Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 30 Der jüdische Arbeiter Nr. 14 nossen. Man kann ruhig behaupten: Zu jetter Zeit nahm die Emanzipation der jüdischen Volksmassen in Galizien vom politischen . Joch' der . polnischen Schlachtn ihren Anfang. Nebenbei, die redaktionellen Notizen standen — o Wunder! — unter dem Einfluß von Adlers alter „Gleichheit". Nach dem siebenten Kongreß, im September 1905, führte der „Jüdische Arbeiter" eine technisch-redak- ' tionelle Neuerung ein. Statt des Leitartikels pflegte er an erster Stelle kurze politische Notizen, ohne Ueberschriften, zu bringen. Viele Genossen, für die das Schreiben eines Artikels eine zu schwere Arbeit war, die aber das Bedürfnis hatten, auf Tagesereignisse kurz und scharf zu reagieren, konnten ihre journalistischen Fähigkeiten in dem epigrammatisch-politisch'en Teil unseres Blattes entwickeln. Dank dieser Neuerung wurden in unserer Partei viele publizistische Talente entdeckt, in erster Reihe Gen. A. L. Sch'ush'eim. So wurde die Uebersiedlung des „Jüdischen Arbeiters" von Wien nach Krakau vorbereitet. Der Verband war trotz — oder vielleicht dank — seiner Aufklärung, welche wegen seiner politischen Tätigkeit durch den galizischen Statthalter erfolgte, im stetigen Wachsen und eine Halbmonatsschrift konnte ihm nicht mehr genügen. In dem Krakauer Korbflechter Schusheim fanden wir einen Journalisten „von Gottes Gnaden" und seit dem 1. März 1906 erschien der „Jüdische Arbeiter" als Wochenblatt in Krakau. Sch. Rudel (Berlin): Poale Zion in Oesterreich während des Krieges. ..... L Di© Poale-Zion-Paa'tei im alten Oesterreich' gehörte seit jeher zu den wichtigsten Parteien der poaleizionistischen Weltbewegung. In den letzten Vorkriegs jähren nahm die Entwicklung der Partei einen außerordentlichen Aufstieg. Ihr Programm und ihre Tätigkeit waren konsequent sozialistisch, ihr Einfluß erstreckte sich auf alle Gebiete des jüdischen Lebens Galiziens und der Bukowina.. Sie eroberte allmählich wichtige Positionen in den Gewerkschaften, die Führung des Gewerkschaftskampfes der jüdischen Handelsangestellten lag ganz in ihren Händen, Die besten Teile der jüdischen Intelligenz strömten ihr zu, eine gute und starke Jugendbewegimg sicherte ihr auch die Zukunft. Im historischen Kampf um die Volkszählung im Jahre 1910, im Kampf um die Waihlreforim zum galizischen Landtag war die Partei die treibende Kraft. Das Parteiorgan „Der jüdische Arbeiter", das regelmäßig wöchentlich erschien, gehörte zu den' best redigierten und angesehensten jüdischen Zeitungen Oesterreichs. Der Krieg unterbrach1 diese Entwicklung und lähmte für eine Zeit laug die Tätigkeit der Partei,, doch weder Krieg noch' Rechtlosigkeit, die in jener traurigen Zeit dem öffentlichen Leben Oesterreichs ihren Stempel aufdrückten, konnten die Partei. ganz vernichten. Nach einer kurzen Unterbrechung begann die Partei wieder ihre Arbeit, sie führt© sie auf den verschiedensten Gebieten des Lebens einen immerwährenden Kampf gegen den Krieg und die Schikanen der Militär- und Zollbehörden. Ueber dieses Kapitel der Parteigeschichte, das nur wenigen und der Jüngeren unter uns kaum bekannt ist, seil anläßlich des Jubiläums miserer Weltbewegung hier kura berichtet werden. Gehört es doch zweifellos zu den intei"- f essantesten Abschnitten unserer Vergangenheit. II. Bald nach Ausbruch des Krieges wurde der größte Teil der- Parteigenossen zum Kriegsdienst eingezogen. Lern- berg — in dem das Hauptbüro und die Redaktion des „Jüdischen Arbeiters" ihren Sitz hatten — wurde wenige Wochen nach Kriegsausbruch von den russischen Truppen besetzt. Damit hörte die