Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- Heft 1 (1.2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Der jüdische Arbeiter Seite 3 wie sie ihr gewährleistet werden* kann'. Ich habe seihon angedeutet: auf weltgeschichtliche Dauer hinaus nur durch ein eigenes Heimwesen. Bis es zu einem solch'en kommt, durch! nationale Autonomie überall dort, wo sie in geschlossenen Massen sitzt." Von seinem Verständnis der politischen und kulturellen Situation, in der sich das jüdisch© Volk befindet, mag folgendes Zitat liefern: „Will sich! das jüdische Volk auf weltgeschichtliche Dauer1 als Nation erhalten, so muß es auf das selbständige Gemeinwesen hinarbeiten. Seine Verwirklichung darf nicht allzuweit hinausgeschoben werden. Unterdessen muß es suchen, das Ostjudentum einheitlich zu organisieren." Und für die freundschaftlichen Gefühle, die er dem jüdischen Volke gegenüber nährte, mag folgender Satz zeugen: „Zum ersten Male in der Geschichte des Golus haben sie (die Juden) Gelegenheit, in die Entwicklung ihrer Nation! handelnd einzugreifen. Aber wir, die wir die Heiligkeit aller Nationen achten, dürfen dabei nicht abseits stehen, sondern müssen ihnen nach Kräften helfen." In Engelbert Pernierstorfer verlor das Proletariat einen seine Lage verstehenden und warmen Freund. Denn seine Liebe zum jüdischen Volke entsprang nicht irgendwelchen Sentiments', wie dem Philosemitismus oder ähnlichen, sondern war Ausdruck seiner sozialistischen Ueberzeugung, wie er es im oben zitierten Aufsatze ausführt: „Um einen guten Zustand! pfnter nationes (den echten Internationalismus) herzustellen, müssen vorerst die befriedigten Nationen da sein." E. L. Der Streit um die Lehrkanzel für Jiddisch an der hebräischen Universität in Jerusalem. Der Herausgeber des1 „Tup" in New-York, Dawid jShapiro, spendete 100.000 Dollar für eine Kanzel für Jiddisch an der Universität in Jerusalem. Die Sitzung des Kuratoriums der Universität, die vor kurzer Zeit in Mainz stattfand, nahm diese Spende mit Befriedigung zur Kenntnis und beschloß, die Kanzel zu eröffnen. Darauf setzte in Palästina eine Bewegung der hebräischen1 Sprachfanatiker und der Sprachfaschisten („G'dud Meginei Hassafah") ein. Diese Hitzköpfe begingen! die Geschmacklosigkeit die I Beschlüsse des Kuratoriums in Mainz auf Trauerplakaterr mitzuteilen. Sie drohen mit Terrorakten ge- | gen den Rektor der Universität Dr. Magnes, der dem- I nächst von der Tagung in Mainz nach Palästina zu- 'rückkehren soll1. Zum Bedauern muß festgestellt werhden, daß sich einige Gelehrte dieser Protestaktion angeschlossen haben. Das Verhalten der hebräischem Fanatiker in Palästina bedeutet eine Herabwürdigung der jüdischen Wissenschaft, der Universität in Jerusalem und des Igesamten Aufbauwerkes. Die jüdische Arbeiterschaft in Palästina hat wohl' jetzt unter der Krise schwer zu leiden1, aber wir .erwarten trotzdem, daß sie dieser faschistischem Bewegung entgegentreten wird. Das ist sie dem Aufbauwerke, das ist sie der jüdischen Kultur schuldig. Der zionistische Parteirat gesprengt. Vor einigen; Tagen trat zum erstenmal der Parteirat der Wiener Zionisten zusammen. Gleich bei Behandlung des ersten Punktes: Verifizierung der Mandate, entspann sich' eine heftige Debatte zwischen „Radikalen" und „Revisionisten" einerseits und den Anhängern des Landeskomitees andererseits. Die Debatte nahm an Heftigkeit stets zu- bis der Parteirat schließlich gesprengt wurde. -Weit haben es die Herrschaften gebracht. Gründung einer Poale-Zion in Belgien, Der Kontakt mit dem Sozialisten Belgiens. — S te 11 ungnah m e zur Vereinigung in Palästina. — Zur SChulfrage. Am 25. Dezember fand im Brüssel eine Konferenz der vier Poale-Zion-Gruppen in Brüssel, Antwerpen, Gent, Charleroi statt. Die Konferenz beschloß die Schaffung einer einheitlichen Parteiorganisation in Belgien und wählte ein Zentralkomitee mit dem Sitze in Brüssel. Die Konferenz nahm auch Beschlüsse über die organisatorische Tätigkeit und die Tätigkeit für den Palästina-Aufbau-Fonds an. Den Besuch des Genossen Reiß aus Palästina hofft man für beide Zwecke ausnützen zu können. Unter anderem wurden folgende Resolutionen gefaßt: „Die Konferenz betont die Notwendigkeit eines engen Kontaktes mit der Arbeiterpartei Belgiens und beschließt: t ' : .;; « 1. Das Zentral-Komitee wird beauftragt, die Fürn rer der Sozialisten Belgiens' über unsere Ziele und Aufgaben zu informieren und in der sozialistischen Presse eine Aufklärungsarbeit über unsere Bestrebungen zu entfalten. 2. Die Konferenz erachtet es deswegen als notwendig, daß unsere Partei im Generalrat der belgischen Arbeiterpartei, in der Gewerkschaftszentrale, im Arbeitsvermittlungsbüro der Gewerkschaften und in anderen Arbeiterinstitutionen direkt vertreten sein sollen. 3. Im Hinblicke auf das Wächsern der jüdischen Bevölkerung in Belgien und auf die Möglichkeiten einer weiteren Einwanderung von jüdischen Arbeit tern, beauftragt die Konferenz das Zentral-Komitee, sein' Augenmerk dem Asylrecht zuzuwenden. Zu diesem Zwecke soll ein Spezielles Sekretariat geschaffen werden, das dem belgischen sozialistischen Komitee für Asylrecht angeschlossen werden soll." Die Konferenz formulierte auch ihre Stellung zur Vereinigungsfrage: 1. Die Konferenz ist der Meinung, daß die Vereinigung des „Hapoel Hazair" mit unserer Bruderpartei „Achduth Haawodah" im Palästina nicht von unserer Partei in Palästina allein, ohne Zustimmung des Weltverbandes! beschlossen; werden darf. 2. Die Konferenz lehnt den Vorschlag einer Vereinigung in Palästina aus folgenden Gründen! ab: a) Durch den bürgerlichen Charakter der „Hitachduth" (die Parteien des Hapoel Hazair im Golus) werden sich Komplikationen in unseren Parteien im Golus ergeben. b) Die Vereinigung in Palästina wie auch in den Golusländern wird weder zu einer Einigung der zionistisch gestimmten Arbeiterschaft in Palästina, noch der in der Diaspora führen und das allein wäre ja für unsere Bewegung von Bedeutung. In der Frage der jüdischen Schulen wurden folgende Beschlüsse «gefaßt: 1. In Anerkennung der großen Bedeutung des weltlichen jiddischen Schulwesens in Polen, beschließt die Konferenz, es moralisch und finanziell zu unterstützen. 2. In Anerkennung der Bedeutung einer jüdischen Schule in Belgien, beschließt die Konferenz, daß die Parteiorganisationen, So lange es keine Möglichkeiten für die Schaffung jüdischer Vollschulen gibt, Ergänzungsschulen schaffen sollen. Die Aktion der amerikanisch - jüdischen Arbeiter für das arbeitende Palästina offiziell eröffnet. Am 1. Januar fand im Saale der New-Yorker Kupfer-Union die Konferenz für das arbeitende Palästina statt. 