Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- Heft 14 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14: Der jüdische Arbeiter Seite 29 geisterung, wie eine neue Th'ora, die Schilderungen vom Leben und Streben der jüdischen Arbeitermassen — dort im entlegenen weiten Rußland. Zu jener Zeit brach unter den Tabakarbeitern in Szereszewskis Fabrik in Grodno ein Streik aus. Obernik begann zu ihren Gunsten mit einer großen Agitation und der Wiener Arbeiter-Verein brachte für die Streikenden eine bedeutende Summe auf. So wurde der „Jüdische Arbeiter" mit dem Gedanken der Einheit der jüdischen Arbeiterklasse der ganzen Welt geboren. Die erste jiddische Beilage erschien, wenn ich mich recht erinnere, im Dezember 1903, die zweite im Februar 1904. Diese Beilagen waren eigentlich zweiseitige Flugblätter, eine Art Manifest. Wer jetzt diese Aufrufe voll naiver Begeisterung lesen wird, möge sich erinnern, daß ich damals um Jahrzehnte jünger war und mir verzeihen... Die dritte Beilage war schon größer und umfaßte vier Seiten; im selben Umfange erschienen die Nummern 4 bis 6. Inzwischen hat die Monatsschrift ihre Wirkung ausgeübt. In Oesterreich bestanden seit Jahren jüdische Arbeiter- und Angestelltenvereine, die in jüdischen Fragen den zionistischen Standpunkt vertraten. Instinktiv aber fühlten sie es heraus, daß die allgemeine zionistische Organisation sie nicht befriedigen konnte.. Die gesellschaftlichen Unterschiede allein machten schon eine besondere proletarische Organisation notwendig. Die tieferen Ursachen ihrer Absonderung waren den proletarischen Vereinen vollständig bewußt. Sie wußten, daß sie zum Zionismus auf anderem Wege gekommen sind und daß ihre Ziele im Zionismus andere sein müssen. Groß hat das auf der ersten oder zweiten Zusammenkunft richtig formuliert: „Wir kommen zum größten Teil von der Sozialdemokratie, die unsere nationalen Forderungen nicht befriedigen will. Aber durch' unser Bekenntnis zum Zionismus wurden wir in bezug auf den Sozialismus zu keinen Renegaten." Das Verlangen nach einer Synthese zwischen Sozialismus und Zionismus war ein allgemeines. Diese Ideale miteinander in Verbindung und Ein-, klang zu bringen, hat der „Jüdische Arbeiter" versucht — deswegen fand er auch so starken Widerhall. Als erste reagierten auf diese Bestrebungen die jüdischen Angestelltenvereine in Galizien. Auf ihrer Konferenz im Sommer 1903 beschlossen sie,. einen Verband zu gründen. Zur selben Zeit organisierte das Pressekomitee des „Jüdischen Arbeiters" die erste österreichische Zusammenkunft der jüdischen Arbeiter und Angestellten. Das Komitee lud zu Pfingsten 1904 alle jüdischen Vereine nach Krakau ein, wo der „Verband der jüdischen Arbeiter und Angestellten" gegründet wurde. Der Verband nahm das Baseler Programm an, proklamierte aber — laut den programmatischen Thesen des Gen. Groß —daß er in allen sozialen und ökonomischen Fragen autonom und vom zionistischen Kongreß unabhängig sein will. Der Wunsch, alle Organisationen zu vereinigen, die in ihr Programm sowohl den Zionismus als auch den Sozialismus aufgenommen haben, oder wie man sich damals vorsichtig ausdrückte, zionistische Vereine, die auf dem Standpunkte des Klassenkampfes stehen, führte dazu, daß die Konferenz den Namen „Poale- Zion" annahm. Der „Jüdische Arbeiter", der die Einigung der österreichischen Poale-Zion-Bewegung vorbereitet und ' die Bildung eines Verbandes zustandegebracht hat, wurde nun zum Organ des Verbandes. Der Schwerpunkt der Bewegung verschob sich nach Galizien — die Verbandsleitung hatte ihren Sitz in Krakau — und es war nur ein natürlicher Prozeß, daß das deutsche Organ für die Bewegung allmählich unwesentlich wurde und daß die jiddische Beilage immer mehr an Bedeutung gewann. Die jiddische Trauernummer nach hlerzls Tod war schon acht Seiten stark, und im Herbst 1904 wurde der „Jüdische Arbeiter" eine rein jiddische Zeitung. Die Redaktion hatten Gen. Groß und ich inne. Im Februar 1905 beschloß der Verband, den „Jüdischen Arbeiter" zweimal monatlich erscheinen zu lassen und von da an wurde die Zeitung in Wien redigiert und in Krakau gedruckt. Das erste Halbjahr 1905 zeichnete sich durch den Kampf gegen den Territorialismus und durch 'die Polemik gegen die russischen Zionisten-Sozialisten, die sich' gegen Palästina erklärten, aus. In der selben Zeit begann der „Jüdische Arbeiter" eine systematische Propaganda für die Oppenheimersche Idee einer kooperativen Kolonisation. In der polnischen Sozialdemokratie in Galizien regte sich damals eine jüdische Opposition, die ein eigenes jüdisches Agitationskomitee verlangte. Sie wurde rücksichtslos unterdrückt. Der „Jüdische Arbeiter" hat damals nicht wenig dazu beigetragen, um das nationale Selbstbewußtsein der jüdischen Arbeiter in der polnischen Sozialdemokratie zu heben; diese Reibungen führten sogar zum Austritt der sogen. „Separatisten" aus der polnischen Partei. Die revolutionären Geschehnisse in Rußland wurden in fast jeder Nummer besprochen. Ein Genosse aus Rußland redigierte eine besondere Rubrik, die sich mit der Revolution in Rußland befaßte. Im „Jüdischen Arbeiter" sind viele, heute großen historischen Wert besitzende Proklamationen der Vergessenheit entrissen worden. Bald ergriff die revolutionäre Welle auch Oesterreich. Es begann die Bewegung für das allgemeine, gleiche Wahlrecht. Ein bleibendes und ehrenvolles Verdienst erwarb sich der „Jüdische Arbeiter", daß er als erster im Oktober 1905 die Kampfparole für das gleiche Wahlrecht ausgab und für die Sicherung einer parlamentarischen Vertretung des jüdischen Volkes in Oesterreich eintrat. Der „Jüdische Arbeiter" forderte damals das proportioneile Wahlsystem oder nationale Kurien. Die Wirkung der redaktionellen Notizen des „Jüdischen Arbeiters" war damals gewaltig, eine Sturmbewegung ergriff die breh ten jüdischen Massen, insbesondere aber unsere Ge*