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Der Jüdische Arbeiter · 1929-02-15 · Heft 2 (15.2.1929) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
6 (1929)
Issue
Heft 2 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 Der judische Arbeiter Seite 3 ,Weg wäre es gewesen, nunmehr den Weg zur jiddischen Sprache, der Volkssprache der Juden, zu beschreiten: aber es waren unüberwindliche Hindernisse, die das Westjudentum vor dem Betreten dieses Weges abhielten. Gewiß, man war „national": das hinderte einen aber nicht, das Ostjudentum als kulturell minderwertig zu betrachten, sich als ^Aufgeklärter" erhaben 'über die noch im Religiösen Wurzelnden „Brüder" zu fühlen und die weltliche Bewegung des jüdischen Proletariats zu ignorieren. Man war von Bubers chassidischen Geschichten und den übersetzten ostjüdischen Literaturwerken begeistert — aber die lebendige Sprache der jüdischen Massen behandelte man mit souveräner Nichtbeachtung. Auf die Dauer hätte man an dieser Diskrepanz zwischen nationalem Bekenntnis und dem passiven Verhältnis zur nationalen Sprache nicht vorbeigehen können: zum Glück wurde man vom Hebräismus aus dieser prekären Lage befreit. War man als Zionist im Westen immer geneigt, die Lebens-' und Schaffenskraft des Ostjudentums niedrig zu bewerten und war man daher immer mehr bereit, an1 das Judentum der Vergangenheit und der Zukunft, als in seiner gegenwärtigen Wirklichkeit Anschluß zu suchen, so gab einem schließlich auch der Hebräismus die notwendigen Argumente, die tief in seinem Hochmut gegenüber dem polnischen Juden wurzelnde Abneigung dem Jiddischen gegenüber zu bemänteln. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß wir keine Gegner der hebräischen Sprache sind: Zur Lage der Juden im Osten. Zehn. Jahre sind seit der fundamentalen. Aendcrung der politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse in Osteuropa vergangen und der jüdische Sozialpolitiker steht vor der Aufgabe, sich mit den wichtigsten Wirkungen der sozialen und nationalen Revolutionen auf das jüdische Leben bekannt zu machen: ist doch die Kenntnis der wirtschaftsstatistiischen Realien die unerläßliche Voraussetzung der objektiven Findung jener Grundsätze, die für eine zweckmäßige jüdische Sozialpolitik richtunggebend sein sollen. In allen osteuropäischen Staaten haben nach deren Konsolidierung allgemeine Volkszählungen stattgefunden und es darf gesagt werden, daß sich die jüdischen Soziologen ihrer Aufgabe, das gewonnene Material vom jüdischen Standpunkt zu bearbeiten, bewußt sind und ihr bereits in hohem Maße gerecht wurden. Eine recht aufschlußreiche Arbeit über die „soziale Struktur der jüdische Bevölkerung in Sowjetrußlanki" veröffentlicht N. Gengel in der Zeitschrift „Jüdische Arbeits¬ und Wanderfürsorge" auf Grund der Volkszählung von 1926. Der erste wesentliche Tatbestand, den Gergel feststellt, ist die Vergrößerung der Zahl der jüdischen Erwerbstätigen seit 1897 um 10 Prozent, die er nur zum! Teil auf die Aenderung der statistischen Technik zurückführt: sie ist vor allem in der starken Zunahme der Frauen- und Jugendarbeit begründet. Trotz dieser Entwicklung ist die Zahl der Erwerbstätigen bei den Juden (40 Prozent) immer noch' um 18.6 Prozent kleiner als bei der Gesamtbevölkea-ung, in den1 Städten vermindert sieh die Zahl der jüdischen Erwerbstätigen