Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Ii Der jüdische Arbeiter Seife© 31 selbst in dieser Periode des Ausnahmerechteis und der ungeheuren Not zeigte es sieb, daß eine Zusammenarbeit mit den galizischen Zionisten auch auf Grund der minimalsten nationalen Forderungen unmöglich war. Die wh'tschäftliche Not der jüdischen Massen, die unter der Kriegsnot schwer zu leiden hatten, veranlaßte die Partei ihre Aufmerksamkeit auch den Fragen der Hilfeleistung für die Kriegsopfer zuzuwenden. Dank der Hilfe des Verbandsbüros „Poale Zion", das damals seinen Sitz im Haag hatte, gelang es, Geld aus dem Ausland zu bekommen und das „Jüdische Arbeiter-Hilfskomitee" zu gründen. Dieses Komitee setzte sich paritätisch aus den zwei Parteien „Pool© Zion" und „Bund" zusammen. Aber schion nach wenigen Wochen beteiligte sich der „Bund" nicht mehr au der Arbeit des Hilfskomitees, und die ganze Last der Hilfstätigkeit blieb uns überlassen. Zwecks Peststellung eines Arbeitsprogramms für die Hilfstätigkeit organisierte das Hilfskomitee eine Tour des Genossen Locker durch Galizien, wo unsere Genossen bereits aus eigener Initiative die Hilfstätigkeit eingeleitet hatten. Sie gründeten Kinderheime und Volksküchen und versuchten dach Kräften das Los der Familien, die durch den Krieg ihren Ernährer verloren hatten, zu lindern. Die erste Feststellung, die Genosse Locker machte, war die absolute Unkenntnis der gesetzlichen Ansprüche der Soldatenfamilien. Dies veranlagte das Arbeiter-Hilfskomitee eine populäre Broschüre über die Rechtslage der Soldatenfamilien und ihre Ansprüche auf staatliche Hilfeleistung zu veröffentlichen. Die Broschüre wurde in zehntausenden von Exemplaren verbreitet und drang bis in die entlegensten Winkel Oesterreichs. Gleichzeitig wurden! in den größeren Städten Hechtshilfsstellen errichtet, die den Soldaten- und Flüchtlingsfamilien in ihrem Kampf um ihr Recht beistanden. In den Großstädten, in die die Flüchtlinge geströmt waren, beteiligten sich unsere Genossen auch an der Flüchtlingshilfe. So lag z. B. in Plug die gesamte Initiative und Durchführung dieser wichtigen Arbeit in den Händen unserer Genossen. Erneute Versuche, auch die Parteiarbeit in größerem Maßstabe durchzuführen), blieben erfolglos, denn jede Musterung, jede neue Aushebung entriß die meisten Genossen ihrer Tätigkeit. Eine kleine Gruppe erließ am 1. Mai 1916 einen Maiaufruf in jiddischer und deutscher Sprache, er gelangte aber nur an wenige Genossen, da die Zensur kurz nach seinem Erscheinen die Konfiskation der ganzen Auflage veranlaßte. Trotz all dieser Schwierigkeiten wurde aber die Verbindimg, namentlich! mit den Genossen an der Front, aufrechterhalten. Wir sorgten dafür, daß sie die vom Verbandsbüro im Haag herausgegebene „Jüdische Arboiter-KoxTespondenz" und sonstige Nachrichten über die Weltbewegung im Auslande erhalten, März 1917. Der Zusammenbruch des Zarismus in Rußland gab neuen Mut zur Aufnahme der Parteiarbeit. Wieder fanden sich1 einige Genossen zusammen, die das „Partei- Sekretariat" begründeten und die erste Nummer der „Mitteilungen" hektographiert sämtlichen Genossen zukommen ließen. Die „Mitteilungen" enthielten einen Ueberblick über unsere Lage und ein Programm für die Wiederaufnahme der Parteiarbeit in Oesterreich. Dieses erste Rundschreiben des Partei-Sekretariats fand eine begeisterte Aufnahme bei sämtlichen Genossen. Aus den Schützengräben und Flüchtlingslagern, wo unsere Genossen sioh! befanden, stömte dem Parteisekretariat Zustimmung und Versprechen auf Mithilfe zu. Im April ei*schien darauf die zweite Nummer der „Mitteilungen", sie brachte die Aufforderung zur Feier desi 1. Mai und einen Maiaufruf in deutscher und jiddisoher Sprache- Diese Nummer der „Mitteilungen" enthielt ..auch die Nachricht, daß das Parteisekretariat die Absicht habe, eine einmalige Nummer „Der jüdische' Arbeiter" erscheinen' zu lassen, wenn die Genossen durch' Schaffung eines Pressei'onds die materielle Möglichkeit hierzu bieten würden. Mir ist kaum ein Aufruf einer Partei bekannt, der eine derartige Begeisterung wie die Nachricht vom Wiedererscheinen des „Jüdischen Arbeiters" hervorgerufen hat. Vom Felde, aus den Lazaretten und Barackenlagern sandten die 'Genossen ihre letzten Groschen, uni-die Herausgabe der Zeitung zu ermöglichen,;. JteY-Mofexttm?.