Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 4 (26.4.1929)
- Date
- 1929-04-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ttet jüdischä Arbeiter Seite 3 Diese Befürchtung hat sich als unbegründet erwiesen, denn es ist gelungen, die V. W. J. für viele Fragen des jüdischen Lebens, zu interessieren und gemeinsam mit uns den Kampf! für die Durchsetzung der Forderungen unseres Programms in der jüdischen Gemeinde zu führen. So konnte unsere Organisation der lebeondige Äehtralpiinkt werden, der seine, nach allen Richtungen der Peripherie wirkende Kraft bewährt hat. Unsere Organisation, als Teil des Weltverbandes Poale- Zion, m:t den Idealen und Losungen unserer Weltbewegung ausgestattet, darf sich eben von dem erzielten Erfolge bei den letzten Kultuswahlen nicht blenden lassen, als ob dabei viel erreicht worden wäre, vielmehr müssen wir darangehen, unsere Organisation gemäß ihrer ideologischen Kraft auch numerisch auszugestalten. Unsere Skeptiker, die meinen, in Wien Süi. keine Möglichkeit für poale-zionistische Betätigung vorhanden, mögen die Broschüre unseres Genossen Mendel Finger „Der Weg des jüdischen Arbeiters zum Sozialismus." zur Hand nehmen. In einer glänzenden Abhandlung über „Der Poale-Zionismus in Westeuropa" in der erwähnten Broschüre zeigt uns der Autor viele gangbare Wege und) gibt uns praktische Anleitungen für .produktive Arbeit in ■ Wien im jüdisch-sozialistischen Sinne. Um nur eines konkret zu erwähnen: Es kann für eine proletarisch-zionistische Gruppe nicht gleichgültig sein, ob unsere Kinder in bürgerlich-zionistischen Kindergärten erzogen und beeiiifhißt werden und dadurch der Klasse, der sie entstammen,' entfremdet, ja sogar zum Hasse gegeen diese Klasse angestagelt werden. Es liegt ja im Wesen der bürgerlichen Erziehungsmethode, daß man die Jugend in einem scharfen Gegensatz zum Proletariat bringt, mit der heuchlerischen Motivierung: daß man die Jugend vor dem Bazillus des Klassenhasses .schützen muß. Ist es daher nicht eine der vornehmsten Aufgaben unserer Organisation, in den Bezirken, wo größere jüdische Massen wohnen, Kindergärten zu errichten und dieselben, in unserem Sinne zw eliten und zu .beeinflussen? Die hiefür erfordor- . liehen Geldmittel könnten bei ernstlichen Bemühungen leicht herbeigeschafft werden. Man könnte noch viele Probleme aufzeigen, die eine Intensivierung unserer Arbeit in Wien erforderlich machen. In einer, Zeit, da Organisationen das öffentliche politische Leben gestalten, dos gesellschaftliche Sein je nach der politischen Einstellung und Weltanschauung bestimmen, kann man einer jüdisch-sozialistischen Gruppe nicht das Toten- ' glöcldeiu läuten. Das Problem unserer Oiganisation und ilu-e Arbeiten im jüdischen Leben muß unser Hauptaugenmerk sein. Wir müssen darangehen, unser organisatorisches Leben zu aktivieren. Unsere Vertrauensmänner, alte bewährte Kämpfer, müssen die Mission, welche wir sowohl im jüdischen alsi auch .sozialistischen Leben zu erfüllen haben, voll erfassen und eine rege Propagandatätigkeit in den Reihen der jüdischen Arbeiter, Angestellten und des jüdisclien Kleinbürgertums entfalten. Wenn wir alle gemeinsam an dem Ausbau der Organisation, an ihrer Erhaltung und' Festigung arbeiten werden, dann muß es gelingen, Erfolge zu erzielen. Mög Üchkeiten poale-zionistischer Arbeit in Wien gibt es nur dann, wenn man sie sehen und erfassen w i 11. Unsere Skep tiker wurden der Organisation einen ersprießlichen Dienst erweisen, wenn sie statt in der fruchtlosen Negation zu vegetieren, sich einem gedeihlichen Pofitivismus zuwenden würden, um mitzuhelfen, unsere Organisation zu einem leben digen Faktor zu machen. Aus der jüdischen Gemeinde. Budgetb'eratun'g. Alljährlich in' der Budgetdebatte legen unsere Genossen ihre Stellung zu der Gemeindeverwaltung dar und erneuern die Anträge, die das Gemeindeleben von Grund auf umgestalten sollen. Der neue Kultusvorstand ist seiner Zusammensetzung nach ohne entscheidungsfähige Mehrheit, den Gurndlagen seiner Weiterexistenz nach' mehr als unsicher. Das Budget ist durch eine Reihe kurzfristiger Provisorien für ein Drittel des