um 1.2 Prozent, auf dem Lande vergrößert sie sich um 5.9 Prozent. Was die .soziale Gliederung der ökonomisch aktivjen jüdischen Bevölkerung anbelangt, so zeigt diese das uns wohl vertraute Bild: zwei Drittel' aller Händler in der Ukraine sind Juden, in Weißrußland ist der Handel gar zu 90 Prozent jüdisch'. Im Handwerk bilden die Juden der Ukraine 35 Prozent, in Weißrußland 43 Prozent, d. h. fünf- bis sechsmal mehr als die Verhältniszahl zur Bevölkerung. Auch1 in der Gruppe der Arbeiter ist der prozentuale Anteil der Juden viel.größer als ihre Verhältaiszahl zur Bevölkerung — in der Ukraine mehr als eineinhälbmal, in Weißrußland mehr als zweieiuhalbmal. In der Gruppe der Angestellten — und da die Zahl der Angestellten, die im privatrechtlichen Dienstverhältnis stehen, in Rußland sehr gering ist, handelt es sich hier hauptsächlichst um solche im öffentlichen Dienst — sind die Juden dreimal so stark vertreten als iu der Gesamtbevölkerung. Nehmen wir allerdings den Prozentsatz der Juden in der städtischen Bevölkerung als Maßstab, so ist mit Ausnahme der großen Städte das 'Verhältais der jüdischen Angestellten zur allgemeinen Zahl der Angestellten geringer als dieser Prozentsatz. Der Prozentsatz--Arbeitsloser ist bei den Juden; ia der Ukraine fünfmal, und in Weißrußland neunmal größer als bei der Gesamtbevölkerung. Die Entwicklung des städtir sehen Proletariats unter den Juden ist in Weißrußland weiter vorgesclu-itten als iu der Ukraine, was Gergel damit erklärt, daß „in der Ukraine die Schwerindustrie •konzentriert ist, iu ^Veißnißiaitö hingegen^ Hoch.'" ■iflemindustrie und Handwerk dominieren". Hier kommt übrigens die zwei Jahrzehnte, die vergangen sind, seit Kautsky ausgeführt hat, die nationale Sprache der Juden sei Jiddisch, ein verdorbenes Deutsch, und nicht das Hebräische, haben nicht nur eine herrliche Entwicklung der jiddischen Kultur gesehen, sondern es hat sich, in dieser Zeit in Palästina ein jüdisches Gemeinwesen entwickelt, das Hebräisch zur Verkehrssprache herausgebildet hat: und in beiden Fällen sind die progressivsten Teile des jüdischen gesellschaftlichen Lebens die Träger dieser neuen jüdischen, Kulturformen. Es ist heute kaum möglich, am jüdischen Arbeiterleben in Palästina teilzunehmen, ohne des Hebräischen mächtig zu sein: deshalb wollen wir uns diese Sprache aneignen, dürfen aber darüber nie unef nimmer vergessen, daß der Schwerpunkt der jüdischen Wirklichkeit im Osten liegt und daß Anschluß an dieses über die Existenz des jüdischen Volkes entscheidende, ja es schlechthin darstellende Ostjudentum ohne Jiddisch unmöglich ist. Soll die jüdische Renaissance im Westen keine Utopie sein, so muß das Westjudentum die Sprachenfrage mit der Parole: Jiddisch und Hebräisch beantworten. Man übertreibe nicht die Kluft, die zwischen beiden Sprachen besteht: Mendele hat auch in der hebräischen Literatur gewirkt und B i a 1 i k auch jiddische Gedichte verfaßt. Und über dieses Prinzipielle hinaus: die Erfahrung zeigt, daß ein Westjüde Jiddisch nie erlernen wird, wenn er nicht zuerst Hebräisch in seinen Grundzügen erlernt hat. ein spezifisches Merkmal der ostjüdischen Wirtschaftsstruktur überhaupt zum Ainsdirack: hat doch z. B. die Industrieenquete in Polen ergeben, daß auch in Polen jüdisches Kapital und jüdische Arbeit in den technisch rückständigen Industrien