Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 10 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2641551-2641584-2641594--247-2642183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 9 Der jüdische Arbeiter Seite 3 Politik der bürgerlichen Parteien geworden1 ist: für oder gegen den Faschismus, das ist die Frage, die das Bürgertum nun endlich beantworten wird müssen. Das Proletariat sieht der Entscheidung ruhig entgegen: unser Linzer Programm weist uns den Weg, den! wir zu gehen haben. Wir lehnen die Gewalt als Mittel zur Eroberung der Staatsgewalt ab, bejahen sie aber zur Abwehr all derer, die uns den; friedlichen, demokratischen Weg zur Macht gewaltsam verrammeln wollen. Wir hoffen, daß die Besonnenen unter den politischen Führern des Bürgertums den Frieden wählen werden; wollen sie aber den Krieg, dann — 'das geloben wir in dieser ernsten Stunde — wird das jüdische Proletariat und die jüdische Jugend Oesterreichs am Platze sein, um mit dem gesamten österreichischen Proletariat zu siegen oder unterzugehen! Die achte Weltkonferenz. Unsere Weltbewegung mußte im letzten; Jahrzehnt schwere Erschütterungen durchmachen. Die Spaltung "der Bewegung nach Kriegsende, der Kampf um die Vereinigung der „Ziomsten-Sozialisten" haben eine tiefgehende Krise in unserer Weltbewegung hervorgerufen. Wenn wir jetzt rückblickend die mit größter Erbitterung geführten Kämpfe zu beurteilen versuchen, finden wir, daß. sie keine Folgen organischer Fehler unserer Bewegung, sondern Erscheinungen der Entwicklung des Wachstums der jüdischen Arbeiterbewegung waren. Die Spaltung der Bewegung, inwiefern für sie nicht die ideologischen Unterschiede zwischen Kommunismus und Sozialismus von entscheidender Bedeutung waren, war eine Folge der Verschiedenheit i n der Einschätzung des i n E n t w i c k 1 u n g b egriffenen arbeitenden Palästinas. Im Kampfe um die „Vereinigung"' spielten Vorurteile und überlebter Dogmatismus eine hervorragende Rolle. Erhebliche Teile der Bewegung konnten mit der Entwicklung des jüdischen Lebens nicht Schritt halten, übertrieben ungeheuer den Sprachenkampf. Unsere Bewegung hat beiden Erschütterungen standgehalten. Die achte Weltkonferenz mußte abermals ein. Hindernis überwinden, das im Falle eines Versagens eine Erschütterung der Weltbewegung hervorrufen hätte können. Auch diesmal ist 'die richtige Lösung) gefunden worden. Es bestand die ernste Gefahr, daß, im Gegensatz zu den Erkenntnissen des Poalezionismus, hüben wie drüben die fundamentalen Unterschiede zwischen der Struktur und der Funktion der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina und in allen Ländern der Diaspora verkannt werden. Diese Verirrung wäre ein Verhängnis für unsere Bewegung geworden. Die Beschlüsse der achten Weltkonferenz über die Vereinigung der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina und ihre Auswirkung auf die gesamte Bewegung, die an anderer Stelle unseres Blattes veröffentlicht werden, beweisen, daß unsere poalezionistische Erkenntnis gesiegt hat. Es ist gewiß bedauerlich, daß die Verschiedenheit, die sich zwischen der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina und unserer Brüderparteien in den anderen Ländern offenbart hat, zu einer vorübergehenden Lockerung!des gegenseitigen Verhältnisses führen wird, aber es ist absolut kein Grund zur Beunruhigung vorhanden. Diese Verschiedenheit kann die Einheit der Weltbewegung nicht sprengen. Die schöpferische Tat des arbeitenden Palästina und für dasselbe im Galut ist in unserer gesamten Bewegung tief genug verankert, als daß ein Abweichen von1 der Linie, die unsere Bewegung im letzten Jahrzehnt eingehalten hat, zu befürchten wäre. Die Lösung, die die achte Weltkonferenz für die Frage der Vereinigung der jüdischen Arbeiterbewegung gefunden hat, ist die einzig mögliche. Jetzt gilt es, die Bewegung zu kräftigen, ihre organisatorische Schlagkraft zu heben. Davon hängt es in erster Reihe ab, wie rasch wir die Episode nicht normaler Beziehungen zwischen den Teilen unserer Bewegung beendigen werden. S. Der 16. Zionistenkongreß. Der 16. Zionistenkongreß ist vorüber und es ist nunmehr unsere Aufgabe, seine Ergebnisse vom Standpunkt des arbeitenden Palästina zu beurteilen. Das wichtigste