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Der Jüdische Arbeiter · 1929-05-31 · Heft 5 (31.5.1929) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 5 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der jüdisdia Arbeiter Seite % Gustav Landauer fühlte mit Recht» daß hinter unserer Zukunftsperspektive eine pessimistische, weil eben realistische Auffassung der menschlichen Natur steht: denm Aufhebung der freien Verkehrswirtschaft und ihre Ersetzung durch die autoritäre Gewalt der Gesellschaft bedeutet in gewissem Sinne auch die Befreiung! des Menschen von seinem Nebenmenschen. .Wegen dieses Kernes unserer Sozialphilosophie war er dem Marxismus feind: er glaubte an die Güte der menschlichen Natur und erstrebte eine dezentralisierte, in Bünde aufgelöste Gesellschaft, deren Schwerpunkt in den an. Umfang kleinsten Gemeinschaften liegen sollte, weil nur hier wahrhaft brüderliche Liebe die einzelnen zur Einheit binden könnte. Gustav Landauer war ein Gegner jeder Gewaltanwendung und es darf hier festgestellt werden, daß die jüngste Entwicklung der sozialistischen Ideologie in diesem Punkte sich seiner gewaltfeindlichen Autfassung nähert: man erinnere sich nur des Linzer Programms, das in der Gewalt nicht mehr die schöpferische Kraft zur Herbeiführung einer neuen Ordnung sieht, ihr vielmehr nur die negative Funktion "der Abwehr der auf den Umsturz bedachten,, reaktionären Kräfte nach Uebernahme der Staatsgewalt auf friedlichem Wege zuweist. Landauer hat sich nicht mit theoretischer Ablehnung der Gewaltanwendung begnügt: in Verein mit seinem Freund Martin B ub er hat er in den entscheidenden Beratungen, die zur Ausrufung der bayrischen Räterepublik führten, vor diesem Unternehmen gewarnt. Man hörte Nicht auf ihn; und die Größe seiner Persönlichkeit zeigte sich' darin, daß er dann die Räterepublik als [gegebene Tatsache nahm, ihren proletarisch-revolutionären Kern erfaßt hat und sich der Regierung zur Verfügung gestellt hat, die ihn mit der Führung des Volksbildungsressorts betraut hat. Wir erinnern uns, wie sich die Journaille gerade auf ihn gestürzt hat: täglich wurde da mitgeteilt, Landauer „sozialisiere die Frauen" —, er, der wie kein anderer den1 Wert der Familie erkannt und in seinem persönlichen Leben realisiert hat. . . Gustav Ländauer lebte und liebte die germanischdeutsche Kultur: er lehrte uns Shakespeares große ,Werke verstehen, wies als erster auf Walt Whitmans Bedeutung hin —.zu einer Zeit, als man glaubte, nur von einer amerikanischen „Zivilisation" sprechen zu dürfen — und kündete die Tiefe der deutschen mittelalterlichen Mystik. Und dennoch war er realistisch1 igjenug,-um sich seiner Verbundenheit mit dem jüdischen Volk bewußt zu sein, und er hat dieser Verbundenheit auch laut und offen Ausdruck gegeben. En stand dem Zionismus nähe, in dem er nicht nur die nationale Renaissancebewegung des jüdischen Volkes sah'; er erhoffte sich1 von ihm vor allem Taten im Sinne seines konstruktiven Sozialismus, Erneuerung der altjüdischen sozialen Ideen, an die': er im „Aufruf zum Sozialismus", dort, wo er die Institution des Jubeljahres preist, bewußt anknüpft. So haben die reaktionären Schurken in Gustav Landauer einen Freund des zionistischen Sozialismus gefällt und über alle Gegensätzlichkeit hinweg wollen wir Poalezionisten ihm ein dauerndes ^Andenken bewahren! Unsere Anträge in der Kultusgemeinde« Im Laufe der Beratung des Haushaltes der jüdischen Gemeinde haben unsere Mandatare Singer, G rün hu t und Dr. Glanz folgende Anträge eingebracht: Erhöhung des Steuermaximums. Wir beantragen : Der Vorstand möge beschließen, das Steuermaximum um S 2000.