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Der Jüdische Arbeiter · 1929-11-08 · Heft 11 (8.11.1929) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 11 (8.11.1929)
Date
1929-11-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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D«r jüdiseh« Azbäkt tfKjgSAji #■ OQIQ Hl Glossen. iM u ß d a s s ei n? Genosse Karl Renner hat gele- [gentlich eines Prozesses den Erpresserverteidiger |üürtler „Dr. Tarnopql" genannt: wenn wir auch Mauben, daß Entschlüpftes in höherem Grade für [die wahre Gesinnung charakteristisch ist als wohlübef- [legt Gesagtes, immerhin, es war eine Entgleisung! Was soll man aber dazu sagen, daß der Gerichtsaalberichterstatter der „Arbeiter-Zeitung" am 1. November; |dieses Wort wieder verwendet? Wenn es für diesen sonderbaren Genossen schon keine prinzipiellen Gründe gibt, seine antisemitischen Ausfälle zu unterdrücken, so möge doch der Chefredakteur verhindern, daß in einer Zeit, da es so sehr auf das Zusammenhalten aller Parteimitglieder ankömmt, wir jüdischen Sozialdemokraten, die wir uns mit den Tarnopoler Juden solidarisch fühlen, in unserem Zentralorgan beleidigt I werden! * Herrn Bedas Nachfolger. Nachdem die [Hakoah Herrn Beda vor die Türe gesetzt hat, schien er dem Lippowitz keine genügende Autorität in jüdi- I sehen Dingen zu sein; und so begab er sich auf die [Suche nach einem anderen „konservativen staatstreuen Juden". Seine Wahl fiel auf Nathan Birnbaums Sohn, Uriel Birnbaum, der bisher — mit größerem Talent — nur im Bereiche der Kunst produktiv war. Herr Birnbaum bringt allerdings eine neue Note in die jüdische Heimwehrpublizistik: während Beda mehr mit „fiskalischen" Argumenten operiert, ist Herrn Birnbaum die ethisch-religiöse Betrachtung näher. Er wirft den jüdischen Führern des Sozialismus vor, daß sie (kein: Verständnis für die bischöflichen Erlässe gegen nackte Arme und kurze Kleider haben .und Pazifisten sind! Der erste Vorwurf zeigt, daß Muckertum inter-. konfessionell ist. Und was die Kriegsfreudigkeit des Herrn Birnbaum betrifft, so ist er selbst Kriegsopfer: nun, wer durch Schaden nicht klug wird, dem ist eben nicht zu helfen! „Die Philosophie in der modernen hebräischen Literatur" von j. Heller aufmerksam gemacht. (Ig. 34/1, 2.) Nach einem knappen geschichtlichen Ueberblick wird die Gegenwartslage derart dargestellt, daß die Uebersetzungsarbeit klassischer Werke ins Hebräische vorwiegt. Als zentrale systematisch philosophisch schaffende Persönlichkeit in der hebräischen Literatur wird Jakob Klatzken bezeichnet und sein Werk analysiert. * Zeitschriftenschau. Unsere technisch interessierten Genossen machen wir auf den in der „Umschau" (Heft 14) von Doktor Loewengart veröffentlichten Artikel „Wasserversorgung Palästinas" aufmerksam, dessen Textteil von wundervollen Bildern, die dem Werke „Palästina" (Meyer u. Jessen) entnommen sind, durchsetzt ist. Die technischen Ausführungen mögen sie selbst nachlesen; hier wollen wir nur das Urteil (anführen, zu welchem der Verfasser bei der Betrachtung dieses für den Palästinaaufbau so wichtigen Problems kommt: „Zweifellos sind in Palästina Wassermengen vorhanden, die eine intensive Kolonisation sämtlicher aus anderen Gründen dazu geeigneter Bodenflächern zulassen. Erforderlich ist jedoch eine genaue Beachtung der geologischen und technischen Bedingungen, damit kostspielige Fehler vermieden werden können." * In der „Gewerkschaftszeitung" (Organ des allgemeinen Gewerkschaftsbundes) in Deutschland veröffentlicht