Parteiarbeit in Galizien auf. Ein Teil der Parteigenossen, die aus Galizien flüchteten, wandte sich nach Wien. Dank dieses Umstandes gewann die. Organisation der Poale Zion in Wien an Umfang und -Be- 'deutuug. Ihr fiel die Pflioht zu, den Gedanken unserer Bewegung lebendig zu erhalten, Ungeachtet aller Hindernisse und des Ausnahmezustandes, der fast jede Tätigkeit der Arbeiterbewegung unmöglich machte, ungeachtet der dauernden Ven-ingerung der Zahl der Parteigenossen durch die . sloh immer wiederholenden Musterungen, hat die Poale-- Ziou-Gruppe in Wien während der ganzen Zeit des Krieges ihre Tätigkeit nicht eingestellt und1 die ihr von der Geschichte gestellte Aufgabe. < glänzend erfüllt. III. Der erste Versuch1, wieder vor die Oeffentlichkeit zu treten, wurde im Mai 1915 gemacht. Eine kleine Gruppe Wiener Genossen veröffentlichte einen Maiaufruf und veranstaltete eine Maifeier. Bei dieser Maifeder wurde beschlossen, mit den Parteigenossen an der Front und in der Etappe in) Vei'bindung zu treten. Es wurde ein Organisatipns-Komitee gebildet, das sich1 mit einem Rundschreiben an die noch vorhandenen Organisationen und an die einzelnen Genossen im Felde wandte. Schon dieser erste Versuch brachte dem Organisations-Komitee eine große Zalü von Zustimmungen von Gruppen und einzelnen Genossen. Die Tätigkeit des Organisation«-Komitees hörte aber bald auf, da fast sämtliche Mitglieder zum Kriegsdienst herangezogen wurden. Wenige Monate später wurde erneut der Versuch einer Reorganisation der Parteiarbeit gemacht. Es setzte eine auch' nach außen hin sichtbare, weit verzweigte politische Tätigkeit ein. Durch die österreichische Presse ging zai jener Zeit die Debatte um die „Kriegsziele". Die Völker der österreichischen Monarchie formulierten ihre -Forderungen — allerdings noch im Rahmen des alten Oesterreich. Die jüdische Plutokratie, die jüdischen Assimilanten warfen sich1 als Wortführer der jüdischen Maasen, die stumm unter dem Druck der Kriegsleiden und der österreichischen Militärzensur dahin vegetierten, auf. Die reaktionären Gemeindefüh'rei', gemeinsam mit den polnischen Sozialisten jüdischen Glaubens1 Diamant, Liebermann: und Konsorten verfaßten eine Deklaration, die von patriotischassimilatorischer Unterwürfigkeit geradezu überströmte. „Im Namen aller jüdischer Parteien" erklärten sie, daß sie außer der bürgerlichen Gleichbei'echtigung keinerlei andere Rechte verlangen. Der jahrzehntelange Kampf der jüdischen [Massen um ihre nationalen Recht© im alten Oesterreich wurde von der vereinigten Assimilation der Oeffentlichkeit verheimlicht. Gegen dieses würdelose Hervortreten erließ unsere Partei eine klar formulierte Erklärung, in der sie das ganze Problem der jüdisch-polnischen Beziehungen aufrollte und die nationalen Forderungen der jüdischen Massen verkündete. Diese Deklaration, der ex'ste größere politische Schritt der Partei während des Krieges, fand sowohl bei den Parteigenossen an der Front als auch' in der Oeffentlichkeit begeisterte Zustimmung. Um den Kampf für die nationalen Rechte gegen die organisierte Assimilation wirksamer führen zu können, ergriff die Partei die Initiative zur Schaffung des „Komitees zur Aufklärung östjüdischer Fragen". An diesem Komitee beteiligten sich auch die Zionisten und eine Gruppe demokratisch-bürgerlicher Politiker, unter ihnen auch Nathan Birnbaum. Das Komitee stellte; es sich zur Aufgabe, durch! Vorträge1, Broschüren und Aufsätze in der Presse die öffentliche Meinung .über die nationalen Forderungen des jüdischen Volkes in den ostösberreiohisohen Provinzen aufzuklären.: Seine Wirksamkeit dauerte aber nicht lange, denn