Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1929-09-20 · Heft 10 (20.9.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 10 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2641551-2641584-2641594--246-2642182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Der jüdische Arbeiter Nr. 9 drohung der mohammedanischen religiösen Heiligtümer. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf. In der feigsten Art haben die Araber Hebron, den schwächsten Punkt des alten Jischuw, überfallen und haben 63 Menschen, darunter Greise und Säuglinge, niedergemetzelt. „Talpioth" wurde zerstört, einige schwache Punkte des neuen Jischuw wurden angegriffen1 und1 beschädigt. Die englische Verwaltung, versagte. Das war selbstverständlich. Sie sah den Rüstungen1 und Vorbereitungen der arabischen Hetzer untätig zu, ihre Passivität förderte und ermutigte die Anstifter des Gemetzels, wie soll sie im Moment des Ausbruches in der Lage sein, die entfesselten Leidenschaften zu bändigen? Der jüdische Selb'schutz („Hagana") hat die Verteidigung organisiert und heldenhaft die Angriffe abgewehrt. Der Haganah ist es zu danken, daß die Zahl der Toten nicht noch höher ist, daß' die angegriffenen Siedlungen nicht völlig zerstört und daß die meisten und wichtigsten Punkte nicht angegriffen wurden. Die Taten des jüdischen Selbstschutzes in den kritischen Tagen haben den jüdischen Jisch'uw gerettet. IV. Welche Schlüsse können und1 müssen wir aus den blutigen Tagen in Palästina ziehen? Es ist nicht wahr, daß in Palästina ein Autstand des arabischen Volkes war. Bedeutende Teile der benachbarten Araber haben sich an dem Gemetzel nicht beteiligt. Die Räuberbanden rekrutierten sich zum erheblichen Teile aus Arabern der entlegenen Teile Palästinas. Es ist deshalb eine Entstellung, wenn man die Situation darzustellen versucht, als ob alle arabischen Nachbarn, mit denen der Jisch'uw im Frieden zu leben sich bemüht, uns in den: Rücken gefallen sind. Die friedlichen Beziehungen des Jischuw zu den benachbarten Arabern haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Es muß deshalb an der Verständigung der Juden Und Araber weitergearbeitet werden. Die arbeitenden Menschen beider Völker sind1 an dem Aufbau des Landes interessiert, die Grundlage der Verständigung ist also gegeben. Die Erreichung des Zieles hängt also in erster Reihe von der Intensivierung der Aufbauarbeit und der Aufklärung der arbeitenden arabischen Massen ab. Die Intensivierung des Aufbauwerkes — das kann nur der organisierte Wille des zionistischen Judentums bewerkstelligen. Die Intensivierung der Aufklärungsarbeit unter den" Arabern über Tendenz und Wirkung des Aufbauwerkes — ihr muß der Jischuw mehr Aufmerksamkeit als bis jetzt widmen. Sie bietet eine der aussichtsreichsten Möglichkeiten die verbrecherische Tätigkeit der Feudalen und Aristokraten zu paralysieren. Der Jischuw muß in der Lage sein, sich gegen neuerliche Ueberfälle arabischer Mordbanden' schützen zu können. Dem jüdischen Selb'sschutz muß in irgendeiner Form seine Entfaltung gesichert werden. Auch das Unrecht, das uns bei Aufstellung der Polizei zugefügt wurde, muß aufgehoben werden. Auf das Recht den Jischuw durch eigene Brüder schützen zu dürfen, können und müssen wir, angesichts der neuen Opfer an Menschenleben und Blut, mit der größten Energie beharren. Noch deutlicher als vorher wollen wir die Trennungslinie zwischen uns und den1 faschistischen Revisionisten ziehen. Jene Herren1 wittern Morgenluft, sie glauben aus dem Gemetzel Kapital für ihre Gruppe schlagen zu können. Schmunzelnd brüsten sich die Revisionisten: Das ist das Resultat eurer Friedenspredigten, wenn wir aber unsere Legion hätten! Diesen Herren geben wir zur Antwort: wir wollen keine Legion! Die Gründung der jüdischen Legion müßte zur Folge die Gründung einer arabischen Legion haben. Diese stehenden Heere wären der Krieg in Permanenz. Wir können und werden Palästina nicht mit unseren Bajonetten, sondern durch friedliche Arbeit erobern. Selbstschutz ist ausschließliches Instrument der Verteidigung, Legion trägt den Kern des Angriffes in sich. Wir wollen den Herren Revisionisten auch sagen, daß wir ihrer disziplinlosen, provokatorischen Tätigkeit energischer als bis jetzt entgegentreten werden. Ihr Vorgehen im Waad Halumi bei