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Der Jüdische Arbeiter · 1928-05-15 · Heft 8 (15.5.1928) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
5 (1928)
Issue
Heft 8 (15.5.1928)
Date
1928-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Der jüdothe Arbeiter \ Nr. 8 um auf dem Arbeitsmarkt nicht unterzubringende ältere Angestellte selbständig machen zu können 'Oder im Wanken begriffene kleinbürgerliche Existenzen zu stützen. Eine Ansiedlung von Eiwerbsbeschränkten auf dem Lande ist ins Auge zu fassen, weil gerade die Kriegsbeschädigten bei der Arbeitssuche besonders benachteiligt sind. Das sind die Mittel, wie ich sie im Moment sehe, um der Arbeitslosigkeit unter unseren Gemeindemitgliedern zu steuern. Bessere Sachkenner, als ich' es bin, werden bessere Mittel angeben können, aber jedenfalls müssen wir alles versuchen, damit die Arbeitslosigkeit sich nicht vermehrt und in ihren Formen noch schlimmer wird, als es bisher bereits der Fall ist. Für Sonntag, den 27., und Montag, den 28. Mai ist der PARTEITAG der jüdischen sozialdemokratUcfrco Arbeiterpartei Poale Zion in der TBcWich'o- Slowakischen Republik nach Brünn einberufen worden. Als Tagesordnung wird von der Lcitaöfl vorgeschlagen : Sonntag. 1. Eröffnung und; Begrüßungen. 2. Der Stand der Partei in der C. S. R. 3. Die Lagein der Weltbewegung Poale Zion. 4. Das arbeitende Palästina und unsere Aufgaben. ' Montag. 5. Unsere Tätigkeit Jm Lande. a) politische, b) organisatorische. 6. Allgemeine Debatte. 7. Annahme der. Beschlüsse. 8. Wahl der Leitung. .9. Allfälliges. Es wird geplant, den Parteitag durch' eine öffentliche Versammlung, die Samstag, den 26. Mai stattfinden soll, einzuleiten. Die Organisationen werden mittels Rundschreiben über alle Einzelheiten verständigt werden. ^^^^g^gg^gS^^ Unsere politische Tätigkeit in der Tschechoslowakei. (Zur Diskussion! auf dem bevorstehenden Parteitag.) Die Erneuerung unserer Bewegung in der Tschechoslowakei macht erfreuliche Fortschritte. In' mehreren Ortschaften haben sich die Organisationen bereits konstituiert, in' einer Reihe von Städten haben wir bereits mit unseren Vertrauensmännern Fühlung genommen und ist zu erwarten, daß wir in absehbarer Zeit ein ansehnliches Netz poalezionistischer Organisationen in der tschechoslowakischen Republik besitzen werden. Die Aktivierung der Partei in der Tschechoslowakei macht es uns zur Pflicht, :unser politisches Programm festzulegen. Die Paralysierung unserer Partei durch' den verbrecherischen Linksputsch' hat bewirkt, 'daß wir noch heute kein klar formuliertes Programm für unsere Betätigung als jüdische sozialistische Partei besitzen. Diesem Mangel zu ersetzen, betrachten wir als eine der wichtigsten Aufgaben, die der einzuberufende Parteitag zu erfüllen haben wird. Wir wollen 'hier versuchen, einige Richtlinien für die Formulierung ^unseres Programmes zu zeichnen. I. Im Auslande ist die Meinung verbreitet, daß die jüdische Minderheit in der tschechoslowakischen Republik nationale Rechte genießt. Das kommt wohl 'daher, daß die Tschechen zum Schutze ihrer eigenen Interessen, um zu verhindern, daß die Juden den Deutschen zugezählt werden, den Juden das Recht eingeräumt haben, sich' als Juden bei der Volkszählung erklären zu dürfen. Darüber hinaus genießen die Ju- 'deri in der Tschechoslowakei nahezu gar keine Rechte als nationale Minderheit. Die Aufnahme eines Volkes als selbständige Gemeinschaft bei Zählung der Bevölkerung eines Landes wird als Voraussetzung für die Befriedigung der Forderungen dieses Volkes betrachtet. In der Tschechoslowakei besteht nur die Voraussetzung. Wir wollen nicht hier erörtern, wie wir zu diesem Zustande gelangt sind und uns nur darauf beschränken, wie wir aus dem gegenwärtigen Zustande den Weg zur freien nationalen Entfaltung finden könnten. II. Wir erachten es als müßig, uns hier in eine Begründung unserer nationalen Eigenart einzulassen. Es ist eine feststehende Tatsache, daß es in der tschechoslowakischen Republik eine jüdische Minderheit gibt, die sich als Teil des in vielen Ländern der Welt zerstreuten jüdischen Volkes und allen Völkkern der Republik gegenüber als selbständige nationale Gemeinschaft betrachtet. .Welche Forderungen kann und darf nun die jüdische Minderheit an den Staat, an die Gemeinden stellen? 1. Die Juden sind berechtigt zu verlangen, daß man ihnen die Möglichkeit bietet, ein eigenes Erzieh'ungs- und Schulwerk zu gründen und zu unterhalten. Wir wissen, was man dieser Forderung entgegenhalten wird: In welcher Sprache? Darauf sollen wir erwidern: Die Sprache ist gewiß ein wichtiges Element der nationalen Schule, aber sie bildet noch immer nicht ihr ganzes Wesen. Der Geist, der in einer Schule herrscht, ist zumindest nicht weniger wichtig als ihre Unterrichtssprache. Und als nationale Minderheit, die durch Schicksalsgemeinschaft mit den Juden der ganzen Welt verbunden ist und ihre eigenen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Probleme hat, fühlen wir uns berechtigt zu fordern, daß. in unseren Erziehungsanstalten jüdischer Geist herrschen soll. Die Sprache kann für die Juden in der tschechoslowakischen Republik kein Kriterium für die jüdische Schule sein. Die Juden in Karpatho-Rußland und vielleicht auch in manchen Teilen der Slowakei mögen ihre Schulen: mit hebräischer oder jiddischer Unterrichtssprache einrichten, die Juden der anderen Teile der Republik werden für ihre Schulen die tschechische oder deutsche Unterrichtssprache wünschen. Das sei den Juden überlassen. Die Unterrichtssprache soll als interne Angelegenheit: der jüdischen Gemeinschaft erklärt werden. Wir verkennen keinesfalls die Schwierigkeit, diesen Standpunkt, der neu ist, der wahrscheinlich von keiner andern nationalen Minderheit jemals geltend gemacht wurde, zu vertreten, aber es ist schließlich und endlich nichts anderes als die Folgeerscheinung unserer Exterritorialität und der Tatsache, daß wir im Unterschiede zu allen anderen Minderheitsvölkern, nirgends eine Mehrheit, überall nur Minderheiten bilden. Diese ganz eigenartige Situation unseres Volkes zwingt uns auch besondere Lösungen für unser nationales Problem auf. Wir müssen den Mut besitzen, diese Forderungen zu stellen und sie zu verteidigen. III. Unser harren' auch wichtige soziale Aufgaben. Abgesehen von den wichtigen Fürsorgeinstitutionen, die wir besitzen und die zweifellos einer Erweiterung und Modernisierung] bedürfen, ist das Problem der Umschichtung und Wanderung für uns ein brennendes. Man soll sich über die momentane wirtschaftliche Situation der Juden in der Tschechoslowakei nicht täuschen. Die Symptome einer krisenhaften Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Juden kündigen sich überall an. Das erwachte tschechische Volk dringt überall in die Städte ein und wendet sich dem Handel zu. Der Handel, auch in der Tschechoslowakei die wichtigste wirtschaftliche Position der Juden, wird vom Mehrheitsvolke erobert. Wir wollen keine Schwarzseher sein, aber es hat ja keinen' Sinn, die Augen vor der Entwicklung der nächsten Zeit zu schließen. Wir müssen uns auf eine Erschütterung der wirtschaftlichen Position der Juden in der Tschechoslowakei vorbereiten. Umschichtung, Auswanderung und Selbsthilfe sind die wichtigsten Mittel, deren wir uns zur Linderung dieser inneren Krise werden bedienen müssen. An die Gründung entsprechender Institutionen werden wir in absehbarer Zeit schreiten müssen und vom Staate werden wir materielle und moralische Förderung dieser Institutionen verlangen müssen. Also: Die Förderung unseres Fürsorgewerkes, die Vorkehrungen für die wirtschaftliche Entwicklung der Juden in; der nächsten Zeit, das sind auch wichtige Forderungen, die die jüdische Minderheit an den Staat stellen muß. Möglichkeiten poale-zionistischer Arbeit in Deutschland. Zur rheinischen Bezirkskonferenz am 3. Juni in Hamborn. Diese Ausführungen sind als freie Meinungsäußerung zu betrachten. Die Red. Die Tatsache, daß nunmehr der „Jüd. Arbeiter" auch das Organ der deutschen Poale Zion ist, gibt die erwünschte Gelegenheit, einer gründlichen Aussprache über die aktuellen Probleme innerhalb der deutschen Organisation. Als gegen Anfang IQ 19 jüdische Arbeiter in größerer Zahl von Osten nach Deutschland und da besonders in das rheinisch-westfälische Industriegebiet kamen, trat urplötzlich auch in Deutschland eine Poale Zion auf. Sie umfaßte alle jene zufällig nach Deutschland emigrierten Chawerim aus Polen, Litauen und Galizien. Diese Chawerim waren Arbeiter in den Berg- und Hüttenbetrieben der Großindustrie. Es kamen die Jahre der Inflation und der nachfolgenden Arbeitslosigkeit und mit ihnen die Unmöglichkeit für Ausländer, in Deutschland Arbeit zu finden. Die Chawerim gingen nach Frankreich, Belgien und anderen Ländern, um dort den uralten jüdischen Kampf um den Arbeitsplatz wieder aufzunehmen. Und hier in Deutschland blieb ein kleiner Rest von ihnen. Leute, die hier eine „jüdische Parnosse" gefunden und den „produktiven" Beruf eines Wäsche¬ oder Kaffee-Hausierers angenommen hatten. Aber in dieser Zeit hatte der sozialistische Gedanke unter der westjüdischen zionistischen Jugend Wurzel geschlagen und aus den Reihen dieser Jugend bekam die Poale-Zion-Organisation Zuzug, so daß heute die Organisation zu einem großen Prozentsatz aus westjüdischer Jugend besteht. Die beiden Gruppierungen innerhalb der Partei: alte Chawerim, die zum Teil der Organisation seit deren Gründung angehören und diese jungen westjüdischen Menschen hält nun die Arbeit für Erez Israel und die für den arbeitenden Jischüw in Erez Israel zusammen. Das geht so weit, daß bis heute nicht einmal Anfänge einer wirklichen Orientierung in der Landespolitik vorhanden sind. Aber, wie Chawer Ginsberg in der Jubiläums- Nummer des „Jüd. Arbeiters" sehr richtig sagt: „Eine Bewegung, die nur von in ferner Zukunft erreichbaren Idealen getragen wird, kann unmöglich' für die Dauer eine Anziehungskraft ausüben." Und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß man heute von einer Stagnation der Partei sprechen muß. Hiergegen spricht nicht, daß wir bei den Wahlen zum letzten Zionisten- Kongreß einen so beachtlichen Erfolg gehabt haben. Denn damals haben aus Opposition zur arbeiterfeindlichen Stellung des linken Zentrums viele für uns gestimmt, die sich wahrhaftig nicht zum Poale-Zionismus bekennen. Wir stehen! anscheinend vor der gleichen Situation wie unsere Wiener Bruderpartei: Auch wir müssen uns endlich über unsere klare, eindeutige und einheitliche Stellung zu den Problemen des jüdischen Lebens unserer Umgebung klar werden, wenn wir über das bestehende Gebilde einer Pro-Erez-Israel- Oweded-Organisation hinaus die jüdisch-sozialistische Partei in Deutschland werden wollen. Es sind folgende aktuelle Fragen, zu denen wir Stellung nehmen müssen: I. Unsere Stellung zur jüdischen Gemeinde. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland sind reine Kultusgemeinden, die für Dinge über den Kultus hinaus wenig oder gar kein Interesse haben. Die jüdischen Kultusstuben sind den Balebattim reserviert. Das Wahlrecht ist überall reaktionär. Bis auf Berlin und einige andere Orte haben die meisten Gemeinden kein Frauenwahlrecht. „Ausländer" unterliegen einer Karenzzeit etc. Wir müssen mit einem auf der grundlegenden Forderung der Verweltlich'ung der Gemeinde aufgebauten Programm an die Wählerschaft herantreten, um diese unwürdigen Zustände zu ändern. II. Unsere Stellung zur jüd. Landesorganisation. Hier ist ähnliches zu sagen. Wenn wir ein Programm aufstellen, das wirklich den Interessen der Angestellten, der Kleinkaufleute und der Jugend gerecht wird, werden wir in den in den einzelnen Ländern bestehenden Landesverbänden, die sich jetzt zu einem Reichsverbänd zusammenschließen wollen, ein' dankbares Arbeitsfeld bekommen. III. Unsere Stellung zur Frage der Beruf sSchichtung. Zu dieser in Deutschland sehf aktuellen Frage haben wir zugesehen, wie gar dei*

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