Jahres bereits faktisch erledigt, der ungeordneten Fragen gibt es sehr viele und im Hintergrund alles Geschehens steht die Entscheidung im Kampf um das allgemeine Wahlrecht!. Der Wahlrechtsausschuß wird seine Tätigkeit nach Beendigung der Budgetdebatte zu beginnen haben. Alle diese Umstände bringen es mit sich; daß die Bu'dgetberatung sich' mehr mit dem Kommenden zu beschäftigen hat als mit dem Gegenwärtigen. . Und doch', in einem Punkt ist das Budget die Sorge aller Parteien. Es weist ein aus laufender Gebarung der Gemeinde stammendes, von Jahr zu Jahr sich' vergrößerndes Defizit auf. In den gegenwärtigen Einnahmequellen feststehend, sind lediglich die Ausgaben fluktuierend und zeigen eine unabweislich'e Tendenz zu Ueberschreitungl. Drosselung einzelner Bu'dgetposten in allen Kapiteln war die unausweich1 liehe Folge. Unter diesen Umständen war es klar, daß auch die Palästinazuwendungen eine Kürzung erfahren wt den. Bei dem produktivierenden Charakter dieser Zuwendung, von der ein großer Teil für die Fürsorge und Berufsverbreitung der jüdischen Jugend in Wien ausgegeben wird, war es klar, daß eine solche Kürzung sich' nur im knappsten Ausmaße bewegen dürfe Schließlich kam eine Einigung der Parteien zustande, wodurch die Palästinazuwendung, mit 32.000 S statt 50.000 S wie im Vorjahr ausgemessen' wurde. Im Klub der Wahlvereinigung der werktätigen Juden sprachen sich drei für und einer gegen die Palästinazuwendung aus. Ein Mitglied des Klubs wollte zu dieser Frage keine Stellung nehmen. Sehr im Gegensatz zu cReser klaren Situation im Klub traten die "Genossen Moriz und Hirschfeld in ,un überlegten, ausfälligen Reden im Plenum dem Standpunkt der Klubmehrheit entgegen1. Während die Rede des Genossen H'irschfeld durch die absolute Unkenntnis dieser wie anderer jüdischer Angelegenheiten nur abstoßend wirkte, artete die unüberlegte, gehäs sige, persönliche Angriffe auf Xlubgenossen nich scheuende Erklärung des Genossen Moriz in einen Skandal aus. Von den Zionisten wurde dem Redner der noch wenige Tage vorher in den Parteienver handlungen die Zusage seines Eintretens für die reduzierende Palästinazuwendung gegeben hätte, als Wortbruch und Irreführung gebrandmarkt. Die vom Klub der Mandatare sofort einberufene Vertrauensmännerversammlung hat nach einem' Referat des Genossen Singer über die Vorgänge anläßlieh der Budgetberatung die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses gegen die schuldtragenden Genossen beschlossen. Gleichzeitig wurde das! vorbereitende Komitee für den Delegiertentag der ^Vereinigung werktätiger Juden gewählt. In der Plenarsitzung des Kultusvorstandes, die der Generaldebatte des Budgets gewidmet war, sprach Gen. Mendel Singer. Wir werden die Rede des Gen. Singer noch nachtragen. In der Spezialdebatte werden unsere Genossen zu den einzelnen Kapiteln sprechen. Wahlsieg in Mährisch-Ostrau. Den mit der Poale-Zion' vereinigten' jüdischen Sozialisten anderer Parteien war bei den Wahlen in die jüdische Gemeinde, die am 7. April stattfanden, ein schöner Erfolg beschieden. Die Liste errang 17 Mandate von insgesamt 60. Der Rest entfiel auf die Jüdische Volkspartei (35 Mandate) und auf die Agudah (6 Mandate). Die Jüdische Volkspartei ist. in Wirklichkeit eine Wahlvereinigung der liberalen Juden mit den Zionisten und Misrachi. Der Wahlkampf war überaus heftig. Die Wahlbeteiligung betrug fast 60 Prozent. In der letzten großen Wählerversammlung unserer Genossen, die am 6. April im tschechischen Gewerkschäftshause stattfand, sprach' Kultusvorsteher Gen. Dr. Rudolf Glanz aus Wien. Die jüdischen Arbeiter und Angestellten Mährisch-Ostraus waren so zahlreich erschienen, daß, der große Saal nicht alle fassen konnte. Unsere Parteigenossen haben in der jüdischen sozialistischen Liste die Hälfte aller Mandate inne. Die Bedeutung dieses Wahlsieges liegt darin, daß er für die künftigen jüdischen Gemeindewahlen in der Tschechoslowakei einen Schluß ziehen läßt. Gemeinsame jüdische sozialistische Listen sind überall zu erwarten. Der Kampfgeist, die Parteitreue der Genossen Poale-Zion in Mährisch-Ostrau wird zur Entwicklung unserer