Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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Ni\ 14 ' Der jüdische Arbeiter Seite 43 'Syrkin1 war damals Territorialist. Am" zionistischen Kongreß, als die Spaltung zwischen den. Zione-Zion und den Ugandisten, den späteren Territoiialisten, vor sich ging, gab Syrkin im Namen der zionistisch-sozialistischen Fraktion die berühmte Erklärimg ab, in welcher er den Beschluß der Mehrheit als Verrat am jüdischen Volk erklärte und in der er die Theorie im allgemeinen höher stellte als alle historischen Traditionen und Träume betreffs Palästina. Die jüdische Lohre, die jüdische Ethik, der jüdische Universalge ist ist an keinen geographischen Ort gebunden. Unsere nationale Freiheit und Kultur können sich auch auderswo entwickeln, wenn wir nur unser Milieu und volle Axitonomi© besitzen. Für die Poale-Zion, die die Bewegung als historische Notwendigkeit betrachtete, war Palästina immer der Hauptfaktor, was die Renaissance des jüdischen Volkes, und auch die technische Seite der Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina anbelangt. Wohl ist der Volkswille ein wichtiger Faktor; er selbst aber ist nicht nur vom Umstände der materiellen, und geistigen Not abhängig, denn es ergibt sich die Notwendigkeit, da andere Länder für eine jüdische Einwanderung immer weniger in Betracht kommen, Palästina als nationales Kolonisationsgebiet zu wählen. Man kann und soll „blinde" Prozesse regalieren, durch eine gewisse Planmäßigkeit sie rationalisieren, aber man kann nicht neues Leben schaffen. Syrkin bewies hier, wie bei anderen Gelegenheiten von großer historischer Bedeutung, seine ganze Seelengröße. Menschlicher Wille und die Macht der Idee bildeten nicht nur einen Teil seiner philosophischen Weltanschauung1, sie bildeten auch einen Teil seiner Psychik. Er projizierte sich selbst in die Philosophie, das 'objektive Denken und das subjektive Fühlen bildeten bei ihm ein harmonisches Ganzes. Politische Berechnungen, selbst wissenschaftlich berechtigte Kompromisse waren! seiner Natur fremd. Daher seine Leidenschaftlichkeit und sein Aufgehen im der Idee. Syrkin war ©ine einsame Natur, denn er war eine Ausnahme, ein höherer ♦ Geist und eine originelle Persönlichkeit. Dies ist das Schicksal aller großen Geister in der Geschichte, speziell leidenschaftlioher Denker, wie Mazini, Moses Hess und Nachman Syrkin. Stürmische Naturen, die bei den Massen Begeisterung hervorrufen, in ihrem persönlichen Leben aber einsam bleiben. Syrkin wirkte auf seine Zuhörer mit einer hinreißenden Kraft und seine magische Persönlichkeit, sein tiefer Ernst machten ihn beim Volke beliebt, seine Reden waren, kein logisches Netz eines kalten Theoretikers, das den Zuhörer unbeteiligt ließ, sondern voll von Begeisterung, welche den Zuhörer mitriß,. Sein Wort war mächtiger als seine Feder; seine moralische Wirkung stärker als seine Meinungen. So ist der moralische Führer, der Stürmer, der Revolutionäre, der Geschichte macht. Syrkin, dem das Territorium ein notwendiges geographisches und technisches Mittel, für die Verwirkliöhung der Ideale nationaler Freiheit und sozialer Gleichheit war, verteidigte, so lange die Hoffnung bestand, ein geeignetes Territorium zu erlangen und schnell zu besiedeln, den Territorialismus. Als es sich aber nach Jahren herausstellte, daß die Erlangung eines Territoriums schwerer ist als die Besiedlung Palästinas, wurde Syrkin Poale-Zioni.st. Er mußte Rußland, von der Regierung verfolgt, verlassen und kam 1907 nach Amerika, um hier seine Arbeit fortzusetzen. Er übernahm die Redaktion der sozialistischterritorialistischen Zeitung „Das Volk". März 1908 übersiedelte auch seine Familie nach Amerika. 