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Der Jüdische Arbeiter · 1927-12-01 · Heft 14 (Dezember 1927) · page 27

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
4 (1927)
Issue
Heft 14 (Dezember 1927)
Date
1927-12-01
Page
– (sequence 27)
Language
German
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Seit©, 2£ Der jüdische Arbeiter Nr. 14 in. den Arm zu fallen. Sie blieben sich1 selbst überlassen. Hie und Ida erschien in einem sozialdemokratischen Organ Deutschlands oder Oesterreichs ein Appell anläßlich des Streiks der Talesweber in Kolomea "oder der Entlassung: aller Erdwaehsarbeiter in Boryslaw. Sonst blieb alles* beim alten. In der sozialdemokiutisohten Parteileitung' und Pai*- teipresse Wiens spielten Juden und ehemalige Juden ©ine führende Rolle, aber sie hielten es für „taktisch", schon mit Rücksicht auf das Lueger - Regime, dem Vorwurf der „Judensohufcztruppe" aus dem Wege zu gehen; es wurde jede der Eigenart dies; jüdischen Proletariats angepaßte Propaganda, wie die Gründung jüdischer Gewerkschaften oder jüdischer Zeitungen, geschweige denn die Stellungnahme zu deren kulturellen Bedürfnissen sorgfältig vermieden. -Und als am sozialdemokratischen Parteitag im Jahre 1897 Redakteur Brod, ein! eifriger, sozialdemokratischer Agitator, Gravamina gegen die stiefmütterliche Behandlung der Judeinfrage und der jüdischen Genossen durch! die Parteileitung geltend machte, da fand er die schärfst© Zurückweisung. Das sozialdemokratische Hauptorgan erging sich1 in allerhand höhnischen Bemerkungen über den im Entstehen begriffenen Zionismus und die erste zionistische Volksversammlung, die ich am 16. März 1897 in die Ressource-Säle einberufen habe. (Vgl. Herzls 5,Tagebücher'", I. B., S. 600) wurde vom jüdischen Sozialdemokraten, allerdings ohne Erfolg, liaiianguiert. In Gälizien verlieh die sozialdemokratische Partei auf dem Parteitage von Pnzemysl (1897) ihrer Organisation durch Namensänderung in „polnisch-sozialdemokratische Partei" (P. P. S. D.) eine ohauvinistisch-nationale Färbung, indem gleichzeitig der Antrag des Abgeordneten Kozakiewicz a.uf Bildung einer ukrainischen und jüdischen sozialdemokratischen! Partei in Galizien abgelehnt wurde. So stand die Sache im Jahre 1897, als am I. Zionistenkongroß in Basel das „Judenstaatsprogramm" proklamiert wurde. Ii- Unter den schwierigsten Verhältnissen ist es mir nach zweitägigem Kampfe auf der Vorkonferenz des I. Basier Kongresses gelungen, einen Beschluß auf Einsetzung einer Programm-Kommission zwecks Ausarbeitung des, zionistischen Parteiprogramms durchzusetzen — gegen Dr. Herzl, der kein Programm wollte und der mir diese mangelnde Rücksichtnahme auf seine Wünsche nie mehr verzeihen konnte. Er revanchierte sich, indem er bei der engeren Wahl ins Aktionskomitee (zwischen mir und Dr. Mintz) meine Kandidatur bekämpfte. Allein es war mir nicht möglich, in der Programm- Kommission selbst, in die ich als Antragsteller gewählt wurde, die soziale Frage aufzurollen, da sich! unter dem Einflüsse Dr. Nordaus, der den Vorsitz führte, das Programm einzig und allein mit dem staatsrechtlichen Problem des Zionismus zu bescliäftigen hatte. So erhielt das Parteiprogramm mir das notdürftigste Gewand — und hat es bis heute, nach 30 Jahren, noch immer behalten. Es gelang mir lediglich, auf dem I. Kongreß einen Beschluß durchzusetzen, der es dem Aktionskomitee zur Aufgabe machte, Materialien zu einer jüdischen Berufsstatistik zu sammeln und zu diesem Zwecke eine statistische Kommission einzusetzen. Ddese Kommission wurde auch einige Monate später eingesetzt und mir eine der drei Mitgliederstellen eingeräumt. Ich habe abgelehnt. Gewisse Maßnahmen des Aktionskomitees und insbesondere dessen gehässige Stellungsnalime gegenüber der praktischen Palästina-Kolonisation der Cboveve-Zion- Verbände 'einerseits und die „diplomatische" Geheimtuerei anderseits, haben mich der Führerschaft immer mehr entfremdet, Allein die Beschäftigung mit der in Oesterreich1 von staatswegen vernachlässigten „konfessionellen Berufsstatistik" (merkwürdigerweise hat es aber eine konfessionelle Kriminal Statistik gegeben), -brachte mich der jüdischen Arbeiterfrage näher.. Während die jüdisch-nationale, später die „Judenstaatsbewegung" die spezifischen jüdischen Arbeiterintei"essen, ebenso