Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1928-10-25 · Heft 15 (25.10.1928) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
5 (1928)
Issue
Heft 15 (25.10.1928)
Date
1928-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2641551-2641567-2641582--189-2642115
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

V. b. b. mm DER JÜDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen Poaie Zion Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslovakei 4 «;v Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration; Wien, 11., Blumauergasse 1/11 Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig. S 1.20 halbjährig . . „ 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 15. Wien, 25. Oktober 1928. 5. Jahrgang. Auf zum Kampfe um die jüdische Gemeinde in Wien! Die Hoffnungen der arbeiterfeindlichen Gruppen 'des jüdischen Bürgertums, daß die werktätige jüdische Bevölkerung bei den bevorstehenden Kultuswahlen gespalten auftreten wird, haben sich' nicht erfüllt. (Wie vor vier Jahren wird ihnen auch1 heuer die werktätige jüdische Bevölkerung, geschlossen entgegentreten. .Wir Poale-Zion bilden, ebenfalls wie vor vier ijahren, einen Teil dieser Gruppe. Der Name unserer Liste ist: „Wahl verein igu ng werktätiger ij'ud en." : Zum Gaudium der arbeiterfeindlichen Gruppen Ües jüdischen Bürgertums 'haben' einige unverantwortliche Leute den Versuch1 unternommen, das einheitliche Auftreten der werktätigen1 jüdischen Bevölkerung 'bei den bevorstehenden Wa'hlen zu verhindern', aber die politische Vernunft, das Verantwortungsgefühl sind siegreich geblieben. Die Feinde der Arbeiterschaft lun'd der Demokratie werden unsere Macht schon zu spüren' bekommen. Unser Programm für die jüdische Gemeinde steht schon lange fest: demokratische Ausgestaltung durch •die Einführung, des allgemeinen, gleichen und geheimen' Wahlrechtes und1 die Entbürokratisieriing der Verwaltung, Pflege der sozialen Aufgaben, der Kinderlün'd Jugenderziehung im zeitgemäßen jüdischen Sinne. Unsere Vertreter haben vier Jahre hindurch1 im Kulitusvorstande diese Forderungen gegen die koalierten Feinde der Demokratie: Unionisten und Zionisten, vertreten. Sie waren an Zahl zu schwach1, um. einen Erfolg zu erringen. An der jüdischen Wählerschaft liegt es, uns jetzt jene Macht zu verleihen, die imstande sein soll, die Schande der Rückständigkeit von 'der jüdischen Gemeinde abzuwälzen. :Wir wenden uns deshalb' an unsere Genosse? tun'd Freunde mit der Aufforderung: Gehet zur jüdischen' Bevölkerung, 'kläret sie über un-sere Aufgaben! in der jüdischen Gemeinde auf, werb'et für die Liste der „Wahlverein'igung werktätiger ijxi'den!" Vor vier Jahren traten die zwei Hauptgruppen des Bürgertums — die „Union" und die bürgerlichen Zionisten — vereinigt auf, h'euer marschieren sie zwar getrennt, richten aber beide ihre Hauptangriffe gegen 'uns, gegen die „Werktätigen", wir sind für beide 'die „große Gefahr". Und sie mögen auch Recht haben. Wir und. nur wir können die Stellung der beiden reaktionären Parteien erschüttern, ihrer undemokratischen, unjüdischen, unsozialen Herrschaft in der Gemeindestube ein Ende setzen. Ihre Angst vor unserem Aufmärsche ist vollauf begründet. Sie wissen, daß die jüdische Bevölkerung sie davonjagen, wenn, sie in' Erfahrung bringen wird, wie sie verwalten, wie sie herrschen. Ah uns liegt es, die jüdische Bevölkerung aufzurütteln, ihr Interesse für die jüdische Gemeinde zu wecken, sie für uns zu gewinnen. - Es gilt nicht nur die beiden reaktionären bürgerlichen1 Gruppen niederzuringen, es gilt einen noch tückischeren Feind zu überwinden: die Gleichgültigkeit! Die jüdische Bevölkerung hat den Glauben" an eine Umgestaltung der jüdischen Gemeinde in eine Körperschaft, die die Not der Juden lindern, die ihre Interessen allezeit und überall vertreten soll, zum großen Teil verloren. Ihr den Glauben wiederzugeben, ihre Gleichgültigkeit zu überwinden, werden wir nur dann imstande sein, wenn alle Genossen und Freunde mittun werden. Deshalb, Genossen und Freunde, alle Mann an Bord! Wer hat verraten? Die bürgerlichen Zionisten glauben ihre Katzenjammerstimmung durch freche Lügen und Verleumdungen über uns zu überwinden. Die „Stimme" faselt von einem Verrate der Poale-Zion an ihrem Kultusprogramme. Wir erklären den Herren klar und deutlich: Wir sind bereit, mit ihnen vor die jüdische Oeffentlichkeit zu treten und die jüdische Bevölkerung darüber entscheiden lassen, wer sein Programm verraten hat, wir oder sie? Wir zweifeln nicht daran, daß die Herren Zionisten auskneifen werden, sie haben zu viel Butter am Kopfe, um gemeinsam mit uns sich vor das Licht der Oeffentlichkeit zu wagen. Aber wir, werden schon Gelegenheit finden, die Herren vor der jüdischen Oeffentlichkeit zu demaskieren. Wir werden nicht auf Grund von Verdächtigungen und unbegründeten Behauptungen, sondern an der Hand der Tätigkeit der Zionisten in der: Kultusstube den Beweis