Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 36 Der jüdische Arbeiter Nr. Ü Diese Unsicherheit wirkt auch natürlich auf die politische und kulturelle Entwicklung zurück. Ein Volk, das nirgends Wurzel fassen kann, ist zu politischer Ohnmacht, zu geistiger Inferiorität verurteilt. Alle Versuche, die Lage der Juden in der Diaspora zu verbessern, seien vergeblich. Als einziger Ausweg wurde die Ansiedlung von Juden auf einem eigenen geschlossenen Territorium angesehen. Die Zionisten betrachteten Palästina als das Territorium. Diese Schwarz-in-Schwarz-Schilderung 'der jüdischen Lage mußte jede positive Arbeit in den Ländern der Diaspora lähmen, dieser unproduktive Pessimismus hemmte die Organisierung der jüdischen Massen' für den nationalen und sozialen Kampf, der Fatalismus der Verelendungstheoretik'er ist zu einer reaktionären Gefahr innerhalb des jüdischen Volkes geworden. 1 Da erschien Ber Borochow. Mit seiner rücksichtslosen Konsequenz, mit seinem klarsehenden Blick zertrümmerte er förmlich den abstrakten, unfruchtbaren Pessimismus der bürgerlichen Zionisten und Sozialisten-Territorialisten. Die radikale Lösung der Judenfrage, die Verwirklichung des Zionismus, setzt eine organisierte, kulturell und politisch reife jüdische Bevölkerung voraus. Verzweiflung ist hiebei ein schlechter Berater. An dem unfruchtbaren Pessimismus, an der trostlosen Schwarzseherei, kann aber die jüdische Bevölkerung zum vollen Verständnis dieser hohen Ziele, zur Erfüllung dieser gewaltigen Aufgabe nicht heranreifen. Nur schrittweise Verbesserung der Lage der Juden, nur durch die Festigung des Glaubens an die eigene Kraft kann man die jüdischen Massen befähigen, die Vollstrecker der Regeneration des jüdischen Volkes zu werden. Und die jüdische Wirklichkeit bestätigt diese Einstellung vollends. Die aus ihren bisjetzigen Vermittlerberufen hinausgedrängten Juden bahnen sich, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, einen Weg in produktivere Berufe. Zum geringeren Teile in ihren jetzigen Wohnländern, massenweise in den neuen Einwanderungsländern. Die wirtschaftliche Struktur der Juden Osteuropas hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht unbedeutend geändert. Der Prozentsatz der produktiv arbeitenden Elemente ist bedeutend gestiegen. Die Juden in den neuen Einwanderungsländern, insbesondere in Nord- und Südamerika, stellen insgesamt einen Typus gesünderer, normalerer wirtschaftlicher Entwicklung dar. In Zehntausenden haben sie zur Natur heimgefunden, in Hunderttausenden sind sie in die Industrie eingedrungen. Eine deutliche Linie des Aufstieges, der Normalisierung der wirtschaftlichen Struktur der Juden. Und Hand in Hand mit dieser wirtschaftlichen Normalisierung ist das politische Selbstbewußtsein, die kulturelle Entwicklung fortgeschritten. In großen organisierten Parteien und Gruppierungen kämpfen die Juden in Osteuropa um ihre politischen und mationalen Rechte, das jüdische Schulwesen, das künstlerische jüdische Schaffen, entwickeln sich rapid. Die normalisierende Tendenz, die sich im jüdischen Leben entwickelt, .ist natürlich noch lange nicht die Vollendung der Normalisierung des jüdischen Lebens. Sie stellt den Weg, der. zum Ziele führt, aber nicht das Ziel selbst dar. Das Ziel: die territoriale Lösung der Judenfrage, die gründliche Umgestaltung der wirtschaftlichen Struktur der Juden, ist nur auf einem geschlossenen, nicht dicht bewohnten Gebiet, das auf die Juden auch als historische Heimat eine große Anziehungskraft hat, ist nur in Palästina möglich, aber die teilweise Umgestaltung des jüdischen Lebens, die sich aus eigener Kraft in den Ländern der Diaspora entwickelt, kann und soll uns Beweis sein/ daß die objektiven Kräfte im jüdischen Volke zu seiner Regeneration führen und daß jener Faktor — die kampffähigen, revolutionierten arbeitenden Massen — der diesen Prozeß seiner Vollendung zuführen soll, in stetem Erstarken begriffen ist. In1 einer der wichtigsten Fragen der Regeneration des jüdischen1 Volkes hat die jüdische Wirklichkeit die theoretischen Grundsätze Ber Borochows voll und ganz bestätigt. Die sozialistischen Gruppen — „Sejmisten" und „Sozialisten-Territorialisten" — mit denen die PoaleZion über diese.Frage einen heftigen Kampf führen mußten, existieren längst nicht mehr, der bürgerliche Zionismus hat sich von der Verelendungstheorie gründlich und endgiltig losgesagt. * Der Sieg Borochows ist unbestritten. Die Verelendungstheorie war überwunden, aber •die Anomalie des jüdischen Lebens wurde noch immer nicht gründlich erkannt und verstanden. Unsere Gegner warfen uns den „Widerspruch" zwischen unserer Tätigkeit hier (in der Diaspora) und dort (in Palästina) vor. Borochow trat ihnen entgegen und behauptete, der Widerspruch existiere nur in der Phantasie, Das „Hier" und das „Dort" sind Glieder einer und derselben Kette, sie bezeichnen beide den Weg, der zur Regeneration unseres Volkes führt, sie beeinflussen sich auch unaufhörlich gegenseitig. Ein harter, langwieriger Kampf mußte auch um diese Frage geführt werden, aber, wie entschied hier die* jüdische Wirklichkeit? Wer kann heute noch bezweifeln, daß das Erstarken der jüdischen Arbeiterschaft in den Ländern der Diaspora immer mehr und mehr an Bedeutung für den Palästinaauf bau gewinnt? Die an Zahl und Einfluß, mächtige jüdische Arbeiterschaft Amerikas hat bereits bewiesen, daß sie das Werk des arbeitenden Palästina zu würdigen weiß. Um 'die Losung: „für das arbeitende Palästina!" haben sich bereits die wichtigsten Gewerkschaften der jüdischen Arbeiterschaft Amerikas zur gemeinsamen Tat zusammengefunden. Die Aktionen der jüdischen Gewerkschaften in Amerika bilden heute das Rückgrat