraße 20a. Tel. R-43-1 58 M. RATH'S Neueröffnete Leihbibliothek bietet Ihn«n eine reiche Auswahl von Büchern:> aller Art, insbesondere von Neuerscheinungen! im Original, bzw. geschmackvollen Bibliothekseinband. Außer den deutschen Büchern auch englische,' hebräische, jiddische u. Deutsch-Judaica in reicher Auswahl. Täglicher Umtausch Den ganzen Tag von 8 bis 6 Uhr geöffnet | Monatsgebühr nur S 3.— Keine Bandgebühr I t5a^te^te^^Steg^sS^90fe5^30^3 Genossen! Verlanget in den Kaffeehäusern und Restaurants den „Jüdischen Arbeiter", Was erwartet uns? Was wird aus den; Kindern? Was wird aus uns? Du aber lebtest schon mit allem Fasern deines Seins in Rußland, hin zog es dich'. Du fandest keine Ruh'. Waren es doch schon elf Jahre, daß du nicht dort warst. Wir haben den: Ozean überquert, ich blieb irr Schweden, du fuhrst weiter. Ich wartete auf deinen Brief, ich erwartete unser Kind1. Und die Geschehnisse entwickelten1 sich' in wilder Hast. Am ersten August kommt unser Söhnchen zur Welt. Die Einreisebewilligung nach Rußland hattest du noch immer nicht. Auf die Nachricht hin', daß wir ein Söhnchen bekamen, kamst du wieder nach Stockholm, froh, heiter un'd aufgeräumt, ich danke dir Liebste, daß du so ein: prächtines Geschöpf geboren hast. Ich1 möchte es niemals verlassen, ich möchte es immerfort auf meinen Händen tragen', sagtest du am dritten Tag deiner Ankunft und . drücktest deinen winzigen Sohn an dein: Herz und dann trafst du deine Vorbereitungen zur Rußlandreise. . Wie wirst du dich nach uns sehnen, sagte ich voll Bangen un'd Freude. Und ganz tief im Herzen begann sich in mir ein Fünkchen Hoffnung zu regen — vielleicht — daß deine große Liebe dich' abhalten wird, fortzugehen', nach Rußland, ohne uns. Was tun? Jetzt ist keine Zeit an1 sein privates Leben zu denken. Habe ich doch jahrelang meiner Forscherarbeit gewidmet und jetzt — jetzt — kommen' ihre Ergebnisse zur Zensur in fremde Hände.' Und du verließest uns, Noch vor deinem Tode gingen deine Arbeiten verloren, Und du starbst einsam — weit von uns dreien — weit von mir und dem kleinen Töchterlein, weit von deinem kaum vier Monate alten' Söhnchen. Uebersetzt von Dr. Helene Ornstein.