Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Der jüdischle Arbeiter Seite 37 'der selbständigen Tätigkeit der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina. Es gilt als feststehend, 'daß eine für uns günstige Wendung der jüdischen Arbeiterschaft Polens in der Palästinafrage auf der Linie des Wachstums, des Erstarkens der jüdischen Arbeiterschaft im zweitgrößten jüdischen Zentrum der Welt liegt. Die Richtung innerhalb des „Bund" in Polen, die für eine Neutralisierung des Palästinapunktes eintritt, darf wohl als Symptom dieser stets wachsenden Tendenz gedeutet werden. Parallel mit dem Wachstum und dem Erstarken der jüdischen Arbeiterschaft hier in der Diaspora wächst die Zahl der Arbeiterpioniere (sie stellt heute bereits eine Armee von Zehntausenden dar), die entschlossen sind, dorthin, nach Palästina, zu ziehen, um mitziibauen am großen Werke des arbeitenden jüdischen Volkes. Der tiefere Sinn dieser Erscheinungen ist der: das Erstarken der jüdischen Arbeiterschaft i n! d e n Ländern der Diaspora wirkt si ch unmittelbar positiv auf die Entwick- 1 u n g desarb'eitenden P a 1 ä s t i n a a u s. Kann noch ernst bezweifelt werden, daß das Wachstum der jüdischen Arbeiterschaft in' Palästina, daß ihre vereinzelt dastehenden heroischen und konstruktiven Glanzleistungen das Ansehen der jüdischen Arbeiterschaft in den Ländern der Diaspora erhöht, ihren Kampfesmut, ihre Ansprüche gesteigert hat? Auch' in dieser Frage hat die jüdische Wirklichkeit Borochow Recht gegeben. * In folgerichtiger Konsequenz sprach1 Borochow aus: „UnserPalästinismus muß permanent sein!" Genau so wie wir nichts unterlassen dürfen, um die jüdische Arbeiterschaft über den Weg des täglichen Kampfes zur Eroberung neuer und zur Sicherung der alten Positionen zu führen, müssen wir täglich an dem Aufbaue des arbeitenden Palästina mitwirken. Dieses Vermächtnis, das uns Borochow hinterlassen hat, ist uns Devise in jenem furchtbarsten aller Kämpfe, der zur Spaltung unserer Weltbewegung geführt hat, gewesen. Für uns Poale Zion, sagten wir, ist die Betätigung für und in Palästina eine permanente, wer dem nicht zustimmt, wer Palästina als Zukunftsmusik betrachtet, gehört nicht zu uns. Auf dieser Linie ging auch bei uns die Spaltung in „rechte" und „linke" vor sich. Wenn auch die Spaltung an sich gewiß sehr schmerzhaft war, so erwies sie sich als ein unumgänglicher Aderlaß. Sie nannten sich1 „linke" und waren faktisch auch apalästinensisch', d. h'. keine Poalezionisten mehr. Sie sind auch' fast alle nach' der Spaltung ins antipalästinensische Lager übergegangen. Die Ausnahme, die die linken Poalezionisten in Polen und Palästina bilden, ist auf andere Umstände zurückzuführen. Wer *nicht die Betätigung für Palästina — im Sinne Ber Borochows — als eine stets permanente Angelegenheit betrachtet, gehört nicht in unsere Reihen. Zehn Jahre ohne Borochow! Wehmut beschleicht uns, wenn wir an den frühzeitigen Tod unseres Lehrers und Führers, unseres Mitkämpfers und Freundes denken, aber mit Stolz blicken wir auf das geistige Erbe, das er uns hinterlassen hat. Der Gedanke Ber Borochows zieht siegreich' durch das jüdische Leben. Welch ein Glück, sich als Schüler Borochows zu betrachten! Welche Genugtuung, sich zu den Vollstreckern des Vermächtnisses Ber Borochows zählen zu dürfen! Dr. Leo Goldhammer: Erinnerungen an Zu der nach' Krakau im Jahre 1907 von der russischen Poale-Zion einberufenen Jahreskonferenz iwurde ich1 als Vertreter der österreichischen Poale- Zion delegiert. Diesen Auftrag, der weniger meiner Stellung innerhalb der Partei, als dem Umstände zu verdanken war, daß ich ohnedies auf der Ferienheimreise nach Rumänien begriffen, mir die Reise selbst bezahlen konnte, hatte ich mit besonderer Freude deshalb übernommen, weil ich dabei Gelegenheit nehmen wollte, den über die Grenzen Rußlands hinaus als Führer der Poale-Zion bereits rühmlichst bekannten Borochow kennen zu lernen. Ich" .wurde bei meinem Erscheinen auf der Tagung, an der unter anderen die schon damals bekannten Führer der russischen Poale- Zion wie Ben-Zwi, Chäschin, Nir, Serubavel, Rewutz- 'ky, Bloch'-Blumenfeld, Chasanowicz usw. teilnahmen, ziemlich' kühl empfangen. Diö Erklärung hiefür lag darin, daß ich, obwohl ich aus dem Osten stamme, Ber Borochow. infolge des Umstandes, daß ich meine Studien ausschließlich' im Westen absolvierte, schlecht jiddisch' sprach1. Bei dem damals ziemlich ausgebreiteten russischen Spitzelsystem, das in Oesterreich und Deutschland seine Vertreter hatte, glaubten die meisten Teilnehmer eine besondere Vorsicht auch mir gegenüber an den Tag legen zu müssen. Ich mußi gestehen, daß ich bei dieser Tagung von1 Borochow eigentlich enttäuscht war. Meine Anwesenheit war nämlich der Anlaß, daß die Verhandlungen ausschließlich in der mir unverständlichen, russischen Sprache geführt wurden. Borochow, der von mittlerer Größe, ziemlich' untersetzt war, eine niedrige Stirne und kleine, ein wenig schläfrig hinter der Brille hervorschauende Augen hatte, sprach ziemlich eintönig, so daß ich' mich damals fragte, wie es nur möglich sei, daß er solchen Einfluß und solches Ansehen, nicht nur bei den engeren Gesinnungsgenossen