Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- Heft 2 (22.2.1928)
- Date
- 1928-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Der jüdische Arbeiter Nr. 2. riditungen des Spitals offene Kritik. Er forderte die schleunige Einführung der freien Aerztewahl und verlangte schließlich, daß die Assistenten aus der Anzahl der Spitalsärzte entnommen werden sollen. Dr. Klaber trat neuerlich für eine jüdische Pflegennnenschule am Gemeindespital «in. Der Abschnitt „Unterricht" stand diesmal im Mittelpunkt der Erörterungen. Von den Parteien wurden mehr \xIor weniger weitreichende Erklärungen abgegeben, die das jüdische Erziehungswesen zur wichtigsten Aufgab? der Gemeinde erheben wollen. Dr. Glanz bekämpfte die Streichungen im Budget, geradd an. der wichtigsten Kulturiiistitution, der Bibliothek, und legte die Notwendigkeit der Errichtung eines zweckmäßigen Gebäudes für die wichtigsten Bildungsinstitutionen der Gemeinde dar. Er trat weiter für die Vergemeindung' der schon jetzt bestehenden jüdischen Volksschulen, ein und bezeichnete diesen Schritt als, die einzige Möglichkeit, auf dem Gebiet des Schulwesens zu etwas Eigenem zu kommen. Der Finanzreferent Dr. Oppenheim gab in seinem Schlußwort gleichzeitig auch das politische Credo der iUnion ab. Sie sei gegen das allgemeine Wahlrecht, weil dann die Wiener Juden die Mehrheit in der Kultusstubo . verlieren würden und dazu wolle die Union ihre Hand nicht bieten. Er bezeichnete das bestehende Wahlrecht als geiii'gend demokratisch und gut genug für die Wiener jüdische Gemeinde. Sodann wurde das Budget mit den Stimmen der Uuion und der Zionisten angenommen. Vor den Sejmwahlen in Polen. Die politische Strategie der Pilsudski- Leu te. — D ie Spa 11 u n g d es j ü d is chero B ürgertums. — Die Engherzigkeit des „Bund" und der „Linken P. Z." --Die Wahlparole unserer Bruderpartei. Die Wahlen in den Sejm finden unter außerordentlichen Umständen statt. Es' marschieren nicht, wie sonst, Parteien mit differenzierten der Klassen- 'gruppe ihrer Wählerschaft entsprechenden Programmen. Die Trennung nach Gruppen und Parteien mit gleicher Orientierung in wirtschaftlichen und nationalen Fragen scheint im Hintergrunde vor einer Frage getreten zu sein, die zurzeit in Polen das A und Z jedes politischen Bekenntnisses ist: die Einstellung zu Pilsudski. ' v Der seinerzeitige Putsch des Marschall Pilsudski hat die meisten Parteien1 in Polen unvorbereitet getroffen. Das Ueberraschungsimoment des Putsches konnte sich zur 'Gänze auswirken. Es ist ja bezeichnend, daß sich in den ersten Wochen sogar die Kommunisten nicht ablehnend dum Putsche gegenüber verhielten. Man erwartete allgemeiin, daß Pilsudski an Stelle 'der Diktatur der nationalistisch-reaktionären Gruppen einen links demokratischen Kurs einschlagen: wird. Man mußte aber bald einsehen, daß jeder Putsch einer kleinen Minderheit seine innere Logik hat, der nichts widerstehen kann. Der Putsch des Marschall Pilsudski war ein Ausdruck der Krise der jungen Demokratie der polnischen Republik, der Gewaltstreich richtete sich auch nach kurzer Zeit gegen die demokratische Institution, der den Sejm. Wenn die bevorstehenden Wahlen einen eindeutigen Sieg des Willens zur Demokratie kundtun werden, wird die Gruppe um Pilsudski immer mehr und .mehr in clas Fahrwasser des Faschismus! geraten. Dies die Situation, in welcher die Bevölkerung Polens ihre