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Der Jüdische Arbeiter · 1928-03-20 · Heft 4 (20.3.1928) · page 3

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
5 (1928)
Issue
Heft 4 (20.3.1928)
Date
1928-03-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Der jüdische Arbeiter Seite 3 Und dies gerade war Bubers ungeheure Bedeutung: leiner ganzen entjudeten und entfremdeten westlichen zio- Inistischen Generation vermochte er. der noch persönlich ■dem Ostjudentum verbunden, einen Weg zum Judentum |zu zeigen. Nicht ein Bekenntnis sei das Judentum, son- Idern ein lebensvoller Weg! Machen wir nur wieder lebeu- ■dig, was an urjüdischer Substanz in uns schlummert: [knüpfen wir an an die Urkräfte, die das Judentum seit Ijo gestalteten, an die gro3o Reihe jetzt rebellierender Pro- Ipheten, an gemeinschaftswandelnde Essäer, an die auf lliebensumgestaltung gerichteten urchnstlichen Welle und t den gro3en Kampf, den eine untere Schichte femgehalten Ivon den kulturellen Gütern des Judentums g?gen eine J Bildungsaristokratie im Chasidismus führte. Buber zeigte [dieser Generation, wie sehr ein jeder Kampf im Juden- I turne schöpferische Kräfte weckte, wie an dem Kampf? I «ich immer und immer sozialer Gehalt aufs' neue entzündet. Im „Abschreiten dieses Weges" wies er die Möglichkeit, Lieh abermals mit-dem Judentum© zu vereinen. Er bat [erst wieder eine der größten Epochen im Judentum, den [bis dahin sosehr verkannten Chasidismus wieder „entdeckt". I Vus dessen entartetster Form, aus dessen unvollkommenen Erzählungen schuf Buber erst wieder neu den ehemaligen •geistigen Gehalt: Nicht an gelehrtes Gottfürchten sei der I Sinn dieses Lebens gebunden, nicht an Wissen und nicht Boten sondern jede Tat, die kleinste und nnschem- I barste, vollbringt ein Teil an der Mitschöpfung unserer Welt. Auch der unscheinbarste und ungebildetste Mensch ist ein sinnvoller Teil dieser Welt, auf keines Menschen Tat kann diese Welt verzichten, jeder Mensch gilt gleich, ja, der einfache Mensch, der in Freude und ' nicht in traditioneller Askese sein Werk tut ist fähig, I diese Welt nach vorne zu bringen, „Gottes Reich auf Erden I Zu verwirklichen". Dies war auch; die in religiöses Gewand gekleidete Ideolgie eines Kampfes unterer Schichten im Judentum, die man fern vom Bildungsprivileg einer t herrschenden Schichte' zu halten versuchte. Daß Buber allerdings alle Fortentwicklung und ge-! schichtlicheu Kampf im Judentum auf den Antagonismus der in Mythos gekleideten Ideologie der „Wählenden" gegen die „Beharrenden", die Traditionellen zurückführt, ja sogar auf Kampf von Mythos und Religion reduziert, wollen wir nicht ganz anerkennen — was wir nur konstatieren wollen ist: Immer, wenn im Judentum© Ökonomisohe Struktur den Kampf der unteren Klasse gegen eine herrschende ermög- lichte, ob zur Zeit der Agrarkämpfe des Landvolkes unter Jahwe dem Ackergotte, gegen Baal den Geldgott der Kapitalisten oder zuletzt zur Zeit des Chasidismus: immer offenbart sich ungeheurer sozialer Gehalt, der nicht stehen bleibt bei einer bloßen Besserstellung dieser Klasse, sondern auf völlige Umgestaltung der Gesellschaft gerichtet, „auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde" bedacht ist. Am Hinweis auf dieses Phänomen hat sich Buber große (Verdienste erworben, wenngleich er es in anderen Zusammenhängen zeigte. Wer Einblick in zionistische Entwicklung hat, weiß, daß Buber den Weg fast einer ganzen zionistischen Jugend bestimmte. Wir bekennen uns nicht zu allem, was Buber gelehrt, wir folgen ihm nicht auf den Weg des klassenlosen Konstruktivismus, den er für Palästina als möglich hielt: Was wir nur konstatieren ist, daß gerade diese Jugend, die Martin