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Der Jüdische Arbeiter · 1927-12-01 · Heft 14 (Dezember 1927) · page 39

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
4 (1927)
Issue
Heft 14 (Dezember 1927)
Date
1927-12-01
Page
– (sequence 39)
Language
German
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Seite 38 Der jüdisch!© ■■• Arbeiter Nr. 14 sondern in der gesamten sozialistischen Welt Rußlands genießen konnte. Das verstand ich erst, als Borochow nach' Wien übersiedelte und ich sodann Gelegenheit fand, ihn näher kennen zu lernen. Das erste Zusammentreffen war nicht uninteressant. Ich wohnte einem Vortrag Wladimir Mederns im jüdischen Arbeiterbildungsverein „Ferdinand Lassalle" bei. Medem sprach jiddisch' und ganz im bundistischen Sinne. Nach Medem nahm Trotzky das Wort. Da er sich 'der russischen Sprache bediente, verstand ich fast nichts, doch aus den Gesichtern der Teilnehmer konnte ich' entnehmen, welche Wirkung er trotz der ziemlich monotonen Art zu sprechen,. auf die Zuhörer ausübte. Diese Wirkung macht mir seinen späteren Aufstieg erklärlich1. Nach Trotzky sprach Borochow jiddisch mit bewunderungswürdiger, in der marxistischen Methode geschulter Dialektik, sehr sarkastisch und dabei doch so überzeugend, daß er unter allen den stärksten Beifall fand. Ich hatte dann wiederholt Gelegenheit, ihn in seiner Privatwohnung in der Karl- Meiselstraße aufzusuchen: und über verschiedene, damals im Vordergrunde stehende Probleme, wie die Frage der nationalen Autonomie, die Anerkennung 'der Poale-Zion; durch die Internationale und die jüdische Emigration mit ihm zu diskutieren. Der Privatverkehr enthüllte einen Menschen von geradezu kindlicher Naivität. * Damals wohnte der Führer der russischen „Sejmisten" Dr. Rattner in Wien, der bekanntlich nebst Dr. Karl Renner und dem zu dieser Zeit ebenfalls in Wien wohnhaften Maxim A n i n der hervorragendste Kenner des Problems der nationalen Autonomie war und dem wir in einer Diskussion lediglich unseren, uns leider viel zu früh entrissenen Dr. Max R o s e n f e 1 d entgegenstellen konnten. Die Debatten mit Dr. Rattner, Maxim Anin und Latzk'y-Bert- 'holdi gehörten wohl zu den scharfsinnigsten, die ich jemals mitanzuhören Gelegenheit hatte. Dabei war es ganz interessant zu beobachten, wie Borochow, obwohl er diese Probleme damals noch nicht in-dem Maße wie die anderen Diskussionsteilnehmer beherrschte, es doch mit der Zeit durch ganz originelle. Gedankengänge, die er in den Diskussionen äußerte, dazu brachte, daß die anderen dieses Problem weiterbildeten. Borochow war nicht bloß ein mit tiefem Wissen fundierter Theoretiker, sondern auch ein außerordentlich geschickter Taktiker. Wir hatten damals gemeinsam mit den Sejmisten die Frage zu behandeln, was zur Durchsetzung der Anerkennung der Poale-Zion durch' die Internationale zu unternehmen sei, und den Entschluß gefaßt, eine Delegation zum Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart zu entsenden, an der ich in der Folge auch teilnehmen durfte. Der Weg, den Borochow vorschlug, nämlich vorerst mit Viktor Adler zu sprechen und ihn für die Sache zu gewinnen, wurde allgemein abgelehnt, weil wir die rednerische Kraft und den Einfluß Adlers auf den internationalen Tagungen unterschätzten und uns durch Verhandlungen mit den Führern der deutschen, belgischen, holländischen und französischen Sozialdemokratie mehr versprachen. Borochow behielt Recht. Obwohl Van Kol, Jaures, Vandervelde und selbst Bebel unserem Ansuchen nicht abgeneigt waren, gelang es dennoch Viktor Adler, in einer kurzen, aber eindrucksvollen Rede unsere ganzen Bemühungen zunichte zu machen. Das Emigrationsproblem, das damals nicht nur uns, sondern die gesamte jüdische Öffentlichkeit beschäftigte —- Wolfsohn hatte um diese Zeit bereits die Brüsseler Konferenz einberufen — war damals wohl soziologisch und ökonomisch, und zwar insbesondere von den S. S. bereits untersucht worden, jedoch noch immer in ziemlich ungenügender und oberflächlicher Weise. Borochow war es, der uns durch' seine suggestive Wirkung förmlich zwang, diesem Problem stärkste Aufmerksamkeit zuzuwenden und es wissenschaftlich zu bearbeiten. Und in der Tat war es die österreichische Poale-Zion:, die in einer von vielen Hunderten besuchten Versammlung, bei welcher Kaplansky, Borochow und ich sprachen, der ganzen Frage jene Wendung gaben, die noch heute für ihre Behandlung maßgebend ist. * 1 Wenn ich' nicht irre, hat Borochow die ersten Anregungen zu seinen philologischen Studien ebenfalls in Wien erhalten. Nathan Birnbaum (Matthias Acher) veranstaltete zu jener Zeit in Wien eine Reihe von „Jüdischen Abenden", die durch eine Monatsschrift gleichen Namens in der Oeffentlichkeit bekannt wurden und hauptsächlich den Zweck verfolgten, jüdische Literatur und Kunst der Wiener Bevölkerung zugänglich zu machen. Im Anschlüsse an diese Abende wurde auch die jüdische Musik in 'dem durch Lubetzky gegründeten „Hasomir" gepflegt. Zu den regelmäßigen1 Besuchern dieser Veranstaltungen zählten' übrigens in schöner Parallelität des Gegensatzes Trotzky und — Arthur S c h n i t z 1 e r. Auch Borochow wohnte ihnen ständig bei und die Analogien, die er zwischen der jiddischen und deutschen Sprache fand, ließen ihn auch außerhalb der Veranstaltung nicht mehr los, so daß er später oft .tagelang in der Bibliothek der jüdischen Kultusgemeinde zubrachte, um philologische Zusammenhänge, die er zufällig gefunden hatte, auch auf ihre wissenschaftliche Haltbarkeit zu überprüfen1. In den letzten Jahren seines Wiener Aufenthaltes, der bis zum Kriegsausbruch ging, hat er sich hauptsächlich' mit den jiddisch-philologischen1 Studien befaßt, bis ihn dann die Sturmzeit wieder zur Politik zurückführte.

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