F. K. einen Aufsatz über die Gewerkschaft der Bekleidungsarbeiter in Amerika, deren Bedeutung insbesondere für das jüdische Proletariat,, das ja vornehmlich' in der Bekleidungsindustrie beschäftigt ist, er voll und ganz gerecht wird. Er schreibt: „Die Pioniere mußten alles aus eigener Kraft schaffen, denn die alten Gewerkschaften zeigten nie Lust, sich um die armen, sprachfremden Juden der Ostseite zu kümmern. Zum Glück hatten viele von den jüdischen Konfektionsarbeitern aus Rußland und Polen revolutionäre Gesinnung mitgebracht, die den gewerkschaftlichen Pioniieren zustatten kam . . . In kurzen drei Jah'rfünften ist es gelungen, nachgerade alle Mittelpunkte der Konfektion zu organisieren. Der Verband zählt heute an die 150.000 Mitglieder. Er ist eine der wenigen sozialistischen Organisationen Amerikas. Von den sieben Verbandszeitungen in verschiedenen Sprachen hat die jiddische die stärkste Aufläge. . ." * Die zentrale Aufgabe unserer praktischen Palästinaarbeit im Galuth' ist die Schaffung von Farmen, in welchen die Pagästinaeinwanderer für den landwirtschaftlichen Beruf ausgebildet werden. Es dürfte nun interessieren, daß nach dem „Wochenbericht" des Wanderungsamtes des Bundeskanzleramtes (Nr. 8, 10) auch' die englische Sozialpolitik das Problem der Ueberführung der in städtischen Berufen Stehenden in die Landwirtschaft in ähnlicher Weise löst: durch Errichtung von Farmschulen (bis jetzt 13), in welchen Auswanderungslustige in Bodenbearbeitung unterwiesen werden. * Genossen1, die sich1 für Philosophie interessieren, sej auf den in K a n t s t u d i e n erschienenen Aufsatz Der bekannte russisch-jüdische Sozialökonom Boris Brutzkus veröffentlicht im „Archiv für Sozial Wissenschaft und Sozialpolitik" 61/2 eine Studie über „die Lage der Juden (in Rußland vor und nach der Revolution". Die Arbeit gibt ein außerordentlich' übersichtliches Bild der Egtwicklung des jüdischen Wirtschaftslebens in Rußland. Für die drei Jahrzehnte vor Kriegsausbruch bringen wir folgende typischen Feststellungen des Autors: „Ein Volk von Vermittlern zwischen Gutsherren und Leibeigenen, von Schankurrteii und kleinen Händlern erfuhr jetzt eine neue berufliche und soziale Gliederung. Die jüdischen Arbeiter in der Kleinindustrie schufen ihre gewerkschaftlichen Organisationen und kämpften nicht ohne Erfolg für die Besserung ihrer Lage". In der nachrevolutionären Zeit ändert sich die Lage der jüdischen Massen mit dem Phasenwechsel der russischen Wirtschaftspolitik. Kriegskommunismus bedeutet ihre Verelendung, denn „der Kampf gegen die private Wirtschaft ist ein Kampf gegen das Juden tum". Die Nep mit ihrer Förderung des privaten Handels bedeutet teilweisen Aufstieg, die kommuni stische Reaktion von 1924 Lahmlegung der jüdischen Industrietätigkeit, Verringerung der jüdischen Ar beiterzahl. In diese Zeit fällt auch die verhängnisvolle Vernichtung des jüdischen Lehrlingswesens. Im Jahre 1925 setzt die Neonep ein, mit ihr. die Erneuerung des Handwerks, Entstehung der „Kustargesellschaften", eine. Art von Handwerkerorganisationen (1926: 300 mit 100.000 Mitgliedern),der Darlehenskassen (1926: 85.000 Mitglieder). Doch dauert dieser Aufschwung nur 1 Vs Jahre; nach dieser Zeitspanne setzt wieder eine stärkere Betonung des kommunistischen Prinzips ein, was wieder die Zerstörung der jüdischen Privatindustrien, Vergrößerung der; jüdischen Arbeitslosigkeit, und Rohstoffmangel der jüdischen Handwerker zur Folge hat. Die jüdische Kieinstadt verelendet vollkommen. „Die Bevölkerung der Kleinstadt