Bubcr im nahen Wirken mit Gustav Laadauer zum „Gefühlssozialismus" brachte, immer massenhafter den Weg zu uns gefunden.. Bubers Verdienst ist, ihr den Weg aum Judentum gewiesen zu haben, er konnte ihr nicht den Weg des Judentumes weisen. Diese Jugend, die einen individuellen Weg zu dem geistigen Phänomen der jüdischen Nation beschritt, glaubte nun schon im Judentum zu stehen, eine Jugend, die sich innerlich zum Judentum wandte, glaubte nun auch schon das Judentum gewandelt zu haben. Um so größer die Enttäuschung, als sie sich plötzlich im Judentume, gesellschaftlichen Phänomenen, die sie gar nicht kannte, die sie nicht zu meistern wußte, gegenübersah. Hier konnten nicht mehr ethische Postülate, ethisches Verhalten vieler einzelner Wandel schaffen, hier galt es nicht mehr mit metaphosischein Weltanschauungen Judentum wandeln zu wollen, hier galt es Erkenntnis der wirtschaftlich ökonomisch wirkenden Kräfte, die den Weg des Judentums genau so vollziehen wie den "Wandel niler Welt. Zur Feier von Martin Bubers fünfzigsten Geburtstag sagen wir uns: Die Freimachung unserer Erkenntnis der Gesellschaftsphänomene von jeder Metaphysik, so wie von immanenter Veranlagung 'des Juden, die zur „Gemeinschaft" dränge, um die durch Marx erschlossene Gesellschaftskenntnis durch wirkliches Wissen, statt durch Glauben irgendwelcher Art auch in das Jxxdentum zu verpflanzen, das sei unsere Aufgabe. Denn nur so kann für uns Buber große Bedeutung erlangen: Daß das Individuum eingestellt in diesen von jeder Metaphysik freien gesellschaftlichen Werdeprozeß sich einreihe in die schöpferische Ahnenreihe, als deren Vollbringer er sich betrachtet. Auf dem Wege zum Judentum, zu seiner Wesenheit, war einer entfremdteneii Generation, Buber ein Führer zu den Urkräften des Judentums, damit wir als Juden den Weg des Judentums beschreiten können, ein; Weg, der nicht über Metaphysik führt. bsch. Die Arbeiterschaft t nd der Keren Hajessod. Ein Schreiben des Gen. Kaplansky. Anläßlich der Abreise des Agronomen Ettinger als Delegat de3 „Keren Hajessod" nach Südamerika wandte sich Gen. S. Kaplansky an die dortige jüdische sozialistische Oeffentlichkeit mit einem Aufruf, in dem diese aufgefordert wird, sich an der Keren Hajessod-Sarnmlung aktiv zu beteiligen. Am Anfang würdigt Gen. Kaplansky die bedeutenden Leistungen Ettingers im Lande, er erwähnt die schwere Krisis, ge^en die der ganze Jischuw, und besondere sein arbeitender Teil, mutig ankämpft und führt weiter aus: „..... Wenige Worte über die diesjährige Aktion für den Keren Hajessod sind aber notwendig. Es ist kein Geheimnis, daß der letzte Kongreß Spannungen schuf, welche geeignet sind, Energien; ohne die keine Tätigkeit für Palästina möglich sind, zu schwächen. Die Arbeiterschaft in Palästina und meine Genossen, die Poale Zion in der ganzen Welt, billigten: zwar die Haltung ihrer Kongreßvertreter, aber die geschaffene Lage wird von ihnen als Kampfansage an die Arbeiterschaft betrachtet. Wenn jemand von uns noch etwas Glauben an den Verstand und elementaren Takt der Personen, die die Verantwortung für den Zionismus in Monopol nehmen, bewahrt hat, mußte er ihn beim Lesen der Reden, die von Mitgliedern der Zionistischen Exekutive bei der Eröffnung der Sammlung für den Keren Hajessod und den Keren Kajemeth in Nordamerika, in Cleveland gehalten wurden, verlieren... Ich will den Weg der amerikanischen Keren-HajeSsod-Leiter nicht beschreiten und die Keren-Hajessod-Tribüne in eine oarteiipolitische verwandein. Ich möchte unsere Freunde in Südamerika ausdrücklich darum bitten, sich von diesem „Nordwind" nicht verführen zu lassen. Sie sollen auch unsere eigenen Klagen über das Jahresbudget, das die bescheidensten