Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- Heft 8 (15.5.1928)
- Date
- 1928-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Der jfidfcche Arbeiter Seite 3 Frnotsoldatenbund, jene jüdisch-deutsch-vaterländische Zwiter-Organisation diese Frage in großen Kundgebungen an die Oeffentlichkeit. gebracht hat. Und wir?? IV. Unsere Stellung zur Zionist. Vereinigung für Deutschland. Es muß einmal klar ausgesprochen werden, daß die heute noch andauernden ständigen Bemühungen führender Chawerim, unter allen Umständen die Poale Zion innerhalb der bürgerlichen zionistischen Vereinigung zu stellen, parteischädigend sind und nicht mit Poale Zionismus zu tun haben. Was uns vor allem nottut, das ist ein klares, eindeutiges Parteiprogramm. Nur mit einem solchen können wir in Deutschland die Stelle einnehmen, die uns gebührt. Schlomoh Katzenstein, Düsseldorf. Zum Problem unserer Jugendorganisation in Wien. Die folgenden. Ausführungen enthalben eine persönliche Stellungnahme des Autors zu diesem Thema. Ein eigenes Problem bildet für die Poale Zion die Jüdisch-sozialistische Arbeiterjugend. Die Organisation, die bis vor kurzem im stündigen Wachstum begriffen war, scheint sioh gegenwärtig in einem Stillstand zu befinden. Meiner Meinung nach haben zwei Dinge diese Schwierigkeiten verursacht: Mit dem quantitativen Wachstum in die Breite hielt das qualitative in die Tiefe keineswegs Schritt; der gesteigerten organisatorischen Agilität nach außen folgte keine durchdachte und lebendige Aktivität im Innern. Die zweite Ursache und vielleicht die wichtigere, ist die, daß die Führer der Organisation geistig gar nicht gewachsen sind. Der Unterschied zwischen Führern und Geführten besteht lediglich darin, daß die ersteren vielleicht imstande sind 5 Minuten länger zu sprechen als die zweiten oder daß sie im besten Fall irgendwelche Organisationsfähigkeiten besitzen, die sie für eine äußere Aufmachung verbrauchen. Vom jüdischen Sozialismus, der Ideologie der Poale Zion, wissen beide Teile gleich wenig oder nichts. Die Frucht dieser geistigen Sterilität ist auch der Mangel an einem Führernachwuchs. Zu ihrem Vorbild nahm sich unsere Jugendorganisation die österreichische S. A. J. und ihre gut funk-' tionierende Organisationsmaschine ist ihr Ideal. So sehe ich---nur Exekutivesitzüngen und kenne nur Organe und Funktionäre, die über ihre streng abgezirkelten Kompetenzen wachen, aber nirgends eine verantwortungsvolle und zielbewußte Kollektivarbeit. Und weil letzteres fehlt, sind sie selten in der Lage, ihre menschlichen und organisatorischen Eitelkeiten zu beherrschen (siehe den Fall Bildungsstelle), so oft sie sich nur gekränkt fühlen. Gibt es für unsere Jugendlichen und deren Führer überhaupt poale-zionistische Probleme'? Ich zweifle hier nicht und sage: Nein! Denn anders kann mau. es sioh nicht erklären, daß der Propagandistenkurs durch die Abwesenheit der J. S. A. J.-Führer glänzt. Einmal waren, zwei ihrer Führer anwesend, aber sie haben sich schließlich eines besseren belehrt: sie haben Sitzungen. Und doch hätten sie es so notwendig, vom modernen oder sozialistischen Judentum nur etwas zu erfahren. Ich — und das ist gewiß eine Einschränkung — habe unter ihnen keinen kennen gelernt, der sich in diesen Fragen zur Genüge ausgekannt hätte I Sie haben kein Verständnis dafür, aus diesem Grunde auch keine Zeit. Aber was haben sie dafür? Sitzungen und Ankündigungen... Und wenn die Führer nicht lernen wollen, warum sollten es gar die Mitglieder? Ausdruck dieses geistigen Tiefstandes und der Ignoranz in Dingen jüdischer Politik, Literatur und Kunst ist ihre Leitung, Fand man in dieser Zeitung, mit Ausnahme einer Polemik über die Austrittsbewegung, irgendwelche sozialpolitische Probleme behandelt? Wurde, mit Ausnahme