Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- Heft 5 (6.4.1928)
- Date
- 1928-04-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Der jüdische Arbeiter Nr. 5 einen gegenseitigen ständigen Kontakt herzustellen. Viel höher noch darf man die neuerschließenden Möglichkeiten einer gemeinsamen Arbeit der Poale- Zion der erwähnten drei Länder auf dem Gebiete des innern jüdischen Lebens und der Werbetätigkeit einschätzen. Die Juden Deutschlands, der Tschechoslowakei und Oesterreichs tragen, abgesehen von manchen geringfügigen Abweichungen, das Gepräge des besonderen Typus westjüdischer Gemeinden. Unsere Betätigung im jüdischen Leben dieser drei Länder kann nur dann eine fruchtbare werden, wenn es uns gelingen wird, bei vollständiger Festh'altung an unseren Grundsätzen, uns den gegenwärtigen Verhältnissen und Möglichkeiten anzupassen. Ein Gedankenaustausch, eine stete Fühlungnahme der Poale-Zion Westeuropas, kann und wird zur Klärung der sie in erster Reihe interessierenden Fragen viel beitragen. Die Werbetätigkeit in den erwähnten drei Ländern leidet viel unter dem Mangel einer entsprechenden Presse und Literatur in deutscher Sprache. Die Zusammenarbeit der Poale-Zion-Organisationen der drei Länder könnte diesen sehr fühlbaren Mangel rascher beheben. Auch die Tätigkeit für das arbeitende Palästina könnte durch1 die Zusammenarbeit der Poale- Zion Deutschlands, der Tschechoslowakei und Oesterreichs erheblich befruchtet werden. Die Aufgaben, die die gemeinsame Beratung in Olmütz zu erfüllen: haben wird, sind mannigfaltig urid wichtig. Wir begrüßen deshalb den ersten1 Versuch1, der hier .unternommen wird und sprechen den iWunsch' aus, daß' diese Beratung einen ständigen unmittelbaren Kontakt zwischen den Poale Zion Deutschlands, der Tschechoslowakei und Oesterreichs herbeiführen möge. Möge in Olmütz der Weg zur großen Entfaltung unserer Idee und un: serer Bewegung in diesen1 drei Ländern gefunden werden. B. Locker: Max Pine, der Führer der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas. Die jüdische Arbeiterschaft in] Amierika verlor in den! letzten; Wochen: einen; ihrer interessantestien, Führer. Der Tod! Max Piaeis' rief nicht nur in. Amerika), sondern unter der jüdischen Arbeiterschaft aller Lander tiefe Trauer hervor. Iri Palästina, wo sich Pine unter der Arbeiterschaft besonderer Liebe erfreute, wurde die Nachricht vom! plötzlichen! Ableben Max Pines' mit tiefer Bestürzung1 aufgenommen'. Franz Schuhmeier, „Franzi" .... Nach vielen ijah'ren erinnerte ich mich an diesen Namen wieder, als ich' der Persönlichkeit unseres so früh dahingegangenen Max Pine's gedachte. Die österreichische Arbeiterbewegung war von ihrem Anbeginn an von einer großen Zahl fähiger und ^umgezeichneter Führer geleitet. Es war einer der genialsten Ch'arakterzüge des Begründers und langjährigen Führers der Bewegung, Viktor Adlers, daß es ihm immer gelang, die Fähigkeiten und Energien anderer herauszuspüren und sie für die Bewegung nützlich zu machen. Viktor Adler sorgte für die Entfaltung der Kräfte der einzelnen, zu Führern bestimmten Mitarbeiter und für ihre Anpassung an jenes Arbeitsgebiet, für welches sie die meisten Qualifikationen besaßen. So konnte er sich mit einem Stab von Führern umgeben, der ein Maximum an Arbeit leistete. Die Macht der österreichischen Sozialdemokratie stammt zum Teil von der ausgezeichneten Führerschaft her, die ihr Victor Adler als Erbschaft hinterließ. Wenn für den Führer die Liebe und treue Hingabe