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Der Jüdische Arbeiter · 1928-04-06 · Heft 5 (6.4.1928) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
5 (1928)
Issue
Heft 5 (6.4.1928)
Date
1928-04-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. ^Ws*X**>*>W9*** % Ö A DER ARBEITER Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion und Administration: Wien, IL, Blumauergasse 1/11 Postscheckkonto Niv 38.042 Bezugspreis: vierteljährig. S 1.20 halbjährig . . , 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 5. Wien, 6. April 1928. 5. Jahrgang. Knechte waren wir ... Eine Pessach-Betrachtung. Ueberall wo, Juden leben wird in diesen Tagen das Pessachfest gefeiert. In feierlich-zeremonieller Stimmung wird der Befreiung aus der „ägyptischen Knechtschaft" gedacht. Bei Festen und Feiertagen kommt es nicht hauptsächlich auf die historische Wahrheit der Begebenheiten, auf die sie anspielen, an. Wichtiger erscheint iiins der Geist, der dieses Fest beherrscht. Im Lichte der historischen Forschung trägt die „ägyptische Knechtschaft" einen ganz anderen Charakter. Die Geschichte lehrt uns, daß vereinzelte kulturell rückständige hebräische Stämme infolge Hunger un'd Mißernte in das kulturell hochstehende und fruchtbare Aegypten eindrangen, um dort Brot und Unterkunft zu suchen. In Aegypten, dem Mittelpunkte der Kultur der damaligen Zeit, wurden diese hebräischen Stämme, durch verschiedene Umstände begünstigt, zu einem einheitlichen Volke zusammengeschweißt. Aegypten! war also tatsächlich die Werkstätte, im welcher das jüdische Volk entstanden ist. Die Bibel spielt übrigens auch darauf an. Unmittelbar: nach1 dem Auszuge aus Aegypten wird den Hebräern durch' Moses verkündet: „Mit heutigem Tage (bist du zu einem Volke geworden"... Aegypten war nicht nur das Land, in welchem das jüdische Volk entstanden ist, dort eigneten sich auch1 'unsere Urahnen die hohe Kultur der einheimischen Bevölkerung an. Sie. verließen also Aegypten als national geeinigte und kulturell fortgeschrittene Gemeinschaft. Daß die eingedrungenen, kulturell rückständigen Stämme im hochentwickelten Aegypten, dem Geiste des Altertums entsprechend, schwerste Sklavenarbeit leisten mußten, ist selbstverständlich1 und mag der Kern der historischen Wahrheit, der in der Behauptung von der „ägyptischen; Knechtschaft" steckt, sein. Die Tatsache, daß nach dem Auszuge aus Aegypten die Konstituierung der Juden als Volk erfolgt ist, hat sicherlich dazu beigetragen, um hinterher den Aufenthalt in Aegypten als möglichst düster zu schildern, N damit die Massen an die „Fleischtöpfe Aegyptens" rasch1 un'd 'gründlich vergessen. .Welche Umstände immer zum Auszuge unserer Vorfahren aus Aegypten geführt haben mögen, die Tatsache, 'daß sie als unbeträchtliche Stämme ins Lartd kamen und es als zahlreiches, geeihigtes Volk verließen, kann nicht bestritten werden. »Wenn also auch unsere Einstellung zu den Ereignissen; an die das Pessachfest anknüpft, von den Auffassungen der Juden, die dieses Fest zeremoniell feiern, grundverschieden; ist, dürfen wir den Geist dieses Festes, die erzieherischen Möglichkeiten, die es in sich birgt, nicht, verkennen. Die Tatsache, daß, ein Volk Jahrhunderte hindurch die Befreiung; aus der Knechtschaft feiert, daß es bei diesem Anlasse sogar primitiven Kollektivismus verkün'det: „Wer arm sei, komme und speise mit iuns!", darf und soll nicht ignoriert werden. Gewiß wird! der progressive, soziale Charakter dieses Festes gerade durch seine Zeremonie, die in seinen Mittelpunkt gestellt wird, verwässert, entstellt. Gewiß hat das Fest der Befreiung! als solches seine Bedeutung zum großen Teile