Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 4 (26.4.1929)
- Date
- 1929-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« Ö Der jüdische Arbeiter Kf. 4 ist Arbeiterschutz dem Proletariat ein Ideal im eigentlichen Sinne des Wortes, ein fast unendlich fernes Ziel Abrüstung? Nun, darüber sind wohl nicht viel Worte m verliefet!: das Wort aussprechen, und an die in allen Großstaaten der Erde vor sich gehenden systematischen Kriegsvorbereitungen denken, ergibt einen Kontrast, wie ihn kein Meister der Satire ausdenken könnte. ' ' Der Kampf um die Ziele von 1889 geht weiter, auch am ersten Mai des Jubiläumsjahres 1929 wird das internationale Proletariat ihre Verwirklichung zu fordern haben. Es ist das Schicksal des jüdischen Proletariats, diesen Kampf an jenen Frontabschnitten führen zu müssen, an welchen die größten Opfer zu bringen sind. Wer denkt da nicht an jenen Heroismus, den die jüdischen Arbeiter in Rußland bewiesen, als sie — den russischen Arbeitern vielfach vorangehend — die ersten Maifeiern veranstalteten: erschütternde Zeugnisse dieser Hingabe finden wir in den Memoiren Michailevitschs, des jüngst verstorbenen bundistischen Führers. Die Sowjetrepublik hat den 1. Mai zum Staatsfeiertag erhoben: die Logik der jüdischen Geschichte hat aber wieder dem jüdischen Arbeiter das Joch1 des Triariers im internationalen Klassenkampf auferlegt. Denn darin liegt ja die Bedeutung der jüdischen Arbeiterpartei Palästinas für die Internationale, daß hier am europäischen Sozialismus geschulte jüdische Proletarier vereint mit dem arabischen Proletariat den Kampf um Sozialpolitik und Arbeiterschutz gegen das nach kolonialen Extraprofiten gierige Kapital aufgenommen haben. Dieser gemeinsame Kampf hat bereits zu großen Hoffnungen berechtigende Organisatorische Wirkungen gezeitigt: möge — das ist unser Mai wünsch' an das palästinensische Proletariat — bald' der Tag der geschlossenen Einheit der jüdischen und arabischen Arbeiterschaft kommen, an der die völkerverhetzende Propaganda der Chauvinisten beider Völker zu Schanden werden wird! Pessach. Es wurde schon oft auf die- Eigentümlichkeit der Tatsache hingewiesen, daß die Geschichtsschreibung sich nicht mit der einmaligen Darstellung des .Geschehens der Vergangenheit begnügt, daß vielmehr jeder Epoche ein bestimmtes Bild der Kultur der Vergangenheit entspricht. Und dies ist wohl kein Wunder: denn das geschichtliche Geschehen ist seinem Wesen nach1 außerordentlich vielfältig, vielfältig vor allem in seinen Bedingungen und Wirkungen, so daß jede Generation mit dem ihr eigentümlichen Blick die Vergangenheit schauend aus der Totalität derselben die ihr entsprechenden Elemente hervorhebt und1 sie zu dem* ihr entsprechenden Geschichtsbild zusammenfügt. Doch gilt die These vom Wandel des Geschichtsbildes nicht nur im zeitlichen, sondern auch im sozialen Sinne: in einer gegebenen Periode nämlich ist die geschichtliche Blickrichtung klassenmäßig differenziert, jede Klasse sieht die Vergangenheit anders. So ist es denn selbstverständlich, daß wir jüdischen Sozialisten mit einer grundsätzlich anderen Einstellung dem historischen Ereignis gegenüberstehen, dessen Erinnerung das Pessachfest geweiht ist, als das Bürgertum. Um aber zuerst die Gemeinsamkeit der Betrachtungsweise hervorzuheben: daß der „Auszug