Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 14 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2641551-2641584-2641598--265-2642205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
V« b* b« Der JUDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs #Vr. Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, II , BlumauergÄsse 1/1 II — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig S 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 14. Wien, 20. Dezember 1929. 6. Jahrgang. Ber Borochow. Zu seinem 12. Todestage. Immer, wenn wir. Sozialisten, die wir unser soziales und historisches Denken am Werke Karl Marx' gebildet haben, daran gehen, unserem Gefühl der Verehrung für die großen Führer der Arbeiterbewegung Ausdruck zu verleihen, ersteht vor uns die Frage, ob ein solches Tun: nicht im Widerspruch steht zu der sozialen Geschichtsauffassung, die ein wesentliches Element des Marxismus ist. Und so sei denn heute, da wir in Ehrfurcht unseres toten Führers Ber Borochow gedenken, festgestellt, daß, unserer Ueberzeugung nach aus jener Lehre Marxens zwar die Grenzen der Wirksamkeit großer Menschen in der Geschichte, nicht aber die Verneinung ihres Anteiles am geschichtlichen Geschehen1 gefolgert werden kann. Ohne die objektive wirtschaftliche Entwicklung, ohne die Herausbildung des kapitalistischen Industrialismus in Deutschland und Oesterreich wäre die schöpferische Tat Ferdinand Lassalles und Viktor Adlers nicht möglich gewesen. Doch hat es eben1 dieser politischen Genies bedurft, die das objektiv Notwendige und Mögliche ■erkannten und zu einer politischen Konzeption gestalteten, die . groß: genug war, um den Willen und die Opferfreudigkeit breiter Massen zu wecken.; ' .■ Auch Ber Borochov, der Schöpfer des Poaleziomsmus, hat sein Werk nicht'aus dem Nichts geschaffen: die Elemente' desselben, der Zionismus in Gestalt der allgemeinen zionistischen Ideologie und Bewegung, die jüdische Arbeiterbewegung, repräsentiert, vor allem vom „Bund", waren seit dem Ende der Neunzigerjahre geschichtliche Tatsachen und le- * bendige Gegenwart. Ja mehr noch: schon zur Zeit des Auftretens Borochovs hat innerhalb der zionistischen Bewegung im Osten der -klassenmäßige Differenzierungsprozeß eingesetzt. Und dennoch: erst Ber Borochows Gestaltungskraft,, sein Denken und seine organisatorische Schöpferkraft hat dem sozialdemokratischen Zionismus die Wirklichkeit der Idee und die Form einer modernen europäischen Arbeiterbewegung gegeben. Es bedarf keines Beweises, daß ein solches Werk nicht durch eine mechanische Verbindung der politischen Ideen des Sozialismus und Zionismus gelingen konnte: der Weg zur fortgeschrittensten Form des jüdischen Sozialismus konnte nur über die Umgestaltung der Struktur der beiden Elemente, die er inj sich vereinigt, führen'. " Auch der Herzische Zionismus hat die '-wirtschaftliche Seite der Judenfrage nicht vernachlässigt. Gewiß: der unmittelbare Anlaß, der in'-Theodor Herzl den1 Gedanken des politischen Zionismus ausgelöst hat, der in den Tagen der Dreyfußaffäre verletzte Judenstolz — er fand auch in seiner Konzeption entscheidenden Ausdruck und bestimmt ihren Charakter; nicht durch eine gemeinsame ökonomische Struktur, sondern durch den gemeinsamen Feind1 erscheint ihm das jüdische Volk geeint, das Bekenntnis zum Judentum, eine moralische Tat. Und doch wird man in Herzls Werken zahlreiche Hinweise auf die materielle Jiidennot finden. So schiene es uns unrichtig zu sein, wollte man es als Borochovs