500 Delegierte, die 190 Organisationen vertreten, nahmen an der Konferenz teil. 80 Delegierte erschienen als Vertreter der Lokalorganisationen des Arbeiterrings. Die Konferenz erhielt Begrüßungen von Schalom Asch, vom Wedgewood, Leom Blum, Longuet, Turati, Dr. Magnes, William Greem, der Exekutive der englischem Labour Party (gezeichnet Lansboury, Hendersom) usw. Ansprachen wurden von Max Pine, Hamlin, Baruch Zuckermann, Shypliakov, Siegmann, Josef Barondes, David Pinski, Berl Locker, Rachel Janait, Dov Hos und Mereminski gehalten. Es wurde die Aufbringung von 300.000 Dollar beschlossen. 50.000 wur- 'den1 sofort gezeichnet. J Aus der jüdischen Gemeinde J Bankerott der Unionmefrrheit, die Jüdischnationalen in voller Auflösung. Die Ereignisse jagen einander. "Wache für Woche stürzt ein! Pfeiler, fruf dem die frevelhafte Politik! der Jüdisch- Nationalen ruhte. Ans dem. öffentlichen Leben des Staates vertrieben, verblieb als Zufluchtsstätte nur mehr die jüdische Gemeinde! Dort vermochten die bürgerlichen Zionisten durch eine Koalition mit der volksfeindlichen, der jüdischen! Bevölkerung jedes Selbstbestimmungsrecht raubenden Partei der Uniongroßjuden noch eine Zeitlang die Entwicklung besserer Verhältnisse hintanzuhalten. Aber auch hier brach das Strafgericht über sie herein. Auf die Dauer kann eine Partei, die als demokratische begonnen-hat, nicht ungestraft ihre Idee verleugnen. Der Preis der Koalition war zu hoch. Und so rieselte es bald im Gemäuer, bis es zu stürzen begann. Der Austritt Strickers und Plaschkes muß als Fingerzeig betrachtet werden, daß eine Gruppe der Jüdisch-Nationalen den Wahlkampf gesondert von der Union führen will. Aber damit ist auch1 das Gegenteil schon mitbestimmt, nämlich, daß die verbleibenden bürgerlichen: Zionisten auch diesmal wieder mit der Union gehen. Unterdessen rücken, die Wahlen näher. Das Gespenst läßt sich1 nicht scheuchen und auch die unionistischen Großjuden verspüren immer mehr Angstgefühl. Es ist ja immerhin schon sehr viel „Volk" in der Kultusgemeinde. Bedenken wir, daß von 56.000 Wahlberechtigten nur 14.000 7.U.T Urne gingen, daß ein großes Reservoir von Wählern schon zur nächsten Wahl ausgeschöpft werden kann und wir werden die Angst der „Union" vor dem Urteil der Bevölkerung verstehen. Die Herren versuchen zwar jetzt noch', ihre Gewaltherrschaft legal zu Ende zu führen, aber es kommt nicht' mehr so recht vom Herzen. Man spürt die große Unsicherheit in allem. Eine Gruppe, die nicht mehr weiß, wie stark sie morgen sein kann, und, was noch fataler ist, wie stark ihre Bundesgenossen und der Wille zum Bündnis in ihnen ist, kann ihre Gewalttaktik nicht mehr so recht fortsetzen. So hat auch die „Union" in der Gemeindestube keine rechte Freude mehr. Zudem ist das Ansehen der altliberalen! Unionregieruug an einem wichtigen Punkte durchlöchert worden. Durch Jahre hindurch ließen die Herren erklären, die jüdische Gemeinde sei eigentlich nicht mehr als ein Verwaltuaigsapparat, dessen einzige Aufgabe es sei, defizitlos zu verwalten. Die Bevölkerung habe kein Eecht, mehr zu erwarten. Und immer schlugen sie auf den1 Geldbeutel und erklärten1; wenn wir ohne Defizit abschließen, haben wir alles getan, was zu tun war. Wir haben dann genau so gut) verwaltet, wie unsere Vorgänger. Und siehe da, auch1 dieses Gespenst war auf die Dauer nicht zu verscheuchen. Nunmehr müßte sie für dieses Jahr ein Defizit vom 300.000, fürs nächste eines von 900.000 S ins Budget einstellen. Es sei zugegeben, daß das jeder Meihrheit hätte