Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 44 Der jüdische Arbeiter Nr. 14 Die Wiener städtischen Elektrizitätswerke, die Wien mit elektrischer Energie versorgen, sind Riesenwerke. Den Anforderungen der Zeit entsprechend wurden sie von der gegenwärtigen Stadtverwaltung gewaltig ausgebaut. - Wasserkraftwerke wurden geschaffen, Ueberlandzentralen errichtet und die Werke selbst modernst ausgestaltet. Die Stromerzeugung, die im Jahre 1913 nur 199,158.021 Kilowattstunden Strom betrug, stieg im Vorjahr auf 447,165.973 Kilowattstunden. Dementsprechend ist auch die Zahl der Stromabnehmer gewaltig gestiegen. Im Jahre 1913 gab es in. Wien nur 92.500 Stromkonsumenten. Am 1. Dezember dieses Jahres aber versorgten die Wiener städtischen Elektrizitätswerke schon 541.521 Abnehmer mit Strom. Trotz der gewaltigen Ausgestaltung des Werkes ist es der Stadtverwaltung gelungen, die Strompreise so niedrig als möglich zu halten. Die Wiener städtischen Elektrizitätswerke arbeiten nach dem Grundsatze der Selbstkostendeckung und haben daher keinen Reingewinn an die Gemeindekassen abzuführen. Dadurch wurde erreicht, daß die Preise für den elektrischen Strom heute weit unter dem Friedenspreis stehen. (Entgeltlich.) Max Rosenfeld zum Gedächtnis. Eine unsagbare Tragik lag in den gewaltigen Schicksalsa oblägen, die unsere Bewegung gerade in dem Zeitpunkte erhielt, in dem sich ihr so gewaltig große Ausblicke eröffneten. In den letzten Jahren des großen Ringens, als Europa zerrissen, die Staaten wankend, die reaktionärste Macht, der Zarismus, gestürzt, war Borochiow 1917 nach Rußland geeilt und erlag dort auf unersetzbar wichtigem Posten, in so jungen vielversprechenden Jahren dem Tode. — Als dann aber Europa 1918/19 ganz darniederlag, als Umsturz war in allen Ländern, als ein neues Weltgebilde nieerschauto Hoffnungen weckte, folgte ihm ein zweiter aus den obersten Reihen unserer Führer: Max Rosenfeld. — „Mein Kopf springt mir von der Wucht der Eindrücke, die. die Ereignisse mit sich bringen." (z. t. Böhm. Jüd. Ztg. 1919) so schrieb er kurz vor seinem Tode; — nur zu begreiflich — denn gerade damals wurde doch ein neues Polen geschaffen, Polen, von dem er doch für die Lösung der Judenfrage so viel gefordert, damals blühten ja neue Möglichkeiten in Palästina auf: Palästina, dem die Leidenschaft seiner Seele gehörte — damals gärte die soziale Revolution in allen Ländern: die Revolution, der sein unterdrücktes Herz doch zuschlagen mußte. Da raffte ihn in wenigen Tagen der Tod hinweg. Wie Borochow kaum über dreißig, jung, an der Schwelle seiner Bahn und doch schon auf einem Posten, den niemand gleich ihm erfüllen konnte; — was dies für die Bewegung bedeutete, können wir, die wir ihn nur mehr aus seinen Schriften kennen, mir mehr aus der Ereignisfülle jener Zeit ermessen: Borocbow und Rosenfeld, die Leuchten unserer Bewegung raubt uns der Tod zu einer Zeit, wo unser Aufstieg so nahe. Es gibt wohl keinen Zeitpunkt schmerzenderer Tragik in unserer Geschichte. Zweierlei Art sind seine Schriften, zwei Pole seiner einheitlich geschlossenen Persönlichkeit kennzeichnen sie: die einen über die Lage der Juden in Polen — Probleme und Lösung — schreibt sein kühler abwägender Verstand, ein Fundament von Zahlen, Tabellen, Daten und Thesen gründet die mit eiserner Notwendigkeit folgenden Forderungen. Eine andere Schrift: die „Sozialen Steintafeln" schreibt seine Seele, sein Hera, seine ideale Begeisterung. — Beide zusammen stempeln ihn erst zum wahren Marxisten: Denn es ist falsch, sich den Typus des Marxisten als den nur kühl und kraß materialistisch bestimmten Menschen: vorzustellen. Auch der Marxist ist beseelt von tiefer Begeisterung, von Ethos und Idee, aber er gibt ihr nicht freien Lauf in Phantasmus und „Prophetie", sondern er sucht das Garantierende in der Geschichte, weil or weiß, daß „es nicht genügt" — so schrieb Marx — „daß der