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Der Jüdische Arbeiter · 1929-11-22 · Heft 12 (22.11.1929) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 12 (22.11.1929)
Date
1929-11-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der jüdische Arbeiter Seite 3 BÜCHER ALLER ART insbesondere Sozialismus. Dubnows Weltgesdhidite, Handbücher des Wissens (Brockhaus, Meyer> Schöne Literatur etc. auch gegen Teilzahlung bis 15 Monate ohne jeden Preisaufschlag. Zu beziehen durch Gen. J. Henig. Tel. U-22-0-69 Die Bevölkerungsbewegung in Palästina. In unserem palästinensischen Bruderblatt „Kuntriß" (hebr.) veröffentlicht Genosse Nemirovsky sehr interessante Daten über die zahlenmäßige Entwicklung der palästinensischen Bevölkerung, Die Volkszählung von 1922 ergab eine Gesamtbevölkerung von 757.182 Seelen, davon1 83.794 Juden (11,06 Prozent) und 673.388 Nichtjuden (88.94 Prozent), im Jahre 1923 zahlt die Gesamtbevölkerung 780,751 Seelen, davon 93.342 Juden (11,95 Prozent) und 687.409 Nichtjuden, im Jahre 1924 beträgt die Gesamtbevölkerung 822.522 Seelen, davon 110.029 Juden (13,54 Prozent) und 702.493 Nichtjuden. Das Jahr 1925, das Jahr der 4. Alijah, zeigt eine außerordentliche Steigerung der Zahl der Juden: von den 862.063 Einwohnern sind nunmehr 146.994 Juden, das bedeutet eine Steigerung ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung um; 3 Prozent, auf 17,05 Prozent. Es folgen nun die drei Kriegsjahre, die durch die ungünstige soziale Struktur der Einwanderer bewirkte wirtschaftliche Depression blieb auf die Bevölkerungsbewegung nicht ohne Einfluß: die absolute Zahl der Juden steigt zwar weiter, aber nur um ein geringes; 1926 beträgt die Zahl ider [uden 157.803/1927: 159.378, 1928: 162.588. Der relative Anteil der Juden: an der Gesamtbevölkerung sinkt .von 17,72 Prozent im Jahre 1926 auf 17,61 'Prozent im Jahre 1927, um dann allerdings im Jahre 1928 wieder auf 17.67 Prozent zu steigen. Was nun: die Bevölkerungsvermehrung anbelangt, so spielt als bewirkendes Moment bei den Juden die Einwanderung die entscheidende Rolle: die Einwanderungsziffern betragen für die Jahre 1923: 7421 Juden, 570 Nichtjuden, 1924: 12.856 Juden, 697 Nichtjuden, 1925: 33.801 Juden, 840 Nichtjuden. Es folgt nun ein rapides Sinken der jüdischen Einwandererzahl, während die Zahl der einwandernden Nichtjuden nur im Jahre 1926 (829) um ein gerijnges sinkt, in den Jahren 1927: 869 und 1928: 908 weitersitei'gt; die Einwanjderungsziffern der Juden betragen 1926: 13.081, 1927: 2713, 1928: 2178. Die natürliche Vermehrung ist ihrerseits nun selbstredend vor allem für die Vergrößerung der nichtjüdiscHen Bevölkerung entscheidend: dem 28.126 nichtjüdischen Geburten im jähre 1923 stehen' 3276 judeale gegenüber, im Jahre 1924 beträgt die natürliche Bevölkerungsvermehrun'g bei den Juden 3623 Geburten, bei den Nichtjuden 31.332, im Jahre 1925 bei den Juden 4000, bei den Nichtjuden 31.479, 1926 bei den Juden 5299, bei den Nichtjuden 35.442, im Jahre 1927 bei den Juden 5182, bei Nichtjuden 34.011, und schließlich im Jahre 1928 bei den Nichtjuden zirka 34.000, bei den Juden zirka 5200. Was die negative Bevölkerungsbewegung anbelangt, so ist die Diskrepanz zwischen der Zahl *der Todesfälle und der Auswanderer bei den Juden: in 'den Jahren 1923 bis 1925 nicht allzu groß; es stehen sich in dieser Zeit 4323 Todesfälle 7654 Auswanderern gegenüber; bei den Nichtjuden betragen die entsprechenden Ziffern 49.954 und '3899. Stark überragt die Zahl der Auswanderer (14.602) die Zahl der Todesfälle: 5769 bei den