aus Mizrajim" — jene zweite entscheidende Emigration unseres Volkes, dessen Geschichte auch in der Antike eine Geschichte seiner Wanderungen ist — den Sinn nationaler Befreiung, ja der Volkswerdung schlechthin hat, darin dürften sich alle gesellschaftlichen Gruppen der Judenheit einig sein! Doch darüber hinaus eghen die Wege auseinander. Der jüdisch-nationale Chauvinist sieht wie gebannt nur die errungene na Hon ale Freiheit: zu uns Sozialdemokraten spricht vor allem jener Teil der Ueberlieferüng;, der es als wahrscheinlich erscheinen läßt, daß die Juden in Aegypten in ihrer Ganzheit dem von der pharaonischen Autokratie ausgebeuetetm Sklaventum, dem Proletariat der Antike angehört haben, daß jener „Auszug" ein sozialer Befreiungskampf im eigentlichen Sinne des Wortes war, daß schon für jene uns so dunkle Zeit sich die These des bedeutendsten Nationsoziologen von heute — Otto Bauers — bewährt, daß nationaler Kampf seinem Wesen nach nichts anderes als transformierter Klassenkampf ist! Auch die an der religiösen Ueberlieferüng festhaltenden Richtungen innerhalb der Judenheit sind entfernt davon, den Kampf Charakter jenes Exodus zu leugnen. Doch1 ist es nicht das Volk, die Masse der geschundenen Proleten, die diesen Kampf geführt und entschieden hat, Gott war es,-der im Sinne der jüdischen Glaubenslehre sein Volk „mit starker Hand" hinausgeführt hat aus dem Lande der Knechtschaft. Uns ist diese religiös-metaphysische Geschichtsbetrachtung fremd; und wir haben keinen Anlaß zu glauben, daß der jüdische Sklavenaufstand dank übernatürlicher: Kräfte sich erfolgreich gestaltet hat, im Gegenteil, der biblische Bericht von der Ermordung jenes Aufsehers, der die Verhöhnung der Menschenwürde im Proleten auf die Spitze trieb, scheint uns darauf hinzuweisen, daß jener . Klassen* kämpf von den israelitischen.Sklaven mit aller Energie geführt wurde. Und so finden wir wieder über Jahrtausende hinweg veine Erkenntnis bestätigt, die so recht zum zentralen Stück unserer sozialistischen Anschauung gehört: daß die Befreiung einer Klasse nur ihr eigenes Werk sein kann! Wir glauben, mit diesem Geschichtsbild nicht im Gegensatz zu jenen Darstellungen zu stehen, die quellenkritisch den historischen Gehalt der Mosesgeschichte festgestellt .haben; Und doch sind wir ehrlich1 genug zu gestehen, daß seine Entstehung in der Situation, jn die wir jüdische Sozialdemokraten hineingestellt sind mitbegründet ist: denn auch' unser Kampf geht um nationale und soziale Erneuerung zugleich1. Und darüber hinaus: der biblische Bericht von den Fleischtöpfen Aegyptens, zu welchen viele in Israel zurückkehren wollten, weist darauf hin, daß materielle Strebungen das nationale Befreiungswerk gefährdet haben. Kann uns dieser Bericht nicht wie eine in die Vergangenheit projizierte Darstellung des N/errates der jüdischen Pflanzungskapitalisten Pa^ lästina erscheinen, die um der Erhöhung ihres Profites — dieses Fleisefhtopfes des Kapitalismus — dem jüdischen Arbeiter die Arbeitsstelle verweigern und so das jüdische Aufbauwerk sabotieren? So führt denn diese Pessachbetrachtung unsere Gedanken zur palästinensischen Arbeiterschaft und ihren schweren Klassenkämpfen und wir wollen dieses Fest durch' die Erneuerung unseres Vorsatzes feiern, unsern Brüdern in diesen Kämpfen nach Kräften beizustehen:. Rüstet