Gedanke sich! zur Wirklichkeit drängt. Die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen." — Das wollende Herz, das doch so gerne zum ersehnte Ende stürmen möchte, wird niedergehalten durch die kalte Zahl und die starre Tabelle, um nicht blindem Glauben, sondern erkannter Notwendigkeit zu folgen: „Das Werk eines gebildeten Volkswirtschaftlers und Historikers mit so viel Objektivität, wie der Mensch mitten im Kampfe nur aufbringen kann": so schreibt Franz Oppenheimer über sein Buch. — Und wenn Rosenfeld, der marxistische Denker gegen Marx polemisiert, weil „außer den unbeseelten Energien im Getriebe der Geschichte auch beseelte, bewußte Kräfte wirken, wiewohl die ökonomischen Bedingungen und Geschehnisse die Geschichte in letzter Instanz bestimmen", so trifft er mit dieser Ki'itik sicher nicht so sehr Marx selbst als eher jene Marx selbst mißverstehende Marxisten. Rosenfeld war früh — schon als Student — zur Poale- Zion gekommen, als junger Mensch noch reichte seine Bedeutung weit über Oesterreich hinaus. Kaum viel über zwanzig hielt er am 4. Parteitag der Poale-Zion (1908) ein tiefgehendes Referat über die Lage der jüd. Gemeinden und legt hier den Grund zu den später genauest durchgeführten Forderungen der Umgestaltung der Kultusin Volksgemeinden. Seine grundlegende spätere theoretische Arbeit und Forderung wurde schon von hier aus Programmteil sowohl der Poale-Zion als auch anderer zionistischer Parteien. Seine Heimat Drohobycz verbindet ihm dem Ostjudentum: diesem galt vor allem sein Sorgen und Streben. Dieses behält er stets im Auge, wenn er auf die Behandlung der Nationalitätenfrage in der österr. soz^-dem. Partei aufbauend, immer wieder darauf hinweist, welch eminent wichtige ökonomische, politische, vor* allem aber gleicherweise nationale Frage die Judenfrage für jedes Land ist. Die Judenfrage, so betont er immer wieder, ist nur durch' die nationale Autonomie der Juden zu lösen. Enge schließt er sich an Renner an mit dem Hinweise, daß der Personenverband der einzelnen! Nationen, den dieser vorschlägt, bei uns in Form der Kultusgenieinden schon vorhanden wäre. Diese müßten aber zu wirklichen "Volksgemeinden umgestaltet werden. Die religiösen Funktionen wären als Sache des Rabbiruats von ihnen abzutrennen, hingegen ihre Kompetenz in nationaler und sozialer Hinsicht zu erweitern, die nationale Schule, die Gewerbeförderung, Volks Wohlfahrt, Konsumordnung, Hygiene, Wohnbau und Emigrationswesen'.seien ihre Aufgabe. Auf genaues geschichtliches Quelleumaterial gestützt, liefert er mit ungeheuer lehrreichem Material einen soziologischen Aufriß des östlichen Judentums, weist auf die ungeheure Wanderbewegimg einerseits, auf die rapide „Landflucht" und die städtische Konzentration des Judentums andererseits hin. Weitestgehende Sicherung der dadurch gefährdeten nationalen, politischen und ökonomischen Existenz ist seine Forderung. Dieser gilt seine Lebensaufga.be, obwohl er klar sah, daß „eine Lösung der jüdischen Frage in Polen ebensowenig wie in Rußland 'oder .Amerika zu erwarten sei." So dachte auch und wußte auch er, unser bedeutendster Theoretiker auf dem G-ebiete der nationalen Autonomie. Anderer Art sind seine „Sozialen Steintafeln". Mit loderndem Enthusiasmus verstand er, durch sie auch jene Teile der Jugend zu packen, die sonst dem Sozialismus viel mein; von der gefühlsmäßigen Seite her zugänglich sind. Mit dem Hinweis, daß doch! nicht einmal die 10 Gebote das wichtigste an der Thora seien, sondern der soziale Gehalt, den Moses und die Propheten lehrten, lehrt er die soziale Idee, die vor allem im Ackergesetze sich' birgt. Die ehemalige Einheit von Sozialismus und Judentum, so sagt er, müßte wieder hergestellt werden. In der Galuth, ist die ehemalig© jüdische Gerechtigkeit in ihr Gegenteil verwandelt worden: in klassenbedingtes römische* „Recht". Von diesem Verderbnis gilt es sich zu befreien,