Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1929-03-15 · Heft 3 (15.3.1929) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 3 (15.3.1929)
Date
1929-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2641551-2641584-2641587--212-2642141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

n&a........._.....................-........-.....-......___________ ^^immäijiiMillli^^ Dr.Mäxßosenfeld* (Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages.) Zehn Jahre sind nunmehr verstrichen, seit Max Roseur feld1 von uns ging. Es war ein tragischer Abgang, ähnlicth" wie der Ber Borochows. Max Rosenfeld, der Kämpfer für das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes im alten Oesterreich, der Kämpfer für unsere Anerkennung in der sozialistischen Internationale, starb gerade in jenem Momente, als sich! die Juden des kaum entstandenen Polen aufrafften;, die Vertreter der Assimilation abschüttelten und! sich anschickten1, ihr Schicksal selbst zu formen j er starb, als gerade in Bern der internationale sozialistische Kongre 3 tagte, an welchem Unsere Vertreter als gleichwertige Mitglieder teilnahmen. Rosenfield stand auch an der Spitze einer der ersten jüdischen Volksgemeinden in Galizien. der Tod ereilte ihn dn Wien, auf der Reise zum internationalen sozialistischen Kongreß in Bern', an welchem er als einer der Vertreter unseres Weltverbandes teilnehmen sollte. Immer wieder kehrt das Motiv des Todes Mosis wieder. Er durfte das Land, sehen, aber es nicht betreten. Die gegenwärtige Generation der Poale-Ziön wird kaum noch! zu ermessen vermögen, wie "schwer und mühsam man sich zu manchen Selbstverständlichkeiten von heute durchringen mußte. Unser Recht auf unser Volkstum, auf nationales Selbstbestimmungsrecht in " Osteuropa mußte errungen werden. Und Max Rosenfeld betrachtete. es als seine Lebensaufgabe, dem jüdischen Volke dieses' Recht zu erkämpfen. Max Rosenfeld, der Kämpfer für die nationale Autonomie, der Verfasser unseres Programmes für die jüdische Gemeinde, widmete - sich' auch den Palästinaproblemen mit dem ihm eigenen Ernst, mit tiefer Herzenswärme. Rosenfeld1 war einer der ersten unter uns, der die große Bedeutung des Nationalf ondsi für unsere Sache erkannt und für ihn geworben' hat. Er stand an der Spitze der Vorkämpfer für die genossenschaftliche Kolonisatiönsmethode in Palästina. Rosenfeld gab uns knapp vor seinem Abgange die „Sozialen Steintafeln". Es sollte zu unseren wichtigsten Aufgaben, gehören, unserer Jugend den Gedankenreichtum Max Rosenfelds zü erschließen. M. S. JDer jüdische Arbeiter in Amerika; Der überwiegende Teil der jüdischen Arbeiter Amerikas war schon von früherher in Industriezweigen beschäftigt, die zum Teil handwerksmäßigen Charakter trugen, wie iSchneiderei, Bäckerei usw. und die als Endstation im Produktioonsprozesse bezeichnet werden. Durch den technischen Fortschritt wurden besonders diese Industrien hart betroffen und eine große Zahl jüdischer Arbeiter konnte in diesen Berufszweigeni keine Beschäftigung mehr finden. Diese Tatsache in, Verbindung mit noch anderen Um- „, ständen brachte es. mit sich, daß spezifisch ,,j ü d i s1 c h e" Berufe, wie die Bekleidungsindustrie, ihren bisherigen Charakter verloren haben. Während noch vor 20 Jahren die Juden 65 Prozent der organisierten Arbeiterschaft in der Bekleidungsindustrie ausmachten, beträgt ihr gegenwärtiger Anteil bloß 35 Prozent*). Dieser Prozeß ist aber noch1 nicht zu Ende. Denn während der Anteil der Juden an der