Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 13 (6.12.1929)
- Date
- 1929-12-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Der jüdische Arbeiter mowitsch mit Zahlen zu operieren beginnt: er kommt nämlich zu dem Resultat, ,,daß jeder Kolonist dem (!) ganzen jüdischen Volk 30.000—40.000 Dollar gekostet hat". Man greift sich an den Kopf: wir wissen doch; daß 'die Ansiedlungskosten in Palästina zirka 1100 Pfund pro Siedlerfamilie einschließlich des Bodens betragen, nebenbei sind sie niedriger als die in Südafrika, England, Australien und Deutschland. Wie kommt also Abramowitsch zu seiner Ziffer? Sehr einfach, indem er die gesamten Kapitalien, die die zionistische Organisation seit neun Jahren aufgebracht hat, durch 1462, die Zahl der ,,angesiedelten Bauernfamilien", dividiert. 100.638 Juden sind vom Jahre. 1919 bis Mitte 1926 nach Palästina eingewandert; sie haben sich im Lande zum Großteil eine Lebensgrundlage geschaffen, die ländliche Bevölkerung hat sich um 15.500 Juden vergrößert, aber Abramo [ witsch dividiert durch 14Ö2! Die zionistische Organisation hat in Palästina Staatsfunktionen zu erfüllen, sie hat für die gesundheitlichen, kulturellen und politischen Bedürfnisse einer jüdischen Bevölkerung von mehr als 150.000 Einwohnern zu sorgen, Abramowitsch dividiert durch — 1462! Doch nicht genug dessen: heute, da in Palästina fast in allen Wirtschaftszweigen die Nachfrage nach Arbeitskräften das Angebot übersteigt, wagt es Abramowitsch, von 6000 Arbeitslosen zu sprechen. Man wird zugeben: einemsolchen Gegner kann man den guten Glauben nicht zugestehen. Nachdem es Abramowitsch derart gelungen ist, den Zionismus als Utopie darzustellen, tut er noch ein übriges, und zeigt, daß die zionistische Bewegung vom 'nationaljüdischen Standpunkt nicht notwendig, vom sozialistischen1 Standpunkt. gefährlich ist. Was das erstere anbelangt, so erscheint, dem Verfasser der •Bestand des Ostjudentums als gesichert: wir wissen, daß die Zahl der im Östen' jüdisch sprechenden rapid abnimmt, die Zahl der jüdische Schulen: besuchenden Schüler sinkt! Und. die Gefahr, die dem Sozialismus vom Zionismus nach Abramowitschs Ansicht droht, besteht darin, daß es neben proletarisch-zionistischen Organisationen bürgerlich-zionistische gibt, die eine bürgerliche Landespolitik betreiben. Wir Poalezionisten werden deshalb unser Ziel ebensowenig aufgeben, wie die österreichische Sozialdemokratie den Anschlußgedanken aufgibt, weil er auch von den .Großdeutschen vertreten wird: wie wir mit dem Proletariat des Volkes, in' dessen Mitte wir leben, den ' Klassenkampf gegen die gesamte Bourgeoisie, also auch die zionistische, führen', kämpfen' wir im Rahmen' der Agency und der zionistischen Organisation vereint mit unseren palästinensfschen Genossen gegen . das allweltliche zionistische Bürgertum und für die sozialpolitischen Ziel des arbeitenden Palästina! Ein Brief des sozialistischeil Komitees für das arbeitende Palästina an die Histadruth. Liebe Genossen! Mit großer Besorgnis haben wir den Gang der Ereignisse in Palästina verfolgt. Wir fühlen mit Euch Euer Leid, wir beweinen mit .Euch Eure Opfer. Wir wissen, daß Ihr Arbeiter und Chaluzim um zweier großer Ziele willen nach Palästina gegangen seid: das jüdische Nationalheim zu errichten, und es aufzubauen auf Grundlage der Arbeit und des Friedens mit dem arabischen Volke. Getreu dem Ideal des internationalen Sozialismus habt Ihr jüdische Arbeiter auf Euch1 die schwere Aufgabe genommen, in dem kleinen von, Fanatismus erfüllten Winkel Asiens den Keim zu einer neuen, von jedem Haß, Chauvinismus und engherzigem Nationalismus freien Kultur und Gesellschaft zu legen. Ihr strebt die Errichtung: 'der jüdischen Heimstätte durch Schaffung eines Bundes jüdischer und arabischer Arbeiter auf Grundlage der gemeinsamen Arbeit für die Entwicklung des Landes an, in welchem die Araber die Vorteile der verbesserten Lebensbedingungen genießen und keinerlei Unterdrückung* von Seite der Juden zu ertragen haben werden. Ihr habt Euch bemüht, in Eure allgemeine Organisation arabische