dadurch1 eingebüßt, dafl viele Juderi 'den .Wert des aktiven Wirkens für die Idee 'den Befreiung, des kollektiven! Lebens nicht erfassen. An uns liegt es, der jüdischen Jugend, allen Renkenden Juden den wahren Kern des Befreiungsfestes beizubringen, sie mit Mut und Wille zu erfüllen, die edlen Losungen des Pessachfestes in Wirklichkeit umzusetzen, alle Energien anzuspannen, um jede nationale und soziale Knechtschaft auszurotten, um' dem neuen kollektiven Gesellschaftsleben, dem Sozialismus, die Wege zu bahnen. Dann erst werden wir als Juden und Sozialisten mit Recht sagen können: Knechte wäre n wir. L. R. Die bewundernswerte Leistung der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina. Die Arbeitslosigkeit nimmt xmunterbr och eu ab. — Das Versagen der Z i oni s t i s c hem Exekutive. — Die Arbeiterschaft löst die Wirtschaftskrise. Die letzten Nachrichten aus Palästina besagen, daß im März 1928, inTel-Aviv, Chaifa, und Jerusalem 2700 Arbeitslose gezählt wurden, während es dort noch im März 1927 7000 arbeitslose jüdische Arbeitetgab. Wie ein Alp lastete auf der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina, und auf uns allen die Arbeitslosigkeit imj Laii.de. Nun! scheint der Alp zu weichein und wir atmen erleichtert auf. Wir möchten bei dieser' Gelegenheit einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung der Krise in Palästina werfen. Als im Jahre 1925 die „vierte Alijah" nach Palästina, einsetzte und zahlreich© Juden, cUe den Verhältnissen in Palästina nicht angepaßt waren, ' ins Land kamen, erhob die jüdische Arbeiterschaft ihre warnende Stimme. Sie -warnte vor der Ueberflutung Palästinas mit Elementen, die sich den Berufen des Mittelstandes zuwenden wollen, da sie die junge Wirtschaft des Lahdes nicht wird tragen können und forderte Maßnahmen, um die Eingewanderten produktiven' Berufen zuzuführen. Die bäuerlichen Elemente innerhalb der zionistischen Bewegung wollten aber nichts davoni wissen. Sie glaubten, daß das „goldene Zeitalter" der Privatinitiative endlich gekommen ist und daß man jetzt mit den „Kostkindern", das sind: die Arbeiterpioniere und ihre Wirtschäften, aufräumenkann. Die Befürchtungen der Arbeiterschaft bewahrheiteten sich leider. Es trat eine Krise, die eine jahrelange Arbeitslosigkeit und eine schmerzlose Rückwanderung aus Palästina zur Folge hatte, ein. Die jüdischen und nichtjüdischen Palästinafreunde gerieten ob der Wirtschaftskrise in Palästina in die hellste Begeisterung. „Der Zionismus ist bankerott!" jubelten sie und, zur Bekräftigung ihrer Behauptung, übertrieben sie die Auswirkungen der Krise in Palästina, maßlos. Die jüdischen Arbeiter in Palästina,, die unter der Krise am meisten zu leiden hatten.,' ließen sich1, trotz ihrer schweren Notlage nicht einschüchtern. Sie machten heroische Anstrengungen, um mit Mitteln der Selbsthilfe die Not zu lindern. Die Arbeitrorganisation teilte die vorhandenen Aa-beitsmöglichkeiten unter den Arbeitssuchenden auf, die in Arbeit stehenden jüdischen Arbeiter leisteten, bedeutende Beiträge, um die Not ihrer arbeitslosem Genossen zu verringern. Aber die Arbeiterschaft konnte und wollte sich1 mit dem System der Arbeitslosenunterstützung nicht abfinden. Die jüdischen Arbeiter in Palästina, fühlen sich dem ganzen Volke gegenüber für das gesamte Aufbauwerk verantwortlich. Sie entwarfen deshalb mehrere Pläne, wie man auch, mit minimalen Geldmitteln' die Wirtschaftskrise lösen könnte. Die Zionistische Exekutive aber hatte keinen Mut, irgend einen Schritt zu unternehmen. Sic ließ die Dinge am sich herankommen und stand dann völlig ratlos da. Die Situation verschlimmerte sich« noch erheblich