Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 5 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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m* 2 D# Jüdische Affidter 1,5 Zur sozialen Struktur der Juden in Polen* In der februarn ummer unseres Blättes haben wir 6aten gebracht, die Aufschluß über die Lage der 'Juden in Polen geben; nun wird es sicher unsere Leser interessieren, wie innerhalb der einzelnen Be* frufszweige lind der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung als Ganzes genommen die soziale Gliederung derselben gestaltet ist, inwieweit also die Lohnarbeit Insbesondere innerhalb der polnischen Juden-Weit entwickelt ist, wobei sich natürlich allgemeine Schlüsse erst durch Vergleich mit den entsprechenden Zahlen, die sich auf Gesamtbevölkerung und Nichtjuden beziehen, folgern lassen. Wir entnehmen unsere Daten einer von Dr. Lipovsky in der Zeitschrift „unsere Zeit" (Jänner 1928, jiddisch) veröffentlichten Arbeit. Von allen jüdischen Erwerbstätigen sind 50.3 Prozent Selbständige (Gesamtbevölkerung: 25.6 Prozent), 5.1 Prozent Angestellte (Gesbev.: 3.1 Prozent), 23.4 Prozent Arbeiter (Gesbev.: 23.8 Prozent), 13.5 Prozent helfende Familienmitglieder (Gesbev.: 44.3 Prozent), 7.7 Prozent ohne bestimmte Berufe (Gesbev.: 3.2 Prozent);'es ist also typisch erweise die Zahl der Selbständigen, Angesteliten und Berufslosen bei den Juden wesentlich größer als bei der Gesamtbevölkerung, während die Kategorie der helfenden Familienmitglieder bei der Gesamtbevölkerung die bei den Juden überragt, was mit dem agrarischen Charakter dieser sozialen Gruppe zusammenhängt. Auffallend ist, daß der Prozentsatz . der „Arbeiter" unter den Juden von dem entsprech'en- Prozentual bei der Gesamtbevölkerung nur um ein geringes abweicht. Dies ist durch die große Zahl der Selbständigen unter den in der Landwirtschaft Tätigen zu erklären. Ein: genaues Bild der Entwicklung des jüdischen Proleatriats ist nur durch spezielle Betrachtung der Verhältnisse-in den städtischen Wirtschaftszweigen zu gewinnen. Von den in der Industrie tätigen Juden sind 52.6 Prozent Selbständige (Gesamtbevölkerung: 35.4 Prozent), 3.8 Prozent Angestellte (Ge- •samtbeev.: 4.5 Prozent), 34.3 Prozent Arbeiter (55.3 Prozent), die im Handel beschäftigten Juden zählen 76.6 Prozent Selbständige (Gesbev.: 62.7 Prozent), :3.4 Prozent Angestellte (Gesbev.: 9.6 Prozent), 6.4 Prozent Arbeiter (Gesbev.: 17,4 Prozent). Im Verkeh'rs- .itmd Transportwesen fallen auf 100 beschäftigte Juden '65.3 Selbständige (Gesbev.: 9.5 Prozent), 11.8 Angestellte (Gesbev.: 22.5 Prozent) und 17.7 Arbeiter (Gesbev;: 67:2 Prozent). Diese Zahlen bringen wohl nachdrücklichst die zahlenmäßige Unterentwicklung des jüdischen Proletariats zum Ausdruck, die aber noch' mehr in die Augen springt, wenn wir nicht die entsprechenden Verhältnisse bei der Gesamtbevölkerung, sondern die bei der nicht jüdischen Bevölkerung zum Vergleich heranziehen. Für den Handel ergeben sich da z. B. folgende Zahlen: Von 100 im Handel Tätigen entfallen aut die Kategorie der Selbständigen bei den Juden 76.6, bei den Nichtjuden 36.2, auf die Kategorie der Arbeiter bei den Juden 6.4, bei den Nichtjuden 36, auf die Kategorie der Angestellten bei den Juden 3.4, bei den Nichtjuden 19.9; der Prozentsatz der Selbständigen ist also bei den Juden doppelt so groß als bei den Nichtjuden, der Prozentsatz der Arbeiter und Angestellten fast ein Sechstel des entsprechenden Prozentual bei den Nichtjuden! Ein Ueberwiegen der Selbständigen und Angestellten gegenüber den Arbeitern weist auch der in der Landwirtschäft beschäftigte