Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 12 (22.11.1929)
- Date
- 1929-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ßer jüdische Arlfeitef Palästina. Aus dem jüdischen Leben. Allgemeines. Der Wäd Leumi hat einen Aufruf in arabischer Sprache veröffentlicht, in welchem die Lügen der Hetzer widerlegt werden. — Das zentrale Hilfskomitee in Jerusalem hat beschlossen1, 150.000 Pfund zum Aufbau und zur Befestigung der zerstörten Kolonien, 200.000 Pfund für den Wiederaufbau der jüdischen Vorstädte in Sefad, Hebron, Haifa und' Jerusalem. — Die nach Palästina entsandte Untersuchungskommission setzt ihre Ende Oktober begonnene Tätigkeit mit großer Beharrlichkeit fort; sie begnügt sich keineswegs mit Einvernahmen am grünen Tisch, sondern hat auch die Schauplätze 'der Exzesse besucht. Ihr Bericht ist vor Dezember kaum zu erwarten. — Die Palästine Land Development Co. hat nördlich von Jaffa 600 Dunam gekauft und ist die Grundbuchseintragung bereits vollzogen. — Die Novomeyski Gesellschaft zur Exploitierung der Kalischätze im Toten Meer ist bereits registriert und wird demnächst mit ihrer Arbeit beginnen. — In 'der neuen Kolonie Nelijah — 40 Kilometer von Tel Aviv wurde kürzlich der Grundstein zum Bau der ersten 20 Häuser gelegt. Es leben dort bereits ca. 35 Kolonistenfamilien, die bisher in Zelten lebten. Die Pflanzungsgesellschaft Hanoteh beschäftigt dreißig Arbeiter. An der Grundsteinlegung haben auch arabische Nachbarn teilgenommen. — In Galiläa hat eine Kolonistenkonferenz beschlossen, ausschließlich jüdische Arbeiter zu beschäftigen. — Die Pika hat Aufträge für Chausseearbeiten;um 10.000 Pfund erhalten. — Nach einer offiziellen Meldung werden die Regierungsentschädigungen an die Opfer der Geschehnisse nur gnadenweise verteilt, das heißt, die Regierung erkennt eine rechtliche Verpflichtung zu 'diesen Entschädigungen ni cht an. — Ende nächsten Jahres werden die Orangenpflanzungen einen Flächeninhalt von 100.000 Dunam auf weisen, davon befinden sich 55 Prozent in jüdischem Besitz. Die Pflanzungsfläche betrug 1928 70.000 Dunam, 'davon 30.000 jüdischer Besitz, 1929 90.000 Dunam, davon 45.000 jüdisch und wird 1930 110.000 D.unam betragen, 'davon werden sich 60.000 Dunam im jüdischen' Besitz befinden. — Die aus Anlaß der Geschehnisse erlassenen Ausnahmsbestimmungen in den Städten sind bereits außer Kraft gesetzt. Der Aufenthalt auf 'den Straßen ist nicht mehr zeitlich' begrenzt. — In Givat (Kwuzah Pinsk) ist in der Bäckerei ein; Feuer ausgebrochen. Die Kuchen- und Eßbaracke fiel dem Feuer zum Opfer. — In Tel-Aviv hat die Baub'ewegung neuen Aufschwung genommen; es werden vor allem viele Zubauten: aufgeführt — Im September sind1 nach Palästina 603 Juden ein und 130 Juden ausgewandert. Vom jüdischen Ar.beiterletten*. Der Dawar — die Tageszeitung der jüdischen Arb'eiterorga;- 'nisation — wurde wegen der Veröffentlichung einer schwarzen Liste 'der Palästmaregierung eingestellt; er erscheint aber natürlich in einer neuen Form weiter. — Kfar Sebä hat sich zu einem bedeutenden Arbeiterzentrum herausgebildet. Es arbeiten dort 500 jüdische Arbeiter, die" alle in der Histardrut organisiert sind. Eben wurde eine Holzarbeitergewerkschaft gegründet. Auch das kulturelle Leben der Arbeiterschaft ist recht intensiv; ein Arbeitersportklub, eine Bibliothek lund ein Lesesaal befinden sich am Orte. Entlassungen sind für den Winter nicht zu befürchten1, da durch Schaffung einer neuen Orangerie Vorarbeiten notwendig sind. — In Benjaminah sind 350 jüdische Arbeiter beschäftigt — davon bloß 15 Prozent bei den Kolonisten, der Rest bei der Pikä. — Das Budget der jüdischen Arbeiterkrankenkassa (Kupat Cholim) ist mit 51.139 Pfund, das sind über ein Viertel Million Dollar festgesetzt worden; in dieser Summe sind die zur Schuldentilgung bestimmten Beträge nicht inbegriffen. — Die Städtverwaltung von Tel-Aviv hat die .städtischen, bei den öffentlichen Arbeiten beschäftigten Arbeiter bei einer Versicherungsgesellschaft gegen Unfall versichert. — Das jüdische Arbeitertheater Ohel ist mit der Einstudierung zweier neuer Sttücke, und zwar der „Mogilah Ester" und des sozialen Dramas von Copek RUR (in Wien mit großem Erfolg, aufgeführt) beschäftigt. Die beiden Aufführungen finden anläßlich der fünfjährigen Bestandesfeier im Frühling 1930 statt. — In Raananah — einer Kolonie unweit von Tel-Aviv —• haben 27 jüdische Arbeiter von' der „Achusah" Boden gekauft, zum Zweck, ejgene Wirtschaften zu begründen. Sie wurden vom Leiter der Achusah auf ihre sachliche Eignung, geprüft. Die Achusah kömmt den Siedlern in hoh'em Maße entgegen: sie erleichtert ihnen den Bezug von Dünger und verlangt für Benutzung der Brunnen keinen Entgelt. — Der Zuzug jüdischer Arbeiter in die Privatkolonien macht die Frage der Schaffung von Wohnungen für diese zu einer der brennendsten des Aufbaues: die Arbeiterschaft hält die Unterbringung ihrer Genossen in Zelten und Baracken für unhaltbar und fordert den Bau von Wohnhäusern für die Koloniearbeiter. Es ist in diesem Kampfe bereits ein Erfolg zu verzeichnen, die Exekutive hat 3000 Pfund für diesen Zweck bestimmt. Die arabische Bewegung. Ende Oktober fand in Jerusalem eine arabische Frauenkonferenz statt, die Beschlüsse im Sinne der arabischen Exekutive gefaßt hat. — In Sichern fand ein Schulstreik als Protest gegen den Vertreter des Leiters des Erziehungsdepartements, der die Anwendung der Prügelstrafe gegen Schulkinder verfügt hat, statt. — Der stille Kampf, der schon längere Zeit im Schöße der arabischen Exekutive vor sich' geht, wird nun in der Oeffentlichkeit ausgetragen. Die Exekutive zerfällt in drei Teile: ein Drittel bilden die Führer des moslemischen Rates, ein Drittel seine Opposition, und das letzte Drittel die christlichen Araber. Die Exekutive folgt keinesewgs in allem den Absichten des Mufti. Deshalb haben kürzlich die Zeitungen des moslemischen Rates :die arabische Exekutive angegriffen. — Wie die arabische Zeitung „Felustin" meldet haben sich über 1000 Araber an den Stadtrat von Jaffa mit der Forderung gewendet, er möge die elektrische Straßenbeleuchtung abschaffen', da den Strom das Rutenb'ergsche Elektrizitätswerk liefert. Es soll dies eine Repressalie gegen den Plan von Tel Aviv sein, ein eigenes Schlachthaus zu bauen. Wie am 6. November gemeldet wird, hat die Aktion Erfolg gehabt: die elektrische Beleuchtung in Jaffa wird auf Beschluß des Gemeinderates durch1 Petroleumb'eleuchtung ersetzt. Ueb'erdies wird seitens der Stadtverwaltung Tel-Aviv auf Schädenersatz geklagt, da sich Jaffa