Entscheidung zu treffen hat. Marschall Pilsudski und seine Getreuen erwiesen sich nicht nur als geschickte Soldaten, sondern auch als sehr erfolgreiche politische Strategiker. Sie sahen rasch ein, daß ihre Parolen von der Sanierung des Staates, der Säuberung der Verwaltung nicht ausreichen, um einen ansehnlichen Teil der Wähler der bestehenden politischen Parteien für sich zu gewinnen. Sie entschlossen sich deshalb, alle möglichen Mittel anzuwenden, um jene Parteien, die sich im offenen Gegensatze zu Pilsudski stellen, zu schwächen. Sie wendeten hiebei sowohl das Mittel der Zuspitzung der Gegensätze innerhalb der Parteien, als1 auch das des nackten Terrors an. Dieser Mittel bediente man sich bei den Konservativen, bei der Volkspartei, bei den nationalen Minderheiten, und auch der Polnischen1 Sozialistischen Partei, P. P. S., gegenüber. Die Konservativen und die Völkspartei wurden gespalten, der Block der nationalen Minderheiten wurde insbesondere durch die Spaltung der jüdischen) Wählerschaft erheblich geschwächt, die P. P. S. hofft man durch die Förderung der pilsudskifreundlichen Gruppe um MoraCzewski und durch eine gewisse Toleranz den K'ommur.is'en gegenüber zu schwächen. Es kann nicht bestritten werden, daß die politische Strategie der Pilßudski-Leute auf bedeutende Erfolge hinweisen kann, wenn es auch voreilig wäre, jetzt Vermutungen anzustellen, ob es ihnen gelingen wird, einen gefügigen Sejm zusammenzubringen. Wie marschieren die Juden in diesem Wahlikampf auf? Die Einheit des jüdischen1 Bürgertums, die bei den letzten Sejmwahlen bestanden hat, wurde gesprengt. Während bei den letzten Wahlen nicht nur die Zionisten der Republik, sondern auch die Orthodoxen und einige kleine Gruppen des jüdischen Bürgertums gemeinsam dem BloCk der nationalen Minderheiten beitraten, schlössen sich heute nur die Zionisten Großpolens an; die Zionisten Galiziens, die Orthodoxen und die kleinen Gruppen der gesamten Republik marschieren getrennt. Bei dem jetzigen System der Wahlgeometrie in Polen kann es nur zur Folge eine Schwächung der Juden und der nationalen Minderheiten haben. Die Situation im Lager der jüdischen Arbeiterschaft kann auch nicht als günstig bezeichnet werden. Wochenlang verhandelten die zwei größten Parteien — der „Bund" und die „Linken Poale Zion" — über ein gemeinsames Vorgehen bei den Sejm wählen. Die Einigung dieser zwei Parteien allein könnte das Mißverhältnis, daß im Sejm nicht ein einziger Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft sitzt, aus der Welt schaffen. Durch die Zersplitterung der jüdischen Arbeiterschaft gehen ihre Stimmen völlig verloren. Aber die Kleinlichkeit, die Engherzigkeit der beiden Parteien siegte über das reale Interesse der jüdischen Arbeiterschaft. Die Aussichten auf Erfolg sind also für die jüdische Arbeiterschaft auch diesmal gering. Unsere Bruderpartei in Polen ging bei der Festlegung der Taktik vom Gesichtspunkte aus, daß die Wahlen in erster Reihe eine Stärkung des Faschismus verhindern müssen. Als Schutz gegen den Faschismus betrachten sie einen Sieg der Arbeiterschaft. Ihre Parole lautet deshalb: Unterstützung aller sozialistischen Kandidaturen, die Aussicht auf Erfolg haben. Aus diesem Grunde haben unsere Genossen in den meisten Wahlkreisen Vereinbarungen mit der P. P. S. getroffen. Diese Vereinbarungen enthalten die Aufstellung gemein- Vsamer Kandidaten und die