wie die sozialdemokratische Partei ignorierte — haben in Oesterreich auf deutscher Seite die Lueger-Partei und auf polnischer Seite die Patres Stojalowski und Szponder. in ihren parlamenta-rischen Hetzreden hohnlachend verkündet, es gebe wohl jüdische Größkapitalisteh1, Kerndljuden und Wucherer, aber keine jüdischen Arbeiter. Niemand ist " ihnen entgegengetreten, kein jüdischer und kein sozialdemokratischer Abgeordneter, auch nicht der Krakauer Sozialdemokrat Dasizynski, der damals nur mit der Hälfte von 7000 Stimmen gewählt wurde und mit dem ich in der „Zeit" eine heftige Polemik wegen seines passiven Verhaltens anläßlich der in OstgaJizien durch Eisenarbejteir veranstalteten Juden-Pogroms führte. Ich habe es wie einen tiefen Dolchstoß empfunden, wenn ich1 von der Parlamentsberichtei'statter-Tribüne zuhören mußte, wie der politische Renegat Pater Stojalowski, der, nachdem er vorher von Juden und Sozialdemokraten in Wien beschützt wurde und ihre Gastfreundschaft genossen hatte, mit den, anläßlich einer Reichsiuts-Nachwahl arrangierten Judenexzessen von Jaslo und Altsanidez (vgl. meine Artikel in der „Wage": „Aus1 O e s t e r r e i c h i s c h - Halbasien", Jahrgang 1898, Nr. 2-7, 28,' und. 81) an Stelle des bisher von einem gräflichen Professor Tarhowski propagierten Judenboykotts (Asemitismus) unter dem Protektorate eines Fürsten Paul Sapieha — Schwagers des ungarischen Geldfälschers Prinz Windiscbgrätz — eineAera des Pogrom-Antisemitismus, inaugurierte, — wie dieser vom Polehklub bestochene Hetzer stereotyp den Satz wiederholte, es gäbe keine jüdischen Arbeiter. Diese „These" wurde weder im Parlament noch außerhalb desselben wiederlegt, am allerwenigsten an der Hand eines statistischen Materials. Gab es also keine jüdischen Arbeiter und kein jüdisches Arbeitereliand in Oesterreich und gar in Galizien?Offenbar mußte man sie erst entdecken! Ich beschloß, mich dieser Aufgabe zu unterziehen, eine Enquete auf eigene Faust und eigene Kosten zu veranstalten und mit deren Resultaten, endlich vor der großen Oeffentlichkeit die klaffende Wunde am Organismus des jüdischen Volkes bloßzulegen. III. So entstand mein Buch „Unter jüdischen Proletariern", Reisesch'ilderungen aus Ostgalizien und Polen. Wien, Verlag L. Rosner, 1898. Eine Sammlung von Einzelstudien, die zuerst gleichzeitig in den zionistischen Zeitungen „Die Welt" (Wien) und „Jewish! World" (London) erschienen und von denen jede einen besonderen Ort :oder Stadt zum Gegenstande hatte. Jeder dieser Orte besaß eine typische Gattung des jüdischen Arbeiterproletariatsi,- u. zw, u. a.: Kolomea: Die Stadt der jüdischen Talesweber und Zündhölzchenarbeiter. Hunderte jüdische Mädchen haben da für zwölfstündige Tagesarbeit nur einige Kreuzer täglich1 verdient. B o r y s 1 a w: Heute das weltberühmte Zentrum der Erdölproduktion, wo hunderte Millionen Dollars aus der. Erde gehoben werden, damals nur ein armseliges Dorf, wo taUsende jüdischer Arbeiter als Kurbeldreher, Wäscher.und. Stointräger in mühsamster Weise das Erdwachs aus den tiefen Schächten an die Erdoberfläche förderten, um dann schließlich, durch die Konkurrenz des Maschinenbetriebes um das Brot gebracht, vergeblich bei Rothschild und Guttmann um Arbeit in den Kohlenrevieren1 von Mährisch- Ostrau zu bitten. Lodz: Das polnische Manchester, mit seinen vielen tausenden jüdischer Haus weber in der Vorstadt Baluty, die bei ihren Webstühlen das kümmerlichste Dasein führten (18 Arbeitsstunden täglich) und dennoch vergeblich iri die großen Fabriken ihrer „Glaubensgenossen" Poznanski, Silber- . stein u. a. Zutritt suchten. Denn die jüdischen Heimarbeiter waren billiger als die christlichen Fabviksar-beiter und hei der Ueberproduktion auf dem Warenmarkt mußte das Kapital in den Fabriken weiterarbeiten, während die jüdischen.. Hausweber unbeschäftigt bleiben konnten. Meine aus diesen Gründen gegen die jüdischen' Fabrikanten erhobenen Angriffe wurden in der „Wel t" zensuriert und über Wunsch' Dr. Herzls ohne mein Wissen gestrichen. Er bangte um die Zeichnung eines Aktienpaketes der .Kolonialbank durch die Lodzer Textilfabrikanten; sie erfolgte dennoch nicht. (Ueber Herzl's Unterhandlungen mit Poz* nanski vgl. Herzls „Tagebüohier", B. H, S. 47 fg.)

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