Bedürfnisse nicht befriedigt, nicht falsch interpretieren. Weder das Budget, noch der neue Kurs in der zionistischen Leitung können unsere Pflicht, die maximalen Mittel für den Keren Hajessod zu sichern, vermindern. Für uns bleibt der Keren Hajessod die Frucht unseres zionistischen Gedankens, das große Vo'kskapital, welches den nationalen und gesellschaftlich kontrollierten Charakter des Aufbaues des Landes sichert und die landwirtschaftliche Kolonisation mittelloser proletarischer Elemente ermöglicht. Auch die „Ica" in Argentinien hat es gerlernt, daß der jüdische Bauer sich aus dem jüdischen Landarbeiter entwickelt. Deshalb werden die Clevelander Träume von der „Befreiung" der zionistischen Kolonisation von der „Herrschaft" der Arbeiter nie verwirklicht werden. Diese „Herrschaft" wird sich erneuern, sobald der „Keren Hajessod" genug Mittel für neue Kolonisation zur Verfügung haben wird. Man kann die Arbeiter auf einem Kongreß überstimmen, aber es ist unmöglich, ohne sie das Land aufzubauen. Wir werden die Histerie der demaskierten Arheiterfeinde im Zionismus, so sicher wie die heutige Krisis in Palästina überleben. Dazu muß aber der Keren Hajessod außerhalb des Parteikampfes bleiben. Sein Ruf ist der Ruf Palästinas. Gewiß, wir können kaum von dem kargen Budget des Keren Hajessod leben, aber noch weniger kann Erez Israel ohne es existieren. Hoffen wir, daß es Euch gelingen wird, alle Kreise der jüdischen Gesellschaft in Südamerika mit tätiger Begeisterung und Ergebenheit »für Palästina zu erfüllen, die eine bessere und lichtere Zukunft vorbereiten wird. Das Schicksal des Arbeitsgesetzes in Palästina. (Ein Brief aus Tel-Aviv.) Die Presse im Laude und die zionistische Presse im Auslände befassen sich seit längerer Zeit mit der Aufklärung' über die Notwendigkeit der Schaffung eines Arbeitsgesetzes in der jüdischen Industrio. Die Frage stand auch auf der Tagesordnung dos Kongresses und es wurde ein postiiver Beschluß in dieser Hinsicht angenommen. Die „Fünfzehner-Komrnission" (eine Kommission, die aus Vertretern der Arbeitgeber, der Arbeiter und des Nationalrats (Waad Leumi) sich zusammensetzte), befaßte sich während der ganzen Zeit mit der Ausarbeitung eines derartigen Arbeitsgesetzes. Die Arbeit zog sich eine lange Zeit hin; und ea fanden sich bereits Leute, die die Schuld der Verzögerung auf den Willen der Arbeiter „zu herrschen" zurückzuführen versuchten. Die Arbeiterorganisation protestierte scharf gegen diese Verleumdung und bewies ihre positiv» Stellung zur Sache durch Ta.tsachen; jedoch die Legende von der Sclmld der Arbeiter würde dadurch' nicht aus der Welt geschafft. Ks fehlte nicht an Leuten, die für ihr* Verbreitung Sorge trugen. Als aber der entscheidende Moment kam und Dr. Kuppin, der Vorsitzende der erwähnten Kommission, die- 'Arbeit der Kommission zu Ende zu bringen versuchte und sich an die Vereinigung der Industriellen um endgiltigo Antwort wandte, wurde ihm eine negative Antwort zuteil. Die Arbeitgeber sagen sich von der ganzen Angelegenheit los! Die Gründe für diese Stellungnahme finden wir in der Zeitschrift „Mischar wetaassia" (Handel und Industrie), Heft 1, 1928. Es heißt dort u. a.: „Das Arbeitsgesetz könne zwar die Arbeitsbedingungen des jüdischen Arbeiters verbessern; es existiere aber im Lande kein Gesetz, das die Arbeitsbedingungen des arabischen Arbeiters im selben Maß« verbessern würde, d. h. das innere jüdische Arbeitsgesetz: würde die jüdische Industrie im Vergleich' zur arabischen, belasten und ihre Konkurrenzfähigkeit schwächen." Mit anderen Worten: Der jüdische Arbeitgeber will für die jüdischen Arbeiter dieselben Arbeitsbedingungen, unter denen der arabische Arbeiter arbeitet, schaffen. Er will, die Sonderheit des" Menschenmaterials' der jüdischen Einwanderung nicht in Betracht ziehen. Er will nichts davon: wissen, daß eine jüdische Einwanderung ohne die Sicherung1 eines bestimmten Existenzminimums, das auf die Lebensistufe eines arabischen Fellachen nicht herabgedrückt werden; kann, nicht denkbar ist. Der Schwerpunkt der Entwicklung; der jüdischen Industrie wird nicht darauf gelegt, sie modern zu organisieren und technisch zu vervollkommnen, sondern es wird ausschließlich auf die barbarische Ausbeutung1, wi*> sie in der zurückgebliebenen arabischen Wirtschaffe üblich' ist, gerechnet. Aber sogar diese Beweisführung, die im Gegensatze zu ,den Entwicklungstendenzen der palästinensischen Wirtschaft und den Zielen, um deren willen die jüdische Einwanderung nach Palästina kam, steht, ist nicht ernst gemeint und dient nur dazu, den „Willen zur Anarchie'* seitens der Industriellen zu verbergen. Dar obenerwähnte Vorschlag eines Arbeitsgesetzes berücksichtigt sowohl die Aussichten der Industrie, wie die Lage der Arbeiter; und würden die Industriellen wirklich nur auf den Schutz der Existenz der Industrie bedacht sein, dann hätten sie ja immer die Möglichkeit, zu beweisen, daß in dem ©inen oder anderem Industriezweig infolge der arabischen Konkurrenz diese oder jene Preise nicht gezahlt werden können. Das Arbeitsgosetz würde diese besonder«. Lage in Betracht ziehen. Aber nicht hier liegt der Schwerpunkt der ganzen Sache, da in Wirklichkeit die Wurziel des Widerstandos gegen das Arbeitsgesetz in der Angst vor jedem Versuch zu finden ist, der seitens gesellschaftlicher Organe unternommen werden könnte, die Durchführung des Arbeitsgesetzes zu beaufsichtigen; dieses Orgaas könnte vielleicht einmal den Anspruch erheben, die Billigkeit dieser oder jener Forderung nach Herabdrückung des Arbeitslohnes zu überprüfen und nachzuforschen, ob es sich hier um eine wirtschaftliche Notwendigkeit oder um die Sucht nach übertriebenem Gewinn auf Kosten de* Arbeiters handelt. Hier ist die Quelle aller Befürchtungen und die Ursache der negativen Antwort, die von den Industriellen gegeben wurde, zu suchen. Die Situation ist vollkommen klar. Die Industriellen, haben die Möglichkeit der Schaffung eines Arbedtsgesetzes untergraben. Es handelt sich weiter darum, ob nun die ganze Angelegenheit begraben werden, oder ob "man retten soll, was sich rotten läßt. Es ist klar, daß eine einseitige Zustimmung, in dem Falle einzig und allein 'seitens der Arbeiterschaft, gar nichts ausrichten kann. Anders aber würde die Lage sein, wenn außer den Arbeitern wenigstens bestimmte gesellschaftliche Institutionen im Lande dem Arbeitsgesetz zustimmen würden. Daß unter diesen Umständen eine Zustimmung seitens. , der Arbeiter allein große Gefahren für die Arbeiterinferessfen' in sich birgt, ist augenscheinlich. Es besteht die: Gefahr, daß die gesellschaftlichen Kräfte, die in Betracht kommen: Die Zionistische Exekutive, der Waad lioleumi, sonstige autonome Institutionen, selbst wenn mn.n dio gesellschaftlichen, finanziellen und politischen Machtmittel, die hinter ihnen stehen, in Betracht zieht, (und nur diese Machtmittel können" unvoreingenommen in Betracht gezogen werden und nicht die in ihren Aemtem' sitzenden Personen) sich als zu schwach beweisen, um den Willen eder die Willkür dieses oder jenes Industriellem zu beeinflussen. Es würde sich aber vielleicht doch lohnen, diesen Versuch zu unternehmen, um die Tatsache, daß die organisierte Arbeiterschaft den Gedanken eines Kol-- lektivabkqmmeas anerkennt, zu unterstreichen, und um der Möglichkeit willen, gegen rücksichtslose Ausbeutung

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