durch die Errichtung des SChlach'th'auses geschädigt sieht. — Nemal Husseini, der Häuptsekretär des: obersten mohamedanischen, Rates und Sekretär der arabischen Exekutive ist nach' London abgereist. — In der arabischen Zeitung „Algarneh" werden die Eingänge und Ausgaben des Hilfskomitees für 'die arabischen Opfer der Geschehnisse veröffentlicht: die Einnahmen betrugen vom 29. August bis 7. Oktober 700 Pfund1, die Ausgaben 553 Pfund. — In: Ribät Arnim fand aus Anlaß der Anwesenheit Chlancellors eine arabische Demonstration statt. Aus unserer Weltbewegung. Litauen. Zum Vorsitzenden des Verwaltungsrates der Arbeiterkrankenkassa wurde unser Genosse Friedmann gewählt. Unter den im Lande bestehenden' politischen Verhältnissen muß sich unsere Partei auf kulturelle Tätigkeit konzentrieren': der Arbeitersportklub Hakoach nimmt eine außerordentlich1 schöne Entwicklung; er entfaltet seine Tätigkeit nicht nur auf sportlichem, sondern auch auf kulturellem Gebiet und geht bei allen Aktionen für das arbeitende Palästina voran. Die von uns gegründete jüdische Bildungsorganisation „Nachman Syrkin" hielt zu Suköth' ihre erste Landeskonferenz ab. Gegenwärtig wird! eine großzügige Werbeaktion für unser Blatt „Unser Weg" durchgeführt. Polen. Die Arbeit unserer Partei in Polen war in den letzten Wochen natürlich vor allem' durch' die Ereignisse in Palästina bestimmt: einerseits muß sie einen energischen Kampf gegen den „Bund", der die Geschehnisse für seine Parteizwecke zu verwerten sucht, führen, andererseits dem verstärkten Palästinainteresse der Mitgliedschaft Rechnung tragen. Der Kampf wurde in 100 Versammlungen', durch Plakate und in der „Freiheit" geführt. Die erhöhte Palästinaarbeit kommt darin zum Ausdruck, daß die neugewählte Leitung des Warschauer Hechalüz rein poalezionistisch ist, und in den zwei wichtigsten Hachscharahfarmen 80 Prozent der arbeitenden Chaluzim der Poale Zion angehören. Es ist auch gelungen, eine Gewerkschaftsfraktion für das arbeitende Palästina durchzuführen. Das Zentralkomitee hat für den 26. Dezember einen Parteitag einberufen, dessen Dauer auf 3 Tage berechnet ist. Tschechoslo vakei. Unsere Organisation in Brünn hat/einen jüdischen Arbeitsnachweis geschaffen, der insbesondere jungen Juden, die aus den östlichen Teilen der Republik einwandern, zugute kommt. In Brünn wurde auch eine Arbeitsgemeinschaft poalezionistischer Hochschüler gegründet. Bei den am 10. November in Prag stattgefundenen Kultuswahlen hat unsere Organisation trotz eines unmöglichen Wahlverfahreris ein Mandat erobert. Deutschland. Die deutsche Poale-Zion beruft ihren Parteitag für den 20. November ein. Den Hauptgegenstand der Konferenz wird die Stellung der Organisation zur allgemeinen zionistischen Organisation bilden, m welcher Frage sich Meinungsverschiedenheiten herausgebildet haben. Belgien. Am 27. Oktober fand in Antwerpen die Beratung unserer belgischen Organisation statt, die von allen Ortsgruppen beschickt war. Gleichzeitig fand die Einweihung des Antwerpener, Parteiheimes statt. Es wurde beschlossen, die jüdische Arbeiterschaft in Berufsorganisationen zusammenzufassen und sie der belgischen Gewerkschaftsorganisation zuzuführen. Weiters wurde die Gründung eines Informationsbureaus beschlossen, das die Aufgabe