— zu erhöhen und bei der Regierung vorstellig zu werden, um die Bewilligung für diese Erhöhung zu erwirken. .Für die jüdischen Arbeitslosen. Die Unterzeichneten beantragen die Einberufung einer Enquete durch die Kultusgemeinde, die sich 'befassen soll mit der Feststellung, der besonderen Not der jüdischen Arbeitslosen, mit dem1 Problem tter, umzuschichtenden arbeitenden Juden und der (Jugend, die sich produktiven arbeitenden Berufen puwenden will, wie auch der Mittel, die notwendig 'sind; um diese Not zu lindern. Es sei unverzüglich eine Kommission einzusetzen, bie sich' mit der Abfassung eines Fragebogens, der mt alle voraussichtlichen! Teilnehmer ergeht, betraut werden soll. Heime für/die jüdische J ugend. -Der Vorstand erklärt, daß die Sicherung zweckentsprechender Vereinsheime für, die Organisationen der jüdischen Jugend eine der wichtigsten Aufgaben unserer Jugendfürsorge sein sollte und beauftragt die Fürsorgekommission, dieser Aufgabe die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Für die Errichtung jüdischer Kindergärten. Wir beantragen, daß die Kultusgemeinde an die Errichtung von Kindergärten für jüdische Kinder im vorschriftspf lichtigen Alter schreite. In erster Reihe sei an den judenreichen Bezirk Alsergrund und an die westlichen Bezirke zu denken, da die jüdischen Eltern dieser Bezirke überhaupt keine Möglichkeit haben, ihre kleinen Kinder in jüdischen Erziehungsanstalten zu schicken. Vom Budget des Jahres 1929 soll ein gewisser Betrag für die Gründung des ersten Kindergartens reserviert werden. Für ein Gemeindeblatt. Der Vorstand beschließt die Herausgabe eines monatlich erscheinenden Gemeindeblattes, das alle Mitglieder der Kultusgemeinde unentgeltlich' erhalten sollen. Dieser Beschluß sei an die Bedingung geknüpft, daß hiedurch keine .wesentliche finanzielle Belastung der Gemeinde erfolgen soll. * Die Anträge wurden der geschäftsordnungsmäßigen Behandlung, zugewiesen. Unser Mitglied des Vertreterkollegiums, Dr. Glanz, wird dafür Sorge tragen müssen, daß diese Anträge auch behandelt werden. Mit diesen Anträgen wurde abermals der Weg gewiesen, wie die jüdische Gemeinde den täglichen Notwendigkeiten des jüdischen Lebens gerecht werden kann. Es liegt nun an den anderen Parteien zu zeigen, wie weit sie praktische Arbeit wollen. Die Vorgänge in der „Vereinigung werktätiger Juden". Die von uns bereits geschilderten Vorfälle in der Budgetdebatte, die zu einem Beschluß der Vertrauensmänner führten, in dem der Disziplinbruch der Gen. Moriz und Hirschfeld gebrandmarkt wurde, ha^ ben in der Vereinigung zu einer weiteren Klärung der Situation geführt. Während die paar Leute um Moriz herum sieb einen „Delegiertentag" mimten; von dem alle wirklich1 arbeitenden Ortsgruppen ausgeschaltet' wären, schritten die programm- und organisationstreuen Ortsgruppen an die Reinigungsarbeit. In einer am 25. Mai erschienenen Nummer der „Mittejlujiggn'' vxaräTn^üTden Programm Verrätern gründlich abgerechnet, die bis zum Delegierten tag eingesetzte Leitung hat alle Schritte unternommen, um alle programmtretien Mitglieder zu sammeln und zum Delegiertentag zu bringen. Das Erscheinen der „Mitteilungen" ist gesichert. ■ ' i;; :! i ' : Die am 27. Mai versammelten Vertrauensmänner aller-Ortsgruppen nahmen den Bericht der Leitung entgegen, setzten die Tagesordnung für den Delegiertentag fest und entschieden über die nächsten organisatorischen Aufgaben. Die Registrierung aller, programm- und organisationstreuen Mitglieder wird fortgesetzt. Die finanziellen Grundlagen der Vereinigung werden erneuert. Das Programm der Vereinigung wird auf dem Delegiertentag eine Erweiterung und nähere Ausführung erhalten. Der Delegiertentag findet am 26. Juni statt. In den Bezirken haben Vertrauensmänner der Ortsgruppen Hie Vorbereitende Arbeit übernommen. FamüienfreudenimMischeberach- Matt Die „Wahrheit" 'hat neulich ihren Lesern entdeckt, warum der neue Bundespräsident gerade uns Juden nahestehen muß. Hat er doch elf Kinder! Schon diese Tatsache allein, versicherte das Blatt, muß der ganzen jüdischen Bevölkerung ein Zutrauen zum neuen Bundespräsidenten einflößen. Die Mentalität einer Zeitung, die aus jeder Geburt ein Inserat macht, die von den Abfällen lebt, die das sattgegessene Tonellojudentum auf dem Sabbathtisch liegen läßt, verleugnet sich' auch im Politischen nicht. Der Mischeberachjöurnalist sieht nach Familienzuwachs aus und erblickt diesen in den Programmverrätern um Moriz, Hirschfeld und dem schwarzroten Agudisten Dr. Löwy herum. Daß er in dem neuen Teil seiner Familie aus- und eingeht, bewiesen' etliche frühere Artikel der „Wahrheit", die alle Intimitäten der . Bettgenossensch'aft der genannten drei und ihres Konventtkels ausplauderten, es ist sogar de» Schluß gerechtfertigt, daß die Enthüllung