Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 5 (1928)
- Issue
- Heft 1 (1.2.1928)
- Date
- 1928-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ der jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion> Wien Erscheint zweimal monatlich vierteljährig. S 1.20 halbjährig . . ,2.40 Einzelne Nummer 20 Groschen Nr. 1. Wien, 1. Februar 1928. 5. Jahrgang. Infolge technischer Schwierigkeiten konnte die Nr. 1 nicht früher erscheinen. Heuchelei. Stricker und Plaschkes verlassen das sinkende Schiff. Die Herren Stricker und Plaschkes haben ihre Mandate im Kultusvorstande niedergelegt, Herr Dr. iWaldmann, der an Stelle des verstorbenen Direktor Epler in den Kultusvorstand eintreten sollte, hat das Mandat nicht angenommen. Mit welcher Begründung? Die „Union" hat den Antrag der Zionisten auf Erweiterung des Wahlrechtes abgelehnt und die Zionisten sind trotzdem aus dem Präsidium nicht ausgetreten. So sehr das Verhalten der Zionisten in Wirklichkeit ein Beweis dafür ist, wie ernst ihnen die Demor kratie in der jüdischen Gemeinde ist, so heuchlerisch ist es, wenn die Herren um Stricker dieses Verhalten als casus' belli erklären. Unter der Leitung des Herrn Stricker haben die Zionisten, gemeinsam mit der „Union", vor nahezu vier Jahren, knapp vor den Wahlen, das Wahlrecht eingeschränkt. Im Wahlkampfe des Jahres '1924 hat sich Herr Stricker in :^üsemandersetz.ungen.. mit; unseren Ge^^ das allgemeine Wahlrecht aller jener Argumente be-t dient, die heute die „Union" anführt. Im Kultusvorstande hat sich der zionistische Klub unter Leitung des Herrn Stricker stets geweigert, einen Dringlichkeitsantrag unserer Genossen auf Behandlung der Frage des Wahlrechtes' zu unterschreiben. Wcf war das demokratische Gewissen der Herren Stricker, Plaschkes1 und Waldm an n i n d e n J a h re n 1924 b is 1927? Jahrelang hat Herr Stricker mitgewirkt an der Politik der Fernhaltung der breiten jüdischen Massen von der jüdischem Gemeinde. Jahrelang haben die „Radikalen" von der Schule Dr. Plaschkes und Dr. iWaldmann diese Politik gedeckt. Unter dem Drucke unserer- Genossen in der Kultusgemeinde, haben sich die Zionisten endlich entschlossen, einen Antrag auf Erweiterung des Wahlrechtes' (zu einem Antrage auf Einführung des allgemeinen Wahlrechtes leicht scheinbar die Demokratie der Zionisten noch . immer nicht aus) einzubringen. Sie ließen sich majorisieren und die Angelegenheit war für sie erledigt. Die Herren Stricker, Plaschkes und Waldmann sind zwar keine besseren Demokraten, aber schlauere Politiker als die Herren Dr. Goldhammer und Dr. Friedmann. Das Jahr 1928, das Jahr der Wahlen in die Kultusgemeinde, ist nun da, es tut gut, vor den jüdischen .Wählern in demokratischer Jungfräulichkeit zu erscheinen1 und sie brachen diesen Streit vom Zaune. Die Anerst vor den Wählern hat diese Herren bewogen, ihre Mandate niederzulegen, sie glauben wohl mit diesem demokratischen Feigenblatt die Schande ihrer volksfeindlichen Vergangenheit verhüllen zu können. Sie täuschen sich. Dieselben Herren, die sonst von ihrem Mut und Ihrem Opferwillen prahlen, verlassen feige das sinkende Schiff der Wiener Zionisten und bemühen sich ihre Schäfchen' ins Trockene zu bringen. Sie glauben, die jüdischen Wähler haben ein so schwaches Ge- . dächtnis, daß sie sich vom Wahlmanöver dieser Herren werden irreführen lassen. Wir werden uns schon bemühen, diese heuchlerischen Demokraten vor den Jüdischen Wählern: zu demaskieren. Zwä Perez Chajes. Er war Gelehrter, er