Arbeiter einzugliedern, sie zu erziehen und ihr Lebensniveau zu erhöhen: eine schwere Aufgabe, deren Verwirklichung Euch aber mit Hilfe der Weltdemokratie und, insbesondere der sozialistischen Internationale bestimmt gelingen wird. Das sozialistische Komitee für das arbeitende Palästina, das im Jähre 1928 in Brüssel gegründet wurde, hat sich zur Aufgabe gestellt, dem mächtigen! kolonisatorischen Werke der jüdischen Arbeiterschaft, der Errichtung des jüdischen Nationalheims auf Grundlage der Arbeit, Gerechtigkeit, des Friedens und der Verständigung mit clen Arabern ihre moralische Hilfe an'gedeihen zu lassen. Leider aber steht die Politik des Friedens und der Arbeit — wie überall und zu jeder Zeit — auch) in Palästina im Gegensatz zu den Interessen; bestimmter Elemente. Die arabischen Großgrundbesitzer fürchten, die Gleichberechtigung der arabischen Massen', die sie weiter knechten und vergewaltigen wollen1. Auch die religiösen Fanatiker fürchten den Einfluß auf die Massen zu verlieren. Diese Effendis und Fanatiker haben die arabischen Massen zu Haß und Wut aufgehetzt, s i e haben mit bewußt böser Absicht unter den Arabern verleumderische-Gerüchte verbreitet, und haben die Streitigkeiten, die wegen der Klagemauer entstanden sind, für ihre Zwecke ausgenützt. Es ist ihnen gelungen, fanatische Massen auf den Weg des Mordes, des Raubes und der Zerstörung zu führen1. Und Euer Werk, dies Werk des Friedens und der Arbeit, ist überfallen worden. Kann diese Tatsache Anlaß zur Verzweiflung geben? Wir leugnen das! Die englische Regierung hat beschlossen, den Traditionen der Labourpartei, und den Verpflichtungen, die ihre Führer dem Aaufbau des jüdischen Nationalheims gegenüber auf sich genommen haben treu zu bleiben. Die Regierung wird alle für die Geschehnisse Verantwortlichen strafen, sie wird die Sicherheit im Lande herstellen, sie wird, den Bestimmungen des Mandats entsprechend, die Bedingungen für die Errichtung des nationalen Heimes schaffen. Die letzten Erklärungen der Führer der Regierung ermutigen uns. Und Ihr, jüdische Arbeiter setzt Euer Werk fort, vereinigt Euch mit den arabischen Klassengenossen, klärt sie darüber auf, daß die jüdische Kolonisation ihnen nichts Schlechtes bringt, daß es die Effendis und die Fanatiker sind, die das arabische Volk unterdrücken wollen. Ein Bund zwischen arabischen und jüdischen Arbeitern, das soll die Antwort anf die Hetzer und Ausbeuter sein! Die internationale sozialistische Demokratie'versteh t die Größe Eurer Aufgabe, und wird Euch ihre brüderliche Hilfe nie versagen. Setzt Euer Werk standhaft fort und es wird Euch gelingen. Das jüdische Nationalheim wird aufgebaut werden auf Arbeit, Gerechtigkeit und Frieden mit den Arabern, auf den Prinzipien des internationalen Sozialismus. Im Namen des sozialistischen Komitees für das arbeitende Palästina: Emil Vandervelde, Vorsitzender; Leon Blum, Eduard Bernstein, De Br.ouckere, Gillies, Zeretelli, Soukup (Präs. der tschech. SP.), Hysmans, Auriol Wedgewood," Turati, Longuet, Lobe, Rena udel. Abschiedsrede Abraham Kahans an das arbeitende Palästina. Abraham Kahan, der Herausgeber des größten jüdischen Arbeiterblattes in Amerika, das vor kurzem noch antizionistisch eingestellt war, ' besuchte Palästina und hielt vor seiner Abreise in einem Meeting folgende Ansprache: £ „Ich will hier nur das sagen, was ich' wirklich denke, sprechen, wie man nur mit Freunden sprechen kann. Noch bevor ich nach' Palästina gekommen! bin, hat der Berichterstatter des Vorwärts; Genosse Liebermann viele Telegramme über die Lage im Lande abgesandt. Trotzdem zwischen uns keine Verabredung bestand, waren diese Berichte von: dem Geiste getragen, von dem auch ich erfüllt bin, vom Geiste der Freundschaft und Brüderlichkeit. Aus dem roten Palestina. . Von Klara Blum. Die Erziehungsberatungsstelle der Hadassah hat seit einem Jahr die schwer erziehbaren und die verwahrlosten Kinder Jerusalems in heilpädagogischer Behandlung. Kämpft mit nagelneuen Waffen, mit den psychologischen Methoden Alfred Adlers, den alten Kampf gegen den heimtückischen