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Der Jüdische Arbeiter · 1928-02-22 · Heft 2 (22.2.1928) · page 1

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
5 (1928)
Issue
Heft 2 (22.2.1928)
Date
1928-02-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. DER JUDISCHE ARBEITER Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion, Wien Erscheint zweimal monatlich Redaktion üHd Administration: Wien, IL, Blumauergai>se 1/1) Postscheckkonto Nr. 38.042 Bezugspreis: vierteljährig. S 1.20 halbjahrig . . , 2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 2. Wien, 22. Februar 1928. 5. Jahrgang. Gruß unseren Genossen in der Tschechoslowakei! Aus der Tschechoslowakei dring! frohe Botschaft zu uns. Die in einigen Städten der tschechoslowakischen Republik vereinzelt bestehenden Gruppen der Pöiile-Zion haben ihre Vertreter zu einer gemeinsamen Beratung geschickt und das Resultat dieser, Tagung war: die Neilgründung der Partei? in der Tschechoslowakei. Die Poa!e-Zion in der Tschechoslowakei haben in vergangenen Jahren eine ansehnliche Rolle gelöpielt. Im alten Oesterreich haben unsere Genossen in Prag den Weg zu den Führern der sozialdemokratischen Arbeiterschaft geebnet. Die Führer "des tschechischen Proletariats waren neben Engelbert Pernerstorfer, die ersten aus dem Lager der Sozialdemokratie, die Verständnis und Sympathie für unsere Bestrebungen bekundeten. In den Kriegsjahren und auch bei Gründung des tschechoslowakischen Staates nahmen unsere Genossen einen regen Anteil am politischen Leben. Die destruktive Tätigkeit der kommunistischen Elemente, die unsere Gesamt- . bewegung dezimierte, zertrümmerte auch die Partei m Tschechien. Es blieben nur einzelne Gruppen in einzelnen Städten, die nunmehr die Initiative zur Neubildung der Gesämtpartei .ergriffen haben. Die Neugründung der Partei in Tschechien erfolgt m einem sehr wichtigen Momente. Das deutsche und das tschechische Proletariat des Landes haben sich endlich zu gemeinsamem Kampfe für die Ziele des klassenbewußten Proletariates zusammengefunden. In dieser Atmosphäre sind für das Wirken einer Gruppe unserer Bewegung günstige Aussichten vorhanden. Die jüdischen Arbeiter aus der Slowakei haben in den letzten Jahren mehrmals das Verlangen nach einer selbständigen Organisation geäußert. Dieses Betätigüngsgebiet eröffnet für unsere Genossen in der Tschechoslowakei neue große Möglichkeiten. Und — zuletzt, aber nicht in letzter Reihe — die jüdische Arbeiterschaft in Palästina, die zu einem Kampfe gegen die arbeiterfeindlichen Elemente im Zionismus rüstet, bedarf einer Unterstützung ihrer Forderungen' in der Tschechoslowakei, sehr dringend. Wichtige Aufgaben harren unserer Genossen in d6r Tschechoslowakei, wir hoffen, daß sie sie werden; erfüllen können. Gruß unserem alt-neuen Kampfgenossen! Neugründung der Partei Poale Zion in der Tschechoslowakei. Ära 22. Jänner kamen: in Olmütz Vertreter der gewesenen Poaie-Zion-Vereinigungen aus Brünn, Olmütz und Prerau zusammen. Es 'wurde wegen der Neugründung der Partei gesprochen und bei dieser Tagung folgender Beschluß in Form einer Resolution gefaßt: Die am 22. Jänner in), Olmütz tagende Delegiert eaiversamznlung der Vertreter der gewesenen Gruppen, Brünn, Olmütz und Prcrau, beschließt die Neugründung der Allweltlichen jüdisch-sozialdemokratischen Arbeiterpartei Poale-Ziion in der tschechoslowakischen Republik. Zu diesem Behüfe werden die Statuten der politischen Landesbeh'ördo zur Genehmigung unverzüglich vorgelegt. Genossen aus anderen Gruppen hüben (unverzüglich diesbezügliche Zuschriften an Gen. Julius Huth, Olmütz, Mauritzplatz 19, zu richten. Das Proponenten-K'omitee. Richtigstellung. In der letzten Nummer unserer Zeitung, im Artikel über Engelbert Pernerstorfer, schlich! sich ein siunstörender Druckfehler ein. In bezug auf Kautsky sollte es heißen: nicht nationalistisch, sondern rationalistisch. Das Budget der Kultusgemeinde. Aktiv oder passiv? — Die Stellungnahme unserer Genossen. — Die Loyalität der Jtidischnational« n / Sonntag, den f>. Februar, wurde die Beratung des diesjährigen Budgets vom Finanzreferen beim Oppenheim eingeleitet. Er gab einen Ueberblick über die Entwick- 'lufng der Einnahmen und Ausgaben seit dein Jahre i923, d. h. seit der Stabilisierung, und wies aii Hand der Zahlen nach, 'daß ' das iiudget der Gemeinde mit jedem Jahre iirnmer größer wird. Die Ausgäben des Jahres 1928 i'miit "),99L00Ö Schilling sind fast doppelt so groß als die des Jahres 1923. Diesen Ausgaben stehen Einnahmen vbhl 5,731.000 Schilling, gegenüber, so daß für das Jahir 1928 mit einem Defizit von. 260.000 Schilling zu rechnen ist. Das Defizit dürfte aber in Wirklichkeit nicht eintreten, da bei jedem einzelnen Kapitel große. Reserven eingerechnet wurden und überdies! noch: eine Gesamtreserve von 7,ö°/o vorhanden ist. Das Jah'r 1927 schloß nur mit einem Defizit von 2Ö7.0Ö0 SchilÜhg "ab, trotzdem ein viel größeres piälimihiert würde lind so ist zu hoffen,!daß die diesjährige Gebarung der Gemeinde aktiv abschließen wird. Nach! dem Bericht des Pinanzrefereh'ten) würde die Sitzung! geschlossen und die Generaldebatte für Montag verschoben. Die Generaldebatte. Als erster Redner in der GeneräMebatte sprach Dok- 'fcoi' Fried mann' von der zionistischen Fraktion, der die Tätigkeit der Kültusgeineinde auf dein Gebiete des Unterrichtswesen« einer Kritik unterzog. Dann beschäftigte* er sich1 mit dem Fürsorgewesen und bemängelte das geringe Interesse, das die Kultusgemeinde der Jugend entgegenbringt. Zum Schlüsse brachte der Redner ein reichhaltiges 'Zahlenmaterial vor und wies! nach, daß die jüdische Bevölkerunngi infolge des Geburtenrückganges sowie der Austritte in steter Abnahme begriffen sei. Als nächster Redner ergriff Gen. Dr. Bader das Wbrt. Er bemängelte besonders die Tätigkeit der Gemeinde auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge. Die herrschende Desorganisation sei geradezu eine Unmöglichkeit. Es müsse eine Stelle geschaffen werden, von welcher aus die ganze Fürsorgetätigkeit zentral geleitet werden soll. Dieser Zentrale .sollen Bezirksfü r sorgerä tc 'zur Seite stehen;, die die Arbeit durchzuführen' hätten. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, daß auf dem Gebiete des Fürsorgewesens eine gewisse Angst herrsche. Nun geht der Rodner zur Wahlrechts - frage über. Er wisse ganz genau, daß er tauben Ohren predige, aber, die Herren' werden sich früher oder später doch zu einer Reform bequemen müssen. In Linz und Berlin! sei das allgemeine Wahlrecht eingeführt; Wien dürfe nicht länger zurückbleiben. Was die Abfallsbewegung' anlangt, so könne er nochmals betonen, daß seine Gruppe mit dieser Agitation nicht das geringste zu tun habe. Es sei Pflicht der Gemeinde, diese Tendenzen zu bekämpfen und pesonders diejenigen, die aus Indolenz austreten, zu erfassen. Gen. Dr. Bader bemängelte femer die geringe Aufmerksamkeit, die die Gemeinde der Bildungs- und Erziehungsarbeit widmet. 1000 Schilling sind für die Jugendbibliotheken ausgeworfen worden. Glaubt da wirklich jemand ernstlich!, daß mit diesem Gelde viel gemacht werden kann? Es ist Pflicht der jüdischen Gemeinde alle . Fragen des lebendigen Judentums der jüdischen Bevölkerung zu vermitteln. Dazu ist die Errichtung von Abendkursen die notwendige Voraussetzimg. Es ist kein Wunder, wenn die Bevölkerung) keine Beziehung zxir Gemeinde hat. Die Gemeindezeitung, die die Masse (Über die Aufgaben und Bedeutung der Gemeinde aufklären soll, wird1 noch immer nicht herausgegeben. Die gegenwärtigen Beherrscher der Gemeinde gehen überhaupt allem ängstlich aus dem Wege, was irgendwie mit Fortschritt zu tun liat und wollen von den sozialen Aenderungen in der Umwelt keine Notiz nehmen. „Wir sind", schloß der Redner, „für die Kultusgemeinde und darum gegen Sie und. gegen Ihr Budget." Nachdem noch Bauminger (Misrachi) über den Geist, der in der Kultusstube herrscht, gesprochen hatte. ergriff Gen. Dr. Glanz das Wort. Der gegenwärtigen Budgetdebatte komme eine