zum Zionistenkongreß! Verbreitet den' Sch'ekel! Werbet für 'die Forderungen der jüdisch'en Arbeiterschaft i n Pa 1 ä s t i n a! Genossen und Genossinnen! Der XVI. Zionistenkongreß ist für Juli 1929 angesetzt worden. Auf diesem Kongresse wird die jüdische Arbeiterschaft Palästinas einen schweren Kampf um den Charakter und den Inhalt des Aufbauwerkes führen müssen. Wir dürfen in diesem Kampfe nicht untätig! bleiben. Die Voraussetzung der Einflußnahme auf den Kongreß ist der Besitz eines Schekels. Daher gilt als erste Forderung: Jeder Freund des arbeitenden Palästina, der jüdischen Arbeiterschaft — kaufe einen Sc h ekel! Möglichkeiten poale-zionistischer Arbeit in Wien, Von Kaa'l R o fc t e n s t r e i c h. Der Erfolg unserer Organisation bei den letzten Kültuswahlen bei manchen xinserer Genossen ein?. Uebenaschii^g a\isgelöst. War doch früher bei uns die Frage, ob es der Mühe wert sei, sieb tun Mandate in öffentliche "Körperschaften, zu bewerben, von sekundärer .Bedeutung1, \v0b2i man die Notwendigkeit einer Vertretimg, namentlich in jüdischen Institutionen (Kultusgemeiude), stets betonte und niemals verkannt hat. Bevor wir uns mit der Vereinigung" werktätiger Juden zwecks einer gemeinsamen Kandidatur für die Kultusge meine! 0 geeinigt haben, hat es nicht an Wamungsrufein seitens vieler unserer Genossen gefühlt. Diese Genossen hegten die Befürchtung, daß wir durch die Verbindung mit der V. W. J. programmatisch eine Einbuße erloiden könnten, zumal die heterogene Zusammensetzung dieser Or ganisation keine Gewahr für die Durchsetzung unserer Forderungen für die jüdische Gemeinschaft in Wien biete. Vom jüdischen Arbeiterleben in Palästina. •Institutionen, der Arbeiterschaft; Die Arbeiterkrankenkasse erteilt 2500 Personen (inklusive clor An gehörigen der Versicherten) medizinische Hilfe. Von den 73 Zweigstellen zählen die sechs städtischen 55.1 Prozent aller Mitglieder, die 46 in den Arbeiterwirtschaften befindlichen 22.8 Prozent und die 21 in den Kolonien 22.1 Prozetnt der Gesamttnitgliedsclmft. — In Tel-Aviv fand anfangs März die Konferenz der Kulturorgauisatiou der Arbeiterschaft statt. Wir entnehmen dem Keferat des .Genossen Javniele, daß es trotz der Verkürzung des Beitrags der zionistischen Exekutive dank der Opferwiiligkeit der Lehrer und Arbeiter einer Widmung des P, A. F. gelungen; ist, die Arbeit auf dem bisherigen Niveau zu erlialten. Ein neues Arbeiterkinderheim wurde gegründet, und in Verein miti dem Verlag Dwir eine BüoherreLhe herausgegeben. Gegenstand einer bewegten Debatte war die Frage der Auf recht erlialtung der Autonomie des proletarischen Schulwesens: die Mehrheit entschied sich! für sie, beschloß aber gegen die finanzielle Bevorzugung des klerikalen Schulwesens durch1 die 'Exekutive anzukämpfen. — Der „Dnvar", die Tageszeitung der jüdischen'Arbeiterschaft im Lande wfrd seit dem 1. März in. einer eigenen Druckerei hergestellt. An dieser wichtigen Neugründung. lxat vor allem die amerikanische Gewerkscliiftskampagne ihren wesentlichen Anteil. — Am 15. März fand in Tel-Aviv eine Beratung der industriellen Produktivgenossongenossensohaften, statt. Die auf der Konferenz vertretenen 35 Genossenschaften (Gesamtzahl 52) weisen ein Eigenkapital von 20.000 Pfund und eine Jahresproduktion von 140.000 Pfund aus, und beschäftigen