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Der Jüdische Arbeiter · 1928-10-25 · Heft 15 (25.10.1928) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
5 (1928)
Issue
Heft 15 (25.10.1928)
Date
1928-10-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Der jüdische Arbeiter Nf. 15 Wir müssen alsö das tun, was der gute bürgen liehe Demokrat „Verhetzung" nennt. Wir müssen unsere Jungens und Mädels „ins Leben stellen". Demonstrationen, Dichtungen, Bücfrsenleerungen, soziale Tätigkeit — all das sind Mittel und Aufgaben. Milieukenntnis muß aus Erfahrung gesammelt, nicht aus Büchern und Vorträgen geschöpft werden. Diese Erfahrungsvermittlung variiert nach der sozialen Herkunft des jugendlichen „Materials". Iry allgemeinen wird dem westjüdisch'en Jugendlichen etwas Neues erfaßbar gemacht werden müssen. Es kommt hier auf den Versuch an, die Nivellierung seines täglichen Milieueinflusses zu erreichen, dadurch' 'daß man das „andere" ihm näherbringt und möglichst stark auf ihn wirken läßt. Dem Jugendlichen proletarischer Herkunft aber muß man seine Umgebung neu deuten und ihm das „Tor der Hoffnung" zeigen VI. In einer Diskussion, die vor ungefähr zwei Jähren in der „Jüdischen Rundschau" stattfand, bezeieft nete Gerhard Holdheim, dem ich „Träumereien an jüdischen Kaminen" vorgeworfen hatte, meine. Methode als Eisenbartkur und als Ausfluß verdammungswürdiger, veredlungstheoretisc'h'er (??) Ansichten. Er .stellte dem gegenüber die Phantasie und das Gemüt, die zu beleben und zu formen, um so zum Ziel zu kommen, heiligste Aufgabe sei. Ich erwähne diese Diskussion deshalb ausdrücklich1 an dieser Stelle, weil uns hier ein Einwand begegnet, der verführerische Möglichkeiten zeigt, also gefährlich1 und reaktionär ist, und weil auf der anderen Seite auf Drüsen gedrückt wird, die zu drücken jedem anständigen Menschen verboten werden sollte: Sentimentalität und Romantik. Grund genug, uns mit diesem Einwand zu beschäftigen. Ein Beispiel aus meinem Berufe: Den Offiziers- •hachwuch's in der deutschen Handelsmarine stellt heute überwiegend Mittel- und Süddeutsch'land, Sachsen, Bayern, Hessen usw. Kapitäne aus der iWasserkante gibt es immer weniger. Warum? Weil es nichts Schlimmeres als den Seemannsberuf gibt; - Schlechte Bezahlung, schlechte Behandlung, Unmöglichkeit eines Familienlebens. Um als dritter Offizier aut Amerikafahrt M. 200 im Monat zu verdienen, muß man Jahre als Matrose mit 50 bis 100 Mark Monatsgehalt gefahren sein, Jahre eine Seemannsschule besucht haben, wofür man noch Geld zuzahlen muß, als Schiffsjunge gearbeitet haben. Ehe man aber zum Kapitän aufsteigt, vergehen gute zwanzig Jahre und auch dann ist die Bezahlung sehr gering. Der Norddeutsche weiß das und zieht daraus die Konsequenzen. Der Süddeutsche liest von „unseren blaue« Jung'ens", träumt von Abenteuern. Flottenkalender und sogenannte Jugendlektüre, die mit gutem Grund von großen Reedereien unterstützt werden, infizieren den Jugendlichen mit jenem sattsam bekannten Gift des marinären Chauvinismus und der deutschen Mission jenseits der Meere. Die gewünschte Folge tritt ein. Er wird Seemann. Romantik. Reformierter Feiertagsabend. Fasanenstraße. Jüdische Märchen. Kerzen. Mazze. „Ueber allen Wipfeln ist Ruh'." Der erste Tanzabend, das Geschäft, der Freund, die Atmosphäre der Umwelt bestimmen das weitere Verhalten; des Jugendlichen'. Judentum ist bestenfalls eine Feiertagsocke, eine Anregung seiner Phantasie. Sentimentalität. Romantik und Sentimentalität sind unsere schlimmsten Feinde. Wo Erkenntnisse, Erfahrungen herrschen sollen, wo es innerlich rein und sauber zugehen soll, da verwischen sie alles. Wo es auf die anderen ankommt, führen sie den einzelnen asketisch | auf sich selbst zurück. VII. Hiemit bin ich am Schlüsse meiner Betrachtungen Sie können und sollen Gedanken zur Frage unserer Jugendarbeit sein. Sie geben kein geschlossenes System wieder und erheben nicht den Anspruch au/ Vollständigkeit. Vieles ist nicht ausgeführt und anderes sehr er« gänzungsbedürftig. Wenn aber diese Zeilen dazu beitragen, die Diskussion in unseren Reihen zu befruchten und für die praktische Arbeit Anregung zu geben, so haben sie ihren Zweck erfüllt. Die Bedeutung des jüdischen Nätionälfonds und die Arbeiter Kolonisation. In einem größeren Artikel im „Davar" gibt Sch. Lavie (Lewkowicz), einer der Gründer der Ein-Charodsiedlung, Smilanski und anderen Arbeitergegnern eine Antwort, auf ihren Lobgesang Ehren des Berichtes . der Sachverständigen komm ission. 