verließ aber die Lehrkanzel der alma mater und wurde .Rabbiner, Rabbiner? [War denn Chajes Rabbiner im einstigen, oder" gegenwärtigen Sinne des Wortes? Befaßte er sich vorwiegend mit rituellen Angelegenheiten, wie es einem religiösen Oberhaupte geziemt? Wandte er sein Augenmerk der Erhaltung, oder Ausgestaltung der religiösen Formen zu? Versah er alle priesterlichen Funktionen wie seine Vorgänger, oder wie seine Berufskollegen, deren Oberhaupt er war? Nichts von alledem! Er betrachtete den Rabbinerposten als Kanzel der Erziehung zum höheren Menschentum,-zu einem Leben im Sinne der sozialen Grundsätze der Bibel. Er leistete diese Erziehungsarbeit im Tempel, wie in öffentlichen Versammlungen. Er war hier und dort derselbe. Er ga*b sich stets wie er war, wie er dachte und fühlte. Er war stets ganz, eindeutig. Einige wenige Tatsachen: Als Chajes Rabbiner, in Triest war (es war in den Kriegsjahren), gab er eine Zeitung heraus, die jeder Jude unentgeltlich erhielt. Eine der wichtigsten) Aufgaben dieser Zeitung war: Propagierung der pazifistischen Ideen der jüdischen Propheten. Die Oberhäupter der anderen Religionen entweihten ihre Glaubenssätze und segneten die Mordwaffen, Chajes sprach auch nicht ein einziges Mal für den Krieg, er verherrlichte oder rechtfertigte niemals den-Mord. Als aber im Jahre 1917 die Botschaft von-der. russischen Revolution das Getöse der Mordwaffen und den Jammer der Kriegsopfer übertönte, da spracfr Chiles im Triester Tempel über dieses große historische Ereignis nicht nur vom jüdischen, sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkte. Und als er nach Wien kam? Die Antrittsrede Chajes' war ein Novum nicht nur für Wien, das bis Chajes an salbungsvolle, nichtssagende, oder schmeichelhafte Predigten gewöhnt war, sie ist ein mutige^ Bekenntnis eines großen Menschen, dem die alteij und ewig neuen sozialen Traditionen der jüdischen (Vergangenheit Lebensinhalt waren. , j Den Weg, den Chaje^ in seiner Antrittsrede vorgezeichnet, ging er bis j zu seinem letzten Atemhauche. [ Als Chajes von Palästina kam und ihn die jüdischen Oberzehntausend einluden, über seine Wahrnehmungen im Altneulande zu berichten, schilderte er ihnen den tiefen Sinn, dpn hohen Wert des Kultur-* werkes der jüdischen Arbe terschaft in Palästina. Die ihn nur dem Namen nach kannten, die Chajes als religiöses Oberhaupt betrachteten, die zu bequem waren und sind, um auf die besondere Eigenart gewisser Gruppen und]einzelner Persönlichkeiten einzugehen, sprachen und schrieben: „von Plffl bis Chajes". Ihm blieb der Trost, den er mit manchen Großen teilen konnte: er wurde nicht verstanden. Aber wer tat Chajes nicht Unrecht? Es war seine tiefste Sehnsucht, seinen Ideen in Palästina leben zu dürfen. Er sollte als Professor an die Universität in Jerusalem berufen werden, da erhob der Vertreter des Baron Rothschild, der ein Mäzen der Universität ist, dagegen Einspruch. Der Oberrabbiner von Wien war ihm ein zu freier Bibelkritiker. Er sollte das Kultlirreferat der Zionistischen Organisation in Palästina übernehmen. Persönliche Intrigen verhinderten es. So oft er mutig für den sozialen Gehalt des Palästinawerkes und der jüdischen Renaissance überhaupt im Kreise Her Liener Zionisten eintrat, betrachtete man ihn ats Theoretiker- Er duldete, er ertrug alles Unrecht, blieb mutig und ungebrochen. Er war beseelt von einer hohen Idee, von der nationalen und sozialen Erneuerung des jüdischen Volkes, die für ihn etwas unzertrennbar