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Der Jüdische Arbeiter · 1928-02-01 · Heft 1 (1.2.1928) · page 2

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
5 (1928)
Issue
Heft 1 (1.2.1928)
Date
1928-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Der jüdische Arbeiter Nr. 1 „Im übrigen halten wir es für überflüssig, besonders zu betonen, daß wir gegen die Assimilation und für die Austrittsbewegung kämpfen." Also, aufgepaßt! Statt „gegen die Assimilation und die Austrittsbewegung", veröffentlichen sie: gegen die Assimilation und für die Austrittsbewegung. Kann man dieses Vorgehen anders als eine Lumperei bezeichnen? Es soll hier auch' festgestellt werden, daß für dieses Vorgehen Herr Dr. Leo Goldhammer persönlich1 mitverantwortlich ist. Nicht nur weil er als Präsident des Lartdeskomitees für „Die Stimme" verantwortlich' ist, sondern weil wir zu seinen Händen die Berichtigung geschickt haben und er uns erklärt hat, daß es ihn freuen wird, wenn wir werden feststellen können, daß die Behauptungen des Herrn Abeles unwahr sind. ,Die jüdische Oeffentlichkeit, die jüdische Jugend urteile über die Verleumdungsmethode des Blattes des Zionistischen Landeskomitees! M. S. Die Unruhen in Petaoh-Tikwah. Schon längst ist der Traum ausgeträumt, daß es gelingen könnte, Palästina „konstruktiv" aufzubauen. Die lebendige Wirklichkeit schafft die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit, führt zu Zusammenstößen! zwischen Besitzenden und Besitzlosen, erzeugt den Klassenkampf. Die Formen sowie die Intensität des Kampfes1 sind in den einzelnen Ländern1 verschieden. Daß auch in^ Palästina die Klassengegensätze »letztens sich äußerst verschärft haben, beweisen die Vorgänge von Petach-Tikwah vom 16. Dezember. In knappen Worten soll die Geschichte des Kampfes erzählt werden: Schon1 zu Beginn der diesjährigen Orangenernte verlangten die jüdischen Arbeitslosen von PetaCh-Tikwah, deren es eine große Zahl gibt, daß sie im dem Orangerien an Stelle der billigen arabischem Arbeiter beschäftigt werden. Nach ^langwierigen Verhandlungen und nach Intervention; der zionistischem Exekutive sagten die Grundbesitzer zu. Aber sie hieitern ihr Verspneehem nicht •ein. Drei Wodhem vergingen, ohne daß die Arbeitslosen eingestellt wurden. Um nun einen Druck au die Unternehmer auszuüben, stellten' die Arbeiter vor den Plantagen Wachposten auf, ohne die Araber bei ihrer Arbeit zu stören. Dies veranlaßte die Grundbesitzer, arabische Polizei zu Hilfe zu rufen, welCche die Gelegenheit benützte, auf jüdische Arbeiter einen kleinen Pogrom zu veranstalten. Diese Ereignisse spielten! sich in demselben PetaCh-Tikwah ab, welches vor 6 Jahren! vom Chaluzi'm gegen einen arabischem Ueberfall' verteidigt wurde. Die jüdischem Grundbesitzer bewiesen durch diese Tat, was die Arbeiterschaft von der Bourgeoisie überhaupt beim Aufbau Palästinas zu: erwarten hat. Dieselben Menschen, die, s'o lange sie auf Unterstützungen! durch die jüdische Oeffentlichkeit angewiesen waren, bei jeder Gelegenheit das Nationale in den Vordergrund stellten, dieselben Herren erfrechten sich, sobald sie annahmen, daß ihr Geldbeutel bedroht war, gegen jüdische Arbeiter, im Lande der jüdische Arbeit, arabische Polizisten unter dem Kommando eines englischen Offiziers' zu hetzen, die jüdische Arbeiterinnen blutig schlugen und jüdische Arbeiter, nur, weil sie Arbeit wollten1, verhafteten. Humger und Not trieben die Arbeitslosen auf die Gasse, ihrem Wunsch .und ihrem Willen, in einer jüdischem Kolonie, wo Arbeit vorhanden war, beschäftigt zu werden, wollten sie kundtun — dies mußten sie mit 14 Verwundeten und 15 Verhafteten bezahlen. Die Schreibkulis der Bourgeoisie Versuchern der Oeffentlichkeit einzureden, claß die Vorgänge in /PetaCh-Tikwah , nicht ein1 Ausbruch der Not und. der Empörung "(über das Vorgehen der Plantagenbesitzer seien, sondern bewußt von der Arbeiterorganisation vorbereitet wurden. Diejenigen also, die es mit ihrer „nationalen Ehre" vereinbaren können:, arabische Polizisten gegem jüdische Arbeiter zu hetzen, machen der Arbeiterschaft den Vorwurf, — daß sie in dem jüdischen Kolonien arbeiten wollen. Freilich, es ^eht über die Vorstellungen so eines jüdischen Effendis, der einiger Piaster wegen sich ohne Bedenken verkauft, wenn ein jüdischer Arbeiter, der ganz mittellos dasteht, nichts in der Kolonie sein eigen nennen kann, um sein vermeintliches1 Recht, dort beschäftigt zu werden, kämpft. Aber nicht nur die unmittelbar Beteiligten verargen' es dem jüdischen Arbeitern, daß sieauf die Straße zogen, sondern auch diejenigen, die sich für, den Aufbau des Landes verantwortlich halten, die* die vorgeben, die nationalen Interessen über alles zu stellen. Nicht bei jeder Gelegenheit aber zeigen die Herrschaften ihr wahres' Gesicht. Wenn sie auf Erfolge in Palästina hinweisen wollen, wenn sie aut Fortschritte, die das Land gemacht hat, aufmerksam machen, dann rufen sie pathetiscch aus: Schaut euch unsere Chaluzim an, die unter den größten Entbehrungen die Sümpfe austrocknen, im Schweiße ihres Angesichts dem steinigen Boden urbar machen. Im Lande aber sind sie, wenn die Klassengegensätze sich zuspitzen, immer auf der Seite der Besitzenden anzutreffen. Die Vorgänge im Petach-Tikwah haben die gesamte palästinensische Arbeiterschaft in maßlose Erlegung versetzt. Mit Recht empfanden die jüdischen Arbeiter, daß, wo immer sie sich auch befinden! mögen, der auf Anstiften der Plantagenbesitzer von arabischen Polizisten' veranstaltete Pogrom auch ihnen gegolten hat. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß die Arbeiterschaft des ganzen Landes sich mit ihren Genossen von Petach-Tikwah solidarisch erklärte und ihnen1 versicherte, daß sie in ihrem Kampfe das ganze arbeitende Palästina hinter sich haben. Denjenigen aber, die den Ernst der Situation noch Immer nicht erkannt haben, die noch immer die Geduld der Arbeiter auf die Probe stellen, mögen diese Vorgänge eine Warnung sein. Die Arbeiterschaft und nur die Arbeiterschaft hat bisher die Last des Aufbaues mit seinem Entbehrungen und Leiden auf sich genommen und ist auch bereit, dies für die Zukunft zu tum. Auf keinen FalU aber kann und wird sie es dulden, daß ihre Rechte sowie erfüllbaren Wünsche mißachtet werden. Palästina kann nur durch das klassenbewußte Proletariat, niemals aber durch das Bürgertum jüdisch werden. Leo Ginsberg. Zielklarheit. Wären die Austritte aus der Kultusgemeinde nur Austritte aus der ReligionsgemeimsChaft den Juden, so wären hier nicht viel Worte zu verlieren, Religion ist Privatsache. Man kann ein guter Sozialist und auch ein guter Jude sein, wenn man sich nicht zur mosaischen Konfession bekennt, wenn auch zugegeben werden soll, daß kein Volk So innig mit seiiiner Religion verbunden ist, wie das jüdische. Aus dem jüdischen Volke aber kann man nicht austreten, wie man überhaupt aus keinem Volke austreten^kann, höchstens sich mit einem anderen Volke vermischen, assimilieren. Soweit also, die Austritte bloß atheistischer Natur sind, ist dagegen auch seitens der Poale-Ziom nichts1 einzuwenden. Tatsächlich ist es aber so, daß infolge der österreichischem Gesetzgebung die israelitische Kultusgemeinde, die Vertretung der .Judenschaft schlechthin ist und so kommt es, daß man nicht weiß, ob der, der bei der Kultusgemeinde seinen Austritt anmeldet, bloß seinen Austritt aus der m o s a i s c h e n R e 1 i g i o m oder seine Assimilierung anzeigen Da wir aber , der Meinung sind, daß die Kultusgemeinde als Vertretung der Judenschaft, auch der nichtreligiöseri, gilt, daß sie daher auch andere Aufgaben1, als die religiösen, die ihr von Gesetzes wegen vorgeschrieben sind, hat, so verlangen wir von jedem, sich zum jüdischen Volke Zählenden, auch vom Njchtreligiösen, in der Kultusgemeinde zu bleiben, auch wenn es seinem atheistischen Empfinden widerspricht. Der Austritt aus der Kultusgemeinde bedeutet, dem Kampfe der jüdischen Arbeiterschaft, die Kultusgemeinde aus einer religiösem zu einer weltlichen Institution umzugestalten, in den Rücken zu fallen. Diesen Standpunkt offen zu vertreten und somit sich vom Verdacht fernzuhalten, als ob auch die Poale-Zion, taktischem Wahlfragen zuliebe, gegen Austritte aus der Religion, überhaupt, Stellung nimmt, wird nicht wenige, che zwar Atheisten sind, von dem Austritt aus der Kultusgemeinde abhalten, um den NÄHMASCHINEN I) 1 p || mit kostenlosem Stickunterricht ■ Ä_ fflflk FAHRRÄDER 1928 * 1 % 11 Auch' gegen Teilzahlung!! QIIIIHIIIIUlllllllillllEllilllllllllllllllinil Reparaturannahme aller Systeme! IX., Liechtensteinstr. 27, IV., Wiedner Hauptstr. 8 Telephon 16-5-64, 16-6-65, 57-109 Schreibmaschinen, Knopfpressen und Zugehör. Sport- und Touristenartikel Kampf des jüdischen Sozialismus in Wien, aus der religiösen, eine weltliche, soziale Gemeinde zu machen, mitzukämpfen bis zum Endsiege. Samu Halpern. Engelbert Pernerstorf er und die Judenfrage, Anläßlich seines zehnten Todestages. Am zehnten Todestage Pernerstorfers, des Freundes aller unterdrückten Nationen und Minoritäten, wird sich^ so mancher Poalezionist an die moralische Unterstützung und das Verständnis, das er unseren: Sachte entgegenbrachte, im tiefer Dankbarkeit erinnern. Sein durch nichts getrübter Blick — und dies unterschied ihn besonders von den jüdischen ITührern der Sozialdemokratie Oesterreichs — gestattete ih'm die neuen Kräfte im jüdischen Volke und das .jüdische Proletariat als Hauptfaktor einer nationalen Renaissance zu erkennen. Als das jüdische Volk um die rechtliche Anerkennung seiner nationalen Existenz und die poalezionistische Partei um die Gleichberechtigung im der Internationale kämpften, konnte man seiner Sympathien sicher sein. Denn das Leben und die Wirklichkeit bedeuteten ihm mehr als ausgeklügelt© Theorien und sein geschichtlicher Sinn, der ihn1 aus dem bürgerlichen Lager in das des Proletariats führte, bewahrte ihn sowohl vor dem gehässigen bürgerlichen Nationalismus, als auch vor dem bekannten blutleeren Internationalismus, der gerne die kleineren Nationen, besonders die jüdische, ignorierte. In den während des Weltkrieges erschienenen ^Zeitfolgen" behandelt Peimers torfer die Fragen des National lismus und Internationalismus und des modernen Nationalisnriis. Dort lesen wir auch die Worte, die wie ein Glaubensbekenntnis dieses aufrechten, aus dem Volke hervorgegangenen Mannes anmuten: „Wie Kunst und Wissenschaft ist auch die Nationalität ein hohes Gut. Jede Erhebung