jetzt 700 Genossen. Es wurde beschlossen, sich um langfristige Kredite zu be mühen, Ein- und Verkauf genossenschaftlich zu organisieren, den Chaluzim die Tore in die Genossenschaften zu öffnen und genossenschaftliche Beamte heranzubilden. Aus städtischen Siedlungen. Bei der Kabellegung in Jerusalem werden von dem arabischen Unternehmer, dem die englische Elektrizitätsgesellschaft die Arbeit übergab, nur billige arabische Arbeitskräfte beschäftigt, die jüdischen Arbeiter worden boykottiert. — In Jerusalem sind achtzig jemenitische Arbeiter im Stickereigewerbo beschäftigt; bei langer Arbeitszeit verdienen sie kaum einen Pfund in der Woche. Kürzlich haben' sie sich organisiert und stehen gegenwärtig in einer Lohnbewegung. — Den Gashausangestellten in Jerusalem ist es gelungen, ihre Lohnbewegung zu einem günstigen Abschluß zu bringen. Die Arbeitszeit wird durch den neuen Kollektivvertrag von 14 auf 9 Stunden herabgesetzt, der Arbeitslohn erhöht, die Unternehmer erkennen die Veitrauensmännerausschusse an, ebenso das Hecht der Gewerkschaft bei Kündigung und Neuaufnahmen mitzuwirken und verpflichten sich' zu Leistungen an die Kupath Gholim. — Die Handelsangestellten in Jerusalem verlangen die gesetzliche Einfühlung des Ladenschlusses um 7 Uhr. In einer Enquete stimmten die Kaufleute dieser Forderung zu, nur der arabische Vertantsir der Stadtverwaltung protestierte, Ein günstiger Abschluß der Bewegung ist zu erwarten; — Der Arbeitsmarkt in Jerusalem hat sich in der letztem Zeit günstig gestaltet. Trotzdem die Bausaison noch nicht begonnen; hat, zählt man. heute schon 4000 .vollbeschäftigte Arbeiter. Nach' wirklich qua Ii* fizierten Arbeitern besteht hier roge Nachfrage. —j Die Gewerkschaft der Bäcker in Tel-Aviv (siel zahlt 82 Mitglieder, 18 Genossen sind arbeitslos) fordert eine Herabsetzung der Arbeitszeit von 14 auf 10 Stunden. Aus ländlichen Siedlungen. Die Ai'beiterratswahlen in Petach-Tikwah hatten folgendes Ergebnis: Achdut Avodah und Uapoel Hazair erhielten je 9 Mandate, die linke Poale-Zion 2 Mandate. 1 Mandat ist noch zwischen der Achdut und den „Unparteiischen" strittig. — In der KwuzabJ (Sivat wurden bis Ende Dezember auf 1800 Dunam Wintei'- getjeide angebaut (1000 Dunam Weizen, 600 Dunam Gerste usw.) Mau befürchtet schädliche Wirkung dos allzurelchen Winterregens. Der Wintergarten umfaßt 20 Dunam, der Sommergarten 15 Dunum, der Eukalyptuswald 60 Dunam. Es wurden noch 3500 andere Bäume gepflanzt, insbesondere ein Wald zum Andenken an die Blutopfer von Pinsk. — Auch im Emek ha Jarden, dem sonst regenärmsten1 Gebiet des Landes, beklagt man sich über allzu starken Regenfall. Der Saatenstand ist günstig. Dia Kwuzah' Kineret leidet unter dem hohen Wasserstandedes Sees, der Eukalyptuswald ist überschwemmt. Auch die Fischer sind in ihrer Arbeit durch die starke Strömung des Jordans sehr gehemmt. — Die in der Zeit vom 13. Dezember 1928 bis 25. Jänner 1929 eingewanderten 328 Chaluzim haben zur Gänze Arbeit in den Kolonien gefunden. Auch 55 Leidensgemossen Trotzkis, die in Palästina ankamen, sind zur Landwirtschaft übergegangen. — In lleohoboth wurden auf 600 Bunan* 50 Arbeiterfamilien angesiedelt. Eine Wohnbauanleihe: ist bereits, aufgenommen worden. Mit dieser Aktion wird ein langjähriger, Wunsch der Arbeiterschaft in der Kolonie erfüllt.