konzentriert sind. Durch Vergleich der Ergebnisse der Volkszählung von 1926 mit den Daten von 1897 ergeben sich nach .Gergel folgende Veränderungen in der sozialwirtschaftlichen Struktur des -russischen Judentums: Verringerung des Prozentsatzes der physisch Arbeitenden und der Händler (wobei allerdingsi zu beachten ist, idaß viele jüdische Händler aus Furcht vor. gesellschaftlicher Aechtung ihren Beruf verheimlichen), Steigeaung des Prozentsatzes der Angestellten und der landwirtschaftlich Tätigen. Die Zahl der jüdischen Arbeiter ist absolut von 180.000 im Jahre 1897 auf 140.000 gesunken, allerdings ist nunmehr ein etwas größerer Teil derselben in Großbetrieben konzentriert. Der jüdische Handel ist in höherem Maße Kleinhandel, als es in der Vorkriegszeit der Fall war. Ueber die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen berichtet Dr. S. Kaleko in derselben Zeitschrift. Zwei Probleme sollen hervorgehoben werden. Die Lage der Handwerker und der Lohnarbeiter. Das Handwerk nimmt bei den Juden in Polen eine besondere Stellung eim. Nach der Volkszählung vom Jahre 1921, waren von 100 Juden 30 im Handwerk tätig. In! der Hauptsache handelt es sich hier um kleine Betriebe, in welchen keinefremden Arbeitskräfte beschäftigt werden. Die Hälfte (48 Prozent) dieser „Unternehmer" beschäftigt gar keine fremden Arbeiter, die andere Hälfte 1 höchstens 2 bezaldte Kräfte. Durch Mangel au Kredit sowie durch eine ungünstige Zollpolitik ist das jüdische Handwerk in eine arge Krise geraten. Zwar versuchen die jüdischen Kooperativen diesem Kreditmangel abzuhelfen1, ihre Mittel HF Donnerstag, den 21. Februar, 8 Uhr aben'ds, veranstaltet unsere Organisation im Cafe Reklam (Jüdische Künstlerspiele), IL, Praterstraße 34, eine lervorslellnno *i ' Aufgeführt wird SOMMERFRISCHE Komödie in 4, Akten von Goldberg. Es treten auf die berühmte Operettendiva Esther Perl mann und Hr. Isak Deutsch1. Genossen! Agitiert für einen Massenbesuch', Vorverkaufskarten im Vereinslokale, II., Blumauergasse 1,. bei den. Vertrauensmännern und bei. der Kassa. . sind aber so gering, daß sie nicht sehr ins Gewicht fallen. Auf der anderen .Seite läßt sich aber folgende merkwürdige Erscheinung feststellen: Während iu anderen Ländern das Handwerk, durch die wachsende Konkurrenz der Industrie bedrängt, zurückgeht, können wir" in Polen den umgekehrten Prozeß beobachten. Die Zahl der Handwerker ist im Wachsen begriffen. Die in den Dörfern immer neu sich bildenden überschüssigen Arbeitskräfte gehen eher zum Ilanäwerkerbcrufe über, als daß sie als Fabriksarbeiter iu den Städten Beschäftigung suchen. Aber auch viele Kleinhändler, die ihr Auskommen nicht mehr finden können, versuchen als Handwerker ihr Glück. Auf diese Weise wird die Lage des Handwerks noch weiter verschärft. Ganz anders ist es um den jüdischen Lohnarbeiter bestellt. Sein Kampf ist in der Hauptsache auE die Erlangung einer Arbeitsstelle gerichtet. Nicht nur in der jüdischen Fabrik findet der jüdische Arbeiter nur schwerlich Beschäftigung. Haben doch in Lodz, was sicherlich sehr zu bedauern ist, nichtjüdische Arbeiter einen Streik geführt, weil der jüdische Unternehmer es gewagt hat, einen jüdischen Arbeiter iu den Betrieb einzustellen. Nicht besser sieht es mit der Beschäftigung von Juden in Kommunalbetrieben (Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerken) aus. Sehr