Ganzes war. Das war seine Religion. Dieser Glaube gab ihm Mut und Kraft, unerschüttert auszuharren. Ich dachte daran, Chajes bei Lebzeiten vor seinen Gegnern und den Anhängern, die ihn mißverständen, in Schutz zu nehmen. Leider ist mir der Tod zuvorgekommen. Aber, was Chajes an der Bahre Popper- Lynkeus' gesagt hat, darf man wohl auf Chajes anwenden: Er verdient es, daß man selbst nach seinem Tode über ihn nur die Wahrheit sagen soll. Mi S. Eine Lumperei der zionistischen » u Neben Herrn Strickers „Neue Welt" erscheint in Wien seit vier Wochen ein vom Zionistischen Lan'deskomitee herausgegebenes Wochenblatt „Die Stimme". Wir durften hoffen, daßi dieses Wochenblatt die arbeiterfein'dliche Politik der Leute um Stricker und Plaschkes nicht mitmachen wird. Nun sind wir bereits heute in der Lage, diesem Blatte eine unerhörte Lumperei nachzuweisen. In No. 4 dieses Blattes erschien ein Artikel von einem gewissen Herrn Siegfried Abeles Unter dem Titel: „Juden fördern tien Abfall Jugendlicher!" ,Dieser Artikel enthielt außer mehreren: blöden, ver- , schmocktem Ausschmückungen, Behauptungen .-über , die Ottakringer Ortsgruppe, unseres Jugend Verbandes, die: alle erlogen! Sind: Da uns die geistige. Qualität' dieses Herrn Abeles zur Genüge bekannt ist, erachteten wir es nicht als notwendig, uns in eine Polemik mit 'diesen Herrn einzulassen. Eine Zeitung, die sich von Herrn Abeles in jüdischen Jugendfragen informieren läßt, verdient nur, daß man sie ignoriert/Die Leitung des Jugendverbändes hielt es aber für notwendig;'die unwahren Behauptungen richtigzustellen und schickte folgende Berichtigung ein: Juden fördern den Abfall Jugendlicher? Wir halten; es weder für notwendig", noch1 für zweckmäßig1, uns hier mit den Ausführungen des' Herrn' Abeles auseinanderzusetzen. Wir wollen uns1 bloß auf die Richtig- Stellung" derwichtigsten, von1ihm angeführten Behauptungen, die unseren Verband betreffen, beschränken. 1. Mitglieder, deren Namen; den' von Herrn'.- Abele» angeführten Anfangsbuchstaben A. U., L. R., A. J. eintsprechen', gibt es in unserer Ottakringer Ortsgruppe über-., haupt nicht. Ein Mitglied, das den Anfangsbuchstaben- J. S. entspricht, gibt es wohl, auf den1 aber alle von - ihm angeführten Beliauptungen nicht zutreffen. 2. Es ist unwahr, daß unsere Ottalaunger Ortsgruppe "christliche Mitglieder hat. 3. Es ist unwahr, daß unsere Tätigkeit von sozialdemokratischen1 Organisationen überwacht wird. Währ ist, daß unisere Ortsgruppe in Ottakring, wie alle anderen" Ortsgruppen,, ausschließlich nach den' Richtlinien;-unserer Verbandsleitung arbeitet. , . 4. Unwahr ist, daß Herr Abeles mit einem „geistigen . Führer" oder einem anderen führenden Mitglied unseres Verbandes gesprochen, denen er die in dem erwähnten Artikel enthaltenen Behauptungen vorgebracht hat. Wahr, ist, daß weder ein! Mitglied unserer Exekutive noch ein Mitglied unserer Ortsgruppe Ottakring von Herrn Abeles irgendwie iintemchtet wurde. 5. Im übrigen erachten wir es für überflüssig, besonders zu betonen, daß wir gegen die Assimilation und die Auistrittsbewegung kämpfen. Allenfalls halten wir es für eine unwürdige Art, ohne informiert zu sein', tendenziöse Gerüchte über unsere positive jüdisch-sozialistische Arbeit in die Welt zuj setzen. Für den Verband der jüd.-soz. Arbeitez-jugend Der Obmann. Darauf erschien in der No. 5 zwar eine Faselei des Herrn Abeles, aber aus der Richtigstellung des Verbandes wurde in Sperrdruck bloß folgender Satz veröffentlicht: