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Der Jüdische Arbeiter · 1929-12-06 · Heft 13 (6.12.1929) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 13 (6.12.1929)
Date
1929-12-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, Ii., Biumauergasse 1/111 — Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig S 1.20, halbjährig S 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 13. An unsere Bezieher im Auslande! Wir ersuchen höfl. unsere Leser im Auslande die fälligen Abonnementsgebühren für 1929 S 4.80 umgehend einzusenden, da wir sonst mit Entzug des Versandes werden vorgehen müssen. Die Administration. Zionismus, Judenfrage und Sozialismus. Es ist eine alte Erfahrungstatsache: wenn die Not, die Gefahr am größten ist, ist zwar nicht Gott, aber immerhin der Retter am «nächsten. Der internationale Sozialismus befindet sich nun. gegenwärtig in: einem solchen Stadium der allergrößten Gefahr. Abramowitsch — der ehemalige Bundist und jetzige Auslandsvertreter der russischen Sozialdemokratie — hat glücklicherweise den furchtbarem Abgrund, vor welchem die sozialistische Bewegung steht, erkannt, und lenkt unsere Aufmerksamkeit in geradezu lapidaren Sätzen auf die gefahrvolle Situation. Man denke: „Immer mehr führende Persönlichkeiten der Internationale erklären sich als Anhänger, des Zionismus. Männer wie Macdohald, Vandervelde, Hüysmans, De Brouckere, Loebe, Breitscheid, Renäudel, schbn nicht "zu reden von dem französischen Sozialistenführer Leon Blum, der sich als Jude zum Zionismus bekennt, treten öffentlich für den Zionismus ein". („Der Kampf", Heft 11.) Aber nicht nur das: diese verirrten Soziajistenführer begnügen sich — wie Abramowitsch feststellt — nicht damit, den Zionismus theoretisch zu bejahen, manche von ihnen arbeiten für ihn. Ist es nicht höchste Zeit, daß jemand die Irregeleiteten endlich' zur Ordnung ruft? Dieser nach den Ereignissen in; Palästina nicht undankbaren Aufgabe unterzieht sich Abramowitsch selbst, indem, er zu beweisen versucht, daß der Zionismus eine Utopie und dem Sozialismus gefährlich ist. Abramowitsch beginnt seine Polemik damit, daß er spottet, der Zionismus habe die ursprüngliche Konzeption Herzls, wonach ein jüdischer Staat mit einem Schlag errichtet werden sollte, verwässert. Ist es 'diesem Marxisten nicht bewußt, daß man aus ganz 'demselben Grunde auch die Sozialdemokratie verhöhnen könnte? Karl Marx hat im Jahre 1848 die soziale Revolution als die Aufgabe seiner Zeit betrachtet, und heute, im Jahre 1929 erscheint den Führern des Sozialismus die Zeit für den Sozialismus •nicht reif genug. Und es dürfte Gen. Abramowitsch bekannt sein, daß auch, was das Endziel des Sozialismus anbelangt, die sozialistische Theorie längst davon abgekommen ist, diesen als das einzige Mittel der Lösung aller gesellschaftlichen Probleme zu betrachten; Auch wir wissen, daß der Zionismus nicht die "einzige Lösung der ökonomischen Judenfrage ist und bejahen tätig die jüdische Sozialpolitik im Galut: daß aber der Zionismus der einzige Weg der Erhaltung und Normalisierung unseres Volkslebens ist, das scheint uns auch heute unzweifelhaft. Karl Marx und Theodor Herzl haben sich über das Tempo der mKmmmmmKKKUKmmmmm Wien, 6. Dezember 1929. Realisierung ihrer Ideen Illusionen gemacht: ihre Konzeptionen wurden von der Wirklichkeit korrigiert. Stimmt es also keinesfalls, daß; Revision eines Programms schon Resignation bedeutet/ nach Abramowitsch hätte der Zionismus allen Grund zu; resignie-. ren. §Däs Beweisstück, das Abramowitsch am Anfang seiner sachlichen Beweisführung anführt, ,,beweist" aber tüchtig daneben: er stellt nämlich die jüdische Emigration, nach Amerika der nach Palästina gegenüber und zeigt, daß auch nach der Balfourerklärung die letztere kleiner war als die erstere. Nun, daß a bsolut von 1921 bis 1925 mehr Juden: nach U.S. A. ausgewandert sind als nach Palästina, ist wohl bei dem Niveauunterschied der wirtschaftlichen Entwicklung beider Länder nicht zu verwundern. Vergleichen wir aber die Bewegung der Einwanderungsziffern1, so ersehen wir aus der von Abramowitsch veröffentlichten Tabelle folgendes: Die jüdische Einwanderung nach Palästina hat sich im Jahre 1922 gegenüber dem Vorjahre verdreifacht, die nach U. S. A. ist um 50 Prozent kleiner; im Jahre 1923 ist die jüdische Einwanderung in beide Länder um 9 Prozent kleiner, im Der Verein der Freunde des arbeitenden Palästina in Wien veranstaltet am Donnerstag, den 19. Dezember 1929 im Großen Konzerthaussaale einen Abend jüdischer Kunst. I. Teil: Künstlerische Leitung: J. Stutschewski. Zur Aufführung gelangen Uraufführungen jüdischer Kammermusikwerke und Klavierkompositionen, Cellovorträge, Gesangsvorträge. Es wirken mit: J. Stutschewski, J. Brandmann, B. Gimpel, der Wiener Jüd. Gesangsverein (Prof. Osinitrowsky), Chanah Spcktor'u. a. II. Teil. Tanzdarbietungen. Künstlerische Leitung: Gertrud Kraus. Uraufführung eines biblischen Zyklus »Frauengestalten« (Esther, Ruth, Mirjam u. a.), weiters Ghettolieder und andere Tanzvorführungen, ausgeführt von Gertrud Kraus und ihrer Tanzgruppe. Der gesamte Reinertrag wird dem Palästina-Arbeiter-Fonds in Tel-Aviv überwiesen und dient vor allem dem Wiederaufbau der anläßlich der letzten. Vorfälle in Palästina zerstörten Arbeiterwirtschaften. Kartenvorverkauf: Konzerthauskasse; Sekretariat des Vereines, II., Tandelmarktgasse 10, Tür 9 (7 bis 8 Uhr abends), Kartenbüro »Aida«, IL, Taborstraße 1, Buchhandlung Rath, IL, Taborstraße 20, »Hechaluz«, L, Kärntnerstraße 2*8, Poale-Zion, IL, Biumauergasse 1. E^SS^^^l^^^^^ Jahre 1924 ist sie in Palästina gegenüber dem Vorjahre fast ums doppelte gestiegen, während sie in1 U.S. A. gleichgeblieben ist, im Jahre 1925 ist sie in Palästina zweieinhalbmal so groß als im Vorjahre, in U.S.A. eiri1 Fünftel der vorjährigen Einwanderungszahl. Gewiß ist auch in Palästina nach der vierten Alijah eine Senkung der Einwandererzahl festzustellen: während diese aber durch die Knappheit des Kapitalimportes nach Palästina verursacht ist, eine Ursache, deren Fortwirken mit fortschreitender Melioration des Landes und dank der Erweiterung des Kreises der am Palästinawerk interessierten Judenschaft immer weniger wahrscheinlich wird, fiel die rechtliche Absperrung der U.S. A. in die Zeit der größten Prosperität, die dieses Land jemals sah. Diese Einwanderungsbeschränkungen dürften daher wohl eine Institution der Rechtsordnung dieses Landes für lange Zeit verbleiben: sie werden von der Arbeiter- 6. Jahrgang. Schaft gehalten, weil sie die Einwanderung von Lohndrückern fürchtet, von der Unternehmerschaft zum Teil, weil diese den Import sozialistischer Ideen verhindern will. Glaubt man, daß in der Zeit, da die wirtschaftliche Entwicklung Amerikas ins Stadium des Wellen t a 1 s getreten ist (und daß die Prosperität vpr- .über ist, dafür ist ja der Börsenkrach, wie Cassel gezeigt hat, symptomatisch), jene Absperrungsgründe schwächer und nicht vielmehr stärker werden? Man erkennt, daß Palästina als Ziel der jüdischen Wanderung der Gegenwart den! Vergleich mit den U. S. A. nicht scheuen muß. Des weiteren stützt Abramowitsch seine These, daß der Zionismus eine Utopie ist, mit der Behauptung, daß die Industrialisierung, Elektrifizierung Palästinas große Kapitalien, erfordere, an deren Aufbringung er zweifelt, und daß. die Intensivierung der Gartenkultur Palästinas unmöglich, und daher die Aufnahmsfähigkeit des Landes sehr gering ist. Was die Kapitalfrage anbelangt, so ist seine Skepsis unbegründet: wenn einmal mittels der nationalen Kapitalien' die Voraussetzung für eine rentable Wirtschaft geschaffen sein1 wird, dann wird auch das private Kapital die im Lande vorhandenen Anlagemöglichkeiteri' suchen. Was die Landwirtschaft anbelangt, so sieht Abramowitsch offenbar den-Zionismus mit dem'Plan' der Soskinschen Kolonisationsmethode stehen: und faleln. Selbstverständlich kann die Zukunft eines Landes nicht auf einer Wirtschaftsform aufgebaut werden'. Im übrigen gilt von: der Soskinschen Gartenkultur dasselbe, was von der Entwicklung aller Wirtschaftszweige gilt: sie ist abhängig von: der Entwicklung des äußeren und inneren Marktes. Die fortschreitende Entwicklung Palästinas und seiner Nachbarländer,, die planmäßige und systematische Bearbeitung der Auslandsmärkte für die Produkte der palästinensischen' Produktion: wird diese ihren Absatz finden lassen. Abramowitsch ist, wie seine Berufung auf Ruppin' und Revutzky zeigt, ein1 Anhänger des Autoritätsbeweises: so nehme er denn zur Kenntnis, daß*der bedeutendste linkssozialistische Wirtschaftsstatistiker und Volkswirtschaftspolitiker Professor Ballod für Palästina eine 6 Millionen starke Bevölkerung für möglich hält. Von der .prognostischen Betrachtungsweise zur realistischen übergehend, beschäftigt sich1 Abramowitsch nunmehr mit den Ergebnissen der zionistischen Arbeit im Lande; und hier bringt er allerdings Dinge vor, die man nicht mehr bloß als theoretisch' anfechtbar bezeichnen kann. In dieses Kapitel gehört vor allem, daß er, um das Versagen des Zionismus zu beweisen, die durchschnittliche Einwanderungsziffer nach Palästina mit jenen Zahlen vergleicht, die Weizman bei einer diplomatischen Verhandlung im Jahre 1919 Herrn. Lansing gegenüber in Aussicht genommen hat. Wir laden hiemit Genossen Abramowitsch ein, demnächst eine vergleichende Studie über die Ziele, die die Führer des europäischen Proletariats diesem1 im Jahre 1919 gestellt haben und das tatsächlich) Erreichte auszuarbeiten: mehr als 1 Prozent wird auch da nicht herauskommen. Diese doch wohl nur gespielte Naivität steigert sich zur Ungeheuerlichkeit, wenn Abra- Jakob Ebner ^^^vst?*""- Sport- und Stadtpe'Ze bei «SM9 9«I Telephon B-33=8=6l ItlilSlSäilililHiW

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