lehrreich1 ist in dieser Hinsicht die Tabelle, die das Büro „Recht auf Arbeit" beim Landesrat der jüdischen Gewerkschaften veröffentlicht hat. Danach, sind» von den in Kommunalbetriebenj Beschäftigten nur 1.4 Prozent Juden, trotzdem in den Städten die Juden einen sehr höhlen' Prozentsatz der Bevölkerung bilden. In der Stadt Wirna mit ihrer 40 Prozent jüdischen Bevölkerung beträgt die Zahl der Juden', die in den Kommunalbetrieben beschäftigt sind, 0.2 Prozent, in Lodz 0.5 Prozent. Der überwiegende Teil der jüdischen Arbeiter ist, was aus den obenerwähnten Gründen leicht zu erklären ist, im Kleinbetrieb (1 bis1 10 Arbeiter) beschäftigt. Der Niedergang des Kleinhandels sowie des Handwerks vergrößert die Zahl der jüdischen Lohnarbeiter und verschärft den Kampf des jüdischen Arbeiters um den .Arbeitsplatz. Dieses Ringen, hat in letzter Zeit eine Zuspitzung erfahren. il | Elias Sorger. | Am 29. Jänner 1929 wurde Gen. Elias. Sorger, kaum 40 Jahre alt, vom Tode hingerafft. Im kräftigsten Mannesalter hat der unerbittliche Tod diesen stets kampffroh'em! und überzeugten Proletarier der jüdischem Arbeiterschaft entrissen. Bei der Gründung einer „Poale-Zion" Organisation in Kolomea (1905) war Sorger einer der aktivsten, Mitarbeiter. Die aufgetauchten Probleme dies jüdischen Sozialismus drängten nach Klärung. Eine rege Agitationsarbeitl setzte , ein. Da konnte, die „Poale-Zion" größere) Scharen jüdischer Arbeiter und Angestellter für die von! Borochow. so wundervoll konstrierte Synthese zwischen Sozialismus und Zionismus gewinnen. Besonders Sorger war es1, der so vorzüglich zu werben und au agitieren' verstand. Sein Hauptbetätigungsfeld war die Jugend, die er für den) Sozialismus gewinnen wollte, und da hat er wahrlich1 Großartiges geleistet. Bis zur unseligen Spaltung des1 Proletariats, von welcher auch die jüdische Arbeiterschaft nicht verschont blieb, kämpfte Sorger in1 tunlseren! Reihen.'. Sein Leben war reich an1 Entbehrungen und1 Leiden'. Wer ihn, kannte, mußte seinem Eifer in' der Agitation und seiner Ueberzeugungstreue Achtung zollen. Sorger hatte viele Freunde, denn obwohl er selbst in dien kümmerlichsten' Verhältnissen lebte, scheute er weder Zsit nochl Mühe, um das Elend seiner Mitkämpfer mit dem Aufgebote all seiner Kräfte zu lindern. Wir werden ihm ein ehrendes Angedenken bewahren. Karl Rottenstreich'. Eine nationale Arbeiterkonferenz für Palästina in Amerika. Samstag, den 29. Dezember, fast gleichzeitig mit der in Berlin, stattgefundenen Konferenz für das arbeitende Palästina, wurde in New York die vierte nationale Arbeilerkonferenz für Palästina eröffnet. Die Beteiligung war sehr groß. 581 Vertreter waren anwesend,* und zwar Vorsteher der Arbeitergewerkschaften1, Leiter von Arbeiterorganisationen, sowie die maßgebenden Führer der Parteien. Die erste Sitzung wurde von Gen. Finestone, dem Sekretär der jüdischen Gewerkschaften, eröffnet, der auf den Festcharakter der jetzigen Konferenz hinwies, die die fünfte große Aktion der jüdischen Arbeiter Amerikas für die palästinensische Arbeiterschaft zu proklamieren, haben wird. Im Neimen der großen' jüdischen Gewerkschaften .bejgrüperi,7 •die Konferenz,, die Genossen ' S'chiflakp>y?r B,or,ow, Zaricki, Miller und Josef söhn. Zum Schlüsse sprachennoch

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