2wischen anderen "Beispielen .fuhrt er auch Folgendes an: „Nehmen wir "die Kwtizah Gan Schmuel zum Beispiel. Wir wollen diese kleine Siedlung, die einzige "in der Plantagenzone, die sich auf dem Boden des Nationalfonds befindet, den übrigen Kolonien und dem ganzen Kolonialsystem auf diesem Gebiete entgegenstellen. Würde dieser Boden an private Bodenbesitzer übergeben werden, würde er wahrscheinlich' fünf bis sechs arabische, oder vielleicht auch jüdische Arbeiter, ferner in der Arbeitssaison einige weitere Arbeiter beschäftigen. Die Arbeit würde sich ausschließlich nach der Saison richten. Der Besitzer würde sich bereichern und als Muster des Erfolges des Privatkapitals gelten. Der N. F. jedoch hat den Boden, anstatt an pri. vate Kolonisten, einer Arbeiterkwuzah übergeben. Sie hat sich in der Tat nicht allzusehr bereichert. Aber diese Siedlung ernährt heute dreißig Familien, die hier angesiedelt wurden. .Wenn ihre Einnahmen ihre menschlichen Bedürfnisse übersteigen, wird das Geltf an 'den N. F. abgeführt, um mittels des N. F. neuen Boden anzukaufen, der ebenfalls dem N. F. gehören soll. Diese Orangenplantage steht, was die Qualität der Bearbeitung und die Höhe der Einnahmen anbetrifft, den Orangengärten der wichtigsten Privatbesitzer keinesfalls nach. Und es soll nochmals betont werden: Diese Plantage von 60 Dunam und der dazugehörige Getreideboden von 50Q Dunam ernähren dreißig jüdische Familien, trotz de$ dort herrschenden Fiebers. Welche zionistische Arbeit ist somit wichtiger: die Ansiedlung eines Privat- . besitszers, der sich bereichert, oder von dreißig jüdischen arbeitenden Familien auf dem Boden des" N. F., den der Siedler nicht veräußern darf? . . Philatelieabteilung des Keren Kajemeth. Wie uns das Hauptbüro in Jerusalem und den Keren Kajemeth in London mitteilen, wurde beim Keren Kajemeth in London eine Philatelieabteilung! gegründet. Wir bitten daher alle Gg. auf diesem Wege, diesem Zweige ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden und alle gebrauchten Marken dem Büro des' Wiener Keren Kajemeth, I.4 Kärntnerstraße 28, zu) übermitteln. Die Poale Zion in Polen. (Auszug a[iis einem Brief.) Die großen. Erfolge bei den Wahlen, in die jüdischen G e m'e i n d e n. — Die Stimmung eine v rz üg 1 i c he. — Das Vordringen in die Haupfest ä cl t e. — Die stete Bereitschaft zur P a 1 äsfcinatätxgkeit. Bei den letzten stattgefundenen ■ Wahlen, in die jüdischen Gemeinden, haben wir zum ersten Male den Versuch unternommen, unsere gesamte Kraft auf eine Aktion" zu konzentrieren. Und der Erfolg blieb auch' nicht aus1; Wir erreichten eine Zahl von Mandaten, die die der „linken Boele Zion" bedeutend übersteigt und nur um" 10 bis 1*5 Prozent weniger als die des „Bund" ist. Die Wahlen haben die Position der Partei gefestigt. Der Glaube an die eigene Macht ist gestiegen. Die Stirn-- mung in den Städten, in denen wir Mandate erobert haben,' ist eine vorzügliche. Die Erfolge bei den Wahlen in die' jüdischen Gemeinden haben die chinesische Mauer, die .uns bis jetzt von der politischen Tätigkeit getrennt, niedergerissen. Gestützt auf diese Erfolge wollen wir im korh-1 meiiden Sommer einen Voi-stoß unternehmen, um Mandate! in den jüdischen Gemeinden in Warschau und Lodz zu erobern. Halien wir aber in den Großstädten1 Fuß gefaßt,- dann ist die Bahn für die weitere Entfaltung der Partei frei; Die Erfolge bei den Wahlen in die jüdischen Gemeinden er-1, öffnen uns ajuch die Möglichkeit des Eindringens in die: Stadtverwaltungen. f Palästina-Rundschau. Die Erregung über die Ereignisse an der Klagemauer hält au. — Die jüdische Arbeiterschaft rüstet für die neue Einwanderung der Chaluzim. — Die „Histadruth" führt den Streik der arabischen Bäckereiarbeiter. — Die Metallarbeiter in Tel-Awiw. — Das landwirtschaftliche Arbeiteruuterneh'mungsaxnt. — Die Begieruug für die jüdische Arbeit, die Kolonisten gegen. — Die Begirung führt das Arbeiterjugendschutzgesetz nicht durch. — Der wahrheitsliebende Herr Saker. — tLord Melchett wirbt für seine Firma. — Einschränkung