Mannheim
Compact Memory

Der Jüdische Arbeiter · 1927-12-01 · Heft 14 (Dezember 1927) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
4 (1927)
Issue
Heft 14 (Dezember 1927)
Date
1927-12-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2641551-2641552-2641566--090-2642002
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite .22 Der; jüdische Arbeiter Nr. 14 großer Teil dieser Juden: hat nach dem Eintritte in' die sozialdemokratische Partei seine Beziehungen zum Judentum nicht abgebrochen. S i e laufen aber Gefahr, mit der Zeit den Zusammenhang1 mit der übrigen Jü d e n s c Ii a f t zu ver 1 ieren. Dies müßten wir zu verhindern trachten. Gewiß, in vielen Fragen, besonders was die Stellung! au Palästina, betrifft, könnte anfangs kein Einvernelhtaen eraielt werden. Aber es> gibt auch viele Möglichkeiten gemeinsamen Vorgehens. Hier wäre an erster Stelle die Ivultusgemeinde zu erwähnen. Wenn es uns gelingt, diese Juden für die Kultusgemeinde au. interessieren, und •das kann uns sehr leicht gelingen, da-wn1 haben wir auch die Möglichkeit, sie mit den Fragen aPlästinas, besonders mit : den des arbeitenden Palästinas, bekanntzumach'en und sie in dieser Richtung zu beeinflussen. Erreichen wir das, dann liaben wir aus diesen sa/daldemokratischen Juden, deren Nachkommen sonst mit dean Judentum gar keine 'oder nur sehr lose Beziehungen haben würden, bewußte jüdische Sozialisten gemacht — und das wäre der Mühe wert. Aber auch nach einer anderen Eichtling hin müßte sich unsere Tätigkeit und unsere Aufklärungsarbeit erstrecken. Die bürgerlichen Zionisten, die dem Zionismus in Wien durch1 ihre falsche Politik großen Schaden zugefügt haben, kommen aus der Krise gar nicht heraus. Was Wunder, daß die Mitglieder .in Massen ihre Reihen verlassen und auf diese Weise dem Zionismus1, wenn nicht ganz verloren gehen, so doch apathisch gegenüberstellen'. Unter diesen befinden sich1 auch viele, die gerade wegen ihrer sozialistischen Einstellung die Reihen des bürgerlichen Zionismus verließen — ohtne den Weg zu uns gefunden zu haben'. Wer aufmerksam die Wahlergebnisse des Jahres 1923 und 1927 betrachtet und die Ziffern miteinander vergleicht, kanln diese Massenflucht in ihrer garaen' Größe ersehen'. In dein 3 Judenbe&irken haben die bürgerlichen' Zionismen (mehr als die Hälfte ihrer Stimmen1 verlorein, die der sozialdemokratischen Partei zugute kamen. Die poalezionistische Organisation müßt© jetzt unter ihrer Fahne alle diese Verstreuten und Unzirfriedenen sammeln. Es wiederholt sich hier dasselbe Schauspiel, wie wir es in Palästina beobachten k)önnen. Durch! die temporäre Krise ist das Bürgertum kopflos geworden1, die Arbeiterschaft, "von Ernst und Verantwortungsgefühl getragen, harrt aus im Bewußtsein, daß aiich! diese Wolken1 sich verziehein werden. Das1 Schwergewicht verschiebt sich jetzt zugunsten der Arbeiterschaft. Dieser Umschwung' legt den oPale-Zion Pflichten auf, bietet aber zugleich' Möglichkeiten, die, richtig ausgewertet, zu einem starken Wachstum der Organisation führen müßten. IV. Schließlich sollen noch die Hauptpunkte eines Programms erwähnt werden, das unseire nächsten Aufgaben festlegen1 und in welchem besonders den neuen Verhältnissen Rechnung getragen werden soll. Drei Hauptgebiete müßte solch ein Programm behandeln: Unsere Aufgaben in der Kultusgemeinde, . unsere Arbeit für Palästina, sowie unsere Kult u rtätigkeit. Weichte sinid nun die Aufgaben, die wir in der Kultüsgemein'de — sie ist ja die geschichtlich gegebene Organisation der jüdischen Volksgemeinschaft — zu erfüllen haben? Mit einigen Worten sollen sie hier angedeutet werden. Die erste Forderung, die wir erheben, betrifft die Einfühlung des allgemeinen, direkten und gleichen Wahlrechtes. Es ist eine Schande, daß in solch einem demoikratischen Staate, wie Oesterreich, gerade die jüdische Kultusgemeinde ein reaktionäres Wahlrecht haben soll, welches große Teile der jüdischen Bevölkerung ihres! Mitbestimmungsrechtes beraubt. Ist es deshalb verwunderlich, wenn die aus so einem Wahlrecht heiTorgegaagene Majorität für sozial© Aufgaben, die eine jüdische Gemeinde zu erfüllen hätte, gar kein Verständnis zeigt? Für die Jugend haben die Herren nichts übrig. Die j ü d i - sehten Lehrlinge, die in nicht zu unterschätzender Zahl