Bewegung in der Tschechoslowakei viel beigetragen. .Wir beglückwünschen unsere Genossen iti Mährisch-Ostrau zu ihrem schönen!WahleffoIg. Die Organisationsleitung der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale-Zion Wien. Glossen. Nochmals Beda und Llppowiiz! Wir haben heute die Pflicht, Herrn Beda zu gratulieren, ist er doch vom „Satiriker" des Kuppelblattes zu dessen Leitartikler avanciertI Tatsächlich bedeutet sein Artikel Spiel mit dem Feiier" (19. März) einen Höhepunkt an Niedertracht und politischer Dummheit — daran wird nichts ai ändern sein, wenn sich auch Herr Beda über die „pöbelhaften' Ausdrücke mokieren sollte. Der Niedertracht: bläst doch nunmehr Herr Beda bewußt mit den rüdesten Prgromlietzern in dasselbe Horn, indem er jene Führer der Sozialdemokratie, die jüdischer Abstammung sind, als die einzigen .Schuldtragenden an allem Nachkriegselend bezeichnet. Der politischen Dummheit: Herr Beda, der zionistische Politiker bekennt, daß zionistische Landespolitik nur so lange berech-t fcigt ist, als der Name des Riehl auf der Einheitsliste prangt; sollte der Bürgerblock die extremen Hakenkreuzlcr abstoßen — dann Juden wählt die Einheitsliste! Wir sind Herrn Eedcu für dieses Bekenntnis sehr dankbar: daß es den bürgerlichen Zionisten nicht um positive jüdische Kulturpolitik geht, daß sie — verhinderte Einheitslistler sind, das wird in Kürze gut zu wissen sein. Dem bürgerlichen Zionismus in Wien können wir angesichts dieses seines Repräsentanten nur •■Jagen: Weit gebracht I Der Fußtritt für die Antisemiten von der „Roten Fahne". In einem Hetzartikel gegen die verdienstvollen Führer der freien Landarbeitergewerkschaft (24. Mäiz) leiit,:t sich die „Rote Fahne" folgende Lumperei: „. . . wenn der Anbau auf den Feldern der Juden Strakosch und Low in Gefahr ist, dann treten alle Gegensätze zurück . . ." Hier liegt wieder ein Schulbeispiel dafür vor, wie Maulinternationale es nicht verschmähen, sich des Antisemitismus zu bedienen, wenn sie hoffen, auf ihm ihr Partei Süppchen kochen zu können; es wird an die antisemitischen Instinkte der indifferenten Landproletarier appelliert, deren Ansicht, daß Ausbeuter und Jud dasselbe ist, bekräftigt. iNcht Erziehung hw internationalen Gesinnung, . sondern Fruchtbarmächung auch der nationalreligiösen Vorurteile de3 Proletariats für das Parteigeschaft — das scheint eine der Auswirkungen des Sieges des- „linken" Kurses in der K. P. Oe. zu sein; wenn man aber noch in Betracht zieht, daß dieser Artikel ja sicherlich noch dazu von einem Bengel jüdischer Abstammung verfaßt sein dürfte, dann kann man wirklich nur rfageh: Pfui Teufel I Ihre Sorgen. Die Stellung Othmar Spanns zum Judentum ist in der „neuen Welt' Gegenstand einer heißen Debatte. Ueberaus kompetente Persönlichkeiten haben schon das Wort ergriffen: seine Gemahlin und nun ein Herr Dr. Rappaport, der sich — man höre — zu Spanns Lehren „voll und ganz" bekennt, weil der „UniverSalismus" das einzige System sei, das dem Marxismusgegenübergestellt werden kann, und weil, nur Spanns Theorie es» verhindern kann, daß - die Hydra des Sozialismus die jüdische Jugend verschlingt. Man muß vier Jahre (!) Spanns Vorlesungen besucht haben, um nicht zu wissen, daß dieser nicht einmal in einem Punkte die Nationalökonomie oder Soziologie weitergebracht hat, daß er ein Außenseiter ist, dessen Werk mit der aufbauenden Arbeit der modernen Sozialwissenschaffe auch nicht einen Berührungspunkt hat, daß es für ihn charakteristisch st, daß er Hortschöpfungen für Erkenntnisse ausgibt. Kurz: die bürgerlichen Zionisten haben sich' da einen Retter vor der Flut des „Marxismus'* ausgesucht, wie selbst wir Marxisten ihnen keinen besseren wünschen können. Die Ergebnisse der Sammelaktion zu Gunsten des Palästina- Arbeiterfonds. Die einmalige jährliche Samme'aktion in unseren Kreisen hat bisher nur S 266.— ergeben« Es Ist recht bedauerlich, daß sich nur 27 Genossen besteuert haben. Wir ersuchen neuerdings alle Mitglieder ihrer Pflicht nachzukommen und die Besteuerung durchzuführen* Genossen! Stärket die Vertretung der jüdischen Arbeiterschaft Kaufet den Schekel!