größten Gewerkschaft. der Kleidier- -industrie der- „Amalgamated" (Herrenschneider) im Jahre 1925 38.2 Prozent betrug, ist der Prozentsatz! der Juden, die in der zweiten Hälfte des Jahres 1923 dieser Gewerkschaft beitraten, auf 28.3 Prozent gesunken. Zu der Elucht aus den „jüdischen" Industrien trägt nicht wenig die Furcht vor der drohenden Arbeitslosigk eriV bei. 80 Prozent der jüdischen Arbeiter Amelikas-iiaben kernen^-sicheren Boden unter ihren Füßen und laufen täglich Gefahr, brotlos, zu werden. Was Wunder, wenn dann viele Arbeiter es vorziehan*, die Stadt zu verlassen, um irgendwo als Farmer ein sicheres; Leben zu führen, oder, was häufiger vorzukommen pflegt, sie ihre Klasse verlassen, um als Krämer oder Vermittler sozial ■^umzusteigen". Bekanntlich sind ja alle Amerikaner äußerst „labil", d1. h!v... wechseln häufig ihren; Beruf, gehen von einer Klasse zu ei^er au^ere^Kü werden kleine „selbständige" Unteribhmea^d^ sie auf diese Weise-ihre Existenz verbessern zu können glauben. Dieser Prozeß wird in den' letzten Jahren durch die Umstellung *) Das Zahlenmaterial ist von Dr. Hermann Frank: „Zur sozialen und ökonomischen Lage der Juden in Amerika" (Jüdisches Arbeiter-Jahrbuch! 1928) entnommen, Der jüdteth« Arbdto- ,.,— 40»' der Industrieauf Ma^enproduktion: besonders gefördert. Durch' die vergrößerte Produktion ist der Bedarf an' Reisen* den, Agenten, ReklamefacWeuten und sonstigen Vermittlern zwischen Konsum und Produktion stark gestiegen. Die größeren Verdienstmöglichkeiten innerhalbdieser Be=- rufsgruppe locken viele proletarische Existenzen an sich, wodurch der Anteil der Juden am Handel eine Steigerung erfährt. Dessenungeachtet darf die , Bedeutung der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas sowohl für das jüdische Leben, als aucn ganz besonders für die amerikanische Gewerkschaftsbewegung nicht unterschätzt werden. An einigen Beispielen au® New*York soll die dominierende Stellung <ler Juden innerhalb der Gewerkschaften gezeigt werden. Vor allem soll die Bekleidungsindustrie erwähnt werden. (Die Zahlen gelten nur für New-York 1928.) Dreiviertel der organisierten jüdischen Arbeiterschaft New- Yorks gehört der Bekleidungsindustrie au. Die Juden bilden im Durchschnitt 65 Prozent der: Mitglieder, doch ist ihr Anteil innerhalb' der einzelne^'Zweige"sehr verschieden. In der größten Gewerkschaft dieses Zweiges der Frauenkleiderindustrie (50.000 Mitglieder), i3* der Anteil der Juden' 70 Prozent, bei der' Männe'rkonfektion (40:000 Mitglieder) sinkt' ihr Anteil auf' 45 Prozerit. In' manchen kleineren Gruppen i&t der Anteil der Jüd£h 'hoch' bedeutend größer. Bei den Hutarbeitem (2500 Mitglieder) bilden die JudeU 90 Prozent der Mitglieder. ' Die -Frauen stellen im Durchschnitt ein Drittel der Mitglieder. Es soll bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt bleiben, daß dieser Beruf szweig, abgesehen von den Bahn- Und Bauarbeitern, hinsichtlich der gewerkschafthchen iOrganisation zu den besten Amerikas zu zählen ist. . v ::".' Nicht dasselbe kann man von den Lebensmittelarbeitern sagen. Die Organisation vereinigt nur einen kleinen Teil der Arbeiter dieser Gruppe. Der überwiegendste Teil rekrutiert sich' aus Juden, die dm Durchschnitt 85 Prozent der Mitglieder stellen. Bei den Bäckereiarbeiitern bilden die Juden 90 Prozent, bei den Kellnern; (3000 Mitglieder) 8S Prozent. Die Frauen machen kaum 10 Prozent der Mitgliedschaft aus. / - , In der Bauindustrie liegen keine genauen Zahlen über diegewerkschaftliche : Organisation - vor. Bloß die Zahl der. Zimmermaler ist;bekannt. .In;der Stadt New-York waren im Jahre 1928 -ca.' 20.0001 .Zimmermaler 'organisiert, von welchen wieder;.700Q : Juden-waren;; Der. Prozentsatz " der: Juden ist' hier deshalb so' ^geiinig,1^ weil gerade diieser Berufszwe.ig, infolge•' der ''relativ! •' niedrigeren." Löhne, die gezahlt werden, von?den Juden'- 4b-' ziemlich' gemieden' wird.' Zum Schluß sei noch kuriösumshalbe'r erwähnt, ' daß die Gewerkschaft der Schauspieler und die der Choristen zu den ersten Gewerkschaften, die gegründet wurden, gehören und daß die Mitglieder der jüdischen Theater New- Yorks zu 100 Prozentorganisiert sind. _ . Schwierigkeiten poale-zionistischer Arbeit. «''".»..■' ■ (Diskussion.) ...... Die zentrale Frage, die heute in unseren Kreisen diskutiert wird — ganz-gleichgültig, ob wir offizielle Versammlungen oder, persönliche Aussprachen unter. Genossen, ins Auge fassen. ~ ist. die Frage. nach' den Ursachen der relativ engen Grenzen, die bisher zumindest dem Wachstum unserer Organisation gesetzt .waren. Die Tatsache der unbestreitbar weitgehenden: Assimilation der jüdischen Bevölkerung Wiens einerseits, andererseits der vielfach' bestehende Antagonismus zwischen den ökonomischen Interessen derer, an1 die wir appellieren und den eventuellen Folgen! eines Bekenntnisses zur Idee der Erhaltung und Erneuerung des Judentums werden zur Erklärung des oben festgestellten Tatbestandes herangezogen. Es sei nun im folgenden der Versuch1 gemacht) unser Problem von einer' anderen. Seite kurz zu erörtern; nicht von außen her wollen wir an dasselbe herantreten, vielmehr sei einmal unsere Situation einer imanenten Analyse unterzogen : bieten sich bei der Aufnahme und Verarbeitung derpoalezionistiischefni Ideologie als solcher nicht besondere Schwierigkeiten und welche sind es? Es' wird wohl leeinen Widerspruch, erfahren, wenn wir den Poalezionismus1 als eine Synthese nationaler und internationaler Bek^enntnisprinzipien charakterisieren: unser Ziel ist es ja, die nationale .'Voraussetzung für den vollwertigen Kfossenkämpf des; Jüdischen Proletariats im Rahmen, der proletarischen! Internationale zu schaffen. Nun, theoretisch ist wohl durch die Arbeiten Bauers, Borochows, Jaures und Renners endgültig klargestellt, daß jinrT" "*•*—- -1------' ■ - —-—~y .«~~»~~~.«*.-»-.v~ .^..^.»»..ai^.^A. der Inter^tionalismus)ih keinem- Widerspruchs, au* positivem Einstellung zum Volkstum steht; in letzter Linie^hat ja das Endziel der Sozialdemokratie, die Aufhebung ..des- Klassengegensatzes den Sinn der erstmaligen Konstituierung der wahren Volksgemeinschaft. Man muß nun aber in der Praxis grundsätzlich zwischen Gemeinsdhafteaugehörigkeit und deren Bewertung durch' das Individuum unterscheiden: Zwar gehört jeder Mensch notwendig mehreren sozialen Kreisen (Volk, Klasse, Religion, Familie usw.) an, das Erlebnis dieser Zugehörigkeit zeigt aber in der Regel verschiedene Intensität, ja es kann das Individuum die Sozietät, in die es objektiv gehört, subjektiv ablehnen, und aus ihr herausstreben. Der Sozialist gehört nun unter an* deren dem sozialen Kreis seines Volkes und. seiner international gerichteten Klassenbewegung an und es ist nur zu selbstverständlich, daß in der Zeit des verschärften Klassenkampfes ihm seine Zugehörigkeit zur letzteren wesentlicher erscheint als seine Volkszugehörigkeit. Das hat nun auch vom nationalen Standpunkt bei kulturell normal lebenden Völkern kein Bedenken: mag sich der Arbeiter dessen