Problem, vor welchem dieser Kongreß stand, war die Frage der Erweiterung der Agency, der Heranziehung der nichtjüdischen Kreise innerhalb des Judentums zur Mitarbeit am Palästinawerke. Die jüdische Arbeiterschaft ist für die Erweiterung eingetreten: sie wußte, daß die jüdische Kolonisation in Palästina befristet ist, daß', wie Genosse Kaznelsen in der Generaldebatte ausführte, im Lande eine große arabische Bodengesellschaft errichtet wurde, die Pflanzungsboden kauft, daß die Iatainische Kirche beginnen will, palästinensischen Boden zu erwerben, kurz, daß wir in Erez Israel in unseren Bestrebungen Konkurrenten haben und alle irgendwie im Judentum vorhandenen Kräfte für unser Werk nutzbar machen müssen. Die jüdische Arbeiterschaft erhofft aber von j i der Erweiterung der Agency nicht nur Verstärkung der Neukolonisation, sie verspricht sich von der zu erwartenden Vergrößerung des Kapitalimportes vermehrte Nachfrage nach Arbeitskräften, höhere Löhne. Und es soll hier festgestellt werden, daß Herr Grünbäum, der würdige Fraktionskollege des Arbeiterfeindes Stricker, dieser Hoffnung unserer Genossen nach der so bitter notwendigen Erhöhung des Lebensstandarts die Worte gegenüberzustellen gewagt hat: „Ihr solltet doch sagen, wir sind bereit, Hunger und Not zu ertragen und zu warten." Der Kongreß hat die Erweiterung der Agency beschlossen, und als Teil der siegenden Mehrheit hat auch die jüdische Arbeiterschaft gesiegt. Konnten die Vertreter der Arbeiterparteien den Kampf um das „ob" der erweiterten Agency in Gemeinschaft mit einer großen Mehrheit führen, im Kampfe um das „wie" standen sie fast ganz isoliert! Doch ist es unseren Genossen und Freunden, dank ihrer zahlenmäßigen Stärke und ihrer Standhäftigkeit, gelungen, auch die Verfassung der Agency entscheidend zu beeinflussen. Gewiß war es nicht möglich, die noch1 bürgerliche Mehrheit des Kongresses zu bewegen, unsere Forderungen vollständig zu akzeptieren. Immerhin, dies Prinzip der jüdischen Arbeit, das Prinzip der Freiheit des Siedlers, die Form der zu errichtenden Siedlungen zu wählen, sie sind beide in der Verfassung der Agency verankert. Der Versuch, der Vertretung der zionistischen Organisation in der Agency ein undemokratisches Prinzip zugrunde zu legen, wurde abgewehrt, und der zionistische Sozialismus ist in der Agency seiner Bedeutung entsprechend1 vertreten. Der klerikalen Forderung, die religiösen Aufgaben der Agency in der Verfassung zum Ausdruck zu bringen, mußte unter dem Druck des nichtzionistischen Teiles der Agency teilweise nachgegeben werden, nicht freilich, ohne daßi auch1 das Recht auf Gewissensfreiheit deklariert wurde. Jedenfalls müssen wir daraus die Konsequenz ziehen und mit aller Macht um die Demokratisierung des nichtzionistischen Teiles der Agency kämpfen! Das zweite realpolitisch wichtige Streitobjekt dieses — wie jedes — Kongresses war die Gestaltung des Palästinabudgets pro 1929/30. Entgegen dem von der letzten Exekutive gemachten Voranschlag hat der Kongreß Beträge für die Schulen der Waad hatarbut, für den Häuserbau der Koloniearbeiter, für die Ueberführung von Arbeitern an Arbeitsplätze, für die Schchunot heovdim und für das jüdische Arbeitertheater bewilligt, und den für die Arbeiterkrankenkasse vorgesehenen Betrag um 1000 Pfund erhöht. Auch in diesem Bereich war die Arbeit unserer Vertreter erfolgreich. Von entscheidender Bedeutung für das Schicksal der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina ist die Bodenpolitik der zionistischen Organisation in den kommenden Jahren: daß auch in diesem Punkt Erfolge erreicht wurden, danken wir vor allem der Sachkunde unseres Genossen Ing. Kaplansky, der Vorsitzender der Kolonisationskommission war. Der Kongreß beschloß, daß in der Nähe der bestehenden und entstehenden Kolonien Bodenflächen zwecks Ansiedlung der in den Kolonien beschäftigten Arbeiter erworben werden sollen, ferner den Ankaut von entsprechenden Flächen für Arbeitergartenstädte in der Nähe von Tel-Aviv und Jerusalem. Auch in der Kommission für Arbeit und städtische Kolonisation konnten Resolutionen durchgesetzt werden, die auf Sicherung der jüdischen Arbeit, auf Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen für den jüdischen Arbeiter in den