Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- Heft 3 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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/<«rii«R»ttWa* «a.»gtajsart<v»~»y-^ .3, v I M<te-<qfcfr>fl I ""^Jj!^^...........-■ } seine^Beziehungen' zum Völkerbunde abbrechen und i seine'eigenartige; politische ^.Stellung verlieren wird.? Diese einzigartige Lage soll keine w^tlpse iSache in ■ der zionistischen Auffassung sein, dehn bis die Juden * im Lande, zu. einer entscheidenden Kraft werden, diese i Lage ist es, die uns von der Stellung und vom Schicksal einer englischen Kolonie rettet. Wird sich diese einzigartige Lage , ändern und inzwischenunsere tati sächliche Kraft nicht' bedeutend großer, dann be-; wahrt Palästina keine Bezeichnung „Dominion" vor | dem Kolonieschicksal. I Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, daß die; zukünftige politische Entwicklung dazu führen wird, daß - Palästina in dem Rahmen des britischen Weltreichs in Dominions-Form seinen Platz finden wird. DieiSache hängt aber von Faktoren ab, die heute) nicht -zu -übersehen sind. Heute ist England die stärkste Weltmacht, niemand kann aber mit voller Sicherheit prophezeien, daß es auch in naher oder weiter Zükunft so bleiben wird. Und niemand wird es übernehmen, die Entwicklung des britischen Weltreiches mit voller' Bestimmtheit vorauszusagen'. Es ist aller- , 'dingi anzunehmen; daß England, den politischen Tendenzen der besten englischen Staatsmänner folgend, •.sich zu einem eigenartigen Völkerbund entwickeln ,wird. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, daß es seine Besitzungen1 außerhalb Europas verlieren wird- Die soziale und politische Entwicklung, Asiens könnte es dazu bewegen, ganz andere politische Formen des Völkerzusammenlebens in seinem Reiche zu suchen. Insbesondere ist nichts Bestimmtes und Sicheres üoer diejenigen1 Teile des Orients vorauszusagen, mit denen Palästina — nicht nur geographisch -f ' verbunder. ist. Könnte man absolut sicher sein, daß 'auch' Palästinas Nachbarländer — Aegypten, Irak, Mesopotamien! — in englische Dominions sich verwandeln werden, dann stände der Gedanke des „siebenten Dominions" auf festeren Füßen. Wie wird aber die Lage Palästinas sein, wenn die Sache sich ' anders entwickeln wird, wenn die Nachbarländer Palästinas, zu einer vollkommenen politischen Unabhän- _ igigkeit gelangen und vielleicht sogar in eine englandfeindliche politische Konstellation eintreten werden!? Wird Palästina allein, ohne jeglichen Stützpunkt in den arabischen Ländern, die „lunga manu" vor. Eng1 lariid sein können? . .Gerade weil das jüdische Kolonisationswerk erst an seinem Anfange steht, gerade weil nicht anzunehmen ist, daß es jemals, an sich1, zu einer politischen Kraft gelangen wird, die in irgendeinem Verhältnis zur englischen tund arabischen Kraft stehen wird, gerade deshalb ist es unnütz, unzweckmäßig und ischädlich, seinen politischen Rahmen fest und genau zu bestimmen. Das jüdische Werk hat seine nationale Unabhängigkeit zu erstreben — wirtschaftliche, kulturelle, politische. Aus welcher Situation heraus, mit Hilfe von welchen Kräften,. Kombinationen und Verbindungen, in welcher politischen Form sich' diese Aspiration