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Der Jüdische Arbeiter · 1929-05-31 · Heft 5 (31.5.1929) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 5 (31.5.1929)
Date
1929-05-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. D. D. M DER JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poale Zion Österreichs Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration! Wien, IL, BlttniAiierg&sse 1/1) |; Postscheckkonto Nr, 38.042 Bezugspreis: vierteljährig < S 1.20 halbjährig ,; , 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 5. Wien, 31. Mai 1929. 6. Jahrgang. Genossen und Genossinnen! Die Schekelaktion steht vor ihrem Abschluß und leider müssen wir feststellen, daß noch immer nicht alle Mitglieder unserer Organisation ihre Pflicht erfüllt haben. An diese Säumigen wenden wir uns in zwölfter Stunde und trägen sie: wollt Ihr durch (Wählen thaltung bei den Kongreßwahlen — und ohne Sch'ekel gibt es kein Wahlrecht! — die Macht der sozialen und kulturellen Reaktion im Zionismus stärken und so Verrat am arbeitenden Palästina begehen', wollt Ihr, daß die jüdische Metropole Wien nicht einmal-einen Arbeiterdelegierten zum Kongreß sendet, wollt Ihr, daß unsere Freunde aus der Weltbewegung unsere Parteimitgliedschaft als ^ie wenigst •disziplinierte betrachten, wollt Ihr, daß unsere Feinde aller Couleurs die geringe Zahl von Stimmen, die wir bei der Kongreßwahl aufbringen, wieder als Symptom unserer Schwäche triumphierend anführen 'können? Genossen und Genossinnen! Wir appellieren am Euer poale-ziortistisches Gewissen: um unserer Sach'e, aber auch um unser Prestige willen; sichert Euch1 Euer Wahlrecht zum Zionistenkongreß durch Leistung der Sch'ekelzahlung! Die Organisationsleitung, Was die Kultusgemeinde ist und was aus ihr werden soll. Von M. Singer. {Aus seiner Rede in der Budgetdebatte des Wiener Kultusvorstandes.) Die absolut falsche Methode des Budgetierens 'hat den Vorstand in eine Situation gebracht, aus der kein Ausweg zu finden ist. Der Herr Finanzreferent Ittat uns die triste finanzielle Situation; der Gemeinde geschildert, er verwahrte sieh entschieden: gegen jeden Versuch, die Ausgaben zu erhöhen, da er keine Möglichkeit der Steigerung der , Einnahmen zu sehen glaubt. Dieser schwierigen finanziellen Situation muß •natürlich1 Rechnung getragen werden, aber wie? Die Knappheit an Geldmitteln sollte auch uns zu gesteigerter Zweckmäßigkeit verpflichten, im Voranschlag für das Jahr 1929 finden wir, aber nichts von' alledem. Ohne die Wichtigkeit und die Dringlich' keit der einzelnen Leistungen zu überprüfen, hat man angesichts der Knappheit an Geldmitteln: alle Ausgabenposten generell reduziert. Diese mechanische, seelenlose Methode des Budgetierens macht jede Bewegungsfreiheit innerhalb des präliminierten Budgets zunichte. Eine Verwaltungskörperschaft, wie unsere .Gemeinde, müßte die verschiedenen Zweige ihrer Tätigkeit, dem Grade ihrer Wichtigkeit für die jüdische Gesamtheit entsprechend, in verschiedene Gruppen einteilen und bei Festsetzung des Budgets, die Ausgaben für die wichtigsten Gruppen am wenigsten zu reduzieren. Das würde erst eini methodisches Vorgehen bei der Festlegung unseres Haushaltes ermöglichen. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus die verschiedenen . Zweige unserer Tätigkeit beurteilen1 wollten, müßten wir zum Schlüsse gelangen1, daß tiie Fürsorge den wichtigsten1 Zweig biliäre t. Dieser Zweig absorbiert nicht nur den größten Teil unserer Einnahmen, er ruft das größte Interesse bei den weitesten Kreisen der Alitglieder unserer Ge* meinde wach1. Angesichts der stets wachsenden1 Not *Jer, jüdischen Bevölkerung kommt diesem1 Zweige •unserer Tätigkeit noch größere Bedeutung zu. : Aber gerade auf diesem Gebiete suchen wir im Voranschlag! völlig; vergeblich irgendeine fruchtbare Anregung. Es sollen heuer wie rin den vorhergehenden Jahren eine Reihe von Vereinen subventioniert werden, ohne daß an einen Versuch gedacht wird, die Tätigkeit dieser nebeneinander wirkenden Vereine zu koordinieren', um sie zweckmäßiger zu gestalten. Wieviel Geld der Allgemeinheit,: wie viel Energie "wird hiedurch verpulvert! Um wieviel gründlicher könnten wir die Not der jüdischen Bevölkerung mildern! Wir ■haben wohl eine Zentralstelle der jüdischen Fürsorge, aber sie führt nur ein1 Scheindasein. Auf dem Gebiete der Kinder- und Jugendfürsorge wurde in den letzten/Jahren zweifellos wertvolles geleistet/aber was bedeutet das alles gegen die Tatsachen, daß wir noch immer die verlassenen jüdischen Kinder in einem Heim nicht unterbringen können und gezwungen sind; sie bei Privatpersonen unter für die armen Geschöpfe sehr ungünstigen Bedingungen, zu beherbergen; daß wir noch1 immer kein Heim für die organisierten jüdischen Jugendgruppen besitzen und zuschauen1 müssen, wie viele von den aktivsten unserer jungen! Juden in unhygienischen Räumen ihre Zusammenkünfte abhalten, daß insbesondere in den westlichen Bezirken, so wenig jüdische Kindergärten: haben, daß oft jüdische Eltern gezwungen sind, ihre Kinder in katholische Kindergärten, zu schicken un$ wir es erleben müssen, daß jüdische Kinder an der Fronleichnahmsprozession teilnehmen. Ist.'dieser Zustand ni cht ein Hohn auf unser gesam tes .Fürsorgewerk? Der Finanzreferent, Herr Regierungsrat Doktor Oppenheim, glaubte vielleicht ein sachliches Argument ins Feld zu führen, wenn er den Unterschied zwischen der Snbventionsmethoide unserer gemeinde und'der den; Gemeinde Wien hervorhob un'd meinte, während jene Subventionen nur als Zeichen der Anerkennung für gewisse Leistungen gibt, unsere Subventionen oft einen namhaften Teil des Budgets der betreffenden Institutionen ausmachen. Der Finanzreferent übersieht nur eines: Die Gemeinde Wien verfügt über einso umfangreiches, wunderbares Netz eigener Fürsorgeinstitutionen, daß sie sich1 gestatten darf, die privaten Fürsorgeanstalten mit Subventionen! zu bedenken, die nur als Anerkennung für die Leistungen derselben geweftet werden können, während wir, die so wenig eigene Institutionen besitzen', verpflichtet sind, die privaten Anstalten kräftig zu unterstützen' un'd ihnen noch' zu Dank verpflichtet sind, daß sie uns eTnen "Teil unserer Verpflichtungen *o*er jüdischen Bevölkerung gegenüber abgenommen 'naben." Einiges 'über unsere eigenen Anstalten : Unser Spita/ ftänn gewi"ft auf eine segensreicnte Wirksamkeit hinweisen. Der größte1 Teil der jüdischen Bevölkerung in Wien #ührt — jeder nach' seiner Art — ein jüdisches 'Eigenleben'. Diese Mitglieder unserer Gemeinde haben natürlich' auch' ein Recht 'auf ein judisches Spital Das ist für uns* *keme rituelle Angelegenheit, denn rituelle Kost erhalten die jüdischen Patienten auch in den allgemeinen; Spitälern. Der kranke jüdische Mensch benötigt viel dringender als der gesunde das jüdische Milieu, er hat Recht und Anspruch auf Aerzte und Pflegepersonal, denen seine Mentalität bekannt ist, die ihn verstehen. Aber aus diesem Grunde halten wir es für unerträglich, daß es in unserem Spital ksjrie