Feind der jüdischen Renaissance — gegen die jüdische Nervosität. Keine andere Tätigkeit gewährt tiefere Einblicke in die Wesensart der jüdischen Bevölkerung Jerusalems, als diese mühsame psychohygienische Kleinarbeit. Eingefügt in den Rahmen des Jerusalemer Stadtbildes, einen Rahmen von romantischer Schönheit, Tradition und Verwahrlosung, erscheinen Kinder, Lehrer, Familien in gleichem Maße abgesperrt in orientalischen Konservatismus, jüdischen Klerikahsmus, beide die Erziehung immer wieder aus der Richtung des Fortschritts drängend, die Entwicklung mit den Vorurteilen, Phantasien der Vergangenheit belastend. Zu diesem Gedränge von sephardischen, bucharisch'en und Chalukkajuden hat sich der neue Jischuw zum großen Teil als ein neues- Ghetto hinzugesellt, mit allen Kennzeichen des alten jüdischen Habitus von Schwäche, Wurzellosigkeit und beengtem Kleinbürgertum. Die Erneuerung des jüdischen Menschen hat sich' hier nicht vollzogen. * ■ Wurzellosigkeit und Kleinbürgertum. Jener dialektische Trick der menschlichen und besonders der jüdischen Psyche, aus der Not eine Tugend zu machen, .hat dem Ghettojuden seine abnorme Wirtschaftslage, seine gewaltsame Absperrung von der Urproduktion jahrhundertelang in die Idee eines jüdischen Standesbewußtseins umgefälscht: ein Jude ist zu verfeinert für solche Arbeit. Ganz Palästina erzählt die Anekdote vom Grundbesitzer in Petach- Tikwah, der in den Zeiten bitterster Arbeitslosigkeit erbarmungslos die jüdischen Arbeiter boykottierte und dieses Verhalten mit den Worten begründete: „Ach kenn nischt sehen, as jiddische Kinderlach1 mitsch'en sach pinkt asoj wie Gojim." (Ich kann es nicht zusehen, daß jüdische Kinder so arbeiten wie Gojim.) Und er ließ die jüdischen Kinder verhungern, den jüdischen Aufbau stocken... In dieser Anekdote ist eigentlich schon das ganze palästinensische Kernproblem enthalten: daß bei Beibehaltung des jüdisch-bürgerlichen Standpunktes vielleicht noch allenfalls der Aufbau des Landes mit fremder Arbeit erreicht werden könnte, niemals aber das eigentliche Ziel des Zionismus, der Aufbau des Volkes, die Umschichtung,, die Normalisierung. Der bürgerliche Städter Palästinas hat den Habitus des( Ghettojuden behalten. Die Erneuerung des jüdischen Menschen aber hat sich nur dort vollzogen, wo zugleich eine soziale Erneuerung eingesetzt hat: im roten Palästina. Mazaw ruach, Stimmung, heißt eines der Lieblingsworte des neu-hebräischen Sprachgebrauches. Und das ist kein Zufall. Nirgends ist soviel Stimmung, soviel Seltsamkeit und Spannung in der Atmosphäre vorhanden, wie in diesem kleinen, halb urweltlich rauhen, halb tropisch blühenden Land, das in unserer Zeit gerade auf dem Sprung ist, aus uralter biblischer Vergangenheit heraus, mitten hinein in eine neue Zukunft. Da haben wir, einige Chäwerim und Chaweroth1, einen Ausflug auf den Berg der Sameritaner gemacht. Haben ihnen beim PessaChopfer zugesehen, Opferdienst unter freiem Himmel :und auf steinernen Naturaltären, genau, so wie vor 2000 Jahren. Haben mit ihnen gesprochen, mit diesen Menschen, die sich als die einzigen echten Nachkommen der alten Hebräer bezeichnen, die ihre biblischen Gebräuche, wie in Spiritus aufbewahrt, bis zürn heutigen Tag erhalten haben, die mit dem Stolz aussterbender Indianerstämme vor uns standen, wild und verwahrlöst, aber unwahrscheinlich stilvoll und dekorativ. Und dann sind wir in die Kwuzah zurückgekehrt, ins Gemeinschaftszimmer. An der Wand hat der Siddur Awodah gehängt, die Arbeitstabelle, das Kulturdokument des konstruktiven Sozialismus. Die Chäwerim waren gerade in einer Debatte über die Frauenfrage begriffen und die Mädchen in ihrem urwüchsig radikalen Feminismus, wie man ihn nur in Palästina findet, haben voller Eifer gerufen: „Bachurim laMidbach". (Auch die Burschen müssen in der Küche arbeiten.) Das rote Palästina arbeitet doppelt und. dreifach. Tagsüber entsumpft es das Land, jätet, gräbt und pflanzt. Abends arbeitet es an seinen neuen Lebensformen, hämmert, schleift, feilt unermüdlich daran herum. Die wirtschaftliche Entwicklung, der köllek-