verwirklichen wird, ist jetzt nicht zu; sagen. Tel-Chaj. In einer reizenden Kindernovelle von Fichmann wird von einem Jungen erzählt, der es sich einmal in den Kopf gesetzt hat, in der engen jüdischen} Gasse, in der er lebte,, einen Garten anzulegen. Seine kindliche Phantasie spiegelte ihm vor, daß es ihm dann bald alle nachmachen werden und daß sich das Aus- . sehen der jüdischen Gasse von Grund aus verändern wird. Seine Versuche mißlangen; jedesmal: bald waren es .Warenkisten, die schonungslos auf seinem werdenden „Garten" aufgestellt wurden, bald waren es Haustiere des Nachbarn1, die die arme Hoffnung des Kindts zertrampelten' und so mußte der Knabe erkennen, daß kein Garten gedeihen kann, wo Waren- Bisten aufgestapelt herumliegen und daß man, wo es Haustiere in der Nähe gibt, den Garten vor ihrem Einfall schützen muß. Aber dieser mißlungene Versuch konnte seine Sehnsucht nach dem „Garten", sein Verlangen nach Freiheit nicht ertöten. Immer stärker, immer stürmischer wurde sein Verlangen, die engen Gassen der Galuth' zu verlassen* umauf eigener Scholle .den „Garten" zu bestellen. Von solch einem Geiste waren die jungen Juden durchdrungen, die bei Tel-Chaj im Kampfe!um die Scholle ihr Leben ließen. - Im März 1929 kehrt nun zum neunten Male der Jahrestag vom Tel-Chaj wieder. Der Boden des nahen und fernen Landes wurde damals mit dem _p»-<^.|l$tff -_ 1.« j?i 'k M , * -l» - «j1-*^ .j l - Es ist deshalb sinnlos, daß trfah " säiöfPheute eine verwickelte politische Frage aufrollt, die augenblicklichgar keiner Losurt^bedüritig'ist. ' ' v* Es ist nicht zu, bezweifeln/ daß Wed^wood seinen Gedanken aus der: bestenAbsicht, das: zionistische Werk auf „konkretere"' politische Grundlage zu stellen/ propagiert Ünä scheint jedoch, daß sein Gedanke der wirklichen politischen Sachlage! und der jüdischen Situation nicht gerecht wird. „Jüdisches" aus dein Jahre 1848. Wir bringen im folgenden auszugsweise eine Flugschrift aus dem Jahfe 1848: sie'brihgt' vorzüglich die Einstellung des Durchschnitts- . judeni zur Bevoiutiön zum Ausdruck. Hoffnung auf Emanzipation tfjid Furcht Vor dem, wie , .man-aus vielen antisemitischen, Schriften .jener Zeit ersehen; kann, schon, damals häufigen Vorwurfdie■- Juden hätten in ihrem Interesse die Revolution! entfacht, beherrschen ihn. Man eri innert aichl-übrigenis, daß auchheute r— insbesondere; im Hinblick auf Rußland — in der jüdischem Öffentlichkeit die falache Fordei . rung auf tritt, die Juden täten1 besser, dem Sfere-! ben nach Führerstellungen im politischen Leben zu entsageaii: gleiche Uraachen, gleiohie Wirkungen! — Die Flugschrift ist ein' Stück der Flugschrifbsammlung der Nationalbibliothek, und ist mit £, September datiert. iju'd bleibt Jud! 'Offenes Sendschreiben' an alle Juden, die Minister werden wollen. Brüder in Juda! >; . . Es kam die Zeit, wo der Messias unseres Jahrhunderts auch in Oesterreich seinen. Einzug] hält. Es! war am 8. Tage des Monats Weodor im 5608. Jahre unserer Zeitrechnung, d. i. am 13. März 1848 it.- Gh. G., als der Messias unserer '(die Sperrungen sind auch' im Original enthalten:; d. Red.) Zeit kam, wo wir durch männliche Taten, durch1 kräftige Worte bewiesen, daß wir seiner nicht ..'unwürdgi sind.aUnd viele unserer christlichen Brüder Gott segne dieselben — reichten und drücktenluns die Hände, ihre Herzen standen uns offen, sie zerbrachenvdie Schranken des Vorurteils.