erbringen, daß sie ihr Programm, ihre Prinzipien schmählich verraten haben. " Gedanken zur Frage zionistischsozialistischer Jugendarbeit. Von Marcel Lew. Die folgernden Ausführungen, die sich übrigens hauptsächlich1 auf Deutschland1 beziehen, bringen die Stimmung unter einem nicht unbeträchtlichen Teile unserer Jugetnld zum Ausdruck^ Wir hoffen mit dem Autor, daß diese; Ausfüli- . rangen eine weitere Erörterung dieses gewiß sehfwichtigen Themas hervorrufen werden. Die Redaktion. / I. Spricht man über Jugendarbeit, so meint man nicht immer das gleiche. Deshalb ist es erforderlich, von vorneherein klar festzustellen, was man seinen Anschauungen unterlegt. Unter Jugendarbeit sei hier die Arbeit mit und an Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren gemeint. Arbeit sei weiter als Erziehung verstanden; Erziehung wiederum als Deckname, als konventionell angenommene Bezeichnung für eine Sache, eine Zielstrebigkeit angewendet. II. Im Gegensatz zur ethymologischen Bedeutung des Wortes Er-Ziehung (Aufziehen — biologisch) wird heute im allgemeinen Sprachgebrauch diesem Begriff ein utilaristischer hinzugefügt: Erziehung — wozu? Zu wem, zu was soll erzogen werden? Das Kartell jüdischer Vereinigungen will seine Mitglieder „zu Männern" erziehen, die Gewerkschaften ihre Genossen zu klassenbewußten Arbeitern, der Stahlhelm das deutsche Volk zu „nationaler Würde" usw. Hier hacken wir zunächst ein. Wir verneinen derartige Möglichkeiten und sind im Gegenteil der festen Ueberzeugung, daß eine vorsätzliche Erziehung zu einem festen, vorher bestimmbaren und bestimmten Zielnicht möglich ist. Milieu, Atmosphäre, ökonomische Verhältnisse bestimmen den Werdegang und die Entwicklung der einzelnen wie der Gemeinschaft. Psychosen, seien es solche gigantischen Umfanges wie 1914, seien es Gruppen- oder Sekten-Beschränkte wie ein Blau-Weiß (Brünn 1922), haben nur Anfangserfolg und sind zeitlich außerordentlich begrenzt. Ihre Tiefenwirkungen sind lokalisiert. Dauernde Gestaltungskraft ist ihnen nicht beschieden. .Wir gewinnen diese Anschauung aus Theorie und Erfahrung. Was die Struktur unserer Gesellschaft sich auf Grund des dialektischen Materialismus ergibt, gilt genau so für die Träger dieser und der kommen^ den Gesellschaft der Jugend. Die Gestaltung, dieser Gesellschaft, die Art ihrer Güterverteilung, zeichnet ihr Gesicht, ihre Tendenz. Erst die Strukturveränderung wird auch die Tendenz ändern können1. Das auch für die Erziehung grundsätzlich anzuerkennen, ist von großer Bedeutung. Und noch über etwas darf man sich nichts vortäuschen: Es kommt nicht aufs Reden und Diskutieren an. Mit Reden, mit „Heimabenden" ist nichts getan. Ich kann jemandem noch' so viel erzählen'; es streift ihn kaum, wenn es nur beim Erzählen bleibt. III. Es wäre weit gefehlt, anzunehmen, die Folge unserer skeptischen Beurteilung der Wirkung persönlicher Erziehung müsse die Akzeptierung pädagor gischer Anarchie sein, ebenso wie es falsch wäre zu glauben, daß es nichts anderes gäbe, als Ghäos, eben die Anarchie auf dem Gebiete der Erziehung. " : Besinnen wir uns auf unsere Feststellungen: ) Das Endergebnis einer Erziehungsarbeit ist nicht vorher bestimmbar, Erziehung zu einem bestimmten Ziel nicht möglich. b) Persönliche Erziehungsarbeit bleibt im Endeffekt wirkungslos (auf die Dauer von 10 bis 20 Jahren gerechnet). c) Milieu, Atmosphäre und ökonomische Verhältnisse haben den entscheidenden Einfluß. IV. Hieraus ergeben sich klar die Aufgaben. Nur dann, wenn wir uns keinerlei utopischen Erwartungen hingeben, also in der Beschränkung Meister bleiben, werden wir den größten Nutzeffekt erzielen und in' der Lage sein, unsere gesamten Energien auf das Erreichbare zu konzentrieren, und das Mögliche vielleicht zu erlangen. Dieses Erreichbare und Mögliche, das heißt also unsere Aufgabe für Folgendes: a) Demonstrierung dieser Gesellschaft und dieses jüdischen Volkes, b) somit werdende Beurteilung in unserem Sinne c) und daraus sich ergebend als Konsequenz: Verhalten und Kampf unserer Anschauungen entsprechend. Ich wiederhole: Das ist vielleicht erreichbar und möglich. Ein Sicheres gibt es hier nicht. Unsere Arbeit kann nur erleichternd, Wege ebnend, also demonstrierend sein. Woraus sich weiter ergibt, daß a) das Zentrum unserer Arbeit sein muß. V. , Somit kommen wir zu den Mitteln dieser Arbeit. Die erwähnte Demonstrierung ist im weiten Sinne ge-: meint, objektiv und subjektiv. Objektiv. Beispiele: Der Klassencharakter unserer Gesellschaft, Arm und Reich', Luxusweibchen und Arbeiterfrau, jüdischer Bankier und galizischer Luftmensch, Chef und Angestellter, Kolonist und Chaluz, Synagoge in in der Fasanenstraße und Tel chai usw. Subjektiv. Beispiele: Die eigene Familie, die Verwandtschaft, die Schule, der Unterricht, Kleidung,; Verbrauch, Beruf des Vaters im Verhältnis zu seinen Ansichten, Freunde, Kameraden usw.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.