stirbt dreimal am Tage vor Hunger. Die einzige Nahrung in der Kleinstadt besteht aus Kartoffeln". (Frucht, Konferenz der jüdischen Bauern in Weißrußland.) Welches Ergebnis hat nun diese so wechselyolle Entwicklung des jüdischen Wirtschaftslebens schließlich gezeitigt? Brutzkus, der Schicksalsgenosse Trotzkys, ist objektiv genug, seiner Ansicht folgende Formulierung zu geben: „Es muß zugegeben werden, daß gewisse neue Möglichkeiten der jüdischen Bevölkerung durch die Revolution eröffnet werden. Es entstand ein jüdisches Beamtentum, eine gewisse Zahl Juden wurden als Arbeiter in Staatsunternehmungen angestellt, neue bedeutende Mittelpunkte der jüdischen Landwirtschaft wurden errichtet". Was das jüdische Kulturleben anbelangt, so gibt der Autor unumwunden zu, daß die Sowjetregierung die Entwicklung der we ltliehen jüdischen Kultur in hohem Maße fördert. * Im hebräjschen Zentralorgan,der zionistischen Organisation, H aolam (Nr.-13, 14) rechnet S. Hakt in (das arbeitende Palästina und seine Kritiker) mit den Revisionisten aber auch mit der tendenziösen Berichterstattung des Haolam selbst ab;, insbesondere weist er die revisionistischen Angriffe auf den Hamaschbir und den Solei boneh zurück. Daß die Revisionisten den Ehrennamen jüdische Hackenkreuzler ehrlich verdienen, geht aus folgenden Sätzen, die Haktin aus dem Doar Hajom zitiert, hervor: „Die Arbeiterorganisation stört und gefährdet den nationalen Aufbau, sie ist eine Last" ... * Im Maih'eft der preußischen Jahrbücher veröffentlicht Felix Emmel einen Bericht über seine Orientreise und kommt auch in objektiver Weise auf das jüdische Aufbauwerk in Palästina zu sprechen. * Die „Internationale Rundschau der Arbeit", herausgegeben vom Internationalen Arbeitsamt in Genf bringt im fünften Heft des laufenden Jahrganges einen ausführlichen Bericht über die Vertriebsgenossenschaft der jüdischen Orangenpflanzer „Pardes". Jüdische Arbeiterjugend. Zur Arbeit der jüd.-soz. Arbeiterjugend. Die Grundtatsache des Organisationslebens in allen seinen Formen, daß es nämlich bei aller Anerkennung der Notwendigkeit einer integralen Arbeits-, leistung stets ein besonderer Arbeitszweig ist, der für die Tätigkeit einer Organisation in einer bestimmten Periode charakteristisch ist, kommt natürlich auch in der Arbeit unserer Jugendorganisation zum Ausdruck: in den letzten zwei Semestern war es das Bestreben, die jüdische Jugend Wiens auf den Weg zum jüdischen Sozialismus zu bringen, sie in die Kampffront für das arbeitende Palästina einzugliedern, das der Arbeit unserer Jugendlichen den Stempel autgedrückt hat. Und dieses ihr Streben war von großen Erfolgen gekrönt: die Mitgliederzahl der Jugendorganisation ist gewachsen und darüber hinaus ist es durch die Schaffung des Kartells zionistisch-sozialistischer Jugendorganisationen gelungen, den Aktionsradius der jüdisch-sozialistischen Jugendbewegung und ihre Schlagkraft zu vergrößern. Die Eroberung eines Mandats für das arbeitende Palästina bei der Kongreßwahl war nicht zuletzt dieser organisatorischen Tat unserer Jugendgenossen zu danken. Und doch, Freunde, ihr, die ihr ja weit davon entfernt seid, euch nunmehr eitler Selbstzufriedenheit hinzugeben, werdet es nicht übelnehmen, wenn wir auf die Grenzen auch eurer Organisations-;und Werbetätigkeit hinweisen. Es war, Genossen, vor allem die zionistische Peripherie, die ihr dem jüdischen Sozialismus nähergebracht habt. Und wie wichtig, wie entscheidend Wichtig es auch ist, daß die jüdische, zionistisch orientierte Jugend, soweit sie