spezifische Tat bezeichnen, daß. er die Zwecke, die der Zionismus nach Herzls Auffassung zu realisieren hat, - um den ökonomischen der Behebung der materiellen Judennot bereichert habe. Eine andere Umgestaltung hat die zionistische Idee durch Borochovs Denkarbeit erfahren: während die jüdische Wirtsch'aftsnot in der zionistischen Literatur bis zum Auftreten Borochovs Gegenstand pathetischer Anklagereden und Aufrufe war — man denke an Nordaus unvergeßliche Kongreßreden -~, hat Borochov uns den Weg gewiesen, diese Wirtschaftsnot als Ergebnis der ökonomischen Struktur des jüdischen Volke^-zu betrachten, der Tatsache, daß die jüdischen Massen die schwächsten' Positionen im Aufbau der Volkswirtschaft besetzt haben1. Seine Analyse des jüdischen Wirtschaftslebens ergab erst, daß die jüdischen Arbeiter fast ausschließlich in der Fabrikation von Fertigprodukten. beschäftigt sind, in jenen Wirtschaftskreisen also, die von den periodischen kapitalistischen Wirtschaftskrisen zuerst und am stärksten betroffen werden', eine Erkenntnis, die auch heute in allen Ländern mit Ausnahme Palästinas mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Borochov begnügte sich aber nicht mit der statischen' Darstellung des jüdischen Wirtschaftslebens:' er hat als erster seine Dynamik aufgezeigt, deren Ergebnis die Wanderungsbewegung der jüdischen Massen, ihre Konzentration in einigen Ländern und schließlich infolge der notwendig entstehenden Einwanderungsbeschränkungen die Konzentration in einem bevölkerungsarmen Lande ist: Der Zionismus als Ergebnis der sozialökonomischen Dynamik des jüdischen Lebens, das ist die spezifische, Umgestaltung^ die die Herzische Idee durch Borochov erfahren' hat. Herzl faßte den Zionismus im Geiste der großen Utopisten als ausschließliches Werk, menschlichen Wollens auf: „wenn Ihr nur w o 11t, ist es kein Märchen", ist seine Parole. Borochov hat uns gezeigt); .daß; die ökonomische Entwicklung mit uns ist. Die Bedeutung, dieser Tat JOdische Sozialdemokratische Poale Zion, Wien Borochow- Gedenkfeier anläßlich des 12. Todestages Ber Borocbows Samstag, den 21. Dezember 1929, Vfl8 Uhr abends im Saale des ArbeHerheims, II., Blumauergasse 1 Aus dem Programm: Sorechchor / VloHn«u. Klavier / Rezitationen / Gedenkrede (Achtung! Besondere FInladungen für diese Feier ergehen nicht) Borochovs wird derjenige verstehen, der weiß1,- 'daß das moderne soziale Denken im Gegensatz zum. religiösen des Mittelalters und der Neuzeit bis nach der Reformation ein evolutionistisches ist: war es früher zur Erweckung der Massen notwendig, das Ziel, das man ihnen setzte als im Willen Gottes seiend zu beweisen — 'man denke an' die Bedeutung der Bibel in den Bauernkriegen — heute muß das Ziel einer jeden sozialen Bewegung, soll sie Massenbewegung werden, als Zielpunkt ökonomischer Entwicklungstendenzen begründet werden. Den' Zionismus! dieser modernen Denkform angefaßt zu haben1, das ist das Verdienst Borochovs! Un'd was bedeutet nun Borochovs Wirksamkeit für die jüdische Arbeiterbewegung? Der „Bund", dessen Verdienste Borochov stets anerkannt hat, nahm die Bedingungen des jüdischen Arbeiterlebens als gegeben an: in ihrem Rahmen suchte der Bund .im Wege des täglichen Klassenkampfes die Lage der jüdischen Arbeiterschaft zu verbessern. Nicht als ob Borochov die Bedeutung dieses Kampfes unterschätzt hätte: darüber hinaus aber hat erdie Produktionsbedingungen der jüdischen Arbeit analysiert, und aus der Berufsstruktur~der jüdischen Arbeiterschaft die so ungünstige