Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 9 (15.7.1929)
- Date
- 1929-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Der jüdische Arbeiter Nr. Ö Ganz anders die? Jugend, die durch1 ihren' Zionismus oder in ihrem Zionismus den Anschluß an das Proletariat der Welt fand, die das in' jeder dieser ehemals revoltierenden: Jugendgruppen' vorhandene ablehnende, aufrührerische Sentiment vom unbestimmbaren Volutarismus zum festumschriebenen Wege wandelte, die den großen Anschluß fand an' die eminent wichtige Erkenntnis, daß weder ein Edel- . menschentum noch ein Ueberredungssozialismus das Ziel erreichen können, 'das Judentum von seinem Schmarotzerdasein zu einem wertvollen Teil der Menschheit zu machen, sondern; daß nur. die Schaffung einer starken, arbeitenden Schichte im jüdischen Volkes die Anteilnahme des Judentums am großen kulturellen Kampfe der übrigen Welt garantiert. Daß •der Weg einer Jugend, einer jüdischen Jugend, deren Gerechtigkeitsgefühl und derem Unzufriedenheit sie an diesem Kampfe teilnehmen heißt,, nicht gruppenin'dividüalistisch erreichbar ist, sondern nur im engsten .Anschluß an die ökonomisch ,und kulturell entrechtete Schichte, daßi dieser Weg also nicht anders als im klassenmäßigen! Anschluß ,'an die Arbeiterschaft und im Klassenkampfe möglich ist, das brachte gerade diese Jugend zur konkreten zionistischen Verwirklichung, zur Chaluzinth einerseits — zur jüdischen Arbeiterbewegung andererseits. Alle anderen; all die ehemaligen „Wandergefährten", sind am Wege geblieben der einzig positive Teil, der seine 'ehemalige „innere Revolution" herüberretten konnte in den Hafen harter Realität,;er allein blieb bestehenl iund ist Bewahrer jener historisch1 ungeheuer bedeutsamen Erscheinung,, die wir ,/Jugendb eweg.ung" nennen. Denn, nichts Geringeres als eine gewaltige Revolution stellte sie einst dar: eine Revolution, die ihren .Gegenpol Und ihren Kampfplatz in Elternhaus und Schule erblickte turrd deren positive Schöpfung die große .Entdeckung vom Eigenwert der Jugend, vom. ihrer schöpferischen Fähigkeit und von ihrer großen Aufgabe der Schaffung einer „neue n Gesellschaft" war. Doch nicht anders als die allgemeine Jugendbewegung, war auch die jüdische Jugendbewegung des Westens in bürgerlichem Milieu entstanden und trug lange die Eierschalen des Bürgertums mit sich — denn! im Grunde genommen richtete; sich1 die Jugendbewegung ,g.ar nicht gegen die wirkliche Ursache, die 'die "Unkultur unserer Umwelt, der bürg e r 1 i c h e n F a m i 1 i e, d e r b' ü r g e r 1 i c h e n Klassenschule, der bürgerlichen: Moral hervorbringt, sondert* an den Formen, in denen diese Unkultur in Erscheinung tritt, blieb sie haften, gegen: die Formen glaubte sie ihrem Sieg zu erringen —v doch1 sie schaffte mit ihnen n i c h t d i e U rs a,$h e n dieser verhaßten Gesellschaftsordnung aus der Weltl. Wie Marx einmal in der „deutschen Ideologie'' sägt, daß /das Bürgertum,/dem seine rein: geistigen Lebensverhältnisse so erscheinen, als ob sie auch schon etwas seien; und dadurch' den Schein der W i r k 1 i c h1 k e i t b e k o m m e n, 'daß dieses Bürgertum in seiner Ideologie nur Luftgebilde schafft und immer an 'der Oberfläche haften bleibt, solange es nidh-t die realen, die gesellschaftlich bedingten Gründe und1 Verhältnisse in ihr Deri-J ken einbezieht. } So war auch die bürgerliche jüdische Jugend-/ b'ewegung. Sie war entstanden in jenen Häusern/ denen nach der Juden-Emanzipation der wirtschaftliche Aufstieg geglückt war, die aber vom Judentum sich noch die alte Familienform, das Patriarcha- 1 i s c he erhielt, die in ihrer Behäbigkeit und Bequemlichkeit dieselbe Enge bedeutete, genau wie die damaligen Reste der feudalen Familienform von der deutschen Jugendbewegung ihre Sprengung erfuhr. Die bürgerliche Jugendbewegung hat ihr Ziel erreicht: An die Stelle der patriarchalisch-feudalen Familienförm ist die freie, bewegliche, ungebundene bürgerliche Familie getreten, an Stelle der Lern- Schule ftie Sport-Schule, an Stelle der Kaffeehausnachmittage der Schilauf und das Weekend/ an Stelle der offiziell geheuchelten Keuschheit lun'd Monogamie die still erlaubte geschlechtliche Freiheit, kurzum: Die Revolution dieser Jugend/hat mitsamt, den Umstürzen des Krieges und der. Nachkriegszeit die Angleichung der Bürgerwelt an diese Formen erreicht, sie hat es wiederum einer bürgerlichen Jugend- -. generation ermöglicht, in Ruhe und Frieden ihr Ausleben .und Auskommen im Bürgertum zu finden. Sie haben niemand mehr, gegen den sie revoltieren sollten. ' \ . ' ' ' Das wär der Endpunkt der ehemaligen Jugendbewegung — es verschwanden die aus den; . Reihen der ehemaligen „Revolutionäre", denen die Unkultur unserer Umwelt/nichts an deres als die< andere Form war. :' - : " Ganz anders aber wir, denen die Gesellschaft/ nicht'n'ur Form war, sondern, denen der Urgrund. . all dieser Erscheinung in den gegebenen unger;; rechten Klas.senverhältnissen1 gelegen / schien. Uns konnte es nicht genügen, unsere Lebens-