eines Gedichtes von Edelstadt und ich' glaube, mich erinnern zu können, auch etwas über Nemberg, die soziale und revolutionäre jiddische oder hebräische Literatur und Kunst berücksichtigt? Unsere jugendlichen Genossen machen es sich zu leicht. Sie glauben es genügt, die Sozialdemokratie in flachster Art ins Wiener Jüdische zu übersetzen, um Poale-Zionist zu sein. Dies alles schreibe ich nicht als Gegner unserer jugendlichen Genossen, und nicht um eine Kritik, die wirkungslos bleiben soll, hat es sich mir gehandelt. Die jugendlichen Genossen müssen endlich zur Erkenntnis gelangen, daß sie ohne die Poale-Zion und deren Ideologie keinerlei Existenzberechtigung haben! Und darum ist das Kennenlernen dieser Ideologie und ihrer Geschichte unbedingt nötig, um sich selbst und die Jugendlichen zu mutigen und würdigen Poale-Zionisten erziehen zu können. Das kann nur nach langer, mühseliger Arbeit eintreten, hier kann der Fortschritt nur im Schildkrötentempo vor sich gehen, aber sicherer und nachträglicher. Denn meiner Meinung nach' ist die „Stagnation" nicht dahin zu deuten, daß man gegenwärtig keine neuen Mitglieder für die Organisation gewinnt. Auf diese äußeren Erfolge muß man manchmal freiwillig verzichten, um die bisnun geworbenen Mitglieder besser erziehen zu können. Keine Parteistars sind für diese Arbeit nötig, keine Referate parlamentarischer Größen, aber zähe und ausdauernde Arbeit aller Genossen an sich selbst. Das Referat eines jüngsten Genossen, der mit einem Problem gerungen bis er es begriffen hat, bedeutet für uns mehr als das glänzendste Referat einer Parteigröße. Wir können nicht eine flache Art der Agitation akzeptieren, auf die unser Milieu nicht in unserem Sinne reagiert und wir brauchen keinesfalls Sensationen. Aber Selbstkritik und Verständnis, guter Wille und zähe Arbeit: dies tut uns not. Die Parole für die nächste Zukunft muß heißen: Konsolidierung. Diese planmäßige und zähe Arbeit vermisse ich. Eldad Linden bäum. Die vierte Landberatung der arbeitenden Jugend in Palästina. Die vierte Landberatung der arbeitenden Jugend. Die vierte Landesberatung der Arbeiterjugend in Palästina (Iiistadruth Hanoar Haovved) fand diesmal im Emek Isreel, in der Kwuzah Merchnwjah, statt. Dort befindet sich die stärkste Lokälorganisation der Arbeiterjugend im Emek. Die Genossen aus Merchavjah betätigten die in den Siedlungen übliche Gastfreundschaft. Bei der Beratung waren auch Genossen aus Tel-Awiw, Jerusalem und Haifa., die auf dem Rückwege von ihrem Ausfluge in den Emek waren, anwesend. In den Diskussionen über den Tätigkeitsbericht der Zentrale waren radikalere Stimmen hörbar, die nach' einer schnellen Erreichung maximaler Zeile verlangten. Als Material für Kritik diente auch -die letzte Nummer des „Bamaaleh" (Aufstieg; das Organ der Arbeiterjugend). Mau beklagte sich darüber, daß die ,,Bamaaleh" die inneren Kräfte der Jugend nicht wiederspiegle und den Eindruck erwecke, als ob sie durch Außenkräfte für die Jugend geschaffen worden wäre. Die Jugend fordere eigene Schöpfung, wenn sie auch unvollkommener sei. In der Erwiderung* wurde darauf hingewesen, daß in der „Bamaaleh" absichtlich theoretischen Fragen Raum gegeben wurde, um der Jugend Lehrmaterial auf verschiedenen Gebieten zu verschaffen. In dem Referat über die gewerkschaftliche Tätigkeit wurde darauf hingewiesen, daß das Gesetz über den Schütz der Arbeiterjugend schädlich wirken könne, wenn man m^mKmmMmmnBmmasmmamBmmmmmmimmmm Deutschland. Die Maikundgebung der Berliner Poale Zion. Am 1. Mai fand eine Maikundgebung der Berliner Poale Zion statt, auf der Oskar Cohn und Beii Locker sprachen. Trotz der Fülle der Maiveranstaltungen war der große Saal der Berliner Jüdischen Gemeinde überfüllt. Besonders bemerkenswert war, daß sich in großem Maße Angehörige der Jugendbewegung eingefunden hatten. Oskar Cohn schilderte in eindringlichen Worten die Geschichte des 1. Mai. Die alten Ma i Forderungen — Achtstundentag, Weltfriede und Einigkeit des Proletariats — durchzusetzen, ist eine Hauptaufgabe der sozialistischen Bewegung. In einer Zeit der größten Zerrissenheit der Arbeiterbewegung ist es die Pflicht eines jeden Sozialisten, mitzuarbeiten an der Schaffung einer einheitlichen Front der gesamten Arbeiterschaft. Eine besondere Aufgabe fällt der jüdisch-sozialistischen Bewegung bei der Sicherung des Weltfriedens zu, damit nicht wieder Juden gegen Juden, Arbeiter gegen Arbeiter kämpfen müssen. Der Kampf gegen Reaktion und Antisemitismus muß von der poale-zionistischen Bewegung mit aller Schärfe geführt werden. Dann ergriff Berl Locker, der erst vor einigen Tagen aus Amerika zurückgekehrt ist, das Wort, um auf die Hauptprobleme der jüdischen Arbeiterbewegung einzugehen. Es ist nicht richtig, von einem deutschen, französischen oder jüdischen Sozialismus zu sprechen. Es gibt nur einen Sozialismus, aber die Wege zu seiner Verwirklichung sind verschieden. Der jüdische Sozialismus mußte es sich von Anbeginn an zur Aufgabe stellen, den Kampf für die Produktivienuig der jüdische Massen zu führen. Diese Forcierung immer und immer wieder zu erheben und zu verwirklichen, ist eine Notwendigkeit sowolü bei den Juden Europas wie Amerikas. Wir begrüßen daher alle kolonisatorischen Unternehmungen in Rußland oder anderswo, wobei Palästina das Primat zuerkannt werden muß. — Noch mehr als in der Arbeiterbewegung anderer Völker herrscht bei uns die unselige Zerrissenheit. Während sich bei jenen eine sozialistische und eine kommunistische Front gegenüberstehen, ist die jüdische Arbeiterschaft in vier Lager gespalten. Hie Sozialismus und Kommunismus, hie Zionismus und Antizionismus. Gerade aus diesem Grunde muß bei uns der Wille zur Einigung besonders stark sein. Gegen den ungeheuren historischen IiTtum der in Rußland herrschenden Partei, die die revolutionäre Tendenz der Chaluziuth und des sozialistischen Zionismus verkennt und sie mit brutalsten Mitteln unterdrückt, müssen wir den schärfsten Protest erheben. Berl Locker kam dann noch in seinen packenden Ausführungen auf die apolitische Haltung eines Teiles der Jugend, iusbesonders auch der jüdischen, zu sprechen. Diese Jugend will den „Dogmanicht für seine Umsetzung in die Praxis genügend s'vorge. Die Arbeitgeber werden das Gesetz nach außen hin zu ihren Gunsten ausnützen, während gleichzeitig keine tatsächliche Aenderung stattfinde. Es wurde auch die Frage der Berufsschulen besprochen. Die allgemeine Meinung ist, daß Berufsschulen dringend notwendig sind und die Zentrale der Arbeiterjugendorganisation rechtzeitig eine entsprechende Anstrengung machen müsse, um die Werkstätten möglichst bald zu gründen. Große Aufmerksamkeit soll der Beratung der Jugend bei der Berufswahl zugewendet werden. An der Diskussion über die Kulturtätigkeit beteiligten sich fast alle Delegierten. Von verschiedenen Seiten wurde die Frage der Erwachseneu berührt, die bei ihrem Eintreten in den breiten Raum der „Allgemeinen Arbeiterorganisation" keine günstige Umgebung für ein weiteres intensives Gemeinschaftsleben finden. Von allen Seiten sprach man sich gegen den Gedanken eines zu langen Verbleibens in der Organisation aus; jedoch kam die Sorge für eine entsprechende Uebergangsform zum Ausdruck. Es wurde betont, daß die Jugendorganisation in der letzten Zeit durch frische Kräfte jüngeren Alters bereichert Wiarden sei. Es sei die Möglichkeit dazu vorhanden und die Pflicht der Organisation, dieser neuen Generation eine systematische Erziehung, die aus verschiedenen Gründen der Generation, die jetzt im Begriffe ist, aus der Jugendorganisation in die Arbeiterorganisation überzugehen, nicht gegeben werden konnte, zuteil werden zu lassen. Es wurde deshalb beschlossen, an die Ausarbeitung eines allgemeinen Programraes der Jugendausbildung für mehrere Jahre heranziitreten. In der Frage der landwirtschaftlichen Gruppen ringt man um die Probleme ihrer Richtung und Zukunft. Die Frage ist, ob die Kwuzah nur eine Ausbildungswirtschaft sein soll, in der die Genossen wechseln oder eine ständige Wirtschaft für die erwachsene Jugend. In der Rede der Referentin in dieser Frage kam die Freude über den Uebergang der Jugend zur Landwirtschaft zum Ausdruck. Es wurde beschlossen, die Vereinigung der beiden Kwuzoth' in Petach Tikvah und Rechovoth zu vollziehen, um den Grundstein für eine Wirtschaft der Arbeiterjugend zu legen. Am Abend wurde die Beratung geschlossen und eine Feier in Afuleh veranstaltet, an der sich die dramatische Gruppe von Tel-Awiw beteiligte. Die Genossen, die auf der Feier sprachen, betonten den Willen der Jugend aus dem Emek, das Leben ihrer städtischen Genossen kennenzulernen und berührten auch die Frage der Beziehungen zwischen der arbeitenden und lernenden Jugend. An der Beratung nahmen auch einige Genossen aus den Kreisen der in den Mittelschulen in Tel-Awiw lernenden Jugend teil. tismus" der Politiker bekämpfen und hält sich deshalb vom politischen .Leben.,und .den, Parteien fern. Sie verwechselt dabei aber Prinzipien mit Dogmen. Freilich, diese Jugend hat keine Prinzipien, hat keine leitenden Ideen. Sie läuft deshalb bloßen Aeußerlichkeiten oder vermeintlich großen Männern nach. Am Schlüsse dieser Veranstaltung wies Oskar Cohn auf die besondere Bedeutung des diesjährigen 1. Mai, der im Zeichen des Wahlkampfes gefeiert wird, hin und forderte alle Anwesenden auf, am 20. Mai am Sieg der sozialdemokratischen Partei mitzuhelfen. Mit dem Singen der Internationale endigte die eindrucksvolle Kungebung. Berl Locker wieder in Berlin. Im Anschluß an die eindrucksvolle Maikundgebung der Berliner Poale Zion, über die wir in der heutigen Nummer unserer Zeitung berichten, fand im Gemeindehaus ein Begrüßungsabond für Berl Locker, der vor Tagen von einer längeren Reise nach den Vereinigten Staaten nach Berlin zurückgekehrt ist, statt. Der Begrüßungsabend, an dem die Berliner Poale- Zion-Gruppe vollzählig teilnahm, gab allen Anwesenden durch die Teilnahme palästinensischer, polnischer, rumänischer und litauischer Chawerim das Gefühl, einer wahrhaften Weltbewegung anzugehören. Dieser Eindruck wurde verstärkt durch den inhaltsreichen Bericht von Berl Locker über die Poäle-Zion-Bewegung in Amerika. Im Namen des Zentralkomitees und des Zentralrats der Poale Zion begrüßte Chawer Lifschütz Berl Locker. Es folgten dann Begrüßungen von Chawer Tschertok im Namen der Berliner Ortsgruppe, Chawer Boris Eisenstadt für die Ortsgruppen Danzig und Meinel, Chawera Rosenkranz für die Ortsgruppe Chemnitz und von Dr. Israel Rubin. Der Abend war unirahmt von jiddischen und hebräischen Rezitationen und Gesang. Großer Erfolg der Poale Zion in Leipzig. Kürzlich fanden in Leipzig die Wahlen zur jüdischen Gemeinde statt. Es erhielten die Poale Zion 596 Stimmen, die Jüd. Voljkspartei 1515 Stimmen, die Orthodoxen 1119 Stimmen,' die Liberalen 1059 Stimmen. Infolge des in Leipzig herrschenden ungerechten Kuriensystems für Inländer und Ausländer fielen den Liberalen 5 Mandate, der Volkspartei 3, den Orthodoxen 2 und der Poale Zion 1 Mandat zu. Unser Genosse Seiinger ist wiedergewählt worden. Die Zahl der Stimmen, die für Poale Zion abgegeben wurden, hat sich gegenüber der Stimmenzahl vor einigen Monaten, als die erste, für ungültig erklärte Wahl stattfand, um 50 Prozent vermehrt. Dabei müssen wir berücksichtigen, daß wir ck-u bürger- Aus der Bewegung.