Juden in der Kriegsperiode, während sich dieses Verhältnis in der Krisenzeit bei den Nichtjuden kaum verändert. Folgende Schlüsse haben wir nun aus den vorhergehenden Daten zu ziehen: die jüdische Bevölk'er rungsbewegung ist vornehmlich Ergebnis der Einend Auswanderung. Der prozentuale Anteil der Juden ist im Laufe der sechs Jahre um fast 7 Prozent [gestiegen. Trotz der starken Auswanderung in den Jahren der Krise ist der prozentuelle Anteil der Juden nur um 5/100 Prozent gesunken; das Kräfteverhältnis beider Völker hat sich im wesentlichen nicht zu iungunster der Juden geändert. Schließlich sei festgestellt, 'daß in Palästina schon heute die relativ stärkste jüdische Minorität lebt! Die holländisch-jüdischen Diamantenschleifer in Newyork. Ueber diese wenig bekannte jüdische Berufsgruppe schreibt Parry in der englischen Beilage des „Vorwärts". Es gibt in Newyork schwarze, spanische und französische Juden, slawische Bauern, die zum Judentum übertreten sind^ und eine Gruppe holländischer Juden. Von allen diesen sozialen Außenseitern ist die Kolonie der holländischen Juden am wenigsten bekannt. Es handelt sich hier um eine eigentümliche Schichte des Judentums, die den vornehmlichen Erwerbszweig des Amsterdamer Ghettos, die Diamantenschleiferei, in Newyork fortsetzt. Besuchet Ihr einen der drei jüdischen Bezirke Newyorks, den Maiden-Lanedistrikt, das schmutzige Canal-Forsith, oder die sanfte Avenue, so werdet Ihr überall dort, wo Diamanten, Smaragden imd andere Edel- und Halbedelsteine von' komplizierten Maschinen poliert werden, holländische Gesänge hören und Arbeiter von semitischem Ansehen an treffen. Wenn man Euch diese Leute vorstellt, werdet •Ihr Namen, wie Wan'dergilden, Van Praagst und Ven dozg zu hören bekommen. Sie sprechen ein korrektes 'englisch, jedoch mit einem holländischen Akzent. Daß sie holländische Lieder den Melodien des Brodway vorziehen, ist darauf zurückzuführen, daß sie fast alle in Holland geboren und erst in* den letzten zwanzig Jahren hieher gekommen sind. Was hat die Leute nach Amerika geführt? Die Aelteren unter uns können diese Frage leicht beantworten. Anfangs der Neunzigerjahre war auf dem Verein der Freunde des arbeitenden Palästina in Wien. Donnerstag, den 19. Dezember 1929 im Großen Konzerthaussaale, halb 8 Uhr abends Abend jüdischer Kunst I. TEIL: MUSIK. Künstlerische Leitung: J. S t u t s c h e w s k i. Zur Aufführung gelangen Uraufführungen jüdischer Kammermusikwerke un'd Klavierkompositionen, Cello Vorträge, Gesangsvorträge. Es wirken mit: J. Stutschewski, I. Brandmann, B. Gimpel, der Wiener Jüd. Gesängsverein u. a. II. TEIL: TANZDARBIETUNGEN. Künstlerische Leitung:. Gertrud K r a u s. Uraufführung eines biblischen Zyklus „Frauengestalten" (Esther, Ruth, Mirjam u. a.), weiters Ghettolieder und andere Tanzvorführungen, ausgeführt von Gertrud Kraus und ihrer Tanzgruppe. Der gesamte Reinertrag wird dem Palästina- Arbeiter-Fonds in Tel-Aviv überwiesen und dient vor allem dem Wiederaufbau der (anläßlich der letzten; Vorfälle in Palästina zerstörten Arb'eiterwirtschaften. Verein der Freunde des arbeitenden Palästina in: Wien. KARTENVORVERKAUF: Konzerthauskasse, Sekretariat des Vereines, IL, Tandelm arktgasse 10, Tür 9 (7 bis 8 Uhr abends), Kartenbüro ,;Aida", IL, Taborstraße 1, Buchhandlung Rath, IL, Tab'orstraße 20, „Hechaluz", I., Kärntnerstraße 28, IL, Blumauerg. 