Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1929-11-22 · Heft 12 (22.11.1929) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 12 (22.11.1929)
Date
1929-11-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2641551-2641584-2641596--255-2642193
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint jeden zweiten Freitag Redaktion und Administration: Wien, IL, Blumauergasse l/HI Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljahrig. S 1.20 halbjährig . . „ 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 12. Wien, 22. November 1929. 6. Jahrgang. 7 Richtet, aber tötet nicht! Das Interesse der gesamten Bevölkerung Palästinas und' der Zionistenschaft aller Richtungen im Galut ist heute von zwei wichtigen Vorgängen im Lande absorbiert; sowohl die Tätigkeit der Untersuchungskommission, die von der englischen Regierung nach Erez Israel entsandt wurde, um die p olitische Schuldfrage in Sachen der blutigen Geschehnisse aufzuklären', als auch' .die Arbeit der Rich1ter, die die individuellen Schuldfragen zu beantworten haben, werden von uns allen mit gespannter Aufmerksamkeit, die auch von: der langen1 Dauer dieser Untersuchung und der großen Zahl dieser Prozesse nicht abgeschwächt wird1, verfolgt. Zahlreiche .Gerichtsverhandlungen stehen noch1 bevor, und auch' die Untersuchungskommisston wird wohl kaum vor Weihnachten ihren Bericht der Oeffentlichkeit übergeben können. Trotzdem sind ihre Untersuchungen schon, weit genug gediehen, und es haben auch1 die Gerichte eine grolle Zahl von Urteilen bereits gefällt, so daß man diese ganze Aktion der englischen1 Man'datarmacht vom Standpunkte der zukünftigen1 Gestaltung der Lage iir Palästina und des Verhältnisses der Araber zu1 den Juden vor allem beurteilen1 kann Es soll hier nicht davon die Rede sein, daß die Untersuchung der aus Engländern aller Parteirichtungen zusammengesetzten Kommission schon jetzt den Beweis erbracht hat, wie recht der Jischüw hatte, als er gegen die Administration den schweren Vorwur erhob', daß mit etwas mehr Voraussicht, ja sogar mi etwas mehr guten Willen viel Unglück hätte verhüte werden können, dies gehört zum Kapitel der englischen Verwaltungskunst, aber auch zum Kapitel der vielgerühmten „traditionellen Judenfretindsehaft des englischen Volkes", über die man sich noch' heute im Zionismus so großartige Illusionen macht. Viel wesentlicher aber ist es, daß die Untersuchung auch die Behauptung unserer Freunde im Lande bestätigt hat, daß die Unruhen niemals den furchtbaren Umfang angenommen hätten-, wenn der religiöse Fanatismus der arabischen Massen nicht durch die in der Sudelküche des Mufti und der anderen die Interessen der arabischen Großgrundbesitzer vertretenden Hetzer bereiteten wilden Nachrichten von der Bedrohung der mohamedänischen Heiligtümer durch1 die Juden aufgestachelt worden wäre. Diejenigen, die bewußt und planmäßig diese Gerüchte in die arabischen Massen hineingetragen haben, sie gehen aus der Untersuchung als die wahr e n Schuldigen hervor. Das festzustellen ist wichtig, wenn man den' Sinn der Gerichtsurteile in Palästina verstehen will: während die Hetzer, die den Zionismus bekämpfen, weil sie die soziale Revolutfonierung des arabischen Pro-, letariats als Folge der öko n o nris c h e n Entwicklung des Landes befürchten und dieses verelendete und daherbeutegierige Proletariat zu Raub und Mord verleiten, vom Arm der Gerechtigkeit nicht erreicht werden', sie, die bloß ihre Vollzugsorgane waren, verfallen dem