-\ verfiel ...gwaj« wieder . der^Be* schlagnahme, die Genossen! in1 Wien und in einer ganzen Reihe anderer Städte und Flüchtlingslagern versammelten sich aber trotz aller Verbote zur Feier des Arbeiter-Feiertages und zum Protest gegen den Krieg. Die Zustimmung, Begeisterung und opferfreudige Mithilfe, die die Nachricht vom einmaligen Erscheinen des „Jüdischen Arbeiters" hervorgerufen hatte, veranlaßten das Parteisekretariat, seinen Beschluß zu ändern und den „Jüdischen Arbeiter" monatlich herauszugeben. Am 1. Mai 1917 beschloß das Parteisekretariat seinen Beschluß zu ändern und den „Jüdischen Arbeiter" monatlich herauszugeben. Am 1. Mai 1917 beschloß das Parteisekretariat endgültig die Herausgabe des' „Jüdischen ' Arbeiters" und der 1. Juli 1917 brachte die erste Nummer des neuen Parteiorgans. Der Leitartikel, der den Opfern des Weltkrieges und unseren gefallenen Genossen gewidmet war, schloß mit dem Gelöbnis, nicht eher zu ruhen, bis der Sieg des Sozialismus neue Kriege unmöghch' gemacht habe. Es ist heute kaum noch möglich, jene Begeisterung zu schildern, die das Wiedererscheinen des „Jüdischen Arbeiters", nicht nur in den Kreisen unserer Parteigenossen, sondern weit darüber hinaus bei der jüdischen Arbeiterschafthervorgerufen hat. Der „Judische Arbeiter" war zu seiner Zeit die einzige jüdisch-sozialistische Zeitung während des Krieges, die unentwegt und mutig gegen den Wahnsinn des Krieges und für die Rechte der Arbeiterschaft kämpfte. Für die Genossen an der Front und in den militärischen Etappen war das Erscheinen jeder Nummer ein Festtag. Monat um Monat erwarteten sie sehnsüchtig die Post, die ihnen den „Jüdischen Arbeiter" brachte. Sie opferten ihren letzten Pfennig, um diese Verbindung zwischen sich und der Außenwelt zu erhalten. , Mit dem Erscheinen des „Jüdischen Arbeiters" begann eine neue Epoche unserer Parteiarbeit, die von dem Tage an nicht mehr unterbrochen wurde. Die Auflageziffer wuchs von Monat zu Monat. Wenn man heute nach zehn Jahren die drei Jahrgänge des „jüdischen Arbeiters" durchblättert und in fast jeder Nummer auf die großen unbedruckten Flächen, auf die Zeichen der Zensur stößt, begreift man wieder, wievief Begeisterung und Opferbereitschaft für die Ideale des Sozialismus notwendig waren, um in dieser Periode der ^Rechtlosigkeit und des drückendsten Terrors durch Polizei und Zensur nicht mutlos zu werden. Der „Jüdische Arbeiter" reagierte auf alle Erscheinungen des öffentlichen und jüdischen Lebens. Immer wieder und wieder vertrat er die Forderungen der Masse nach endlichem Frieden. Er trug die Botschaft der russischen Revolution und der sozialistischen Versuche zur Verkürzung des Krieges zu zehntausenden jüdischer Arbeiter. Hier wurde der Gedanke eines jüdischen Kongresses in 'Oesterreich zum Kampf für die Rechte des jüdischen' Volkes zum ersten Mal propagiert. Die Forderung der jüdisohen Ai'beiterschaft nach Gleichberechtigung des jüdischen Volkes in den Galuthländern, die Forderungen für Palästina fanden hier ihren beredten Vertreter. Die ei'ste Nummer brachte unter anderem die Verteidigungsrede Friedrioh Adlers in seinem Prozeß wegen Erschießung des Grafen Stürgk. Nicht nur für die jüdische Arbeiterschaft in Oesterreich und die Soldaten an der Front, sondern auch' für die Pai*teigemossen in Polen, die während der österreichisch-deutschen Okkupation keine Möglichkeit zur Herausgabe eines Parteiorgans hatten, war der „Jüdische Arbeiter" zu jener Zeit eine Quelle von Hoffnung und Mut. IV. Die Parteiarbeit nahm immer größere Formen an, und machte eine Aussprache der Parteigenossen aus den vei'- rohiedenen, Teilen Oesterreichs dringend notwendig. Das Parteisekretariat trug dem Rechnung und die Nummer 5 der „Mitteilungen" des Parteisekretariats, die im Novembe* 1917 erschien, brachte die Aufforderung1 zu einer Parteikonferenz nach' Krakau, die am 25. und 26. Dezember stattfiniden sollte. Wenige Stunden vor Abreise des Partei- Sekretariats aus Wien uach Krakau erreichte uns die Nachricht vom plötzlichen Tode des Genossen Borochow, Diese Nachricht war, mitten' in einer Atmosphäre von Arbeitsfreude und Arbeitsbegeisterung für die Partei, für die wenigen Menschen des Parteisekretaxiats geradezu nieder» schmetternd.. Trotz .'der.. Traue?undder Niedergesohlogen.