1. Genossen! Verlanget in den Kaffeehäusern und Restaurants den „Jüdischen Arbeiter". holländischen Diamantenmarkt eine Steigerung der amerikanischen Nachfrage zu verzeichnen. Viele Juweliere und Diamantenhändler spezialisierten sich für den amerikanischen Markt. Der nächste Schritt war, Maschinen und Geschäfte den Kunden näher zu bringen. Die qualifizierten Arbeiter, wurden später auch hinübergebracht: viele jüdische Diamantenschleifer aus Amsterdam folgten dem Rufe\amerikanischer und amerikanisierter, ideutsch-jüdischer Unternehmer. Der erste holländisch-jüdische Handwerker kam im Sommer 1894 nach Newyork und zu Beginn unseres Jahrhunderts zählten sie bereits zweihundert! Sie brachten ihre Kunst aus Holland mit und sind geradezu von einer Leidenschaft für ihr Handwerk erfüllt. In Amerika mußten sie allerdings ihre Arbeitsmethoden ändern, denn die amerikanische Kundschaft verlangt „amerikanisch" geschleifte Diamanten: ihr kommt es nämlich auf das Maximum an Glanz an, während den Europäern das Gewicht vor allem wesentlich ist. Die amerikanische Arbeitsweise ist teurer als die europäische, war jedoch zur Zeit der „Jahrhundertwande rentabel. Gegenwärtig gibt es 900 bis 1000 dieser jüdischen Handwerker in Newyork. Der Geschäftsgang ist jetzt sehr flau, vor allem ist es die Automobilleidenschaft, die die kaufkräftige Nachfrage vom Diamantenmarkt wegzieht. Viele Diamantenschleifer, die in ihrem Berufe keine Arbeit finden, suchen' nun anderswo ihren Erwerb. Der Mangel an Arbeit läßt die Berufstradition; in vielenl [dieser Familien aussterben, die zweite Generation geht zu anderen Berufen über. Die Väter sind den Söhnen darum nicht Gram: auch sie betrachten ihre Branche als unsichere Existenzgrundlage und auch als zu wenig lukrativ für ihre Söhne. Ein alter Diamantschleifer sagte mir: „Mein Sohn studiert abends Rechte, tagsüber arbeitet er bei einer großen Firma in Wall-Street Er wird die Stelle nach Beendigung des Studiums verlassen. Er strebt schon jetzt die Stelle eines Syndikus bei einer großen Gesellschaft an. Man fragte ihn nach seiner Religion, denn sie stellen keinen Juden an. Mein Sohn antwortete, er sei reformierter Holländer', was ja insofern zutrifft, als er Träger eines holländischen Namens ist und wir einem Reformtempel angehören." Die religiösen Bindungen waren unter diesen Juden immer sehr schwach, im letzten Jahrzent wurde ihre Intensität noch geringer. Viele dieser jüdischen Diamantenschleifer sind Lohnarbeiter, es gibt aber auch Unternehmer, und solche, die sich ihre Produktionsmittel mieten. Ob sie nun eine eigene oder eine gemietete Maschine verwenden, im allgemeinen pflegen sie in einer gemeinsamen Betriebsstätte zu arbeiten und tragen so gewisse ihrer Regien (Mietzins, Telephon, Chemikalien usw.) gemessen. Das Leben der Juden in Rußland. Dr. Elias Wasenberg — älteren Genossen als ehemaliges führendes Mitglied unserer Wiener Organisation bekannt — nunmehr Kommunist und Vizepräsident der Ikor, der amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Kolonisation in Sowjetrußland, hielt über die letzten kürzlich im Rahmen einer Veranstaltung der „Freunde Sowjetrußlands" einen interessanten Vortrag1, dem wir folgendes 'entnehmen. Es wäre falsch, die Kolonisation als eine isolierte Erscheinung zu betrachten1, sie kann: nur als Teilerscheinung des gesamten Eingliederungsprozesses der russischen judenheit in die erneute russische Gesellschaft verstanden werden, der in allen: Bereichen des sozialen: Lebens vor sich geht. Die politische Be^- freiung des fudentums drückt sich darin aus, daß der Jude aus* einem Objekt zum Subjekt des Staates geworden ist. In Orten, wo es jüdische Majoritäten *ibt, ist die Amtssprache der Räte