Zusicherung der Unterstützung der Forderungen der jüdischen Arbeiterschaft seitens der P. P. S. Da in Warschau der „Bund" Aussichten auf Erfolg hat, werden dort unsere Genossen wahrscheinlich für den „Bund" Istimmen. Vom gemeinsamem Vorgehen unserer Genossen mit der P. P. S. erwartet man eine Annäherung zwischen dem polnischem und dem jüdischen Proletariat und eine Kräftigung der Arbeiterschaft überhaupt. Unsere Genossen verstanden, was die gegenwärtige politische Situation von ihnen verlangt, sie hielten sich von jeder Engherzigkeit fern. Das. wird ihren Einfluß in der jüdischen Arbeiterschaft zweifellos vergrößern. L- K. Gastspiel der „Habimah", Die. .„Habimah" wird ab Mittwoch', den 29. Februar,, in der „Rolandbühne" gastieren. Mit diesem Gastspiel verabschieden sich die Künstler von Europa. Von Wien aus 'tritt die „Habimah" die Reise nach1 Palästina an. Das Gastspiel der „Habimah" erregt das lebhafteste- Interesse. Palästina-Rundschau. Besserung der Arbeitsverhältnisse. — Die Zionistisch© Exekutive untätig. — Vom Arbeiterstudio „Ohol". — Ueber die Tätigkeit der Histadruth., Die langersehnte Besserung der Arbeitsverhältnisse in Palästina macht sich1 nunmehr immer mehr und mehr fühlbar. In der Woche zwischen 23. und 30. Januar ist Arbeit für 900 Arbeitslose geschaffen! worden. In der ersten Februarwoche sind weitere 300 Arbeitslose dem Bau der Straße Jericho—Jerusalem zugeteilt worden. In Tel-Aviv geht der Arbeiterrat daran, alle Unverheirateten aus der Liste der Unterstützten zu Speichen und ihnen Arbeitsstätten zuzuweisen. Eine Zählung ergab in Tel-Aviv 2000 Arbeitslose, aber inzwischen ist 500 Arbeitslosen wieder Arbeit zugewiesen worden. Es soll festgestellt werden1, daß alle diese Arbeitsmöglichkoiten von der Regierung auf Grund der Vorschläge d<ar Arbeiterorganisationen geschaffen wurden. * Die Zionistische Exekutive ist aber noch' immer untätig. Am 24. Januar fand eine Besprechung zwischen dem Sekretär der Arbeitszentrale Gen. Frumkin und den Mitgliedern der Exekutive La,ker und Kish. Gen, Frumkin wies auf den genauen Plan der Arbeiterorganisationen bezüglich der Erschließung weiterer Arbeitsmögüchk.iten hin. Er hob hervor, daß vom diesjährigen Budget noch 15.000 Pfund St. nicht verausgabt wurden, es handelt sich also um ein Darlehen von 20.000 Pf. St. auf Konto des landwirtschaftlichen Budgets, um die Arbeitslosigkeit aus der Welt zu schaffen. Herr Saker gab zwar zu, daß die Pläne der Arbeitszentrale auf realen Möglichkeiten aufgebaut sind, aber er wiederholte den alten Einwand: Die Exekutive hat kein (leid und könne nichts tun. Es wurde hierauf beschlossen1, in einer demnächst abzuhaltenden Besprechung dies© Frage neuerlich zu behandeln. Das dramatische Arbcitarstudio „Ohel", das unter der Leitung der Kulturkommission der „Allgemeinen Jüdischen Arbeiterorganisation" steht, führte am Saanstag, den 21. Januar, zum erstenmal eine Bearbeitung von „Jakob und Rachel" von Kraschnikov auf. Dies ist im ganzen erst die dritte Neuaufführuug des „Ohel", seit dem Tage vor eineinhalb Jahren, als der „Ohel" zum erstenmal mit 7 Einaktern von Perez vor dje Oeffentlichkeit trat. Aber das» Arbeiterstudio hat bereits den1 Ruf einer ernsten künstlerischen' Bühne ersten Ranges erlangt und ihre Neuaufführungen wurden zu einem bedeutenden künstlerischen Ereignis. Der große „Ausstellungssaal" war mit den bedeutendsten Persönlichkeiten