dafür sozial, intellektuell und moralisch reif ist, eurer Organisation eingegliedert wird, das heißt, für die Sozialdemokratie ,u n d für die spezifischen: Aufgaben des Poale-Zionismus innerhalb derselben gewonnen wird, und soweit sie noch nicht, für eine klare sozialistische Entscheidung in Fragen der Landespolitik reif ist, zu-, mindest in den Dienst des arbeitenden Palästina gestellt wird — so wesentlich Genossen diese Ziel-, setzun'g auch ist, so lange ihr mit eurer Werbearbeit in intensivster Form nicht auch, im Lager der assimilatorischen und vielfach gar nicht assimilierten jüdischen Jugend sozialdemokratischer Gesinnung einsetzt, insolange ist eure Arbeit unvollkommen! Ueber die .Form dieser Arbeit werdet ihr euch' selbst schlüssig werden müssen: uns scheint auch hier der Weg, den ihr bei der Gründung des Kartells gegangen seid, gangbar. Die in der S. A. J. organisierten sozialdemokratischen Jugendlichen jüdischer Abstammung sind mit ihrer Organisation aufs tiefste verbunden, in ihr fanden sie die Erfüllung ihrer Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach überindividuellem Leben: es ist Utopie zu glauben, daß sie den Schwerpunkt .ihres sozialen Seins jemals aus der S. A. J. in eure Organisation verlegen könnten. Dieser Tatsache werdet ihr Rechnung zu tragen haben iund vor allem an diese unsere Genossen wissen von der Renaissance des Judenfums, den Formen seiner Verweltlichung, von der äischen Arbeiterbewegung im Osten und Palästina heranbringen müssen: gebt ihnen nur dies Wissen von den Grundtatsachen unserer Bewegung und dieses Wissen wird sich von selbst in ihnen zum Bewußtsein steigern, daß es hier um eine Sache geht, die die ihrige ist, für die auch sie aktiv die Verantwortung übernehmen müssen. Daß sich dieses Zurückfinden zum Judentum auch gese'.'schaftsbildend auswirken wird, unterliegt keinem Zweifel: welche Form die Beteiligung der .nichtpoalezionistischen Jugend sozialdemokratischer Gesinnung an der Arbeit für das sozialistische Palästina und am jüdischen Kulturleben annehmen wird, wollen wir ihr selbst überlassen. Wir haben oben festgestellt, daß das Schwergewicht der Arbeit unserer Jugendorganisation im Bereiche der Werbe- und Organisationsarbelt lag: und die Jugend ist selbstkritisch genug, um einzusehen, daß dies auf die Dauer ein unhaltbarer Zustand ist, daß nun'endlich die Kulturarbeit in den Vordergrund treten müsse. Wie sollte dem auch anders sein: muß denn die jüdisch-sozialistische Jugend nicht erkennen, daß auf der Naturtatsache des jüdischen Volkes eine jüdisch-sozialistische Bewegung nicht aufgebaut werden kann, weil vom international-sozialistischen Standpunkt aus eine Differenzierung der proletarischen Bewegung nur mit der Notwendigkeit der Befriedigung der spezifischen s o z i a 1 k u 11 u r e 11 e n Bedürfnisse sich rechtfertigen läßt? Alle Arbeiterbildungsbestrer bungen haben letztlich den Sinn der Eingliederung des Proletariats in die nationale Kult u rgemeinschäft: und sollte es der jüdischen Arbeiterjugend vorbehalten sein, auf die Aufnahme der Kulturgüter ihres Volkes zu verzichten? Nicht also das „ob", nur das „wie" der Kulturarbeit steht zur Diskussion. Mit leider sehr geringen Ausnahmen ist bis nun die westjüdische Jugend in einem vom Standpunkt der Erhaltung des Judentums tragischen Irrtum be* fangen gewesen: sie glaubte, daß jüdische Kulturarbeit wesentlich Sache der Gemeinschaft, eine Kollektiv arbeit ist. Konkret ausgedrückt: sie hat den

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