Urteil des strengen Gerichtes. Man mißverstehe uns nicht: nichts liegt uns selbstverständlich' ferner, als die Taten' derer, die ihre Hemmungslosigkeit nunmehr zu verantworten haben, verstehen und verzeihen zu wollen. Das darf uns aber nicht hindern festzustellen, daß auch hier — wie überall im kapitalistischen Weltraum — die Gerichtsbarkeit klassenmäßig funktioniert, indem die wahren' Schuldigen -weiter ihr Vergiftungswerk fortsetzen dürfen, während ihre Werkzeuge für ihre Handlungen einstehen und sie büßen müssen , und äuszusprechen, daß ein großer Teil der 792 Araber, die bis zum 20. Oktober verurteilt wurden, ohne die Agenten der arabischen Bourgeoisie niemals vor den Richter gekommen wäre. Diese Verurteilungen sind' nicht nur ein Abschluß der Ereignisse der Vergangenheit, sie werden auch die zukünftige Gestaltung der Beziehungen zwischen Juden und Arabern beeinflussen': sie werden — darüber kann kein Zweifel bestehen — die Arbeit der Friedensfreunde auf beiden Seiten erschweren'. Dies gilt von allen' Urteilen', gilt aber vor allem1 von den Todesurteilen: hat 'das'.Blut, das in Palästina vergossen wurde, eine Kluft zwischen beiden Völkern geschaffen, 'deren Ueberb'rücküng wohl ein Werk von Jahrzehnten sein' wird, das Blut, das durch' Vollzug "dieser Urteile fließen würde) könnte die Verständigung überhaupt!unrnöglich' m:?u:h;eft!. . j. Wir Sozialdemokraten' sind Gegner 'der Todesstrafe aus Prinzip: auf dem Wege der Demokratie die gewaltlose Gesellschaft anstrebend, wollen wir schon in der gegenwärtigen Ordnung, die Anwendung der Gewalt auf ein' Minimum eingeschränkt wissen'. Auch 'die Todesstrafe gegen1 Mörder erscheint uns sinnlos: eine Gesellschaft, die das Töten bestraft, indem sie Menschen zum berufsmäßigen Morden anstellt, sanktioniert dies Töten als unter Umständen gesellschaftlich' notwendige Arbeit. Aus diesen Erwägungen heraus fordern wir schon jetzt, bevor die Todesurteile in Palästina rechtskräftig geworden' sind1, daß ihre Vollziehung in jedem Falle unterbleibe. Aber auch an alle diejenigen, die nicht diese unsere Auffassung teilen, die aber wissen, daß die friedliche Gestaltung der Verhältnisse im Lande die Grundb'edin gung der Fortsetzung unseres Aufbauwerkes ist, rieh ten wir die Forderung: helfet uns innerhalb1 der Agency eine Bewegung zu entfachen, die die Nichtvollziehung 'der gefällten Todesurteile anstrebt. Man vergesse nicht: Die Durchsetzung dieser Forderung wird einen Kampf verlangen. Keinen Kampf innerhalb' des Zionismus — in dieser Frage wird wohl eine Einheitsfront von den. Revisionisten bis zum Breth ha Schälom bestehen, dessen deutschem Führer Martin Bub'er der Dank gebührt, die Oeffentlichkeit auf diese dringendste Notwendigkeit der Stunde als erster aufmerksam gemacht zu haben — vielmehr einen Kampf gegen jene unsere Feinde unter den britischen Machthab'eru in Palästina, die gerne bereit sein werden, durch strenges Festhalten am Buchstaben des Gesetzes unser. Werk in seinen Grundlagen zu erschüttern1. Darum sofort an die Arbeit, die am besten die Form der Vorbereitung einer Petition der Ü'dischen Massen im Galut und in Palästina annehmen sollte, eine Petition an' die maßgebenden Instanzen mit der Forderung: Richtet, aber tötet nicht! Konkurrenzlose Angebote in Persistier Fohlen und Klauenmärttel sowie Sport« und Stadtpelie bei Jakob Ebner Bei lr:nso h n: :; Wege zur Verständigung. Unser Wille zur Verständigung mit dem arabischen Volke ist nicht das Ergebnis der letzten Geschehnisse im