jiddisch, daneben y\bt es gemischte Räte, wo z. B. die Amtsführung in jiddischer und ukrainischer Sprache vor sich'geht. Ueberall gilt das Prinzip, daß Minoritäten, also auch Juden, in ihrer Sprache bedient werden müssen. Es gfibt ein jiddisches Gerichtswesen, jüdische Miliz und ein alle Stufen umfassendes jüdisches Schulwesen. — Was n'un die ökonomische Eingliederung des Judentums anbelangt, so, ist vor allem die planmäßige Ueb'er- 'ührung der Juden in die Industrie zu .nennen — eine Million Juden soll jetzt schon' von Lohn leben —, weiters die planmäßige Förderung der Kooperativen der jüdischen Handwerker und schließlich' die agrarische Kolonisation. Welches sind nun: die Motive, die in der jüdischen Bevölkerung den Willen zur Produktivierung, zum Ueb'ergang in' produktive Berufe erwecken? 1. Das Elend des jüdischen Luftmenschen- :ums un'd Handwerkertum in den jüdischen: Kleinstädten, 2. die „Arbeitshochschätzung" in Rußland, und die daraus folgende gesellschaftliche Aechtung aller Nichtarbeitenden, 3. die Tatsache, daß bei Aufnahme in die verschiedenen Bildungsanstalten, die infolge des Mangels an Lehrern ■und Schulgebäuden, beschränkt ist, die Kinder der Privathändler zugunsten; der von Proletariern benachteiligt werden. Die Sow- Ijetregierung hat für die jüdische Kolonisation1 ein eigenes Organ — Ozet — geschaffen, das mit materieller Hilfe der ausländischen jüdischen Organisationen Joint, Ica, Ort iund Ikor — das Ziel der 'konzentrierten Ansiedlung der Juden in der Krim und inun im fremden Osten realisiert. Den' Boden stellt Idie Regierung umsonst zur Verfügung und kommt dem Kolonisten auch sonst sehr entgegen; so hat er z. B. Fahrtermäßiguing, in manchen Fällen sogar freie Fahrt zum Kolonisations'gebiet. Aus diesem Grun'de stellen sich die Kosten1 der Kolonisation relativ niedrig, Wattenberg gibt S 7000 für einen Ansiedler an. Die Zahl der bis n'ui'n angesiedelten jüdischen Familien beträgt 22.000, 'das sind also ca. 100.000 Menschen. Von der von manchen b'efrüchteten Senkung des kulturellem Niveaus1 der Juden als Folge ihrer Agrarisierung kann aus; zwei Gründen keine Rede sein : erstens befindet sich die russische Dorfkultur in aufsteigender Linie, dann findet in den Kolonien: eine physische Regeneration der Juden statt, die auch auf ihr geistiges Leben günstig einwirkt. Unter den russischen Bauern gibt es antisemitische Stimmungen, und mit großer Skepsis betrachten sie die neuen jüdischen Berufsgenossen: jetzt aber ist die technisch überlegene jüdische Landwirtschaft vielfach Lehrmeisterin der Nichtjuden. Von. entscheidender Bedeutung ist die Meinung, des sachkundigen Vortragenden über die nationale Entwicklung'des russischen Judentums .unter den neuen Bedingungen: die Ueberführung der Juden in die Industrie hat assimilierende, die Kolonisation volkerhaltende Wirkung. Wir glauben, daß die jüdische Kolonisation in Sowjetrußland diese ihre der Assimilation entgegenwirkende Kraft auch außerhalb' Rußlands bewähren könnte, und zwar jener Assimilation gegenüber, die im Zeichen des Kommunismus vor sich geht. .Durch Schaffung einer Organisation zur Förderung der jüdischen Kolonisation in Sowjetrußland könnte für Kommunisten der jüdischen Abstammung Raum zur Arbeit im Bereiche proletarisch-jüdischen Lebens geschaffen werden und sie würden sicher ein' positiveres Verhältnis zum Judentum gewinnen, als sie es bis nun zeigen. Auch aus diesem Grunde würden wir die Gründung einer Jkör in Wien aufs herzlichste begrüßen.

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