des Proletariats muß ihn der Erkenntnis des Wertes dieser Güter näherbringen." Bernerstorfer selbst hat sich unter den größten Schwierigkeiten sein Deutschtum erobert. Als Kind armer Hausuieistersleute in der Liechtensteinstraße gelang es irh!m, dank seiner großen Lernfreude, im Schottengymnasium Aufnahm© zu finden. Hier legte er den Grundstein' zu seiner humanistischen Bildung, die für sein Wesen so charakteristisch war. An der Universität studierte er Germanistik und Geschichte. Durch seine Studien und erworbenen Kenntnisse ward es ihm bewußt, weiche neue eigene Welt sich dem Proletarier durch die Erlernung der Kunst, Literatur und Sprache eröffne, wie sein Leben bereichert werde und für ihn an Bedeutung!. gewinne........... Wohl mag sich mancher Sozialist wundern', wenn1 er . einen Satz wie den 'hier folgenden' liest: „Jene falschen Internationalen, die ich1 nach der Analogie von1 Nationalen und1 Nationalisten lieber die Internationalisten nenne, werden erkennen müssen, daß das Ziel der Meuschheitsentwicklnng nicht in einem chaotischen Durcheinander atomisierter Individuen, sondern im geordneten Kosmos nationaler Gruppen beruht." (Zur Judenfrage, Der Jude, I. Jh'g., 308—315.) Um aber seinen Standpunkt gut zu; verstehen, muß man sich an die noch nicht ganz überwundene Zeit erinnern, in der alles. ■Nationale im Sozialismus' verpönt war, in der man, vom Gedanken des Fortschritts und des modernen Verkehrs hingerissen, von einem KDsmopolitismus träumte, der all© nationalem Unterschiede (nicht nur staatliche Grenzen) aufheben und ein© Weltsprache erstehen lassen wird. Heute mutet uns diese von Kautsky vertreten© Theorie einerseits utopistisch', anderseits nationalistisch an, darum wird auch gegenwärtig im Sozialismus den nationalen Problemen mehlr Aufmerksamkeit geschenkt. Neben der Klassenbedingtheit wird gegenwärtig auch der nationalen Bedingtheit Rechnung getragen. Wenn wir; diese Einstellung Pernerstorfers1 zur nationalen Frage kennen, werden wir uns nicht mehr wundern, daß in seinem Organ „Deutsche Worte" — zu einer Zeit, als der Poalezionismus nioch! in den Kinderschuhen steckte und von der offiziellen Sozialdemokratie Oesterreichs belulmpft und die poalezionistischen Versammlungen von sozialdemokratischen Genossen gesprengt wurden — Aufsätze von den Pionieren des poalezionistischen Gedanken (Dr. N. Syrkin, Dr. Schytlowski) erschienen sind. Wir werden uns auch' nicht wundem, daß er während des Krieges in der von Martin Buber ausgezeichnet geleiteten Monatsschrift „Der Jude" in einem Aufsatz „Zur Judenfrage" zu diesem Problem Stellung nahm. An Hand dieses Artikels möchte ich hier einige Gedanken Pernerstorfers wiedergeben. Ueber die Assimilation, die Einschmelzung des Judentums in ein Gastvolk, schreibt er: „Das ist eine Art von Antisemitismus, dem auch viele Juden anhängen, all© Assimilanten." Ueber die Juden als Volk und ihre nationale Renaissance, sowohl in Palästina als auch in den jüdischen Massensiedlungen, spricht er mit so viel Verständnis' und Ueberzeugung, daß kein Poalezionist umhin kann, ihm zuzustimmen. Mutet denn nicht der unt(&n zitierte Satz, wie einem poalezionistischen Programm entnommen, an, wenn er schreibt : „Sie sind also (die Juden), halten wir daran' fest, eine Nation und eine Nation von besonderer Geistigkeit, wie jede innerlich starke Kulturnation. Sie hat ein Recht auf nationale Existenz. Es bleibt also nur zu erwägen',

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