ihrer politischen Schlafzimmergeh'eimnisse von der Morizgruppe als Sukkurs direkt bestellt wurde. Eine louchormerfe* die sogar im Sumpf des Wiener politische» Dilettantismus einzig dasteht. Man bedenke doch1 einmal, worum es sich' 'da handelt. Eine Gruppe von angeblichen Sozialdemo* kraten gibt den Gegnern des allgemeinen Wahlrechtes in der jüdischen Gemeinde, ihren Preßbediensteten! und Wahleinpeitschern direkten Zutritt zu ihren Konventikeln^ läßt sich1 im Mischeberacn'blatt über dem grünen Klee loben und erntet Vorschußlorbeeren im . ihrem Kampf gegen die gottverdammten Poale-Zionisten. Daß die drei Disziplin brech'er aus der Orga> nisation entfernt wurden und alle wirklich arbeitenden1 Ortsgruppen sich hinter die Mehrheit des Mandatarklubs gestellt haben, wird hier verschwiegen. Und' die Herren Moriz und Hirsch'feld1 lassen sich vom' Mischeberachjournalisten das- Fell streichen, die Ohren) krauen. Freilich holt der PreßsCh'ames der Plutokraten. zum Schluß gegen die Sozialdemokratie aus: und will schon jetzt den Wahlen vorarbeiten. Was schert das aber Moriz, dessen einzige Sorge es ist, daß' - er nicht im Dreierkomitee sitzt, .der um eine Koirimission mehr braucht, deren Sitzungen er aufzusuchen vergißt oder gründlich verspätet. Der „Union" aber sei, soweit sie sich1 mit ihrem! Lakaien identifiziert, entgegengehalten, daß politische Aufklärung der jüdischen Bevölkerung auch mit einem' Mischeberach auf Programm Verräter nicht verhindert werden kann. Ebenso wie wir die „Union" nur als. programmtreue Union bekämpfen, weil ihr Programm , das Hindernis für alle jüdische Entwicklung in Wien' ist, werden auch' die jüdischen Massen unterscheiden zwischen fruchtbarer Arbeit im Dienste der Bevölkerung und der Mandatsjägerei von ein paar Dilettanten'^ Auch das von Moriz und Hirschfeld1 reichlich1 verdiente Lob der „Wahrheit" wird die „Union" in! der Zukunft der Wiener Juden nicht weiter verr. ankern. Es wird vielmehr allen denkenden Sozialisten! klar vor Augen führen, daß hier ein paar Streber die Geschäfte der Reaktion besorgen. 1 : : Quer durch Wien im Autobus. Den Anforderungen des modernen .Großstadtverkehres entsprechend, ist die Wiener Gemeindeverwaltung stets bemüht, den schon bestehenden Atttobusverkehr nach jeder Richtung hin auszuge-, stalten.; : ■;•, -: |;. .;;; ± Es ist Tatsache, daß sich der städtische Autobusverkehr in Wien immer mehr einbürgert. Während im Jahre 1927 11,4 Millionen Fahrgäste den! städtischen Autobus benutzen, wurden im vergangenen Jahr schon 12,7 Millionen Fahrgäste beför-.% .dert. Die Zunahme beträgt 1,25 Millionen Fahrgäste. Der städtische Äutobusbetrieb weist irn vergangenen1 Jahre eine Fahrtleistung.von 929.000 Kilometer auf. Davon entfallen auf den Tagesverkehr 6/3.000, attfi den Nachtverkehr 181.000, auf Sonderwagentahrteii! 75.000 Kilometer. Gegenüber der Fahrtleistung im Jahre 1927, die 891.000 Kilometer betrug, ist die Fahrtleistung, im Jahre 1928 um 38.000 Kilometer, gestiegen.; _ ':' ''; i ■•.{'[■?• Gegenwärtig besorgen an Werktagen von 7 Uhr 30 in Zeitfolgen von 4 bis 6 Minuten folgende Linien den Tages verkehr: Schottennng—StubenringV Karlsplatz—Schwedenplatz, Bellaria—Börse, Westbahnhof— Mariahilterstraße—Tuchlaiiben — Hollandstraße— Praterstern, Gersthof—Gentzgasse—Volksoper —Währingerstraße—Herrengasse, Oper—Argentinierstraße—Südbahn—Amalienbad, franz-Josefsbahnh'öf; (Althanplatz)—Porzellangasse—Hohenstaufengasse — Renngasse—Am Hof — Graben—Kärntnerstraße— Margaretenstraße—Siebenbrunnengasse — Margaretengürtel (Reumannhof), Elterlemplatz—Hernalser Hauptstraße—Alserstraße—Schottengasse — Wipplingerstr, —Hoher Markt—Wollzeile—Ländstraßer Hauptstraße -^St. Marx und KriemhSldpIatz— Gablenzgasse—Neustiftgasse— Rathaus—feintaltstraße—Tiefer Graben— Salzgries—Franz-Josefs-Kai—Löwengasse' — Ro'tuhdenbrücke. Von Mitternacht bis 3 Uhr früh verkehren, in! Intervallen von 7 bis 30 Minuten die Linien: Prater-i stern—Stefansplatz—Südbahnhof, Stefans'platz—Niu& dorferstraße—Silbergasse, Stefansplatz— Währmgerstr;. —Gersthof, Stefansplätz—Alserstraße—Wattgasse unjäi Stefansplatz—Mariahilfersträße—Hietzing. Am. Platz, «■ (Entgeltlicli-)-:!

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