der Prügelstrafe. — Kurze Nachrichten. Die Erregung unter der jüdischen Bevölkerung über das brutale Vorgehen der englischen Polizei gegen die Juden an der Klagemauer hält noch immer an. In allen Teilen des Landes, in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung herrscht Empörung über das rücksichtslose Verhalten der Polizeigewaltigen. Es ist klar, daß es sich liier nicht um eine religiöse Angelegenheit handelt, es geht um die brutale, menschenunwürdige Belxandlung von Juden. Daher die allgemeine Empörung, die elementaren Probeste. * , Im Monate August fand die Plenarsitzung des Merkaz Haalijah (Einwanderungszentrale der Arbeiterorganisation) statt. Es wurde beschlossen: a) von der Zionistischen Exekutive eine beschleunigte Durchführung des Beschlusses des Aktionskomitees in der Frage der Anforderung von 3000 Zertifikaten für das nächste halbe Jahr zu fordern; b) für die entsprechende technische Organisation im Lande und Auslande zu sorgen, die es ermöglichen soll, daß 1250 Chaluzim sofort ins Land kommen und noch in den Monaten Oktober bis Dezember in den privaten Kolonien zu arbeiten beginnen können; c) den „Heclialuz" zu benachrichtigen, daß die Arbeitsbedingungen im Laude die Einwanderung organisierter Gruppen erfordern; d) einen Vorschlag der Ueberführung der Einwandererheime aus den Städten in die Kolonien auszuarbeiten und der Zionistische Exekutive vorzulegen. In Jerusalem wurde eine jüdisch-arabische Bäckereimeistervereinigung gegründet, die mit dem Arbeiterrat Verhandlungen betreffend Arbeitszeit und Minimallöhne führen sollte. In den zwei großen Bäckereien, in denen auch' jüdische Arbeiter beschäftigt sind, konnte man bereits zu einem Uebereinkommen gelaugen; die kleineren Bäckereien jedoch, die arabische Arbeiter beschäftigen, versuchen alles, um ein Uebereinkommen, das die Arbeitsbedingungen normalisiert, zu boykottieren. Es wird dort unter schlimmsten Arbeitsbedingungen (13 bis 15 Stunden täglich) gearbeitet. Deswegen hat der Arbeiterrat in Jerusalem nach Verständigung mit den arabischen Axheitern in sechs Bäckereien einen Streik proklamiert. Die Minimalforderungen sind: 10 Stunden Arbeitstag, eine Zulage von 25 Prozent für die, die ein halbes Pfund wöchentlich', und von 15 Prozent für die, die ein Pfund wöchentlich verdienen. Was die anderen Forderungen anbetrifft, ist der Ax-beiterrat bereit, sie einem Schiedsgericht zur Entscheidung vorzulegen. Ein Bäckermeister hat den Forderungen der Arbeiter nachgegeben und bei den fünf übrigen wird, trotz allen Anstrengungen der Meister, den Streik zu brechen, weiter gestreikt1.' Neuerdings bedienen sich die Bäckereimeister einer neuen „Erfindung", indem sie von den Arbeitern ultimativ forderten, binnen 24 Stunden in den. Bäckereimeisterverein einzutreten. Es haben sich aber keine neuen Kandidaten für* den Verein gefunden. . Die Bäckereiarbeiter-gewerkschaft hat beschlossen, daß alle Facharbeiter verpflichtet sind, den Lohn eines halben Arbeitstages wöchentlich, sowie das Brot, das sie erhalten, , den streikenden Genossen abzugeben. * ■! Die Gewerkschaft der Metallarbeiter in Tel-Awiw zählt. 450 Mitglieder, unter ihnen 60 Elektrizitätsarbaiter. Diese: Arbeiter sind an 16 Arbeitsstellen beschäftigt. Die Ge: werkschaft hat eine schwere Zeit hinter sich. Die Metallarbeiter, besondex's die Bauschlosser, Wassex-leituxxgsinstalkv toren und Elektrotechniker wux*den von der Krisis in der Stadt xmd besondex-s von dem Niedergänge des Baugewerbes schwer betroffen. Die Krisis hat auch1 andere Zweige der Metallindustxie berührt. Währexid der ganzen Zeit der Krisis hat die Gewerksclxaft dafür gesorgt, daß in den' Fabriken, in denen gearbeitet wux'de, die vox-handene Arbeitmit den Axheitslosexx geteilt wurde. Die Fabx,ikaa*beitei', waren infolgedessen dx-ei bis vier Tage wöchentlich beschäftigt. Die Gewex-kschaft mußte auch' eixxen Kampf gegen die Unternehmer, die die Lage aixszuxiützen und die Löhne' hexubzudrücken sich bemühten, fühx-en. ' In den letzten Monaten trat in der Lage eine Besse-' mag )e in. In den Fabriken wird wieder sechs Tage in dw' Woche gearbeitet. Besonders erfreulich ist die Entwicklung1 der Arbeit in den Arbeiterkooperativen. In der Kooperativ^'

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