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Der Jüdische Arbeiter · 1928-05-15 · Heft 8 (15.5.1928) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
5 (1928)
Issue
Heft 8 (15.5.1928)
Date
1928-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. DER JUDISCHE ARBEITER Organ der sozialdemokratischen PoaleZion Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslovakei Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, II., Blutnauergasse l/II Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljahrig. S 1.20 halbjährig . . „ 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 8. Wien, 15. Mai 1928. 5. Jahrgang. Die jährliche Schande. Die blutigen' Ereignisse am 1. Mai in Warschau. Seit dem Bestände der polnischen Republik ist noch kein Aufmarsch der Arbeiterschaft der Hauptstadt am 1. Mai ohne Opfer für die jüdische Arbeiterschaft verlaufen. Alljährlich überfallen faschistische Banditen die Gruppe der jüdischen Arbeiter, prügeln sie und jagen sie auseinander. Heuer haben es die unverantwortlichen Kommunisten für richtig gehalten, am Festtage des Weltproletariats die polnische Sozialdemokratie zu provozieren und den Bruderkampf am Tage der Bekundung der proletarischen Solidarität auf die Straße zu tragen. Die Polizei übte Rache für die Ruhestörungen und massakrierte die — jüdischen Arbeiter. Aber die faschistischen! Banditen ließen sich ihre „Hetz" nicht nehmen. Sie überfielen auch heuer die jüdische Gruppe und jagten sie auseinander. Die Provokation der Kommunisten und der Ueberfall der Polizei, so unerhört sie sind, kamen unerwartet, der Streich der Faschisten wiederholt sich nun seit Jahren. Wir bezeichnen es als unerträgliche ^Schmach, daß'sich die jüdisshen-Arbeiter.dieses kleinen Häufleins von Chuligans nicht erwehren kann, daß die polnische Arbeiterschaft den Ueberfall dieser Banditen nicht verhindern konnte. An diesem Tage führt man so oft das Wort Kampf im Munde und man soll nicht imstande sein, einer kleinen Gruppe von Feinden das banditische Handwerk zu legen? Die Arbeiterschaft demonstriert für ihre internationale Solidarität und die tausenden polnischen und jüdischen Arbeiter können sich nicht zusammentun, um diesem Häuflein von Banditen den Garaus zu machen? Das ist ein Hohn auf die Maifeier, eine arge Verspottung des Kampfwillens der klassenbewußten Arbeiterschaft. Das verbrecherische Treiben der faschistischen Banditen in Warschau, die Tatsache, daß man sie an der Durchführung ihres Planes nicht behindern kann, sind ein Ausdruck der inneren Schwäche der jüdischen Arbeiterschaft, die auf den Bruderkämpf zurückzuführen ist; sie ist aber auch nur durch das allzu lockere Verhältnis, das zwischen der jüdischen und der polnischen Arbeiterschaft besteht, zu erklären. Die blutigen Ereignisse am ersten Mai in Warschau sollten den jüdischen und polnischen Arbeitern als Lehre dienen, daß sie nur geschlossen ihr Recht auf die Straße verteidigen können. Die jährliche Schande der Verspottung des herrlichsten Tages des Weltproletariats durch ein Häuflein von Arbeiterfeinden darf sich nicht mehr wiederholen, wenn nicht die proletarische Solidarität zu einem leeren .Worte erniedrigt werden soll. Ein bedeutungsvoller Schritt der jüdischen Gemeinde in Wien. Seit Jahrzehnten gibt eä unter den1 Juden der westlichen Länder einen Meinungskampf über die Grundlagen äes jüdischen öffentlichen Lebens. Die Parteien, welche jegliche Minoritätenrechte für die Juden ablehnen, haben m den westlichen Ländern die öffentliche Meinung bisher beherrscht. In einer kurzsichtigen Verkennung des wahren NTationalitätenprinzips hatten sie Angst, irgendwelche Kechte zu fordern, die sonst den Minderheiten auch in mscren Tündern gewährt werden. Sie begründeten ihre Vngst teils aus politischer Raison, teils auch' damit, daß lio Juden unmöglich etwas fordern könnten, was in dem Oesterreich1 aufgezwungenen Friedensvertrag