Lande; der größte Teil des Jischuw hat schon lange vorher diesen Willen zum Ausdruck gebracht. Praktisch wurde aber in dieser Richtung leider sehr wenig geleistet — ja, die wenigen Ansätze praktischer Verstän'digungsarb'eit, wie das diesem Zwecke gewidmete Ressort der palästinensischen Exekutive, die arabische Zeitung, der Histadruth, wurden1 wieder zunichte gemacht. Die Führung in dieser Verständigungsarbeit, die sofort und mit aller Energie durchgeführt werden; muß', wird die Arbeiterschaft übernehmen müssen. Der Frage 'der Organisierung der arabischen Arbeiterschaft wird die Histadrut größere Aufmerksamkeit zuwenden müssen: nur so wird eine Schichte im arabischen Volke erstehen1, die uns verstehen wird.^Gewiß wird es zuerst nur eine an Zahl geringfügige Schichte sein, ihr Einfluß im gesellschaftlichen Leben des arabischen Volkes wird nicht allzu groß sein1. Trotzdem müssen wir endlich'' den ersten Schritt tun, um der proletarischen Solidarität und um unserer eigenen Zukunft willen. Unser' Verständigungswille ist oft genug deklariert worden,, nunmehr gilt es ihn praktisch durchzusetzen! Wir müssen unsere Stellung zur Frage der parlamentarischen Volksvertretung im Lande ändern. Das Ausland einschließlich des arabischen glaubt im Mufti und seiner Clique die Repräsentanten der palästinensischen Araber sehen zu müssen; man hat also den Eindruck, als ob alle palästinensdischen Araber Todfeinde unserer Arbeit wären. Wir sind überzeugt, daß dem nicht so ist, daß gewisse Schichten des arabischen Volkes, wenn volle Meinungsfreiheit bestünde, mit uns gehen würden. Jedenfalls aber ist' es sicher, daß große Teile, vielleicht sogar die Majo- . rität der Araber einen Kampf gegen unsere Todfeinde, den Jerusalemer Mufti und die Husseins führen würden. Das Fehlen einer demokratischen Volksvertretung macht die Differenzierung des arabischen Volkes unmöglich und ermöglicht so die Usurpierung der Macht durch1 den Mufti. Die friedliche ökonomische Entwicklung des Landes liegt im Interesse beider Völker; unabhängig von allen proletarischen' Fragen wird sieh eine gewählte Körperschaft bemühen', gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhüten. Und das ist für uns im gegenwärtigen Augenblick das Entscheidende. Es ist selbstverständlich, daß uns unsere im Mandat verbrieften Rechte auf freie jüdische Einwanderung und Kolonisation garantiert werden müssen, bevor noch überhaupt über die Einführung irgendeines parlamentarischen Regimes verhandelt wird. Im übrigen dürfen wir uns keinen Illusionen1 hingeben! Alle unsere Vorschläge lassen sich erst in vieljähriger Arbeit realisieren, ihre Auswirkung wird erst recht lange auf sich1 warten lassen. Und selbst ihre Verwirklichung wird die Gefahr neuer Ueberfälle auf 'den Jischuw nicht beseitigen, sie macht sie nur weniger wahrscheinlich'. Gegenwärtig, gibt es keine organisierte arabische Oeffentlichkeit, mit der man verhandeln kann, und von der man annehmen kann, daß sie ihre Verpflichtungen erfüllen wird. Trotz besten Willens auf beiden Seiten1* wären jetzt Verhandlungen unmöglich'. Dennoch müssen wir mit eiserner Geduld eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens schaffen. Aber auch von ihrer Entstehung dürfen wir unsere Arbeit nicht abhängig, machen: unsere Häuptsicherung ist unser Jischuw im Lande. Einwanderung und Kolonisation sind im Grunde unsere einzige Rettung! Wien» VII., Kirchensasse Nr. 31 Telephon B*33*8*6l

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.