der Masse eine Vorbedingung für den Erfolg seiner Arbeit sein soll, dann sind die österreichischen (Arbeiterführer sicher die glücklichsten Führer der Welt. Das sympatische und lebhafte Temperament der österreichischen, insbesondere aber der Wiener Arbeiterschaft umgab die Führer mit einer Atmosphäre der Liebe und treuer Gefolgschaft. Kein dankbareres Arbeitsgebiet, keinen besseren Resonanzboden könnte man sich je wünschen. Der Mittelpunkt aber all dieser Liebe und Verehrung war Victor Adler. Masse und Führer — alle liebten ihn wie einen guten Vater, alle verehrten ihn wie einen wirklichen Rabbi. Er war fast ein Abgott der österreichischen) Arbeiterbewegung. Nur Einer kann in einer bestimmten Epoche in einem bestimmten Lande diesen Grad erreichen. Als Vergleich kann man hier vielleicht die Beliebtheit Debbs in Amerika und die August Bebels in Deutschland heranziehen. Und doch1 war einer in Wien, der — in ganz landerer Weise — sich' vielleicht mit Victor Adler in seiner Beliebtheit bei den Massen messen konnte — Franz Schuhmeier. Aus ganz anderem Holze geschnitzt wie der große Adler. Ein Wiener Proletarierkind, geboren und aufgewachsen in einem proletarischen Milieu,- verkörperte er in sich' das .Wiener Proletariat. Wie ein Baum im Walde, auf gleichem Bodem großgewachsen und von gleichen Säften genährt. Die Sprache seines Volkes sprach' er, den' weichen Wiener Dialekt, und aus den Tiefen desselben Volkes schöpfte er seinen Humor. Im Kampfe gegen: seine Gegner ließ; er sich von seinem Temperament hinreißen, jenem ganz besonderen und einzigartigen Wiener Volkstemperament. Fleisch vom seinem Fleische und Blut von seinem Blute, sah1 in ihm jeder Wiener Arbeiter mehr als einen Führer — einen. Bruder, einen Teil seines eigenen Ichs. Jeder Wiener Arbeiter sah sich selbst in seinem „Franzi". Ja, die ganze Wiener Arbeiterklasse fühlte, daß, er ihr Sohn, wenn er sie auch um einen Kopf überragte und ihr Führer wurde, doch mit seinem ganzen Wesen in der Muttererde verwurzelt war, aus der er stammte, und er personifizierte so die großen potenzierten Energien, die in dieser Erde — dem Wiener Proletariat — ruhen1. (Und weil die Wiener Arbeiterklasse in ihrem „Franzi" sich selbst sah, wußte der politische Fanatiker der Wiener Reaktion, der das Herz der Arbeiterklasse treffen wollte, ganz gut, warum er sich Franz Schuhmeier und keinen anderen als Opfer ausgesucht hat. Mit ihm, glaube ich, kann man Max Pine vergleichen. Er war nicht nur der Führer der jüdischen Arbeiterklasse, sondern: auch ihre Verkörperung» die Verkörperung ihres Schicksals und der Energien, die in ihr, verborgen ruhen. Nicht von; außenher kam er; nicht aus einer Jeschiwa oder Universität und auch nicht von' eines reichen Vaters Tisch, um die Leiden der jüdischen Arbeiterschaft zu teilen und sie zum Kampf für eine bessere Zukunft zu führen. In den tiefsten Niederungen der jüdischen Armut geboren, ist er aufgewachsen in einer Zeit, in der die jüdische Arbeiterklasse entstand. Seit seiner frühesten Jugend kannte er das schwere Lebenslos des Arbeiters, bis er durch' das Elend gezwungen, sein altes Heim verließ und sein Brot in Amerika zu finden versuchte. Alles Leid lund alle Qualen, durch die die ersten Jahre der jüdischen Arbeit im neuen Lande gekennzeichnet sind, erlebte er am eigenen Leib und eigener Seele. Alle Geburtswehen der jüdischen Arbeiterbewegung in Amerika — ihre Siege und Niederlagen der ersten Jahre, ihre Erfolge und Schwierigkeiten in der späteren