Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. .14 Der jüdisch^ Arbeiter Seite •35 Mendel Singer: Rußland war noch vom Rausche seiner grandiosen Freiheitsbewegung trunken. Die besten und edelsten Söhne dieses Riesenreiches, die viele Jahre in der Verbannung leben mußten, kehrten heim, um zahlreichen Völkern den Sinn ihres großen Erlebnisses klarzumachen. Unter diesen Heimkehrern aus allen Ländern und Weltteilen befand sich auch B e r Borochow. Diese russischen Flüchtlinge waren sonderbare Menschen. Sie verbrachten ihre meiste Zeit im Exil mit Diskussionen im engen Kreise Gleich- oder An- J. Tsch'ojkow Borochow dersgesinnter. Sie schrieben zumeist für Zeitschriften, die einem relativ geringen Kreise von Lesern zugänglich waren. Und erst die Themen ihrer Reden und Aufsätze! Durchwegs theoretische, abstrakte Probleme! Die Siebenmalweisen hielten jene Emigranten für weltfremde Dogmatiker, die nur aus Unverständnis für das stets sprudelnde Leben des Alltags, aus Unvermögen in den täglichen Kampf der russischen Volksmassen einzugreifen, sich in ihre von Rauchwolken erfüllte Klubräume der Kaffeehäuser verkrochen und dort im stillen Kämmerchen Revolution spielen. Da kam der Oktober 1917 und bewies, wie nahe verwandt, wie eng verbunden die weltfremden Dogmatiker Lenin, Trotzki, Bucharin, Borochow u. m. a. sind. Kaum berührten sie den Boden der Heimat und Zehn Jahre ohne Borochow. schon standen sie im Mittelpunkt gewaltiger Volksbewegungen. Sie wurden förmlich von den Wellen des mit elementarer Gewalt brausenden Willens der Volksmassen zu den höchsten Gipfeln' der Volksmacht emporgeschnellt. Die Theorien, die Phantasien, die Träume, die sie jahrelang im stillen Kämmerchen spönnen, entsprangen der Sehnsucht der Volksmassen des Riesenreiches. Nun kehrten die Verbannten heim und gingen daran1, die Träume in Wirklichkeit, die Theorien in Taten umzusetzen. Und unser Borochow, der Theoretiker der „Klasseninteressen und der nationalen Frage", ist zum Sprecher nicht nur der Juden, sondern der nationalen Minderheiten überhaupt, in der gesetzgebenden Nationalversammlung auserkoren worden. Er tat die ersten Schritte, um seine Theorien in die Tat umzusetzen, er ging daran, seinem Volke und den nationalen Minderheiten Rußlands den Weg in das errungene Neuland der Freiheit zu bahnen, da wurde er vom . Tode dahingerafft. Kaum jemals kam der Tod so zur unrechten^ Zeit wie bei Ber Borochow.?.,; Vor zehn Jahren verloren wir Borochow für immer. Was bedeutet dieser Zeitabschnitt für die Grundsätze und Erkenntnisse, die er uns gelehrt? Als Borochow zu uns kam, stand der Richtung des „Bund", der von einer Besonderheit der Juden in der Diaspora nichts wissen wollte, eine Verelendungstheorie, die von den bürgerlichen Zionisten und einem Teile der Poale Zion, den späteren Sozialisten- Territorialisten vertreten wurde, ^gegenüber, Da der „Bund" zu jener Zeit seine Stellungnahme-in der nationalen Frage noch sehr zaghaft und unklar darlegte, wurden breite Schichten der national positiv eingestellten Volksmassen von der Verelendungstheorie der Zionisten und Territorialisten durchdrungen. Diese Verelendungstheorie lehrte etwa so: In den Ländern der Diaspora gibt es für die Juden keine Entfaltungsmöglichkeit. Ihre bisherige Funktion der Vermittler in der Wirtschaft können sie nicht mehr ausüben, da die Mehrheitsvölker, unter denen die Juden leben, selbst zu diesem Berufe griffen und ihrer nicht mehr bedürfen. Eine Umschichtung sei für die Juden in ihren jetzigen Wohnländern ausgeschlossen, da die Mehrheitsvölker Landwirtschaft, Urproduktion und Industrie als Monopolbetriebe der nichtjüdischen Arbeiter betrachten und den jüdischen . Arbeitern jedes Eindringen in diese Wirtschaftszweige unmöglich machen. Die wirtschaftlich entwurzelten und arbeitssuchenden jüdischen Massen sind einzig und allein auf den Wanderstab angewiesen, aber auch in den neuen Einwanderungsländern ändert sich' ihre Lage nur unwesentlich. Auch dort dringen sie irr Landwirtschaft und Urproduktion nicht ein, in der Industrie vermögen sie nur in mincjerwichtigen Zweigen Fuß zu fassen. Die Unsicherheit ihrer Existenz wird also auch1 dort nicht behoben.