-. . Aber Brüder, so-wie. es noch1 Viele r unter uns gibt, welche die Zeit nicht, begreifen,'. .. . " die noch nichtvgewisse Vorurteile gänzlich1.abgestreift: haben,.. . . sei gibt es auch . Christen', welche -die Zeit, : in der sie leben, nicht begreifen können.,. . Und diese letzteren haben wegen' Fehltritte, . . .( welche sich nur Einzelne aus unserem Stamme erlaubten, haben den Feuereifer, welchen' Viorkämpfer der . Freiheit bezeugten, mit Schimpf lund Schmach herabgewürdigt .< . ./ aber deren Bestreben war es jnicht allein, uns zu schaden1, — nein, sie nahmen. uns nur zum' Deckmantel — sie wollten die Freiheit selbst untergraben . . . sie wühlen fort :un'd fort, und sagen: die Juden sind an: allem Schuld! Freunde und'Brüder in Juda! Merket: „Dulden; ist 'das Erbteil unseres Stammes!" Dulden wir auch jetzt, lasset sie gewähren:, allein gewähren! Blut jüdischer Arbeiter durchtränkt, die ihn Jähre hindurch in den schwersten Zeiten, im Schweiße ihres Angesichtes bearbeitet hatten. Ihr Leben gaben sie für die Ehre jüdischer Arbeit hin', die von ver-, blendeten Arabern bedroht wurde. E>ie Helden von Tel-Chaj sahen das Unglück des Volkes nicht in den erduldeten Verfolgungen, sondern im geistigen Niedergang, in 'unserer Jahrhunderte hindurch geschändeten Menschenehre 'und konnten es nicht ertragen, »daß man sie und ihre Volksgenossen als Menschen zweiter Klasse betrachtete, denen man alles mögliche antun durfte. Es waren Juden, die sich aus der 'ungesunden Atmosphäre ihrer Heimatländer herausrissen! und sich' zur Aufgabe machten, ihrem Volke den Weg zur natürlichen Gesundung zu zeigen, den Weg zur Mutter Erde, den Quell alles produktiven Schaffens. . ..J Für die Kampfer'von1 Tel-Chaj und Kfar-Gileadi war die Verteidigung ihrer Siedlungen kein kriegerischer Ehrgeiz. Sie waren* sich bloß der Pflicht bewußt, es den Arabern und der ganzen Welt zu zeigen1, daß jüdische Siedlungen' niefit vogelfrei sind und auch' erdrückender Uebermächt nicht preisgegeben werden. Noch mehr aber war dieser Kampf ein Beweis der zur Mutter Erde gewonnenen innigen Beziehung. Das jüdische.Arbeiterblut,;das'doFt-geflossen ist, hat unseren längst erloschenen Bund mit der Erde neu besiegelt. ^Nichf Ruhme^äteij '/halber vrareV sie ins .*t M »*w *%.*3r Und zwar aus zwei Gründen: Siegt die Parthei der Freiheit, so ist es ein Beweis, dlß* Ififc Mehrzahl;d€r GhHsten, faufgeklärtffMänfler, welche für dr£~Ffeiheit zu wirken! verstehen und derselben daher1 auch würdig sind und sölcne Männer werden ihre anderen Brüder ünd Mitmenschen, wenn selbe auch nicht in. allen Glaubensbekenntnissen mit ihnen übefeinsfim^ .men, nicht vergessen, und ihnen auch einige.Früchte vom Baume der Erkenntnis „Freiheit" gerne gönnen! Der zweite Grund: Weil, wenn die reaktionäre Partei siegt, die keine''Mähner der Freiheit sind, die noch immer im finstern Kerker „Absolutismus" ihr gefesseltes Leben dahintraumen wollen, dann sind wir allein die Aufwiegler gewesen, wir haben nur, ihre „Geißel" (eine, antisemitischrreaktionäre Wochenschrift; die Red.) zu erwarten! Aber Brüder, noch.ist es Zeit! Haltet