Kolonien und auf die Ansiedlung jüdischer städtischer Arbeiter hinzielten; der Kongreß hat sie zum Beschluß erhoben. Unsere Vertreter am Kongreß waren sich aber dessen bewußt, daß allen diesen Beschlüssen nur platonischer Wert zukomme, wenn die jüdische Arbeiterschaft auf die Verwaltungspraxis der zionistischen Organisation nicht unmittelbar Einfluß nehmen kann. Sie eröffneten daher einen Kampf um die Macht in der zionistischen Organisation, der zum Erfolg geführt hat: die jüdische Arbeiterschaft entsendet zwei Vertreter in die neue Exekutive, die überdies Ruppin, einen ehrlichen Freund des arbeitenden Palästina, zu ihren neuen Mitgliedern zählt. Zusammenfassend können wir ruhigen Gewissens sagen: der proletarische Zionismus hat auf diesem Kongreß gut abgeschnitten. Auch wir Wiener Poalezionisten und Freunde des arbeitenden Palästina haben an diesen Erfolgen dank der Eroberung eines Mandates unseren Anteil. Wir wollen aber nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, die neue Epoche des Aufbauwerkes stellt uns vor neue, schwerere Aufgaben; Genossinnen und Genossen, heran andie Arbeit! Oer Widerhall der Palästinaereignisse in Wien. Die traurigen Ereignisse in Wien haben die gesamte Judenheit tief erschüttert. Alle Parteien und Gruppierungen haben in Versammlungen und Kundgebungen ihre Proteste zum Ausdrucke gebracht und um Hilfeleistung für die Betroffenen aufgerufen. Die Wiener uKItusgemeinde hat übrigens in anerkennenswerter Weise die Leitung aller Sammelaktionen übernommen. Es wurde beschlossen, das gesammelte Geld der Jwish Agency zu übergeben. Aber innerhalb dieser Einmütigkeit versuchten die meisten bürgerlichen Gruppen aus diesen Ereignissen für sich Kapital zu schlagen. In einer Versammlung der „Union" stellte Baurat eKmpIer fest, daß das wichtigste Motiv des arabisch-jüdischen Zusammenstoßes der Umstand ist, daß die Juden moderne Kultur ins Land brachten und hiedurch die primitiven Lebensformen der Araber gefährden. Er gab also den Ratschlag, das Aufbauwerk in Palästina einzustellen. Die „Radikalen" benützten auch diese Gelegenheit, um gegen die zionistische Exekutive Und Professor Weismann aufzutreten, während die Revisionisten den Zeitpunkt für geeignet hielten, um für ihre Kampflosungen gegen die Araber Stimmung zu machen. Die allgemeinen Zionisten und ihrr Organ „Die Stimme" bemühten, sich, eine von pflichtbewußter Verantwortung getragene Stellung zu den1 Ereignissen einzunehmen. Das Kartell der zionistisch-sozialis'tischen Jugend veranstaltete eine große Kundgebung im Festsaale des alten Rathauses. Es sprachen. Dr. Katzenelsohn aus Palästina und Genosse Singer. Unsere Organisation hielt ihre uKndgebung im Saale der Künstlerspiele ab. Es sprachen die Genossen Dr. Bernay und Singer. Beide Kundgebungen nahmen einen guten Verlauf und waren1 von der Entschlossenheit, das Werk der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina mit verstärkter Energie fortzusetzen, getragen. Louis Marshall gestorben. Die Juden Amerikas und der ganzen Welt verloren in Louis Marshall eine prominente führende Gestalt. Seinem Wesen nach war Marshall einer jener seltenen Männer, die den reichen Schichten angehören und einen ausgeprägten Sinn für soziale Volksarbeit haben. Durch Marshalls Tod verlor auch1 die Jewish Agency einen ihrer wertvollsten Führer. Jüdisch - sozialistische Arbeiterjugend auf dem internationalen Jugendtreffen in Wien. Es ist keine Uebertreibung, wenn wir sagen1, daß das internationale Jugendtreffen in Wien ein bedeu- .tungsvolles Ereignis in der Geschichte nicht nur der jüdisch-sozialistischen Jugendbewegung, sondern auch1 des jüdischen Sozialismus schlechthin darstellt: denn noch niemals vorher wurde der Internationale die A11 w e 111 i c h k e i t der jüdischen Arbeiterbewegung in so eindrucksvoller Weise demonstriert, als dies in diesen festlichen Tagen der Fall war, und darüber hinaus bot das internationale Jugendtreffen unserer Jugend die Gelegenheit zur Veranstaltung der 1. Weltberatung der jüdisch-sozialistischen Arbeiterjugend, Vielfach waren die Anlässe, da unsere jungem Genossen, die aus allen Herren Länder nach Wien gekommen sind, im Rahmen der internationalen Veranstaltungen Zeugnis für die Schicksalsgemeinschaft