Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 42 ............................ Der jüdische Arbeiter_______________ Nr. 14 I. Zar (New-York): Syrkin als Mensch und Denker. Nachnmn Syrkin wurde am 11. Februar 1868 in- Mohilew geboren. Seinen wohlhabenden Eltern hatte er seine gute jüdische und weltliche Erziehung zu verdanken. Seine Mutter, eine gebildete Frau, die vorzüglich die russische, deutsche und französisch© S_prache beherrschte, übte auf ihn einen großen Einfluß im fortschrittlich-freiheitlichen Sinne aus. In seiner frühesten Jugend schon zeichnete er sich durch' Scharfsinn und Lernfreude aus — Eigenschaften, die bis zu seinem. Tode zu den wesentlichsten seines Charakters gehörten. Mit besonderer Ausdauer hörte er den talmudischen Diskussionen der Erwachsenen zu und mit Liebe und Begeisterung studierte er die hebräische Sprache. In Minsk, wohin die ganze Familie übersiedelte, absolvierte Syrkin im Jahre 1881 das Gymnasium. Schon hier stand er unter dem Einfluß der Chowewe-Zion, welche nach den entsetzlichen Pogromen in den Achtzigorjahren zu einer Massenbewegung wurden. Bis zu seinem neunzehnten Lebensjahr war er in den zionistischen Kreisen seiner Stadt tätig. Er arbeitete .auch im „Hemeliz" mit. Die neuen antijüdischen Gesetze in Rußland haben ihm die Aufnahme an einer Universität erschwert — sie erweckten in ihm aber gleichzeitig den Drang zu revolutionärer Betätigung. Beide®, sowohl sein Studium wie auch den' Drang zu revolutionärer Betätigung, konnte er zu jener Zeit nur im Ausland befriedigen, in jenem Ausland, aus dem damals die russische Intelligenz ihre geistigen Werte bezog und wo die spätere rassische Revolution vorbereitet wurde. So fuhr er ins Ausland. Im Jahre 1887 finden wir Syrkin in Berlin, wo er Philosophie an der Universität studierte. Schnell erlernte er die Sprache und begann an deutschen Zeitschriften und Zeitungen mitzuarbeiten. Als Student betätigte er sich' sehr viel in den revolutionären und sozialistischen Kreisen der russischen Intelligenz und der studierenden Jugend in Berlin, wo er auch mit großem Eifer seine nationalen und zionistischen Ideale verteidigte. Er wurde in weiten Kreisen bekannt durch seine mutige Stellungnahme in der Judenfrago in einer Atmosphäre' der Assimilation und eines antijüdischen Sozialismus. In seinen Reifejahren, 1888—1900, der Zeit seiner „ewigen" Studentenschaft, formulierte Syrkin seine zwei Hauptgedanken: erstens die Idee eines sozialistischen jüdischen Staates in Palästina und, zweitens, dem Gedanken einer freundschaftlichen Zusammenarbeit des Sozialismus mit dem Zionismus, die in der Praxis viele gemeinsame Berührungs-' punkte besitzen. Den Gedanken eines sozialistischen Judenstaates entwickelte er in einer eigenen deutschen Schrift, die 1898, also zwei Jahre nach Herzls Judenstaat, erschienen ist. Um eine Synthese des Sozialismus mit der sozialistisch-zionistischen Bewegung in der jüdischen Gasse bemüht er sich in seinem „Aufruf an die jüdische Jugend", der in London in russischer Sprache erschien. Dieser Aufruf war schon die offizielle Deklaration der damals gebildeten zionistischsozialistischen Partei. Syrkin war der erste, der die Forderung einer sozialistischen jüdischen Gemeinschaft in Palästina aufstellte. Die Einheit zionistisch-sozialistischen und allgemein sozialistischen Streben» fand er in der poalezionistischen Bewegung, der er zum glänzenden und geistreichen Führer wurde. Als Hauptfaktor in der Geschichte sah Syrkin den Willen des Menschen. Diese Idee, die so charakteristisch für seine allgemeine sozialistische Anschauung war, entwickelt er in seinem im Jahre 1896 erschienen Buche unter dem Titel: „Geschichtsphilosophische Betrachtungen". Er besaß auch ein sehr .reges Interesse für psychologische Studien und schrieb ein Buch „Empfindung und Vorstellung", das die philosophische Gesellschaft in Bern im Jahre 1903 herausgab. In seinen Anschauungen nahm der sozial-ökonomische Faktor einen wichtigen Platz ein. Im Vordergrund