Zeit — machte er durch; nicht nur an der Spitze der Bewegung, sondern als ein Teil von ihr, mit ihr und in ihr. Als self-made-man überragte er wohl den durchschnittlichen Arbeiter, verblieb aber mit allen Fasern seiner Seele und mit all den Wurzeln seines Lebens mit dem jüdischen Arbeiterleben' verwachsen, das ihm Inhalt und geistige Nahrung bot. Sein unerschöpflicher Humor, der in den tiefen und reichen Volksquellen seinen Ursprung hatte, sein soziales Pathos, dem die Leiden und Tränen der jüdischen Arbeiterklasse seine Erhabenheit verlieh1, zeugen von seinem innigen Verbundensein mit der jüdischen Volksmasse. Selbst in seinem Temperament spiegelte sich die Psychologie des jüdischen Arbeiters wider. Aus diesem Grunde war er nicht bloß Führer, sondern ein organisches Glied dieser Arbeitermasse, einer iunter Tausenden und zugleich einer der ihrigen. Der jüdische Schneider konnte in ihm einen Teil seines eigenen Ich1 sehen, einen Ausdruck seiner eigenen Potenzen. Die ganze jüdische Arbeiterklasse sah in der Entwicklung Pines ihre eigene Auferstehung, der Baurrf ließj auf die Kräfte des Bodens schließen, die ihn genährt hatten. Nur so läßt sich der große Schmerz erklären, welchen sein Tod unter den Arbeitern Amerikas hervorgerufen hat. Ein Führer schied von: dannen, mn'd mehr noch: ein Bruder, ein Teil des lebendigen .Organismus der jüdischen: Arbeiterschaft. In die Zukunft hineinwachsend hat er, zuerst ein Einsamer, als erster aus seinem Kreise das arbeitende Erez-Israel im sein Herz geschlossen. Als einer der Ersten fühlte er die Tragödie der jüdischen Arbeiterschaft in Osteuropa und erkannte die enggezogenen Grenzen für ein jüdisches Arb'eiterleb'en! in Amerika. Als erster erkannte er die Größe und den Ewigkeitswert des sozialistischen Erez-Israel-Gedankens und hat sich1 mit großem Mut der Idee angeschlossen'. Palästina-Rundschau. Die Anwaltsgeschäfte des Herrn' Sachler. — Die Arbeiterschaft verwandelt niit dem Oberkommisisär über die Liquidation der Arbeitslosigkeit. — Die Tätigkeit des landwirtschaftlichen: Arbeiteruntemefomungsarntes. — Beim Bau des Cresundheitszenferums in Jerusalem werden keine jüdischen Arbeiter beschäftigst. — Der P. A. F. trägt zur Schaffung des Genosseuschaftsfondsi bei. Im einem Aufsehen erregenden Artikel im „Dawar" weist Beri Katzen'elsohn nach, daß Herr Sacher, eines der drei Mitglieder der Zionistischen: Exekutive, durch! die Ausübung seines Berufes als Anwalt iu einen unerträglichen Gegensatz mit seiner Funktion als leitender Mann der zionistischen Weltbewegung gerät. Er weist naöW, daß Herr Sacher kapitalistische Gesellschaften, deren Interessen sich tofb in einem Widerspruch mit denen der zionistischen Panda wind! Wirtschaften befinden, rertritt. Der Autor stellt hierauf folgende Fragen: „Standen denn nicht die Mitglieder der Exekutive selbst auf dem Kongreß auf der Wache der „Inkompatibilität?" Haben denn nicht sowohl M'otzkin, wie Lipsky dieses furchtbare Fremdwort ausgedeutet? Obwohl Meinungsunterschiede in Einzelheiten bestanden, war die klare und übereinstimmende Absicht, die zionistische Welt zu lehren, daß es Aufgaben gebe, die sich nicht in einer Person vereinigen lassen. Es sind z. B. Leute vorhanden, die der Ansicht sind, daß es unmöglich! ist, Beamter der Exekutive 'oder sogar eines zentralen Fonds oder einer zionistischen Bank und zugleich Mitglied des zionistischen Aktionskomitees zu sein. Allein ist es erträglicher, in einer Persöni die Vertretung und Bedienung