Teil der jüdischen Bevölkerung auf, wenn wir seine soziale Struktur mit der der Gesamtbevölkerung vergleichen: während von allen in Polen landwirtschaftlich1 Tätigen 26.2 Prozent Selbständige, 0.4 Prozent Angestellte und 14.5 Prozent Arbeiter sind, lauten bezüglich der in die Landwirtschaft eingegliederten Juden die entsprechenden Zahlen: 27.7 Prozent, 2.2 Prozent, 10.5 Prozent. Nun noch , einiges über die branchemäßige Aufteilung der in der Industrie tätigen Massen im Vergleich zu den Nichtjuden. Während 28.6 Prozent der letzteren im Bergbau, in der Mineral-, Hütten-, Metalltind^Maschinenindustrie beschäftigt sind, Waben in diesen Zweigen bloß 6.6 Prozent der industriell erwerbstätigen Juden Beschäftigung gefunden. In der Textilindustrie sind die Nichtjuden doppelt so stark vertreten. (9.7 Prozent gegen 19.9 Prozent.) Hingegen dominieren die Juden in der Ernährungsindustrie mit 16.4-Prozent gegen 8.9 Prozent der nichtjüdischen industriell Erwerbstätigen, in der Bekleidungsindustrie mit 47.1 Prozent gegen 18.2 Prozent der Nichtjuden. Wir finden hier das Borochovsclie Gesetz bestätigt, wonach' die jüdischen Arbeiter hauptsächlich in die Produktion der Güter.erster Ordnung (der Konsumtionsgüter) eingegliedert-sind. Die ungesunde Lebensbasis des jüdischen Proletariats kommt1 auch in folgenden Zahlen zum Ausdruck: während 50 Prozent des gesamten Industrieproletariats in Polen in fabriksmäßig ausgestatteten Unternehmungen beschäftigt sind, konnten bloß 15 Prozent des jüdischen Proletariats in technisch 'höher entwickelten Unternehmen ße-. schäftigung finden. Zusammenfassend können wir sagen: die ökono mische Struktur der jüdischen Massen in Polen! is nicht derart gestaltet, daß ihre Weitefentwickiuttg in Sinne des Liberalismus dem blinden Spiel der selbsttätigen Kräfte überlassen werden könnte: bewußte planmäßige Sozialpolitik ist das Gebot der Stunde! Zum zehnten Todestag Gustav Landauers. Es ist kaum glaublich: Zehn Jahre sind schon1 vergangen, seit uns die Nachricht kam, daß die Schergen der bayrischen Reaktion Gustav Landauer, diesen edelsten und von wahrhaft reinster Hingabe an das Ideal der Befreiung der Arbeiterklasse erfüllten Revolutionär, in bestialischer Weise niedergemetzelt haben. Sein Leben lang hat Landauer der Sache des Proletariats gedient, er hat seine TVeue mit dem Tode besiegelt — und doch' hättet Ihr vergeblich hingehorcht, wenn Ihr im sozialistischen Blätterwald eine Stimme des Gedenkens an seinem Todestag hättet hören wollen. Wie ist dieses sagen wir es offen — beschämende Schweigen zu erklären? Gustav Landauer, mit allen .Fasern seines glühenden Herzens dem Ideal einer gerechten Gesellschaftsordnung ergeben, blieb Zeit seines Lebens der geschichtlichen Arbeiterbewegung fremd: ein Gegner des Marxismus — dessen mißverstand liehen Kritik er einen Teil seines sprachlich so schönen: und vom Geiste edelsten Menschentums erfüllten! „Aufrufs" gewidmet hat — war er Anarchist Im Tolstoischen Sinne. Es kann hier keine Antikritik der, Landauerschen Kritik' des wissenschaftlichen Sozialismus gegeben werden: nur mit einigen Worten' soll das, was uns Sozialdemokraten von seiner Sozialphilosophie trennt, herausgeschält werden. Dieser Unterschied scheint nus seinem Wesen nach nicht mr jenen Momenten zu liegen, durch die sich auch andere anarchistische Systeme von unserer sozialdemokratischen Auffassung, abheben: Staatsfeindsch'aft erfüllt zwar auch ihn, aber sie ist nicht primär durch' Z w e c k m ä ß i g k e i t s ü b e r 1 e g u n g e n . motiviert.: Diese Verneinung des Staates ist diktiert von jener, Sehnsucht nach' unmittelbarer