Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 32 Der jüdische Arbeifer Nr. U heit, die der plötzliche. Verlust dieser stärksten Führerpersönlichkeit unserer Weltbewegung hervorrief, durfte unsere Arbeit nicht ruhen. Die Konferenz war einberufen und konnte nicht mehr verschoben werden, wir mußten nach Krakau. Plötzlich' standen wir aber auch liier vor fast unüberwindlichen Schwierigkeiten. Irgendwelche Ereignisse an der galizisclien Front machten dem Zivilverkehr nach Galizien unmöglich. Fast unter Lebensgefahr gelang es uns doch1, mit einem Militärzug naeih langer und beschwerlicher Heise rechtzeitig in Kraka.il einzutreffen. Die Nachricht, die wir der Koirferönz vom Ableben Borochows1 brachten, lastete auf allen Teilnehmern während der ganzen Zeit, in der wir zusammen waren. Es waren 32 Delegierte erschienen, die zwölf groß& und eine Anzahl kleinerer Ortsgruppen vertraten. Außer ihnen war eine große Anzahl Soldatjen erschienen, denen es unter außerordentlichen Mühsalen gelang, für wenige Tage Urlaub zu erlangen. Die Nummer 7. des „Jüdischen Arbeiters" vom 15. Dezember 1917 war dieser Parteikonferenz gewidmet. An Stelle des Leitartikels zeigte die erste Seite zwei große weiße Elecke der Zensur. Sie sollten, soweit ich mich heute noch erinnern kann, unseren Gruß an die russische Revolution und an unsere Genossen in Rußland verhindern. Die Konferenz verlief sehr gut, sie bestätigte die bisherige Arbeit des Partei Sekretariats, faßte Beschlüsse für die Zukunft und formulierte unsere Stellungnahme zu den fragen des Wiedei-aufbaues in Galizien, der gewerkschaftlichen Organisierung der jüdischen Arbeiter-und der Organisation der Jugendbewegung. Soweit ich mich jetzt noch erinnern kann, wurde das alte Parteisekretariat, das aus den Genossen Dr. Rosner, M. Singer, Malka Schor, A. David, Michel Cohn, 0. Rottenstreich und Sah. Rudel bestand, wiedei' gewählt. Die letzte Sitzung der Konferenz und ein großer Teil der Debatten waren der Friedensaktion der sozialistischen Parteien in Stockholm gewidmet. Es wurden verschiedene Beschlüsse zur Förderung dieser Aktion gefaßt. Di© Konferenz war halb öffentlich, auch der Bericht, den der „Jüdische Arbeiter" über die Konferenz brachte, konnte ungehindert die Zensur passieren. V. Nach der Rückkehr ans Krakau entfaltete sich unsere Tätigkeit in Wien noch' mehr. Unsere Genossen beteiligten sich aktiv an dem Streik, den die österreichischen Munitionsarbeiter im Jahre 1918 durchführten. Dieser Kampf der österreichischen Arbeiterschaft gegen den Krieg" und für oinen baldigen Frieden, den wir begeistert unterstützten, lenkte erst recht die Aufmerksamkeit der Polizei und der Soldateska auf uns, die uns von nun an ununterbrochen verfolgten. Eine Anzahl von Genossen wurde verhaftet, die Organisation aufgelöst, die Bibliothek beschlagnahmt und durch Konfiskation des gesainten Inhalts konnten die Nummern des „Jüdischen Arbeiters" vom 1. und 15. Januar überhaupt nicht erscheinen. Erst am 1. Februar 1918 gelang es uns wieder, eine Nummer des „Jüdischen Arbeiters" herauszubringen. Im März 1918 organisierten unsere Wiener Genossen eine Märzfeier, zu der einige hundert Arbeiter erschienen waren. Die Märzfeier stand unter strengster Kontrolle der Polizei und schon der. nächste Tag brachte die Verhaftung mehrerer Genossen, die an der Feier teilgenommen hatten. Die Nummer des „Jüdischen1 Arbeiters" vom 15.. März 1918 war dem Andenken des Genossen Borochow gewidmet. Sie erschien in einer Auflage von zehntausend Exemplaren, die nach kurzer Zeit fast, alle vergriffen 'waren. Auch sonst stieg damals die Auflage der Zeitung von Nummer zu - Nummer, oft war eine Vergrößerung der Auflage infolge des Papiermangels kaum durchzuführen. Auch unsere Verbindung mit den Genossen in Polen wurde immer reger. So mancher Genosse, der als Soldat bei den Okkupatimsbehörden tätig war, riskierte Leben und Freiheit, um Parteiliteratur und Nachrichten aus1 dem Auslande an die polnische Partei zu vermitteln. Der 1. Mai 1918 brachte wieder den Maiaufraf des Parteisekretariats, Es war ein entschiedener Protest gegen die Fortsetzung des Krieges, die Forderungen nach Frieden und Reoht für das Proletariat