der Wahl der Vertreter in die Jewish Ageney und ihr Aufmarsch am Tischa b'aw sind Anzeichen des Entsetzens ihres Terrors. In der gegenwärtigen: Situation bedeutet diese Schwächung des Jischuw) argen] Verrat und wir werden ihnen auch dementsprechend entgegentreten. Ein offenes, mutiges Wort werden wir mit der englischen Arbeiterregierung sprechen müssen. Vor ungefähr einem Jahre fand in Brüssel die internationale sozialistische Konferenz für das arbeitende Palästina statt. Der markanteste Strich dieser historisch bedeutenden Beratung war: Es geht hier nicht um Sympathiekundgebungen, die jüdische Arbeiterschaft fordert Taten. Dieser Konferenz wohnte auch Hen derson, ein prominentes Mitglied der Arbeiterregierung bei. Wir werden nun fordern müssen, daß man das Versprechen von Brüssel einlöse. Wir werden die Schwierigkeiten der englischen Regierung nicht verkennen dürfen und uns nur auf die allerdringendsten Forderungen beschränken, aber diese mit der gebührenden Energie vertreten müssen. Was sollen, was müssen wir verlangen? Die Beamten der englischen Verwaltung in Palästina haben — aus Feindseligkeit den Juden gegenüber oder aus Unfähigkeit -— bewiesen1, daß sie den an sie gestellten Aufgaben nicht gewachsen sind1, sie müssen also den Platz räumen'. England hat die Haftung für das Leben und Vermögen der Einwohner Palästinas übernommen. Es muß jetzt diese Haftung realisieren. Für die Opfer an kostbarem Menschenleben verlangen wir keine Rache, sondern gerechte Bestrafung der Schuldigen Die Hauptschuldigen an diesem Gemetzel sind aber nicht die verführten und aufgehetzten arabischen Bauern und Beduinen, Sündern die Hetzer und Anstifter. Ihnen muß strenge Strafe zuteil werden. Wir fordern von der Mandatregierung, daß sie mit uns und auch mit den Arabern aufrichtige Politik mache. Die unaufrichtige und unentschlossene Politik der Engländer in Palästina bildet gegenwärtig eines der schwierigsten1 Hindernisse für die Verständigung der Juden und Araber. Die Engländer beteuern: zwar in Worten ihr Festhalten an der Balfour-Deklaration, ihre Taten stehen aber im krassesten Gegensatze zu ihren Beteuerungen. Jeder gewaltsame Versuch' der Araber, das Palästinaaufbäuwerk aufzuhalten, hatte bis jetzt zur Folge die Drosselung der Einwanderung und1 das Zurückdrängen des jüdischen Einflusses im Lande. Das hat natürlich die Angriffslust der arabischen Feudalen und Nationalisten nur erhöht und jeden Versuch einer arabisch-jüdischen Verständigung zum Mißlingen verurteilt. Wird aber England durch Aufrichtigkeit und Entschlossenheit beweisen, daß es für seine höchste Pflicht erachtet, die Möglichkeiten für eine rasche und lungestörte Entwicklung des Palästinaaufbauwerkes zu sichern, werden sich' die Araber mit dieser Tatsache leichter abfinden und die jüdisch-arabische Verständigung wird zur Tatsache werden. Nur die erfolgreiche Fortsetzung und Festigung des Aufbauwerkes kann Juden u n d Araber näherbringe n. Das ist abso 1 ut kein Paradoxon. Die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas durch die jüdische Aufbautätigkeit schafft unvergleichlich' günstigere Lebensbedingungen auch für die arabischen Massen und das bildet die sicherste Grundlage für die jüdisch-arabische Verständigung. Daß das keine bloße Hypothese ist, beweist die testgestellte Tatsache, daß die den jüdischen Siedlungen benachbarten1 Araber einen verschwindenden Anteil an dem letzten Gemetzel genommen haben. Im Sinne dieser von uns geforderten Aenderung an der Einstellung Englands zu unseren Bestrebungen in Palästina verlangen wir: 1. Sofortige Oeffnung der Tore Palästinas für eine große jüdische Einwanderung. 2. Die brachliegenden Staatslän'dereien endlich den Juden zur Ansiedlung übergeben1. 