Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2641551-2641552-2641566--107-2642019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NA 14 Der jüdische Arbeiter Seite 39 Chaim Hoff mann: Aron Liebermann in Wien. (Die erste sozialistische Zeitschrift in hebräischer Sprache) Wer siqh mit der Vorgeschichte des' jüdischen; Sozialismus befaßit, kanm nicht achtlos an einer der bedeutendsten Erscheinungen jener Vorzeit unserer Bewegung vorübergehen, nämlich an der ersten sozialistischen Zeitschrift in hebräischer Sprache, die 1877 in Wien erschien. Ihr Herausgeber und Redakteur war Aron Liebermann. Liebermann, der in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in einem russischen Städtchen des Grodnoer Gouvernements das Licht der Welt erblickte, kam schon in früher Jugend zum Sozialismus und betrachtete die Gewinnung der jüdischen Massen für den Sor zialismus als seine Aufgabe. Im Jahre 1875 schuf er in Wilna eine geheime revolutionäre Gruppe, die aber von dem russischen Behörden bald entdeckt wurde. Auf der Flucht vor den Schergen des Zarismus-kam er — überall unter dem Pseudonym Artur Freeman — nach London, Berlin, Paris und schließlich nach Wien, wo er unter demselben Namen den Haemeth1) herausgab, der aber schon nach einigen Nummern vom der Regierung unterdrückt wurde. Doch auch diese wenigen Nummern erschließen uns ein Bild jenes Mannes, der als erster 'den Juden den Sozialismus lehrte. Seinen 'geistigen Ausgangspunkt hat Liebermann im Darwinismus. Inwiefern Liebermann damals schon den Marxismus1 kannte, ge,ht aus den Artikeln niicht hervor, denn, wiewohl er sich nirgends auf Marx beruft, sind seine Aufsätze docji von der materialistischen Geschichtsauffassung Marxens durchtränkt. Immer wieder verweist er darauf, daß die ökonomischen Bedingungen die Grundlage der jeweiligen 'gesellschaftlichen Ordnung und Kultur sind, daß die Sorge um die Erhaltung des Lebens, die Sorge um die Ernährung, der Hauptfaktor der Geschichte ist und nun auf den verschiedenen Entwicklungsstufen! verschiedene Formen annehme, für deren „Ueberbau"-Charakter er in vieleni Fällen den Beweis erbringt. So stellt er in großen Umrissen die menschliche Geschichte dar: wie sich aus1 dem ursprünglichen Kampfe aller gegen alle Gruppen, Stämme bilden, weil sie dadurch besser imstande sind, ihren Angehörigen den Lebensunterhalt zu beschaffen, wie sich nun der Kampf um das Brot hinter der Form des den formalen Charakter der politischen Demokratie auf, denn er stellt die Frage: Was nützt es dem Arbeiter, wenn er zwar das Recht hat eine Fabrik zu errichten, 'nicht aber das hiezu nötige Geld? Es sei dies etwa so, als wollte man zwei Menschen mit Musik erfreuen, von denen der eine normal, der andere aber taub ist. Nicht die formale, erst die soziale Demokratie kann die Menschheit aus ihrem unwürdigen Dasein erlösen. — Wenn uns heute diese Gedanken zur Selbstverständlichkeit wurden, so darf man nicht vergessen, daß sie bereits vor 50 Ja;hrern geschrieben wurden.. Man wird ihre Bedeutung ermessen, wenn man sich vergegenwärtigt, welch scharfe Kritik noch das Gothaer Programm der deutschen Sozialdemokratie aus dem Jahre 1875 durch Marx erfahren hat. In seiner Behandlung der Judenfrage wehrt er sich vor allem dagegen, daß wir gegenüber den Pauschalverdächtigungen! gegen die Juden in das umgekehrte Extrem verfallen, alle jüdischen Missetaten zu verteidigen. Man solle die Klassengegensätze im Judentum nicht verkleistern, auch die jüdischen Massen müssen am Klassenkampf teilnehmen. Zur Erkenntnis der Unlösbarkeit der Judenfrage ohne Aufbau einer Volkswirtschaft mit einer gesunden Berufsschichtung des Judentums, war Liebermann noch nicht gelangt. Hingegen war er — ein Kind der Haskalah (Aufklärung) — ein begeisterter Anhänger der hebräischen Sprache und des nationalen Judentums, wiewohl er Atheist war.2) Im Jahre 1878 wurde Liebermann in eine monatelange Untersuchung verwickelt, weil er in Ver- . bindung mit ausländischen Revolutionären stand und der Polizei als „gefährlicher Nihilist und Pans'lawist" erschien. Am 13. November 1878 fand die Verhandlung im Wiener Landesgericht statt. Die Anklage beschuldigte ihn, als „Agent der internationajen revolutionär-sozialistischen Union" Verbindung zwischen den einzelnen sozialistischen Stellen im Ausland geschaffen zu haben. Liebermann erklärte in seiner Verteidigungsrede, daß, wenn er bestraft werde, dies nur wegen seines Sozialismus geschehe, verurteile man ihn aber nur seines Sozialismus wegen, so sei er bereit, nicht nur die Arrest-, sondern auch die Todesstrafe anzunehmen. Seine Verteidigung Stammes-, Rassen- oder Religionskampfes gegen die machte einen solchen Eindruck, daß er freigesprochen „barbarische Unkultur" verbirgt, bis zu den modernen Koionialgräueln und der Leidensgeschichte des industriellen Proletariats. Mit ausgezeichneter stilistischer Schärfe geißelt L. die Schäden der kapitalistischen1 Wirtschaftsordnung, die nur unter der Voraussetzung einer vom Eigentum an den Produktionsmitteln freigesetzten Lohnarbeiterschaft existieren kann. Er zeigt i) ha-Emeth (die Wahrheit). Wien 1877. wurde und bloß wegen Falschmeldung zu einem Monat Arrest und Abschaffung aus Oesterreich verurteilt wurde,3) 2) Vergleiche im ha-Emeth vor allem die Aufsätze: Sclrelath hajhudim (Nr. 1), Milcheineth hajkura uead kU jumo (2), Ptiohah lisch'elath hasakin wehamasleg (3). 3) Die Angaben über den Prozeß gegen' Liebermann sind einer Arbeit Dr, Gelber» entnommen. Siehe Gelber, Aus zwei Jahrhunderten. Wien 1934. Seite 185 ff.