jüdischen Krankenschwestern gibt. Um röcht mißverstanden zu werden, will ich1 feststellen, daß ich auch' persönlich wahr* nehmen konnte,!daß die nichtjüdiscWen Pflegerinnen sich sehr bemühen, den jüdischen Patienten gerecht zu werden,, aber viele unter ihnen kennen, bei bestem Willen, nicht die Mentalität, das Gefühlsleben der jüdischen Patienten. In .unserem Spital sind die Stiftungstafeln so ungeschickt angebracht, daß man sie oft als Bezeichnung jener Betten, in denen arme, nichtzahlende Patienten liegen, deutet. Das könnte leicht geän'dert werden. Ich' muß mich dagegen wehren, daß der Betrieb des Spitals eingeschränkt werden soll. Wenn manche Abteilungen einen zu niederen Belag aufweisen, dürfte der Fehler in dem unmodernen Zustand der betreffenden Räume (siehe die Tuberkulosen- Zimmer) und der unzweckmäßigen Leitung liegen. Das Spital bedarf einer Ausgestaltung, aber keiner, Einschränkung. Auch das Versorgungshaus muß erweitert werden, und zwar durch1 den Aufbau eines neuem Stockwerkes und nicht durch' die Schaffung einer Filiale. Die Dezentralisation ist absolut unrationell und wir dürfen das Heim in der Herklotzigasse der jüdischen Bevölkerung der westlichen1 Bezirke nicht' entziehen. Dieses Heim sollte vielmehr in ein Zentrum der Juden dieses Bezirkes ausgestaltet werden. Aber auf alle Vorschläge und' Pläne, die man vorbringt, antwortet unser Finanzreferent: Recht schön, aber wo sollen wir das Geld hernehmen? ich' ''wiirniir^ in dieser, , Beziehung einige Winke zu geben. Die. Gemeinde und alle ihre Institutionen entfalten für sich' fast keine Werbetätigkeit. Man sollte auch! in dieser Beziehung" manches von der Gemeinde Wien lernen. Ein eigenes Gemeindeblatt, das alle Mitglieder, unentgeltlich erhalten sollten, müßte die Gemeinde finanziell nahezu nicht belasten, es würde vielmehr die Möglichkeit bieten, die Gemeinde und ihre Institutionen zu popularisieren. Wenn die Bevölkerung wissen wird, was wir leisten, wird sie uns kräftiger unterstützen. Die Mitwirkung der Bezirkskommission bei der, Fürsorgetätigkeit würde uns die Möglichkeit bieten, unsere Ausgaben rationeller zu gestalten und auch die Steuereinnahmen zu steigern. Wenn die Mitglieder der Bezirkskommission aus eigener, Wahrnehmung unsere Geldknappheit kennen würden, würden sie viel strenger bei Bemessung der zahlungsfähigen Mitglieder vorgehen. Ich habe übrigens Beweise dafür, daß man unter dem Vorwande der Leistungen für private,jüdische Wohltätigkeit manche Steuer statutenwidrig ermäßigt. Das Steuermaximum müßte erhöht werden. Unsere reichsten Mitglieder dürfen zu einer höheren Steuerleistung herangezogen werden. . Der Beitrag des Bundes zu den Ausgaben unserer Gemeinde muß energischer als bis jetzt gefordert werden. Nicht betteln und bitten, sonder^ / fordern, was uns gehört, sollen wir. Zuletzt, aber nicht in letzter Reihe: Oefinet die Tore unserer Gemeinde für alle Juden, die sich zur jüdischen Gemeinschaft zählen." Wälzen wir die Schande des Rückschrittes von der großen jüdischem Gemeinde ab und es werden uns die Menschen1 und die Geldmittel reichlich zuströmen. Die Gemeinde soll eine Angelegenheit der gesamten Judenheit Wiens j werden, alle sollen mit uns die Verantwortung; für unsere Arbeit teilen. Das. allein kann uns moralisch und materiell gesunden. Die gegenwärtige Leitung der Gemeinde ist nicht in der Lage, das große Werk der Reform' durcjftzuführen, wir werden deshalb gegen das Budget stimm«». ' r

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