3. Die staatlichen Einnahmen des Landes dem Aufbauwerke zuzuführen und sie nicht, wie bis jetzt, zur Deckung der türkischen Kriegsschuld zu verwenden. V. Wir können diese Betrachtung nicht schließen, ohne auch noch einige Worte an die Adresse der englischen Arbeiterregierung und an1 unsere eigenen Schwestern und Brüder zu richten. Vor ungefähr einem Jahre fand in Brüssel die internationale sozialistische Konferenz für das arbeitende Palästina statt. An dieser Konferenz nahmen unter anderen auch die Vertreter der Labour Party mit Arthur Henderson an der Spitze, teil. Das wesentliche Moment dieser denkwürdigen Konferenz war: die jüdische Arbeiterschaft verlangt nicht die An^ erkennung ihrer Bestrebungen, die hat sie vom internationalen sozialistischen Parlament längst erhalten, sie wollte sich aber diesmal nicht mit einer Sympathiekundgebung begnügen, sie fofderte vielmehr vom internationalen Proletariat tatkräftige Unterstützung ihres Werkes nationaler und sozialer Befreiung. Diese Unterstützung wurde auch den Vertretern' der jüdischen Arbeiterschaft einmütig versprochen'. Wir dürfen verlangen und1 erwarten', daß die Männer der Labour Party ihr Versprechen einhalten. Das jüdische Leben ist durch' die Ereignisse in Palästina aufgerüttelt worden. Die unschuldigen Opfer in Hebron und Saffet, die Heldentaten: des jüdischen Selbsschutzes, haben das jüdische Gewissen wachgerufen. Ueb'erall protestieren Juden gegen diesen meuchlerischen Ueberfall, überall eilen! die Juden hilfsbereit herbei, die geschlagenen Wunden zu heilen1 das Aufbauwerk zu fördern. Das ist sicherlich' ein Trost in den schweren Stunden der Trauer und des Schmerzes über das vergossene Blut, aber warum diese Hilfsbereitschaft erst angesichts der zahlreichen1 Menschenopfer? Ist es nicht zweckmäßiger, menschlicher und jüdischer, die Position der Juden in Palästina rechtzeitig zu festigen1, um weiterem Blutvergießen vorzubeugen? An den Gräbern1 der unschuldigen' Opfer und der tapferen Helden sollen wir geloben: Wir werden für und in Palästina nichts unterlassen, um zu bewirken, daß alle Energie dem' Aufbaue zugeführt werde und das nutzlose Mensch enm orden ein Ende nehme. M. S. In ernster Stunde. In dieser ernsten Stunde, deren Tragik darin besteht, daß die Arbeiterschaft dieses Landes, die im Jahre 1918 den Lockungen der Diktatur mutig und entsagungsvoll standgehalten! hät^ nunmehr darangehen muß, den' Diktaturgelüsten eines' tollgewordenen Bürgertums entgegenzutreten', in diesen sorgenvollen Tagen, gilt es vor allem', sich der Ursachen bewußt zu werden, die zu der heutigen bedrohlichen Situation geführt haben. Ursachen? Nein1, Freunde, es gibt mur eine Ursache, die es bewirkt hat, daß die österreichische Bourgeoisie der demokratischen1 Regierungsform, die ihr vom Proletariat aufgezwungen wurde und mit der sie sich' schon' anzufreunden schien, müde geworden ist: die Erkenntnis, daß die Idee des Sozialismus — trotz der kapitalistischen Presse, 'der kapitalfreundlichen Kirche und einer den Kapitalismus verteidigenden Wissenschaft immer größere Massen des Volkes erfaßt und daß der Tag nicht mehr fern ist, da die Mehrheit der österreichischen Wähler sozialistisch'gesinnt sein wird. Die Mehrheit sozialistischer Wähler bedeutet in der Demokratie eine sozialistische Regierung: und welche Folgen für das Staatswesen, für die Entwicklung der Sozial- und Wirtschaftspolitik eine hälb'rote und gar eine rote Verwaltung hat, das weiß die österreichische Bourgeoisie aus unmittelbarster Erfahrung. Die Anwendung sozialistischer Prinzipien im Bereiche der neuen Kommunalpolitik hat jene „Fürsorgeinflation" bewirkt, die das Bestehen eines gerechten Steuersystems voraussetzt; und wenn die schwarz-rote Koalition schon den Achtstundentag, den: Arb'eiterurlaub, das Betriebsrätesystem und die Arbeitslosenversicherung gebracht hat, was wird da erst eine rote Regierung bringen? Nein, Genossen', laßt euch nicht betrügen; die Heim wehrbänden wurden vom Industriellenverbarid nicht als Antwort auf den 15. Juli gedungen, die Heimwehr und der 15. Juli sind die Reaktion des Bürgertums auf unsern Sieg vom 24. April. Ist die parlamentarische Demokratie unwiderruflich der Weg zur sozialen Republik — und daß sie es ist, daran glauben diese Antimarxisten mit einer Glaubenstiefe, wie sie sonst nur den überzeugungstreuen Marxisten charakterisiert — dann zum Henker mit dem. allgemeinen, gleichen Wahlrecht, und was die Opfer betrifft, die der Bürgerkrieg schließlich auch von der Bourgeoisie verlangen könnte, nun, die würden ja durch Vernichtung aller sozialen Errungenschaften des Proletariats überkompensiert werden': das ist der Gedankengang der Herren von der Alpine und ihres Mitstreiters Seipel! Die nächsten Stunden werden zeigen, ob diese Bürgerkriegsideologie bereits das Hauptmotiv der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.