enthalten sei. Als ob die Rechte der Völker dadurch! leiden könnten, daß sie auch in einein Zwangavertrag anerkannt werden! Auch die „Union", der österreichische Exponent dieser Ablehnung jeglicher Minoritätsrechtc für uns Juden, argumentierte s'o ursprünglich. Der „Schandvertrag", hieß es, könne, keine Grundlage für eine jüdische Forderung abgeben. Und doch mußten sich die Herren auch hier von der Zeit eines besseren belehren lassen. Denn nach! und nach erlangten auch1 in Oesterreich alle Minoritäten ihre Rechte, -ahn© daß man ihnen den „Schandvertrag" nachtrug. Ja., noch mehr. In westlichen Ländern, deren Friedensverträge oder sonstige staatlichen Grundlagen die Gewährung solcher Rechte nicht ausdrücklich vorsahen, in Deutschland \md in der Tschechoslowakei, erlangten die Minoritäten vieles, das ihnen auf Grund ihres Rechtes auf Leben und Entwicklung gebührt. S'o war im' Laufe der Zeit auch', die jüdische Gemeinschaft der genannten zwei Länder in den Kreis manigfacher staatlicher und kommunaler Aufgaben getreten und hatte dort ihre Berücksichtigung gefunden. Wohlfahrtswesen, Unterricht, Kultus der Juden in diesen Ländern, werden zu einem erheblichen Teil vom Staate oder der Gemeinde gedeckt. Auch die Juden Oesterreichs konnten' sich diesem' neuen Weg auf die Dauer nicht verschließen. Zu kraß war der Gegensatz und zu groß ist die Not der Juden auch in unserem Lande. Auch' die „Union" mußte Einkehr halten. Und das Resultat, diefrsr Selbatbesiun'ung' war die letzte Kundgebung der jüdischen Gemeinde, daß die Juden Oesterreichs im öffentlichen Haushalt dieselbe Berücksichtigung verlangen wie die anderen Minoritäten Oesterreichs. .Freilich, nur zögernd vollzog sich1 der erste Schritt. Noch sind den Zagen die Grundlagen unserer ethnischen Besonderheiten nicht klar genug, noch beherrscht die Angst vor dem Wort „Nation" die Psychologie jüdischer Parteien. Aufrichtige Worte demokratischer, nichtjüdischer Politiker, wie sie Hellpach' in Deutschland sprach', könnten das Werk jüdischer Selbstbesinnung beschleunigen und zu Vollem Erfolge führen. Der Verlauf der Plenarsitzung, in der Vizepräsident Dr. Ornstein die namens der jüdischen Gemeinde an den Bund lind an die Gemeinden zu stellende Forderung; der Berücksichtigung des jüdischen W'ohlfahrtswesens', Unterrichts und Kultus gleich' den anderen Minderheiten unseres Staates erhob, war durch die zutage tretende Einmütigkeit in der Auffassung der Parteien ein erhebender. Dr. Orastein führte in erschöpfender Darstellung' die Verlüiltnisse in unseren Nachbarländern wie im eigenen Staat unter Zu- Lähdern aus. Namens der Zionisten begrüßte Dr. Ehrlich' Ländern aus. amens der NZionisten begrüßte Dr. Ehrlich1 diesen Schritt. Genosse Dr. Glanz führte in längerer Rede die Deutschland, Tschechoslowakei und Oesterreich! scheidenden Momente genau aus, um die gemeinsame Forderung unserer Volksgemeinschaft in den drei Ländern desto stärker zu erheben. Er verwies auf die Grundlagen des neuen Rechts der Nationen, das nicht in diesem oder jenem Vertrag wurde, sondern in der Entwicklung der Menschheit zum Sozialismus liege. Di© nationalen Rechte seien daher gegen jede Richtung hin wahrzunehmen, im eigenen Land siqwio im Völkerbund. Er begrüßte den ersten Schritt der jüdischen Gemeinde auf dem neuen Wege und gab der .Hoffnung Ausdruck, daß die österreichischen Juden in nicht allzu langer Zeit dasselbe erreichen werden wie ihre Volksgenossen in andern Ländern. Hierauf wurde der Antrag des Präsidiums einstimmig zum Beschluß erhoben. Oskar Cohn gegen die Ausbeutung der jüdischen Arbeitslosigkeit. In einer der letzten Repräsentanten Versammlungen der Berliner jüdischen Gemeinde hielt Genosse Oskar Cohn eine scharfe. Rede gegen die Ausbeutung der jüdischen Arbeitslosigkeit. Die Rede hat in der Berliner jüdischen Oeffentlichkeit großes Aufsehen erregt. Wir geben hier die wichtigsten Teile