bewußt sein oder nicht, sofern er geistig lebt, lebt er seine na.tionale Kultur und der Sinn aller proletarischen BiMungsbewegung ist letztlich der Kampf der Arbeiterschaft um nationale Kulturgüter. Wie anders steht es aber um den jüdischen Sozialisten im Westen, der international eingestellt ist, sich aber trotzdem dem Judentum verbunden fühlt. Teilt er schön mit dem bürgerlichen'/ zum Judentum positiv stehenden Westjuden das nicht leichte Los, bewußt in zwei. Kulturen zu leben, d. h. sean geistiges Inventar dauernd aus Elementen deutscher und jüdischer Kultur zu ergänzen " (man vergesse nicht, daß das konkret eine geistige Mehrleistung gegenüber dem Assimilanten bedeutet, denn die Rezeption jüdischer Kulturwerte und das sich Befassen mit jüdischen Lebensfragen keine innere Notwendigkeit ist), so fühlt er sich überdies, noch durch seine internationale Gesinnung in dieser nationalkulturellen Arbeit gehemmt: denn Streben nach jüdischem Wissen kann im Westen nicht durch: all gern eine n Bildungsdrang motiviert werden, zpezifisch jüdische Bildungsarbeit im Westen wird immer den Stempel des Bewußtnationalen tragen, der demjenigen, dessen 'internätio- salo Einstellung besonders intensiv ist, es so außerordentlich1 schwer macht, sich unserer Bewegung anzuschließen. Allerdings gibt'es auch Genossen, welchen die UeWbetonung des' Internationalen' und die Konstruktion eines Widerspruches zü unserer 'nationalkuliurelfe Arbeit'ein willkommener Vorwand ist, die Welt des jüdischen Sozialismus, zu verlassen und jene geistige Mehrarbeit, die sicherlich mit dem Bekenntnis, zum Poalezionismus verbunden ist, nicht, leisten zu müssen. Hier sollte nur auf die erfahrungsgemäß sehr wirksame psychologische Hemmung der Aufnahme Unserer Ideen aufmerksam gemacht werden; vielleicht wird aus der Diskussion * dieser anspruchslosen Bemerkungen der Weg ' zur Ueberwindung jener Hemmung klar werden 1' Mosjßfcok. Aus der jüdischen Gemeinde. Die Vorarbeiten für das Budget sind in vollem Gange. . Die Erfordernisse, .der einzelnen .Verwaltungszweige, werden in' den Kommissionen vorberaten. ' Nunmehr -sind auch die Bezirkskommissüonen konstituiert worden. Entsprechend ihrer Stärke sind unsere Genossen auch in der Leitung der Bezirkskommissüonen vertreten. In eingehender Beratung sämtlicher gewählter Bezirksmandaitare im Verein mit dem Klub der Mandatare den* Kultusgemeinde, wurde unser . Vorgehen in den Bezirkskommissionen festgelegt. Eine diesbezügliche Resolution wurdo in der konstituierenden Sitzung der Bezirkskonimissionen zur Verlesung gebracht. - Ein gemeinsamer Klub der Mandatare im Vorstand und in den Bezirkskommissionen wurde gebildet.' In' einer der letzten Sitzungen des Vorstandes wurde endlich der Beschluß gefaßt; eine statistische Kommission' der 'Gemeinde einzusetzen. Sie soll aus fünf Mitgliedern des Vorstandes bestehen und sich durch' Kooptation ergänzen. ' Aufgabe der statistischen Kommission wird eß sein, in allen Aemtern und Anstalten der Gemeinden für die Sammlung statistischen Urmaterials Vorsorge zu treffen und die Richtlinien seiner Bearbeitung1 zu bestimmen. Ferner sollen jüdische Vereine und deren, Anstalten zu einer ähnlichen Tätigkeit angeleitet werden. Wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiete der Statistik der Wiener Jude» sollen voon der Kommission in jeder Weise gefördert werden'. Genossen! Stärket die Vertretung der jüdischen Arbeiterschaft Kaufet den Schekel!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.