nach dem letzten Kongreß. Die Exekutive, deren Tragsäule der Herr Sacher wurde, antwortete auf alle Vorschläge, die ihr unterbreitet wurden: „Wir haben kein Geld!" Statt die Energie, die Initiative, die die jüdische Arbeiterschaft in Palästina offenbarte, auszunützen, um die jüdischen1 Massen in! allen Ländern der Welt für die Mitarbeit am Aufbauwerke wieder zu gewinnen, fand sich die Exekutive mit dem gegenwärtigen1 Zustande einfach ab. Statt den Glauben des jüdischen Volkes an das Aufbauwerk in Palästina zu beleben,, gaben sich die Herren der völligen Resignation hin. .„Wir haben kein1 Geld1 und können nichts machen!" war die einzige Antwort, die die Vertreter der jüdischen: Arbeitefschäft:auf jedem Vors^ krise, den sie der Exekutive unterbreitete haben; erhielten., Die rastlose jüdische Arbeiterschaft ließ nicht locker. Ihre Führer wandten sich an die englische Verwaltung und unterbreiteten ihr die Projekte der Liquidation der Arbeitslosigkeit. Und siehe da! Die Herren der Exekutive wollten diese „Projektemacher" nicht ernst nehmen, der sachlich1 denkende Lord Plumer befaßte sich mit den Vorschlägen eingehend und stimmte denselben grundsätzlich zu. Es wurden sofort Arbeiten, den Vorschlägen der Arbeitervertreter entsprechend, in Angriff genommen.. Die Arbeitslosigkeit ist von Woche zu Woche geringer geworden1 und .nunmehr geht man emstlich daran, die Arbeitslosigkeit völlig zu liquidieren. Noch eines soll hervorgehoben werden: die Zionistische Exekutive mit ihrem ganzen politisch-diplomatischem Apparat konnte die englische Verwaltung zur aktiven1 Mitarbeit bei der Lösung der Wirtschaftskrise nicht gewinnen, die Energie, der konstruktive Geist, der die jüdische Arbeiterschaft beherrscht,- flößten dem' Lord Plumer tiefem Respekt ein und er mußte schließlich seine Passivität aufgeben. Nicht unproduktive, falsche Sparsamkeit der Zionistischen Exekutive, nicht ihre Diplomatie, die sich auf Worte und nicht auf Taten stützen: will, konnte die Lösung der Wirtschaftskrise anbahnen, das vermochte nur die Treue, die Energie, der unbeugsame, konstruktive Wille der jüdischen Arbeiterschaft herbeizuführen. Auf dem letzten Zionistenkougresse glaubten die arbeiterfeindlichen Elemente unter den bürgerlichen Zionismen, über die Arbeiterschaft zur Tagesordnung übergehen zu können. Nun hat es sich erwiesen, welcher dieser beiden Faktoren eine wahre Tragsäule des Aufbauwerkes ist. M. S. . Eine wichtige Beratung. D as erste Treff e n d er Poa 1 e Z i o n D e utsc lila n d s, der Tschechoslowakei und Oesterreichs in 01 m ütz.' Am 14. und 15. April werden in Olmütz die Vertreter der Poale Zion Deutschlands, der Tschechoslowakei und Oesterreichs eine gemeinsame Beratung abhalten. Diese Beratung, die auf Initiative unserer Organisationsleitung einberufen wurde, verfolgt den Zweck, einen engen, lebendigen Kontakt zwischen den Organisationen! der erwähnten drei Länder herzustellen. Die allgemeine politische und kulturelle Lage ist in diesen drei Ländern eine sehr ähnliche. Es sind drei junge Republiken, in welchen die Arbeiterparteien wichtige Machtpositionen besitzen und systematisch die Eroberung! der gesamten Macht anstreben. Die jüdischen Arbeiter und Angestellten, die gesamte arbeitende jüdische Bevölkerung dieser Länder ist in ihrem überwiegenden Teile sozialdemokratisch orientiert. Die sozialdemokratischen Parteien der drei Länder bringen den Bestrebungen des proletarischen Zionismus Verständnis entgegen. Es ist daher schön aus diesen Gründen notwendig, daß sich1 die Poale- Zion-Organisationen der drei Länder verständigen, um

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