standen für ihn die Fragen der jüdischen, materiellen Not, der Rechtlosigkeit, der Wanderungen, des Antisemitismus und das gesellschaftlichen Boykotts; alle diese Probleme erforderten ihre Lösung, aber noch bedeutsamer erschienen ihm die menschliche Würde, die Freiheit des Individuums und des . Volkes. Er glaubte an die Macht der Idee und an die Macht des Willens. Di©3 a'les begründete e. nicht nur philo:ophisch, es war auch ein Teil seines Wesens und seiner Seele. Darum ist auch seine Idee eines sozialistisch-jüdischen Staates Ausdruck einer praktischen Notwendigkeit und nicht bloß die Folge eines historischen Prozesses. Daher stammt auch seine Auffassung vom sozialistischen Zionismus, den er außerhalb des. Klassenkampfes sah; ah dieser Anschauung hielt or auch in der poale-zionistischen Partei fest. Wie Syrkin in seiner Vorgeschichte des sozialistischen Zionismus erwähnt, war die Synthese zwischen Zionismus und Sozialismus sein Hauptproblem: Die Frage, wie man den Sozialismus, der auf Klassenkampf aufgebaut ist, -und den Zionismus, der die Einigung aller Klassen für das große Werk verlangt, verbinden kann. Als Syrkin im Jahre 1897 die Idee des sozialistischen Zionismus zu propagieren begann, hatte er vor sich einerseits die eben erst gebildete zionistische Organisation und anderseits den ebenfalls erst gegründeten „Bund". Syrkins Bemühungen gingen nun dahin, die Verbindungsmomente zwischen diesen beiden Organisationen aufzuzeigen und er versuchte beide Bewegungen durch eine freundschaftliche Zusammenarbeit einander näher zu bringen. (Längere Zeit verbrachte Syrkin in der Schweiz. Er kam zum ersten zionistischen Kongi-eß, . im August 1897, nach Basel und verblieb dort einige Jahre. Hier heiratete er auch im Jahre 1898 die begabte Basia Esnat, eine Studentin der Medizin in Genf und er selbst begann auch in Basel Medizin zu studieren. Die Schweiz, zu jener Zeit das Zentrum aller radikalen russischen Parteien, übte eine große Anziehungskraft auf den jüdischen Revolutionär aus. Hier trat er vor die radikale jüdische Intelligenz mit seiner neuen Losung, liier sammelte er die sozialistisch-zionistischen Kräfte in einer Gruppe. So legte er den Grundstein zu einer zionistisch-sozialistischen Partei. Durch die Bewegung ganz in Anspruch genommen, gab er sein medizinisches Studium auf, bereiste fast alle Länder Europas, um die neue Idee zu propagieren. Er rief die jüdische Jugend, Arbeiterschaft und Intelligenz zum Kampf für die eigene und doch zugleich allgemeine nationale und soziale Befreiung. Im Jobre 1900 kam er zum vierten zionistischen Kongreß nach London und Anfang 1901 verfaßte er dort in russischer Sprache die erste Deklaration der zionistisch-sozialistischen Partei. Von dieser Zeit datiert seine parteipolitische Tätigkeit als Führer einer besonderen Bewegung. Er führte eine sehr ausgebreitete Korrespondenz mit Genossen in verschiedenen Ländern und verfaßte zahllose hektographische Briefe an Organisationen und Mitglieder. Im Jahre 1903 gab er in Berlin die Sammelhefte „Hamon" lind „Hasehachar" heraus. Der Regierang erschien nun seine revolutionäre Tätigkeit zu gefährlich und im Jahre 1901 wurde er aus Deutschland ausgewiesen. Er übersiedelte mit seiner Frau und seinem Kinde, Maria Syrkin, nach Paris. Das war schon am Vorabend der russischen Revolution und Syrkin verbrachte kaum noch ein Jahr in Frankreich. 1905, gleich' nach Ausbruch der rassischen Revolution, kehrte er mit seiner Familie nach Rußland zurück und stürzte sich mit Leib und Seele in den politischen Kampf. Kurze Zeit herrschte in Rußland Redefreiheit und Syrkin fuhr von Zentrum zu Zentrum und agitierte für die sozialistisch-zionistische Partei. In Kowno kandidierte er für die Duma. Aber die Regierung annullierte bald seine Kandidatur — wie sie übrigens mit jedem Revolutionär verfuhr. Der Zar erholte sich von der ersten Uebevraschung und schränkte langsam die erteilten Rechte ein. Die Verfolgung politisch1 Verdächtigter begann nach altem Muster.