des neuen jüd. Jisehuw gefüllt. Das Stück gelbst wurde vom Leiter des „Ohel", M. Halevi, vollständig umgearbeitet und literarisch von dem Dichter A. Schlonski dem „Ohel" angepaßt. S. Rogowski komponierte zu dem Stück eine besondere Musik. Bekanntlich verbrachten die Mitglieder des „Ohel" beim Studieren dieses Stückes eine gewisse Zeit bei den Bedudnern in der [Umgebung von Bor Schewah!, um Gebräuche, die in der Neuaufführung eine Rolle spielen, aus erster Quelle kennen zu lernen. * Der Leitartikel des „Kuntres" vom 25. Tischri beschäftigt sich mit den Aufgaben der bevorstehenden ersten Sitzung der auf der letzten Konferenz neu gewählten Moazah der Histadruth. Auch im Mittelpunkt dieser Tagung werde, wie schon auf früheren Tagungen, das Problem der Arbeitslosigkeit stehen, freilich unter dem völlig veränderten Aspekt, den dieses Problem durch die Ergebnisse des Kongresses, das kleine Budgut und die seltsame Verteilung des wenigen vorhandenen Geldes auf die einzelnen Zweige des Budgets erhalten habe. Dazu kämen die allgemeinen beunruhigenden Symptome der Lage, die Stillegung der Einwanderung, die Verstärkung der Auswanderung, sowie die kritische Lage aller Institutionen der Histadruth. Die Stellung der neuen Zionistischen Exekutive zur Arbeiterschaft sei schon durch die ersten Schritte dieser neuen Exekutive, nämlich ihr Verhalten gegenüber der Sijuahzahlung in Tel- Aviv genügend klargelegt worden. Der Leiter der neuen Exekutive habe gezeigt, daß er sich in; keiner Weise verantwortlich fühle für das Schicksal tausender von Arbeitslosen. Die Exekutive sehe nicht und wolle, nicht sehen, daß- Monat für Monat hunderte jüdischer Arbeiter auswandern und daß gerade in den letzten Monaten jedes Schiff unserebeste Jugend ins Ausland führe. Während es Aufga.be der Exekutive sei, mit allen Mitteln gegen die Auswanderung aimdcämpfen, könne ihr erster Schritt nur als eine Förderung der Auswanderung angesehen werden, indem man denen, die im Lande bleiben wollten, die Existenzmöglich'- keit versage. Die ganze Arbeiterschaft) ersehne das Aufhören der Arbeitslosenunterstützung, aber zu diesem Zwecke müsse die Exekutive ernsthafte Schritte unternehmen, um den Arbeitslosen Arbeit zu beschaffen. Nachdem der Verfasser dann die Notwendigkeit betont hat, auch in dieser Zeit die Einwanderung nicht völlig zu unterbrechen, sondern wenigstens einigen hundert Chaluzim.' die von den Siedlungen dringend verlangt wurden, den Eintritt in das Land zu ermöglichen, geht er zur Frage der Tätigkeit der Arbeiterschaft außerhalb Palästinas über. Die Arbeiterschaft habe die Aufgabe, mit allen Mitteln nicht nur die jüdische Arbeiterschaft und die Jugendbewegung, sondern auch gerade den bürgerlichen Zionismus "über die Lage in Palästina aufzuklären, da die letzteren aus Unkenntnis der Verhältnisse, die sie nur aus den offiziellen Zeitungen kennen lernten, ihre gegnerische Einstellung zum Werke des jüdischen Arbeiters in Palästina gewonnen hätten. Dr. Weizmann dürfe nicht verlangen, daß die Arbeiterschaft Vertrauen zu dem liquidatorischen Kurs der neuen Exekutive habe. Sie müsse mit allen Mitteln dagegen kämpfen und den Massen des Volkes außerhalb Palästinas ein konstruktives Programm zeigen. Es wäre ein unverzeihliches Verbrechen, wenn die Histadruth in einer solchen Lage stillschwiege. Die Moazah müsse Mittel und Wege einer solchen Aufklärungsarbeit aufzeigen.