manuelle Berufe ergriffen haben, finden nicht die ge- Körige Unterstützung. An dem Problem der Ums chic h» tung, einer der grandlegenidsten Fragen, wird achtlos vorbeigegangen. Der jüdische Religionsunterricht, der, wie auch! von vielen Bürgerlichen zugegeben wird, für die gegenwärtigen Verhältnisse ganz unmöglich ist, wird noch immer in althergebrachter Weise erteilt, nicht zu reden von irgendwelcher Initiative, von irgend welchem Interesse für ein selbständiges j ü d i sc hie & Schul werk. Aber auch die übrige kulturelle Tätigkeit, wenn man überhaupt von einer solchen sprechen kann, sowie ihr Interesse für Palästina zeigt, weis Geistesi Kind die Herren sind. Es wäre Pflicht und Aufgabe der jüdischen Sozialisten, einen neuen Geist in die Seiteoistätbeingasse hineinzutragen, um alle Fragen, die für das jüdische arbeitende Wien von Interesse sind', einer Lösung zuzuftihren. Von nicht minderer Bedeutung ist auch unsere Arbeit für Palästina. Es läßt sich nicht leugnen, daß in dieser. Hinsicht bisher viel gesündigt wurde. Auch da müßte Wandel geschaffen werden. Die Krise in Palästina macht es notwendig, sowohl dem P a 1 ä s t i n a-A r b e i t e r f o n d s als auch den allgemeinen nationalen Fonds besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. An Stelle der bisher beobachteten Müdigkeit, müßte mehr Aktivität treten. In den Rahmen unserer zionistischen Tätigkeit müßte die Arbeit für die Fonds eingegliedert werden. Indem wir Aufklärungsarbeit für den Zionismus leisten, schaffen wir neue Möglichkeiten zur Erweiterung des Kreises derer, die finanziell den Aufbau Palästinas unterstützen wollen. Aber auch unsere kulturelle Tätigkeit müßte den veränderten Verhältnissen angepaßt und umgestaltet werden. Abgesehen von Vorträgen und Veranstaltungen müßte auch sonst den Mitgliedern Gelegenheit geboten werden, ihre Kenntnisse des Sozialismus, des jüdischen Sozialismus, sowie des Zionismus zu vertiefen und zu erweitem. Ob nun die Abendschule, der engere Arbeitskreis oder der Vortragsabend die geeignete Form darstellen, dies müßte die Erfahrung1 lehren. In Verbindung damit könnte auch sonstiges Wissen, sollte sich Bedürfnis dafür'zeigen, den Mitgliedern zugänglich gemacht werden. Auf alle Fälle tut die Aufstellung und Durchführung eines kulturellen Programms sehr not, da die bisherig© Tätigkeit in dieser Hinsicht alles weniger als imponierend; war. V. Wenn wir so die Aufgaben, die eine jüdisoh'-sozialistiscihte Arbeiterpartei zu erfüllen hätte, aufgezeigt haben, bleibt noch eine wichtige Frage zu beantworten. Wie groß ist der Aktionsradius der Poale-Zion in Wien. Wir sind! weit davon entfernt, uns niusianen hinzugeben. Aber eines läßt sich mit Sicherheit, feststellen: Die Organisation in! ihrem bisherigen Umfange umfaßt nur einen kleinen Bruchteil derer, die den jüdisch-sozialistischen Gedanken in ihre Weltanschauung aufgenommen haben. Die Erfassung all derer, die ihrer Anschauung nach zu uns gehören, wäre unsere nächste Aufgabe. Aber damit dürfen wir uns nicht zufriedengeben. Wir müssen nocfhi weitere Kreise für unsere Bewegung zu gewinnen trachten. Freilich, große Schwierigkeiten stellen dem Im Wege. Jede Groß-. Stadt, besonders aber Wien wirkt dufrefhf ihjrei mustergiltige sozialdemokratische Organisation auf große Teile der arbeitenden Juden assimilierend. Der Zionismus ist von den Bürgerlichen arg in Verruf gebracht worden. Die Krise in Palästina erschwert die Weekwng des Interesses* bisiher Unt>eteiligter am Aufbau des Landes. Darf uns dies aber absclirecken? Von unserer Aktivität, von unserer Arbeit selbst wird es abhängen, in welchem Umfange unsere; Tätigkeit von' Erfolg begleitet sein wird. Die ersten! Ansätze sind bereits vorhanden. Die vor einem Jahre geschaffene Jugendorganisation entwickelt sich' in zufriedenstellender Weise. An dm älteren Genossen liegt es, das ihrige zu1 tun. Wien ist die Stadt, in welcher der politische Zionismus das Licht der Welt erblickt hat. Wien ist die eianzigei Weltstadt, weichte von Sozialisten, von bewußten: Sozialisten verwaltet wird. Soll in dieser Stadt, diel überdies au den größten jüdischem Gemeinden der Welt zäihlt, nicht Raum genug für eine jüdisch'TSOzialistische Arbeiterpartei sein?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.