ökonomische. Basis ihres Klassenkampfes erklärt und den Widerspruch, der zwischen' dem heißen revolutionären Geist der jüdischen Arbeiterbewegung und ihrer tatsächlichen Macht besteht, aufgezeigt. Es ist die Aufgabe des jüdischen' Sozialismus, dem Bedürfnis der jüdischen Arbeiterschaft nach1 einer normalen „strategischen' Basis" für ihren Klassenkampf Rechnung zu tragen. Dieses Bedürfnis kann aber nur Joachim Cypkin Uhrmacher Wi«n, IV., Karollnenia««« Nr. IS Unter Garantie u. gewissenhafte Ausführung f befriedigt werden, wenn' die jüdische Emigration' abgeleitet wird von Ländern! hoch kapitalistischer Entwicklung, in welchen alle entscheidenden Wirtschaftspositionen bereits besetzt sind', in ein: Land, wo die Juden noch in* die ersten' Produktionsstädien des wirtschaftlichen Prozesses eindringen1 können1. Der Zionismus als Weg des jüdischen1 Arbeiters zürn Sozia-, lismus, als Mittel zur Schaffung einer normalerh'Klas-' senkampfbasis, diese Aufgabe der jüdischen Arbeiter-: bewegung gegeben1 zu haben1, ist Borochovs ureigenstes Werk. Borochovs Tat In der Welt der. Gedanken1, sie hat sich' auch" im Leben! der jüdischen: Arbeiterbewegung, ausgewirkt: die Bedingungen' der jüdischen ^Produktion sind in allen' Ländern; dieselben', und1 aus der; Gemeinsamkeit des Schicksals des jüdischen1'Proletariats aller Länder erwächst im' Gegensatz zum-Qr-: ganisationsprinzip des „Bund" der Gedanke und die Wirklichkeit der all weltlichen! jüdischen1 Arbeiterbewegung, des Poalezionisrnus. Alle Erschütterungen deri- Nadhkriegszeit überwindend, besteht dieses Werk-Bor rochövs, der poälezionistische Weltverband; Borochovs1'* große Gedanken können auch der Gegenwart stand-;, halten. Am glänzendsten aber hat sich' heute, da die jüdische Arbeiterschaft Palästinas mit Opfern an Gutun'd Blut' 'den JisChuw gerettet hat, die Erkenntnis! Borochovs bewährt, die uns stets voranleuchten soll in unserer täglichen Organisationsarbeit: Die Befreiung des jüdischen Volkes wird das Werk der jüdischen Arbeiterbewegung sein oder sie wir di nichts ein! Wiederaufbaufragen und die Verwendung der Gelder des FWfsfondes. (Von unserem palästinensischen Korrespondenten! —isch.) Die Antwort der Weltjudenheit auf die Ereignisse in Palästina war eindeutig: Das Galuth schickte Menschen und Geld. Innerhalb einer ganz kurzen Zeit brachten die Juden über 500;000 Pfund Sterling auf — eine gewaltige Summe, die früher das Jahresbudget der zionistischen Organisation ausgemacht hatte, tatsächlich aber noch' niemals bar im Säckel vorhanden! war. Was soll nun mit diesem Gelde geschehen? Wie soll es verwendet werden? Im Projektemachen sindf die palästinensischen Juden bekanntlich Spezialisten. Hier handelte es sich' aber um einen' realen, und äußerstverantwo r-; tungsvollen Aufbauplan — und das ist etwas schwerer als Projekte machen. Darüber verhandelte die zionistische Leitung in"; Jerusalem — aus politischen Gründen — hinter verschlossenen T$ren; nach' außen1 drang auch nicht ein Wort durch. Plötzlich' wurde diese Stille durchein „letztes Mahnwort" Ussischkins, das er in der palästinensischen' Presse veröffentlicht hatte, unter-, brochen. Wir wollen, bevor wir diesen: Aufruf kennenlernen, uns der Hauptfrage zuwenden'. Sie ist für den,. Wieder- und Weiteraufbau des Landes von eminenter . Bedeutung, außerdem muß sie den1 Leser interessieren', - Konkurrenzlose Angebote in PersiailGft Fohlen und Klauenmäntel sowie Sport« und Stadtpelze bei Jakob Ebner Wien, VII., Kirchengasse Nr. 31 Telephon B-33-8-61 (■Bill