1909, nach der Voreinigungskonferenz in Chikago, schloß sich Syrkin unserer Partei an und wurde einer, ihrer glänzendsten und einflußreichsten Führer. Wenn die Geschichte unserer Bewegung in Amerika geschrieben sein wird, wird der große, tote Genosse einen Ehrenplatz einnehmen. Er war die Seele der Partei, ein) Arbeiter auf allen Gebieten des politischen -und gesellschaftlichen Lebens. Syrkin war einer der ersten, die die Losung eines Kongresses, der die ganze jüdische Nation und ihr Recht vor den Völkern und dem internationalen Sozialismus vertreten soll, herausgaben. Viele, erinnern sich an die herrliche Bewegung, die die Poale-Zion einleitete und durchführte, nämlich1 die Einberufung eines jüdisch-amerikanischen Kongresses, an dem alle Teile des Volkes sichschließlich auf die fundamentalen Forderungen einigten.. Der Beitrag Syrkins zum Erfolg dieser Bewegung war größer, als der irgendeiner Einzelperson. Er war auch Vertreter beim Friedenskongreß in Frankreich, wo er durch Reden in Arbeitervcrsammlungen und Artikeln in der sozialistischen Presse die demokratischen und fortschrittlichen Elemente unter den Nichtjuden, auf ihre Pflicht, den jüdischen Genossen zu helfen, aufmerksam machte. Syrkin war auch ein Bewunderer des russischen Kommunismus. Di© große revolutionäre Tat, der heroische Versuch, durch die -Kraft des Willens di© Menschheit umzugestalten, erfüllte ihn mit Enthusiasmus. Dazu war er noch Kommunist in seinen sozial-ökonomischen Anschauungen.. Sein Zionismus war ein kommunistischer. Er glaubte, daß man Palästina nur auf kommunistischer öder kooperativer Grundlage aufbauen könne. Die Kommission, die der poale-zionistische Weltverband noch Palästina schickt, — und in welcher er zusammen mit Gen. Prof. Feinma.nn saß — stand ganz unter seinem Einfluß. Das Buch, da.s die Kommission als Bericht herausgab, war eine Lobeshymne auf die kommunistische Kolonisation und eine Absage an jede andere Form des Landaufbaues. Persönliche Interessen waren seiner Natur fremd, er kannte bloß die Idee und die Allgemeinheit. Siebzehn Jahre, die er in dem Business-Amerika verbrachte, übten keinen Einfluß aus. Nach dem Tode seiner Frau (1914) heiratete er ihre Schwester Mascha,. Beide Frauen und seine talentierte Mania wußten seinen hohen Geist zu schätzen und Syrkin konnte frei seinem inneren Drange folgen. Wie alle großen moralischen Führer war Syrkin' mystisch gestimmt. Er haßte die religiösen Zeremonien und den Klerikalismus. Wie ©r über das Judentum 'als geistige und moralisch© Kraft dachte, zeigt sein „Testament" an' seinem Freund Dr. Tschiernowitz: Der Glaube an die Kraft des jüdischen Volkes ist der Glaube an die geistige Macht in der Welt. — Und einen Tag vor seinem Tode diktierte er seiner Frau: Das Herannahen der ökonomischen Gleichheit und der Einfluß der Idee der Freiheit und des geistigen Schaffens — das ist wirklicher Sozialismus, der mit seinem Feuer die Fackel auf dem Berge Jehuda entzündet, die das künftig© Leben der Menschheit beleuchten wird. Das „Wiederaufleben der jüdischen Idee als Univcrsal-Idee", das war Syrkins moral-philosophischer Monismus. Er starb, Samstag, den 6. September 1924, 2 Uhr nachmittags in New-York. Er starb' wi© ein Gerechter ohne Furcht vor dem Tode. Er suchte und verlangte keinen- Trost: Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, dachte und sprach er nur über die Allgemeinheit, über den sozialistischen Zionismus und die Befreiung der Menschheit. Er bereicherte den jüdischen Geist um den Kampf für die allmenschlichen und ewigen Ideale. In seinen Ideen und in seinem Temperament glich er seinem Vorgänger Moses Hess. Seine Rolle in der modernen jüdischen Geschichte war eine größere, da er auch praktisch und politisch für di© Befreiung seines Volkes wirken* konnte. In der jüdischen Renaissance bleibt N. Syrkin allein als ethischer Stürmer und moralischer Führer — imid sein Ruhm wüd wachsen mit dem steigernden Erfolg der großen, welthistorischen Arbeit für die kulturelle und politische Wiedergeburt der jüdischen Nation. Die Wiener städtischen Elektrizitätswerke. Kein Mensch könnte sich heute mehr die Well ohne Elektrizität vorstellen. Elektrische Schnellbahnen sind heute für eine Großstadt ebenso unentbehrlich, wie für den Spaziergänger in der Nacht die vollkommenste Straßenbeleuchtung und für die moderne Hausfrau der Elektrokochautomat und der Elektroheißwasserspeicher.