der Rede wieder: Das vom Vorredner berührte Problem der Arbeitslosigkeit ist in der Tat überaus ernst, und ich bin nur etwas enttäuscht, daß Herr M. ,A.. Loeb nur einen verhältnismäßig unbedeutenden Ausschnitt aus dem Gesamtproblom hier zur Erörterung gestellt hat. Ich möchte über diesen Einzelausschnitt hinaus das Problem in seiner Gesamtheit ins Auge fassen. Einige zuverlässige Zahlen, die ich' mir verschaffen konnte, mögen über den Umfang der jüdischen Arbeitslosigkeit in Berlin Auskunft geben. Wir haben einen jüdischen Arbeitsnachweis, der zwar ohne Unterschied der Konfession Arbeit vermittelt, jedoch aus den Mitteln der jüdischen Gemeinde unterhalten wird. Durch diesen Arbeitsnachweis sind hindurchgegangen im Jahre 192G beinahe 4600 arbeitslose Männer und nahezu 4000 arbeitslose Frauen. Im Jahre 1927 ist die Zahl der Männer um knapp 150 geisunken, es sind 4457 jüdische Arbeitslose hindurchgegangen, bei den' Frauen dagegen ist die Zahl um mehr als 10 Prozent auf 4452 gestiegen. Dem Arbeitsnachweis ist es nur gelungen, für 1936 Männer und für 2632 Frauen Arbeit zu verschaffen. Mein* als der Hälfte der Arbeitsuchenden konnte keine Arbeitsstelle vermittelt werden. Bei einem persönlichen Besuch' des Arbeitsnachweises, den ich gerstern abstattete, wurde festgestellt, daß 1484 arbeitsuchende Männer lind 1275 Frauen angemeldet, aber an freien Stellen für Männer nur 48 und für Frauen 289 angeboten waren. Unter den Arbeitsuchenden befinden sich bei den Frauen ein großer Teil von Angehörigen des deklassierten Mittelstandes, die 'ohne Vorbildung und ohne Erfahrung sind, und die unterzubringen daher außerordentlich schwer fällt. Die vom Wohlfahrtsamt eingerichtete Nähstube, eine Wohlfahrtseinrichtung, wird häufig genug auch von Frauen der gebildeten Stände und von gelernten1 Näherinnen in Anspruch1 genta mmen; weil hier die Arbeitsbedingungen besser sind als man sie auf dem freien Arboitsrnarkt finden kann. Nun könnte die Meinung entstehen, daß wir die Arbeitslosigkeit durch die Zuwanderung ostjüdischcr Elemente bekommen hätten. Das ist nach1 meinen Feststellungen nicht der Fall. Nach den Aufzeichnungen des Arbeitsnachweises sind 85 Prozent der Arbeitsuchenden deutsche Staatsbürger. Neben der .von- Herrn M. A. Loeb bereits erwähnten Boykottbewegung gegen jüdische Angestellte und Arbeiter ist noch ein Umstand zu erwähnen, der gerade auch bei jüdischen Firmen nur allzu häufig zu vorzeichnen ist. Eine große Anzahl jüdischer Arbeitgeber nimmt den Arbeitsnachweis zwar in Anspruch, will aber durch die Arbeitsbedingungen zum Ausdruck bringen, daß sie die Anmietung und Ausnutzung jüdischer Arbeitskräfte zur besonderen Hebung des Geschäftes auswerten will, indem sie nämlich die jüdischen Arbeitskräfte unter schlechteren Bedingungen anstellt, als es auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und nach den tarifmäßigen Abmachungen üblich ist. Es ist leider recht häufig, daß jüdische Arbeitnehmer untertariflich und stagär zu Löhnen angestellt werden, die man schlechthin als menschenunwürdig bezeichnen muß. Was muß nun geschehen? Verschiedene Maßnahmen kommen in Betracht. Zunächst muß eine beispielgebende Lohnpolitik von sämtlichen jüdischen Organisationen betrieben werden. Es darf nicht vorkommen, daß der Landesverband mit schlechtem Beispiel vorangeht und einigen Aushilfskräften 3 Mark täglich für technische Arbeiten zahlt. Sodann muß eine Versammlung der wichtigsten Arbeitgeber einberufen werden, um unter Leitung des Gemeindevorstehers die Verhältnisse gründlich zu besprehen. Der Arbeitsnachweis funktioniert, er muß aber noch ausgebaut werden, und es dürfen größere Geldmittel hierfür nicht gescheut werden. Auch die produktive Arbeitslosen- 'fürstarge ist weiter auszugestalten. Die Kleiderkammer muß erweitert werden. Die Darlehenskasse muß gefördert werden;

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