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Der Jüdische Arbeiter · 1927-12-01 · Heft 14 (Dezember 1927) · page 22

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Journal
Der Jüdische Arbeiter
Volume
4 (1927)
Issue
Heft 14 (Dezember 1927)
Date
1927-12-01
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Nr. 14 Der jüdische Arbeiter Seite 2i „Poale-Zion" bis zum heutigen Tag® vor unserem geistigen Auge Revue passieren lassen. Unerläßlich1 aber scheint es uns1, will man die Entwicklungstendenzen sowie zukünftige Möglichkeiten erkennen, einige wichtige Momente hervorzuheben. Solange Wien in der Monarchie eng mit Galizien und der Bukowina, den größeren jüdischen Zenti'en, verbunden war, solange jüdische - Arbeiter und wirtschaftlich sehwache Existenzen in größerer Zahl regelmäßig nach Wien einwanderten, solange konnte die Organisation auf Elemente aus dem Osten beschränkt bleiben. Diese Tatsache fand besonders darin ihren Ausdruck, daß das Organ, das Sprachrohr der Organisation, jiddisch erschien, was vom vornherein sein Eindringen in die eingesessene arbeitende jüdische Bevölkerung fast unmöglich machte. Aber nicht nur das Menschenmaterial rekrutierte sich aus „Oestlern", sondern auch in der kulturellen und politischen Tätigkeit vermied man ängstlich alles, was nicht mit dem Hergebrachten übereinstimmte. Man war nämlich der Ansicht, daß die Verhältnisse in Wien denen von Lemberg oder Krakau ähnlich wären und stellt© sich danach ein. Eng verknüpft damit war auch ihre Stellung zu den übrigen Juden, zu der jüdischen Kultusgemeinde, wenn von einer bewußten Einstellung überhaupt gesprochen werden kann. Schwach an Zahl, konnten die Poale-Zion in Wien anfänglich ihre S t e 11 ung aur jüdischen Gemeinde nicht genau festlegen. Dies hätte praktisch auch um so weniger Zweck gehabt, als kein einziges Mitglied das Wahlrecht hatte und aus diesem Grunde ihrem Wünschen., ilrrem Wollen Icein Ausdruck verliehen werden konnte. Freilich brachte die Nachkriegszeit auch in dieser Frage Aenderuuigen mit sich1, aber ihre Auswirkungen konnten sich bisher in noch nicht genügendem Maße bemerkbar machen. Und noch ein Drittes soll'hier festgehalten werden: Vor dem Kriege hatte die klassenbewußte Arbeitorschaf t innerhalb des Zionismus keine bedeutende Hollo gespielt. Der bürgerliche Zionismus dominierte, hielt' sich für den alleinigen und einzigen Träger des zionistischen Gedankens. Durch den Krieg, der auch die breiten jüdischen Massen revolutionierte, durch1 das Wachstum der palästinensischen Arbeiterschaft, wurde die Monopolstellung der jüdischen Bourgeoisie gebrochen, erkämpfte sich der jüdische Arbeiter, der die große Last des Aufbaues zu einem nicht geringen Teile auf seinen Schultern tinig, eine geachtete und seiner Kraft entsprechende Stellung im 'Zionismus überhaupt, besonders aber-in Palästina. Diese Kräfteverschiebung begann sich nun überall auszuwirken, nicht zuletzt in Wien, wo der sozialistische Gedanke nach dem Kriege die größten IViurnphe feierte. II. Nach1 diesen einleitenden Worten können wir uns nun-, mehr unserem eigentlichen Thema zuwenden. Wir haben gesehen, daß die Poale-Zion bis vor gar nicht langer Zeit sich nur auf Elemente aus dem Osten beschränkte, ihre ganze kulturelle Arbeit danach einrichtete und aus diesem Grunde gar keine Anziehungskraft auf westliche Elemente ausüben konnte. War dies sohon früher, so lange noch regelmäßig jüdische. Arbeiter aus dem Osten nach Wien einwanderten, für die Organisation eine ungesunde Erscheinung, so mußte ein Anhalten dieser Zustände nach der Zerschlagung der Monarchie, nach der Errichtung und Konsolidierung der neuen Staaten geradezu den Ruin herbeiführen. Man darf sich von der Tatsache nicht täuschen laasen', daß gleich nach dem Umsturz und in den ersten Nachkriegsjahren ein Aufblühen der Partei zu konstatieren war. Dies hatte seine be* sonderen Verursachungen, die temporärer Natur waren.. Dem natürlichen Gange der Dinge nach war die Organisation, wollte sie bei ihrem alten System bleiben, früher oder später dem Untergänge geweiht. Die Nachfolgestaaten sperrten die Grenzen, es gab keine Arbeitsmöglichkeiten für jüdische Arbeiter aus dem Osten. Durch die Unterbindung des Nachschubes mußte sich das Reservoir, aus welchem sich die Organisation ihre Mitglieder holte, allmählich erschöpfen. Man war deshalb gezwungen, wollte mau die Organisation „Poale-Zion" weiter in Wien bestehen lassen, ein bodenständiges Element in die Organisation einzugliedern." Um Kontakt mit den „Westlern" zu bekommen, ließ man die Zeitung in deutscher Sprache" erscheinen. Dies war aber auch alles. Statt bewußt die Organisation nach dieser Richtung hin umzugestalten, statt neue Menschen, die neues lieben in die Bewegung gebracht hätten, heranzuziehen, ließ man es beim alten bleiben und "man baute darauf, daß die deutschgeschriebeine Zeitimg eine Aenderung herbeiführen werde. Daß dies nicht genügte, bewies die Entwicklung bezw. „Rückentwicklung" der Organisation. Von diesem Punkte an, mit dieser begonnenen aber nicht weiter geführten Umgestaltung müßte die weitere Arbeit einsetzen. Es soll aber gleich vorwoggenommen werden: Mit der Aenderung in der Zusammensetzung des Menscheumaterials muß auch zugleich eine Aenderung sowohl in der jüdischen Politik als auch in der kulturellen Tä-tigkeijj eintreten. Wollen wir eine Mas.senpa.rtei sein, so ist es schlechthin unmöglich, daß wir nur bei besonderen Gelegenheiten, z. B. Nationalrats- oder sonstigen Wahlen in die Oeffentlichkeit treten, geht es nicht an, daß wir nur bei historischen Ereignissen eingreifen, sondern wir müssen immer und jederzeit werbend und aufklärend in den jüdischen Massen wirken. Wollen wir dies tun, so ist es unbedingt notwendig, daß wir mit einem klaren, für die Massen verständlichen Programm kommen, besonders aber klar und präzise unsere Forderungen' in der Kultusgemeinde sowie unsere kulturellen Ziele formulieren. Es ist geradezu undenkbar, Massen zu gewinnen und in der Organisation festzuhalten, wenn man nicht auch mit konkreten erreichbaren Zielen kommt. Eine Bewegung, die von. nur in ferner Zukunft erreichbaren Idealen getragen wird, kann unmöglich' f ür die D au e r ei ne An z ieh u ng s kraf t ausüben. Auch der Sozialismus hätte nicht solche große Arbeitermassen gewinnen können, wenn er nicht abgesehen vom Endziel, das er sich gesteckt hat, auch ein Minimalprogramm aufgestellt hätte, das konkrete, schon in der nächsten Zukunft erreichbare Forderungen enthalten hatte. III. Bevor wir nun daran gehen, die Hauptpunkte solch eines Minimalprogramms anzudeuten, wird es sich als not-, ^»endig erweisen, einmal die Schichten der jüdischen Bevölkerung zu betrachten, die gemäß ilrrer wirtschaftlichen Stellung für die jüdische sozialdemokratische Organisation „Poale-Zion" iu Betracht kommen. Im Anschluß daran sollen die für die Ausbreitung unserer Organisation gegenwärtig besonders günstigen äußeren Umstände beleuchtet werden. Welche sind nun die Schichten, aus denen wir Mitglieder für unsere Organisation gewinnen könnten? In erster Linie kommt hier das große Heer der jüdischen Angestellten in Frage. Innerhalb der Angestelltenschaft bilden die Juden hinsichtlich ihrer Zahl eine ganz bedeutende Macht. Gelingt es uns nun einmal, in diese Kreise einzudringen,' dann stehen uns große Möglichkeiten offen. Nicht zuletzt aus dem Grunde, weil ein nicht geringer Teil der jüdischen Angestellten aus einem jüdischen Milieu kommt und für jüdische Fragen Interesse hat, bezw. interessiert werden könnte. Von nicht minderer Bedeutung wäre auch die Erfassung der wirtschaftlich schwachen Selbständige n sowie der A n g e h ö r i g e n freier Bora f e. Aus diesen 3 Schichten müßten sioh unsere Mitglieder rekrutieren. Wenn wir von den reichen Juden, den Industriellen, Großkauflouten und Banikdirektaren, die in ihrer Gesamtheit nur eine dünne" Schichte bilden, absehen, so kommt der überwiegendste Teil der jüdischen Bevölkerung für uns in Betracht. Dies darf uns auf keinen Fall zu Illusionen sowie Trugschlüssen verleiten. Wh* werden nur einen kleinen Bruchteil der arbeitenden jüdischen Bevölkerung organisieren können, nicht zuletzt aus dem Grunde, weil das dem Kleinbürgertume entstammende Element einer Organisierimg große Widerstande entgegenstellt. Aber* bei einer intensiven Tätigkeit ließe sich sicherlich vieles erreichen. Dazu sind die äußeren Umstände gegenwärtig nicht ungünstig. Das Vordringen des sozialistischen Gedankens in Wien hat auch die. Juden, die bis zum Ki'iege in großer Zahl den Liberalen, oder wie immer die Stammtisohrunden heißen mögen, angehört haben, erfaßt und, sie in bedeutender; Zahl der : sozialdemolfratis-ohon- •Pjsrtei/\-!jiig!0ifilhrt. Ein ■.sehr

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