geminderte? Bedeutung zu, Ida nvm die Mehrheit schwerlich für Aenderungen gewinnen wird. Er müsse konstatieren, 'daß die gegenwärtigen 'Machthaber in der Gemeinde die gesellschaftlichen Aufgaben nicht erfüllen. Ueberall, wo etwasi geleistet wird, geschieht dies auf Initiative Fremder. Viele sehr wichtige Gebiete werden von der Gemeinde überhaupt Vernachlässigt. Die alte Forderung seiner Gruppe, die G e m e i h d e s t a t i 's t i k auszubauen, Werde nicht erfüllt. Die Gemeindebibliothek werde stiefmütterlich behandelt. Die ganze Tätigkeit der Majorität könne als reine G e 1 e g o n h e i t v e r w ä 11 u n g angesprochen werden. Die gegenwärtige Form der Fürsorge sei geradezu unsinnig, da gar kleine Kontrolle Vorhand :u ist. Im tiegehsätz zu anderen Gemeinden, wie der Berlino:', wird, bei uns nichts neues gesb'liaffen. Für 'Darlehenskassen, Werkstätten für Arbeitslose, sowie Brbckensarainlühgen hät man bei uns nichts übrig. Geradezu 'ein. Verbrechen war die Zerschlagung des Gremeinflebun.de-s>. Die Vereinigung würde inngebracht bevor sie noch auf der Welt 'war. Dieselben Herren, die bei jeder Gelegenheit von der Abfallsbewcgung sprechen, haben nichts ^unternommen, .um . sie zu bekämpfen. Statt den Äbwehrkatnof' gesellschaftlich zu organisieren, gefiel sich' die Majorität in! der Rolle der Untätigkeit. Zur Bildungsfrage ({hergehend bedauerte der Redner die Bildu ng s'f ein dlichkeit der Herren van der Majorität. Die bäreit'sbestehenden Schulen sollen von der Gemeinde, überni^mmeu werden. Der Volksbildung müsse eine besondere Aufmerksamkeit zugewendet werden. Zum Schlüsse besc'häftigle sich der Redner noch' mit der Wahlrechtsfrage und bemerkte, daß sich der Kampf nicht gegen Personen richte. Der Kampf um das allgemeine Wahlrecht wird nicht zu: Ende sein, bis nicht diese Schände, dieses Unrecht gut gemacht ist. Als nächster Redner sprach1 Dr. Klaber, der sich iinit dem Fürsorge- und Schulwesen beschäftigte. Dar Redner der „Union", Herr Buchwald, machte den Ziomiston Vorwürfe, weil sie zur Wahlrechtsfrage Stellung. nahmen, trotzdem sie sich' im letzten Wahlabkommen zum Schweigen verpflichtet hatten. Als Vertreter der „Ägudah" sprach Herr "Pappen!* o i m über rituelle Fragen. Als letzter Redner ergriff Gen. Moritz das Woit. Vor allem erhob er Protest gegen die Vergewaltigung seiner Gruppe in vielen Fragen, besonders gelentlich dos Antrages zur Wahlrechtsreform. Dann unterzog er das System der gegenwärtigen Verwaltung einer scharfen Kritik. 1)'.« Kültusgemeinde bemühe sich in keiner Weise mit den Massen in Berührung zu kommen. Aus diesem Grund> ist sie n i c h t sehr volkstümlich. Es komme niel 1r. nur darauf an, die Steuergelder einzutreiben, sondern die Bovölkeu'rng müsse Interesse und1 Vertrauen zur Gemeinde bekommen. Das Gebiet der sozialen Fürsiorga ist sehr reformbedürftig. Ein; neuer Geist müsse dort einrieben. Zum Schlüsse fordert der Redner die Majorität: nochmals auf, in der Wahlrechts frage freiwillig nachzugeben, bevor sie es unter Zwang wird tun müssen. Die Sp< zialdebatte. Unsere Genossen benützten die Erörterung der einzelnen Budgetkapitel, um. an den bestehenden Uebelständt.r der Gemeindeverwaltung Kritik zu üben und Vorschlag-..) zur Abhilfe zu machen. Beim Abschnitt Kultus und Ritu? ließen unsere Genossen es sich nicht nehmen, für <]L» gedrückteste Schichte der Angestellten, die bei den Beih aus vereinen vegetieren, einzutreten. Dr. Glanz legte eh? statistische Erhebung über die Lage der Bethausangestellte ü vor und verlangte eine Erhöhung der Vereinssubventione i auf 100.000 Schilling, wobei den Bethaus vereinen nah' - zulegen wäre, die Gehälter ihrer Angestellten endlich?.u regulieren. Gen. Moritz schilderte die Notlage dieser .Gruppe und trat für die Gleichstellung dieser mit: d&rx übrig-a Kultusangestellten ein. Die Mehrheit versprach, die Zustände zu verbessern, votierte aber keinen Zusatzbetrag. Im Kapitel Fürsorge übte Gen. Dr. Bader an den Ein-

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