ein! Beruhigt Euer für Freiheit pochendes "Herz, dämpfet den SinnEurer Worte -für^freiheit und konstitutionelles Recht! Lasset die Spitze Eurer Feder stumpfer werden, die Tinte trockener! Ich beschwöre Euch, tut dieses, denn sonst wäre es leicht, daß Euch der Fluch Vieler unseres Glaubens lange verfolgen könnte, weil dann U n schul d i g e für dies büßen müßten, was ihr allein verschuldet! . . . daß ich deshalb meinen Namen nicht nenne, um jedwede Anschuldigung, z. B.. ich. schrieb. diesen1 Brief, um mich allein bei den Christen beliebt zu machen usw., vorzubeugen. Aber ich schwöre, so wahi mir Gott in meiner letzten Stunde gnädig beistehe, ich bin ein Jude. . , | Adolf Reich. | Die Vereinigung Werktätiger Juden bat ©inen schweren Verlust zu beklagen. Das Mitglied ihrer Leitung, Kultusyorateher Adolf Reich ist gestorben. Genosse Adolf Reich' war einer der interessantesten Vertreter im Kreise der jüdischen Sozaildemokraten Wien®. Als Sohn, eines Schlossermeisters, der zu dem Kreise Viktor Adlers gehörte, war er bereits in seiner Jugend; in der Partei tätig. In den historischen Kämpfen für das . allgemeine Wahlrecht in Oesterreich nahm er hervorragenden Anteil. Genosse Reich bekundete auch' lebhaftes Interesse für jüdische Angelegenheiten, und betätigte sich auf dem' Gebiete der jüdLschlen Fürsorge. 6 Er hatte sich gerade auf die Tätigkeit in der Kultusgemeinde vorbereitet, als ihn eine tückische Krankheit aufs Lager warf. Der Abgang des Genössen Adolf Reich bedeutet einen schweren Verlust für die „Vereinigung" und für den Kultusvorstand; Der sechzigjährige Genosse Reich war geistig so frisch, arbeits- und kampflustig, daß wir von ihm' viele bedeutende Leistungein erwarten durften'. Wir sprechen! der „Vereinigung Werktätiger Juden" und der Familie des Verblichenen unser tiefes Reileid, aus. Wir trauern mit ihnen um den schweren Verlust und versichern ihnen, daß wir seiner stets gedenken werden. Land gekommen und nicht einmal mit dem Wunsch, Opfer zu bringen, kamen sie, sondern lediglich um zu arbeiten, um an der Hoffnung, des Volkes mitzubauen;. Das Geschehnis von Tel-Chaj war ein großer innerer, wenn auch1 teuer bezahlter Sieg: Es befestigte sich' seitdem im Volke die Ueberzeugung, daß die feste elementare Beziehung, die der jüdische Pionier durch seine freie Arbeit zu seinem Grund und Boden gewinnt, eine Kraft darstellt, die nötigenfalls auch' den größten Stürmen; Trotz bieten kann: „Brechen könnt ihr unsr doch nicht zerbrechen." Die Verteidigung von Tel-Chaj verbleibt em be^ 'deutsames geschichtliches Ereignis: Wenn auch die überlebenden Verteidiger schließlich der brutalen, physischen /Uebermächt weichen müßten, und sich zurückzogen, bleibt der moralische Wert dieses Geschehnisses für alle Zeiten bestehen. Ein teueres Vermächtnis haben die Arbeiter — Bauern von Tel-Chaj der jüdischen Arbeiterschaft hinterlassen: Ihren Geist. Wenn tausende junger Juden aus!der Galuth kommend in Palästina zur Mutter Erde heimkehren, um ein neues Leben zu führen, wenn der Gedanke von Tel-Chaj, der Wille zur Arbeit auf jüdischer Erde im Herzen tausender schlummert, um allmählich verwirklicht zu werden, dann .sind die Opfer von Tel-Chaj, der Tod dieser Pioniere, nicht umsonst gewesen.