passieren! können, eine Regierung aber, die nur diesen einen! Aktivposten! für sich! zu buchen in Anspruch nahm, verliert eben mit dem Budgetgleichgewicht auch alles andere, es bleibt ihr leein Halt mehr in1 der Wirklichkeit. Die „Union" beschließt daher diese Wahlperiode nicht nur als verständnislose, den1 lebendigen! Volksinteressen ^bh'olde Gruppe, sondern auch als ein! Verwalter, der sich in seinen Berechnungen! getäuscht hat. Daß sie vor Torschluß noch rasch die Taxen der Gemeinde erhöht, um das Budgetloch zu verstopfen, macht sie bestimmt in den Augen' der Bevölkerung nicht populärer. Sie sind eben1 mit ihrer Weisheit auch zu Ende. Der Bankerott der „Union" ist, gemessen an ihrem bescheidenein' Gemeindeprogramm eben1 so arg wie der der1 bürgerlichen Zionisten. Nur tritt er gegenwärtig noch1 nicht voll in Erscheinung1, weil diese reaktionäre Gruppo ein Urteil der Oeffentlichkeit eben nur alle 4 Jahre, das ist am Wahltag, zu spüren bekommt. An! uns liegt es, die Massen zvi diesem Urteil zu erziehen! und dafür zu sorgen, daß diese reaktionäre Gruppe die Mehrheit in der Gemeinidestube verliert. Die Zeit ist kostbar. Die Wochen) wollen1 genützt sein. Viel ist noch zu tun, um zum Entscheidungskampf gerüstet zu sein. Ein reaktionäres, lediglich' den Interessen einer herrschenden Gruppe dienendes Wahlrecht droht den wahren Willen der jüdischen Bevölkerung zu unterdrücken. Deswegen muß vor allem Aufkläning verbreitet werden. Jeder Jude muß wissen, daß die Feinde des allgemeinen Wahlrechts in der jüdischen Gemeinde die Ursache sind, weswegen! unser Gemeinwesen so weit hinter anderen Gemeinden und den Forderungen des täglichen Lebens zurückbleibt. Wenn1 dies erst alle wissen, wird der demokratische Volksgedanke auch in unserer Gemeinde siegen 1 Noch knapp vor Jahresende war eine öffentliche Sitzung anberaumt worden, in der Finanziieferent Oppenheim ein Budgetprovisorium für 6 Wochen! verlangte. Er begründete die Notwendigkeit dieser Maißnahme mit der durch den Tod des Oberrabbiners eingetretenen Unterbrechung in den Arbeiten aller Kommissionen. Genosse Dr. Glanz ei'klärte im Namen1 unserer Gruppe, dieselbe habe überhaupt keinJ Vertrauen zu der heutigen' Mehrheit und werde sich an den! Verhandlungen über dos Provisorium nicht beteiligen. Unsere Genlossen verließein nach dieser Erklärung koa"porativ den Saal. Die bürgerlichen Zionisten führten sodann wieder ihre Kunststücke auf. Nach alter Methode bejahten sie das Budgetprovisorium wie die meisten' Taxerlh'öhungen, suchten jedoch irgendwie ihre selbständige Haltung herauszustreichen. Sie erklärten, 4 Wochen Provisorium sei genug und bemängelten einige Tariferhöhungen, ließen sieh aber schließlich mit Vergnügen überstimmen. Es ist schließlich so weit gekommen, daß die Zionisten sich hinter der Union naohschlängeln, ohne daß die vielen Windungen ihrer Gefolgschaft von der Bevölkerung mehr beachtet werden. Man wird sie sich eben merken, wie sie sind, als das Gefolge der Wahlrechtsfeinde und auch mit ihnen so abrechnen wie mit den anderen reaktionären Parteien. „Jüdische Arbeiterjugend" Organ des Verbandes der" jüdisdh-sozialistischen Arbeiterjugend. Bezugspreis: Ganzjährig S 2.40; halbjährig S 1.20; Einzelnummer 20 Gr. Genossen! Unterstützet iinsere Jugendorganisation in ihrem Kampfe und abonniert ihr© Zeitschrift. Bezugsstelle: Sekretariat, Wien, II., Blumauer* gasse 1.