der Interessen kapitalistischer GeseUschaften und1 die oberste Vertretung: der zionistischen Bewegung zu vereinigen?" Berl Katzenelsohh. erwähnt noch folgenden sehr kuriosen Fall: Herr Sacher vertrat einen Klienten inj einem Prozesse gegen die palästinensische Verwaltung. Im Laufe der Verhandlung wurde Herr Sacher vom Geriohtsvorsitzieuden ersucht, den Begriff „Mandat" zu definieren. Herr Sacher tat es. Der Vertreter der palästinensischen Regierung meinte dann: ,,Ieh hoffe, daß diese Formulierung nicht im Namen der Zionistischen Exekutive abgegeben wurde", worauf Herr Sache sofort erwiderte: „Diese Bemerkung ist mir unverständlich. Ich' erscheine hier als Vertreter meines Klienten und nicht im Namen der Zionistischen Exekutive." Der Autor weist auf die -Unhaltbarkeit dieses Zustandes hin und schließt mit den Worten: „Bei der Kreierunjg des neuen Regimes fand esviele Anhänger, die den Ruhm des1 gesunden angelsächsischen Geistes verkündeten, der in der zionistischen, Administration jetzt vorherrsche-, des großen Besens, der die Führer und sowjetischen" Zustände auskehren ivnd vernichten werde, die sich bekanntlich1 zur Zeit Ussisohkins, Ruppins und der Vertreter des Arbeiterflügels festgesetzt haben; mögen sich jetzt all die Sieger des Geschenkes, das ihnen und uns zuteil wurde, freuen: der gesellschaftlichen Gesundung, der wirtschaftlichen Konsolidierung und des moralischen Prestiges des neuen Regimes." * In Fortsetzung der selbständigen und energischen Aktion, die die Arbeiterorganisation unlängst unternommen hat, um die Arbeitslosigkeit im Lande vollständig zu liquidieren, und auch in Tel-Aviv die Arbeitslosenunterstützung in Arbeit umzuwandeln, hatte am 14. März eine Delegation der Organisation, aus den Gemossenl D. Ben Gurion1, J. Bett Zwi, H. Frumkin und A. Kaplan bestehend, eine Unterredung mit der Oberkommissär, Lord Plumar. Die Delegation überreichte dem Oberkommissär ein detaillierte» Memorandum, das die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt im Jahre 1927, die heutige Lage und die Ai'beitsaussichten für die Zukunft schildert. Die Vertreter der Arbeiterschaft, erklärten dem Oberkommissär, daß für die vollständige Umwandlung der Arbeitslosenunterstützung in Arbeit auch in Tel-Aviv seitens der Zionistischen Exekutive die Ausfüh!- rung von Arbeiten im Umfange von 30.000 Pf. Sterling und seitens der Regierung eine Anleihe von 15.000 Pfuöd für öffentliche Arbeiten an die Stadtverwaltung von Tel- Aviv notwendig sind. , Die Zionistische Exekutive bewilligte die Forderungen der Arbeiterschaft, die Regierung jedoch gab auf die Forderung einer Anleihe an die Stadtverwaltung in Tel-Aviv eine negative Antwort; dadurch gerät der Plan der Organisation, die Arbeitslosigkeitsunterstützung auch in Tel-Aviv einzustellen, in Gefahr. Die Arbeitervertreter forderten deshalb vom Oberkommissär, daß die Regierung diese Angelegenheit noch' einmal erwäge un'd1 ein© positive Antwort gebe. Die Arbeitervertreter schlugen dem Oberkommissär auch andere Verwendungsmöglichkeiten für die Anleihe vor und machten, im Falle, daß die Regierung den Anleiheplan ablehne, neue Vorschläge zur Liquidierung der Arbeitslosen' Unterstützung in Tel-Aviv in nächster Zeit. Düe Arbeitervertreter berührten auch' die Fragen der zukünftigen großen Regierungsarbeiten, wie des Hafembaues, des Baues der Eisenbahngebäude, der Regierungsgebäude in Jerusalem, der Ueberfühi-ung des zentralen Bahn-Knotenpunktes von Ludd nach! Tel-Aviv usw. und for-