haben wird, die belgischen Genossen über unsere Bewegung und Arbeit m Palästina zu informieren. A m e r i k a. Vom 25. bis 27. Oktober fand eine Beratung unserer Partei in Buffalo statt. Das Verb'andsbiireau ist bisher nur in der Lage mitzuteilen, daß die Konterenz seine Haltung während der Ereignisse in Palästina gebilligt hat. Weiters wurde beschlossen, die Bildung einer Chaluzgruppe anzuregen, die Tätigkeit für den politischen Fonds zu intensivieren, unter den amerikanischen Arbeitern Solidaritätserklärungen für das arbeitende Palästina zu sammeln1. Andere politisch wesentliche Beschlüsse beziehen sich1 auf den Ischucl, ihr Wortlaut wird uns demnächst zukommen. Wien. Gen Ti berichtet: Am 12. November, als die Wiener Arbeiterschaft ihren Willen zur Republik, ihre Bereitschaft zur friedlichen Arbeit aber auch ihre Entschlossenheit zum Kampfe bekundete, da konnte man auch die Poale Zion zusammen mit den Genossen der S. P. für die gemeinsamen Forderungen demonstrieren sehen. Unser Aufmarsch1 gestaltete sich imposant. Voran 60 Jungordner, lauter stramme Jungens, die den ganzen Tag schwere Arb'eit leisten und die gerne dem Rufe der Partei Folge geleistet haben. Dann kam die Jugend der I. S. A. J., die sich Deputationen des HaschomerrHazair und Brith-Hamischmar anschlössen. Den Schluß des Zuges bildeten die älteren Genossen der P. Z. | An diesem Tage haben wir deutlich gezeigt, daß jdie Poale Zion nicht nur in der zionistischen Bewegung, sondern auch in der sozialistischen; ein ernst zu nehmender Faktor ist. Am Abend fand in unserem iHeim eine Repub'likfeier statt. Der Festsaal war bis 'laut den letzten Platz gefüllt. Nach der Festrede des iGen. Sokäl spielten die Gen. Lichtenfeld und Winter •jüdische und revolutionäre Lieder, die vom Publikum mitgesungen wurden. Genosse Oskar Cohn 60 Jahres Genosse Oskar Cohn (Berlin) feierte vor kurzem seinen 60. Geburtstag. Seine Entwicklung ist typisch für das innere Werden eines westlichen Poalezionisten: in der deutschen Sozialdemokratie stehend — er war führendes Mitglied der U. S. P. —, ist er sich1 seiner jüdischen Volkszugehörigkeit im Kriege bewußt geworden; er ist heute der Vertreter unserer deutschen1 Bruderpartei in; der Berliner!(Kultusgemeinde und wirkt darüber hinaus führend in allen jüdischen sozialpolitischen Organisationen. Auch wir Wiener Poalezionisten beglückwünschen Genossen Cohn aufs herzlichste!. Das jüdische wissenschaftliche Institut in Wilna. Die kürzlich in Wilna stattgefundene Konferenz des Instituts hat einen glänzenden Verlauf genommen. Die Eröffnung — unter Vorsitz Salman Reisens — hatte überaus solennen Charakter; bei der wissenschaftlichen Sitzung sprach Palutzky über „Jiddische Dialektologie", Schipper über die Geschichte des Vierländerrates, Jakob Leszinsky über die ökonomische Entwicklung im Deutschen Judentum des 19. Jahr-: hunderts, und Ringelblum über die Judenfrage in der polnischen Presse des 19. Jahrhunderts. Am zweiten Tage fand unter riesiger Beteiligung der jüdischen Bevölkerung die Grundsteinlegung für das Gebäude des Institutes statt. Der dritte Tag war der Behandlung finanzieller und organisatorischer Fragen gewidmet. Von den Resolutionen ist der Protest gegen die Angriffe aut das jiddische Schulwesen hervorzuheben.