und die jüdischen Volks- ■ massen wurden laut und vernehmlich' für alle -Welt verkündet. Das alte Oesterreich war bereits in seinen Grundfesten erschüttert. Da und dort versuchte die Polizei noch unsere Tätigkeit zu verhindern, es gelang ihr aber niclit mehr. Die Erfolge der Partei auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens gaben ihr Mut und Kraft zum Widerstand. AI) 1. Oktober 1918 erschien der „Jüdische Arbeiter" wöchentlich. Die Nummern von März bis Oktober 1918 bieten ein interessantes Abbild der politischen Situation in Oesterreich. Der Protest gegen den Krieg wird immer stärker, die Forderungen nach' Friedensschluß offener und mutiger. Die weißen Flecke der Zensur sind noclr häufig, aber man spürt bereits, daß das alte Oesterreich' am Ende ist. Es war nicht mehr jene brutale Kraft der Unterdrückung, die wir und die ganze Arbeiterschaft in den ersten Jahren des Krieges zu spüren bekamen. Anfang Oktober 1918 organisierte das Parteisekretariat in allen großen Städten Oesterreichs Manifestations-Versammlungen für den Frieden und für die Rechte der jüdischen ArbeitermasseH. Jede Nummer des „Jüdischen Arbeiters" brachte unsere Foirdervmgen an den Staat in immer, schärferer Form. Die November-Nummer des „Jüdischen Arbeiters" bringt den Leitartikel „Revolution", die nächste Seite Berichte über die Pogrome in Galizien. Der Krieg war' beendet, das1 alte Oesterreich' zerfallen. Die Völker der Monarchie, die Jahrhunderte lang unter der Herrschaft der Habsburger gelitten hatten, waren frei. Für die jüdischen Massen aber kamen Wochen und Monate des Schreckens. Dunkle Elemente beschmutzten die ersten Freiheitstage Polens mit Judenpogromen. Es begann mit dem Pogrom in Lemberg am 27. November und setzte sich inj anderen Städten Galiziens fort. Die neue Regierung Polens, die polnische Gesellschaft haben nichts daau getaa, um diese mittelalterlichen Greuel zu verhindern; die Juden Waren plötzlich schutzlos und vogelfrei, einer verhetzten Masse ausgeliefert. Auch in diesen blutigen Tagen waren unsere Genossen auf dem Posten. Sie organisier teil einen Selbstschutz der Juden, sie standen in der vordersten Front im Kampf gegen die Pogrombanditöii und verteidigten die jüdischen Massen, mit deren Blut das erste Blatt der neuen Geschichte Polens geschrieben wurde. VI. Die Monarchie der Habsburger war gestürzt. Au ihrer Stelle entstanden neue Staaten, die österreichische Toale- Zion-Partei mußte dieser Tatsache Rechnung tragen und ihre Organisationsformen umändern. Es war nicht mehr, möglich, von Wien aus die Arbeit in der Bukowina und in Galizien zu leiten. Zum IG. Dezember 1918 berief das Parteisekretariat die letzte Konferenz der ösfceiTeichaschen Partei nach Krakau ein. In meiner Eigenschaft als Vertreter des ParteIsekretariats gab ich auf dieser Konferenz die Zustimmung des Sekretariats zum Anschluß der westgaliziso'hen Genossen au unsere polnische Bruderpartei. Zusammen mit Dr. J. Schipper, der damals noch der Partei angehörte, reiste ich im Auftrage der Konferenz zu dem am 19. Dezember 1918 in Warschau stattfindenden ersten Parteitag unserer polnischen Bruderpartei, dem wir die Grüße.der österreichischen Partei und die Nachricht des Anschlusses der westgalizischen Pairteigencisison an Polen brachten. Die Genossen in Ostgalizien, über dessen Zugehörigkeit zu Polen mooh nicht endgültig entschieden war, konstituierten sich als selbständige Partei, ebenso die Genossen in der Bukowina. In "Wien konstituierte sich1 unsere Partei für Deutsch- Österreich, Anfang Januar* erschien bereits die „Freie Tribüne" als Organ der deutsohösterreichischen Partei. Die letzte Nummer des „Jüdischen Arbeiters" erschien am 8. Januar 1919 mit der Nachricht, daß der „Jüdische Arbeiter" wieder nach! Ostgalizien als Organ der dortigen Genossen zurückverlegt werde, um dort als Tageszeitung zu erscheinen. Der Bürgei'krieg in Ostgalizien, die Kämpfe zwischen Polen und Ukrainern verhinderten aber die begonnene Arbeitweiterzuführen. Es* dauerte längere Zeit, bis der „Jüdische Arbeiter" erst in Stauislau und später" in Lemberg wieder erscheinen konnte. Im Kampf um Ostgalizien siegte Polen, es trat allmäihlich'. Ruhe ein, in der