Gemeinschaft, die einen) anderen großen Einsamen — Friedrich Nietzsche — den Staat ein „kaltes Ungeheuer" nennen ließ und1 die ihn — Gustav Landauer — jene rationelle Entwicklungstheorie des Marxismus, die im Sozialismus eine zentralistisch'e, aus den großen im Kapitalismus entstandenen Wirtschaftsorganisationen sich 'herausbildende Gesellschaftsordnung sieht, ablehnen ließ. Vom judischen Arbeiterleben in Palästina. I n s t a d t i s c h e n S i e d 1 u n g e n. Der Sieg der bürgerlichen Parteien bei den Wahlen in Tel-Aviv zeitigt bereits seine natürlichen Folgen; nur durch einen schweren Kampf ist es gelungen, im Stadtrat die Bewilligung von 1000 Pfund für soziale Fürsorge 'durchzusetzen. — Anfangs April fand in Jerusalem eine Konferenz der palästinensischen städtischen Gemeindebeamten statt; es nahmen IQ Delegierte aus '13 Städten teil, davon 4 Juden und 15 Araber. Die Konferenz hatte nur informativen Charakter; trotz gewisser Gegensätze in organisationstech'nischen Fragen war man über die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Arbeit einer Meinung, und faßte in dieser Richtung wichtige Beschlüsse. Daß unsere „Haken- ' kreuzler" — die Revisionisten — den jüdischen Angestellten nationalen Verrat vorwerfen, ist selbstverständlich und wird sje nicht von ihrem Weg der Klassensolidarität abbringen. — Die Jerusalemer Buchdruckergewerkschaft feierte im April ihr 30jähriges Gründungsjubiläum. — Bei der Ausstellung in Tel- Aviv hat die Histadrut einen eigenen Pavillon, in wel- . ch'em die Besucher die Leistungen ihrer Institutionen (Konsum- und Prodtiktivgenossenschaften, Arbeiterbank, Palästinaarbeiterfonds, Produk'tenabteilung des Hamasc.hbir usw,) studieren können. Der Kampf um 'die 7-Ühr-Geschäftssperre hat nunmehr auch auf :Haifa übergegriffen: die dortige Angestelltengewerkschaft hat ein diesbezügliches Memorandum anöden Gouverneur gerichtet. — Der dreiwöchige Streik bei Pachter und. Hof man. in Haifa .wurde beendigt; die endgültige Regelung, findet nach Rückkehr Ruthenbergs aus London statt. Daß die Revisionisten mit Herrn Jabotinskys Dvar-Hajom der Arbeiterschaft bei diesem Kampfe in den Rücken fielen, braucht nicht 'hervorgehoben werden. —. Wie nunmehr bekannt wird, wurden bei den Wahlen der städtischen Arbeiterräte 61,0*) Prozent-aller Stimmen für unsere Bruderpärtei Ach'düt Avodah abgegeben. — Ueber außerordentlich' schlechte Arbeitsbedingungen klagten in 'de,r Vorpessachzeit die Mazzothbäcker; die Arbeitszeit betrug 13 Stunden, die Löhne waren sehr niedrig, mn'd Kinderarbeit grassierte in hohem Maße. — Eine Zählung der städtischen jüdischen Arbeiter gibt uns ein interessantes Bild der Entwicklung der jüdischen Frauenarbeit: 23,2 Prozent aller registrierten jüdischen Arbeiter in den Städten Palästinas sind Frauen. Gegenüber dem Status vor dreieinhalb Jahren ist der Anteil der Frauenarbeit in den Städten um 6,8 Prozent gewachsen. — In Tel-Aviv fand eine Beratung der dortigen Arbeiterinnen statt; es waren 26 Unternehmungen vertreten. Die jüdische Frauenarbeit ist in der Kartonnage- und Textilindustrie konzentriert. Die Arbeitsverhältnisse sind recht ungünstig, nur die Lage der Näherinnen ist etwas besser.-95 Prozent der arbeitenden Frauen in Tel-Aviv sind in der .Histadrut organisiert. — Nach jahrelangem Kampfe ist es nunmehr gelungen, von der palästinensischen Bahnverwaltung die Anerkennung der Eisenbahnergewerkschaft zu erlangen. — 15.000 jüdische Arbeiter sind in den palästinensischen Städten beschäftigt, davon 40 Prozent in 'der Industrie und im Handwerk. .— Im Haifaer Hafen haben die Probearbeiten der jüdischen Steinarbeiter begonnen. — Der Vertreter der Histadrut im Haifaer Stadtrat ist für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der arabischen Stadtarbeiter eingetreten. — In Tel-Aviv wurden 803 beschäftigte jugendliche Arbeiter, 421 Burschen, 382 Mädchen gezählt. — Die landwirtschaftliche Arbeiterinnenwirtschaft in Jerusalem schreitet sehr günstig vorwärts. — In Jerusalem wird die Schaffung einer Arbeitervorstadt für 300—400 Familien geplant. — Den Versuch' der Regierung, beim Jerusalemer Museumbau den Lohn herabzudrücken und die Arbeitszeit zu verlängern, haben die jüdischen und arabischen Arbeiter mit der Arbeitsniederlegung beantwortet. I n 1 ä n d Ii c h' e n Siedlungen. Im untern Galil wurde der für die Entwicklung des Wirtschaftslebens sehr wichtige Ghausseebau beendigt. Aus diesem Anlaß fand eine Feier statt, bei der insbesondere das Verdienst der. Arbeiterschaft um dieses Werk hervorgehoben wurde. — Einen interessanten Einblick in das Leben eines Moscfrav-Ovdim gewähren uns folgende Zahlen, die sich aut Kfar Jecheskie], die älteste dieser Siedlungsform, beziehen. Aut euier Flächte von 6000 Dunam leben 60 Landwirte, davon nur 2 Ledige; auf einen Landwirt kommen zirka 85 Dunam. Außer den landwirtschaftlich Tätigen leben dort 3 Lehrer, 2 Kindergärtnerinnen, 1 Aerztin, 1 Gemeindesekretär, 2 Hamaschbirangestellte, 2 Molkereiarbeiter und 1 Maschinist. Der genossenschaftliche Charakter der Siedlung kommt im gemeinsamen' Absatz der Produkte und im gemeinsamen Besitz der, landwirtschaftlichen Maschinen zum Ausdruck! 40 Prozent des Erziehungsbudgets trägt die Wadat Ha Tarbut, 60 Prozent steuern die Ortsinsassen bei. 110 Schüler besuchen die Erziehungsanstalten; das Problem der fachlichen Ausbildung ist nicht gelöst. Der Moschav bezieht 24 Exemplare des Hadavar, 30 Kuntrisim, 20 Hasadeh, 1 Haarez und 2 - Hapoel-Hazair* Neue Arbeitsmöglichkeiten bieten sich in der eben! gegründeten Kolonie Hadar (15 Kilometer von' Tel- Aviv), da hier Selbstarbeit oder jüdische Arbeit zum' Prinzip erhoben wurde. — Trotz der großen Regenfälle im Emek hofft die Kwuzah Giva auf günstige Ergebnisse ihrer Arbeit. Es wurde auf 1200 Dunam Wintergetreide gesät, davon 300 Dunam Gerste, 7Q Dunam Flachs. Die Drainage ist immer noch unzureichend. Von den 220 t (Milch werden 19CI l an den' Hamaschbir verkauft. — In der von der Pika vor 7 Jahren gegründeten Kolonie „Benjaminah" herrscht arabische Arbeit vor: von den 45 Kolonisten verwenden nur 20 jüdische Arbeiter, bei den übrigen sind! 50—100 Prozent^ aller Lohnarbeiter Araber. — Allgemeine Befriedigung hat im Lande die Verurteilung! jenes schurkischen Kolonistensohnes namens Din;- vitsch hervorgerufen, der zwei Araber dazu verleitet hat, zu seiner Belustigung einen ihrer jüdischen Arr beitsgenossen an ein Pferd zu binden und schleifen: ~ zu lassen: der Lump und seine Helfershelfer erhielten; 3 Monate Kerkerstrafe, er überdies eine Geldstrafe.. — Am 5. Mai fand in Petach-Tikwah die Konferenz der jüdischen Landarbeiter statt. — Die in der Nähe von Haifa befindliche Kwuza Jagur, die 90 Mitglieder zählt, hat 'heuer mit einem Reingewinn ab-, geschlossen. — Am 28. April fand in Petach-TikwaH eine Feier aus Anlaß der 25. Wiederkehr der 2. Alijaft; 10.000 Teilnehmer wurden gezählt. Einigungsbewegung. Am 19. und 20. April fand, eine Konterenz des Hapoel Hazair statt; Gegenstand der Beratung war die Vereinigung mit der Achdut Avdaoh. Das Zentralkomitee wurde zun Fortführung der Verhandlungen mit der Aoh'dut- Avodah legitimiert, die letzte Entscheidung wird im Wege eines Referendums getroffen werden.